Ernährung der Zukunft

  04.02.2020 Wohlen

Die Schweizer essen pro Jahr rund 52 Kilogramm Fleisch. Viel zu viel, finden viele. Mit dem Produkt Planted liegt nun eine vergane Alternative vor, die auch Fleischessern schmeckt. Mitbegründer der Firma ist der Wohler Eric Stirnemann. --red


Die Schweizer essen pro Jahr rund 52 Kilogramm Fleisch. Viel zu viel, finden viele. Mit dem Produkt Planted liegt nun eine vergane Alternative vor, die auch Fleischessern schmeckt. Mitbegründer der Firma ist der Wohler Eric Stirnemann. --red


«Da entsteht etwas ganz Grosses»

Der Wohler Eric Stirnemann ist Mitinitiant von Planted, Erfinder des «Poulets aus Erbsen»

Seit Coop ihr Produkt in seinen Läden verkauft, erlebt das kleine Start-up-Unternehmen Planted einen unglaublichen Boom. Den Ursprung legte Eric Stirnemann mit seiner Masterarbeit. «Wir müssen unsere Ernährung umstellen, so wie bisher kann es nicht weitergehen», sagt er.

Chregi Hansen

Samstagmorgen. Kein Zeitpunkt, an dem normalerweise viele Studenten an der ETH sind. Im Institut an der Schmelzbergstrasse 7 in Zürich aber herrscht Hochbetrieb. Hier ist eine Gruppe von Studenten in Schutzkleidern mit der Produktion von Planted beschäftigt, dem hauptsächlich aus Gelberbsen hergestellten «pflanzlichen Poulet», wie es die Macher nennen.

1,1 Tonnen sind schnell vergriffen

«Die Nachfrage ist so gross, dass wir auch am Samstag arbeiten müssen», sagt Pascal Bieri, Mitbegründer des gleichnamigen Start-ups Planted. Und trotzdem reicht es nicht. «Am Donnerstag haben wir 1,1 Tonnen ausgeliefert. Am Freitagabend war das Regal im Coop an der Zürcher Bahnhofbrücke bereits wieder leer», berichtet Bieri. Schon bald sollen die Engpässe beseitigt werden. Das Vier-Mann-Team beschäftigt bereits 16 Festangestellte und 25 Teilzeitmitarbeiter und will im April eine Fabrik in Kemptthal eröffnen. In einer ehemaligen Produktionshalle von Maggi. Dann können auch andere wieder vermehrt das Labor an der ETH benutzen.

Zu den Gründern von Planted gehört der Wohler Eric Stirnemann. Mehr noch: Der Lebensmittelwissenschaftler steht sozusagen am Anfang der Erfolgsgeschichte. Die Grundidee des Produkts hat er im Rahmen seiner Masterarbeit an der ETH entwickelt. Seither tüftelt er fast täglich weiter an Verbesserungen. «Wir stehen immer noch am Anfang. In Sachen nachhaltige Ernährung ist noch vieles möglich», ist er überzeugt. Gleichzeitig bleibt er mit beiden Beinen auf dem Boden. Obwohl seine Firma und sein Produkt durch die Decke gehen, will er weiter auch an der ETH tätig sein. Studenten anleiten. Und seinen Doktortitel erlangen.

Allerdings: In Ruhe arbeiten kann er derzeit selten. Die grosse Nachfrage nach Planted, der Aufbau eines eigenen Produktionsbetriebs und das riesige Medieninteresse halten ihn und seine Kollegen auf Trab. Schon letztes Jahr stiess das «Poulet aus Erbsen» auf grosses Interesse, seit Coop es aber in seinen Läden verkauft, berichten fast alle grossen Schweizer Medien darüber. «Das Echo freut uns», sagt Stirnemann. «Der Erfolg ermöglicht es uns, unsere nachhaltigen Produkte noch bekannter zu machen.»

Tier wird durch ein effizientes Verfahren ersetzt

Gleichzeitig ist er überzeugt, dass es sich bei Planted nicht nur um einen kurzfristigen Hype handelt. «Da entsteht etwas Grosses, da ist in Zukunft noch vieles möglich.» Derzeit tüfteln sie beispielsweise an einem «Pulled Pork» aus pflanzlichen Bestandteilen. Mit den ersten Ergebnissen ist er zufrieden, das Produkt soll im Frühling auf dem Markt erhältlich sein.

Stirnemann beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit dem Thema der nachhaltigen Ernährung. Heute würden etwa 70 Prozent der angebauten Pflanzen für die Tierproduktion verwendet, das ergebe ökologisch keinen Sinn, betont er. «Wir produzieren also zuerst pflanzliches Eiweiss, das wir dann mit grossem Aufwand in tierisches Eiweiss umwandeln», sagt er.

Das Ziel von Planted ist es, Fleisch direkt aus Pflanzen herzustellen. Dabei wird das Tier durch ein effizienteres Verfahren ersetzt, ohne dabei für das Produkt Kompromisse einzugehen, was Aussehen, Geschmack und Mundgefühl betrifft. Planted macht dies mittels einem Extrusionskochprozess, der im Grunde vergleichbar ist mit der Herstellung von Frühstückscerealien, Snacks oder Teigwaren.

Der Unterschied liegt in der Produktion des Teiges. «Entscheidend sind, vereinfacht gesagt, der Druck und die Temperatur», sagt der Wohler. Nur so entsteht ein Produkt, das in Sachen Faserigkeit an Fleisch erinnert. Und bei diesen Details lässt sich das Unternehmen nicht in die Karten blicken – denn die Konkurrenz steht bereit.

177 von 180 Testern bewerten das Produkt als positiv

Doch warum will man überhaupt etwas machen, das wie Fleisch schmeckt? Warum nicht einfach gute pflanzliche Produkte kreieren? «Wir müssen nicht die Veganer und die Vegetarier erreichen – die ernähren sich ja schon bewusst. Wir müssen diejenigen ansprechen, die heute noch Fleisch essen», sagt Stirnemann. Er selber ist kein Sektierer, isst ab und zu auch ein Stück Fleisch. «Es geht beim Essen nicht nur um den Geschmack, auch das Aussehen und die Konsistenz spielen eine Rolle», sagt er. Und Fleisch habe nun mal eine ganz bestimmte Faserigkeit, die als positiv bewertet wird. «Wenn wir diese imitieren können, dann haben wir Chancen, auch Fleischesser zum Umstellen zu bewegen. Schliesslich will niemand einfach einen Erbsenbrei essen.»

Und es funktioniert. Bei einem Blindtest am Bahnhof Zürich beurteilten 177 von 180 Teilnehmern das Produkt als positiv. «Von den drei kritischen Stimmen stammten zwei von Veganern, denen das Ganze zu Fleisch-ähnlich war», lacht Stirnemann. Ziel erreicht.

Auch wenn Planted sozusagen im Labor erfunden wurde, ist es ein reines Naturprodukt. Die einzigen Bestandteile sind Gelberbsenprotein, Erbsenfasern, Rapsöl und Wasser. Im Gegensatz zu anderen ähnlichen Produkten verzichtet das Start-up bewusst auf Soja und setzt auf Gelberbsen. «Denn der Anbau von Soja ist weniger nachhaltig», sagt der Wissenschaftler. Auch die Produktion des Planted.chicken sei nichts Künstliches und mit der Herstellung von Brot vergleichbar. Und da redet auch niemand von einem Lebensmittel aus dem Labor.

Nicht nur die vier Gründer glauben an den Erfolg. In einer ersten Finanzierungsrunde kamen sieben Millionen Franken zusammen. Zu den Unterstützern gehört auch die ETH Foundation. «Die Schule profitiert indirekt vom Erfolg, weil jeder sieht, dass hier innovative Forschung möglich ist», erklärt Stirnemann. Der Boom und das viele Geld sorgen bei den Unternehmern aber auch für Druck. «Bisher funktionierten wir sozusagen Tag für Tag, so wie das bei einem Start-up üblich ist. Mit der Eröffnung der eigenen Fabrik müssen wir langfristig planen.» Darum muss der junge Freiämter jetzt zum Beispiel kalkulieren, wie viele Tonnen Gelberbsen die Firma in den nächsten Monaten benötigt. Und herausfinden, wo er diese bekommt.

Es geht noch besser

Stirnemann ist überzeugt, dass der Konsument bereit ist, sein Ernährungsverhalten zu ändern, wenn er gute Alternativen hat. An diesen arbeiten er und seine Kollegen. «Wir sind gut aufgestellt im Team. Die einen verstehen mehr von der Lebensmitteltechnologie, die anderen vom Business.» Ihm selber ist der Platz im Labor lieber. «Planted ist ein sehr gutes Produkt. Aber es kann noch viel besser werden», so der Wohler. Darum forscht er weiter an seinem «pflanzlichen Fleisch». Der Konsument wird sich freuen.


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