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06.08.2019 Kelleramt«Zeitzeugen»: Hans Stutz und Josef Brem blicken auf die Trennung von Islisberg und Arni zurück
Heute reden alle von Gemeindefusionen und nicht von Teilungen. Das war auch in den 70er-Jahren so. Trotzdem schafften Arni und Islisberg Ende 1982 einen Sonderfall, ...
«Zeitzeugen»: Hans Stutz und Josef Brem blicken auf die Trennung von Islisberg und Arni zurück
Heute reden alle von Gemeindefusionen und nicht von Teilungen. Das war auch in den 70er-Jahren so. Trotzdem schafften Arni und Islisberg Ende 1982 einen Sonderfall, den es bis jetzt nie mehr gegeben hat.
Roger Wetli
Seit Januar 1983 sind Arni und Islisberg zwei eigenständige Gemeinden. Der Trennung geht ein Jahrzehnte andauernder Konflikt voraus, der bis 1803 zurückgeht. Trotz einiger Bemühungen gelang es während 180 Jahren nicht, in den Köpfen der Bevölkerung eine Einheit herzustellen. «Der Trennung stimmten beide Gemeinden deutlich zu», erinnert sich Josef Brem. Er war in den 70er-Jahren Vizeammann von Arni-Islisberg und von 1983 bis 2009 Gemeindeammann von Islisberg. «Unser Verhältnis zueinander ist heute besser denn je. Das Vorgehen hat sich bewährt.»
Unbegründete Befürchtungen
Bis es so weit war, brauchte es mehrere Anläufe und eine Änderung des Aargauer Gemeindegesetzes. Unterstützung erhielten die beiden Kellerämter Gemeinden von Josef Brem aus Jonen. Es sasst von 1973 bis 1988 im Grossen Rat und führte 1974 die «Behördentagung Kelleramt» ein. «Ich habe sehr viele Gespräche geführt und versucht zu überzeugen. Es war mein mit Abstand aufwendigstes Mandat.» Der Regierungsrat habe Angst gehabt, dass die Trennung von Islisberg und Arni einen Flächenbrand auslösen würde und viele weitere Gemeinden folgen würden. «Heute wissen wir, dass diese Befürchtung unbegründet war. War Islisberg die 232. Aargauer Gemeinde, sind es heute noch 210.» Josef Brem und Hans Stutz glaubten an das Potenzial eines eigenständigen Islisberg. «Wir sind nur zehn Kilometer vom Zürcher Stadtrand entfernt, nahe am Flughafen und nebelfrei», erklärt Stutz die Vorzüge seines Dorfes. Diese haben auch die zahlreichen Neuzuzüger entdeckt. So ist die Bevölkerung von 163 Personen im Jahr 1983 auf heute 620 angestiegen.
180-jähriger Konflikt gelöst
«Zeitzeugen»: Josef Brem und Hans Stutz setzten sich für ein eigenständiges Islisberg ein
Islisberg trennte sich 1982 von Arni. Es wurde die 232. Gemeinde des Aargaus. Vorher gab es 99 Jahre lang keine neuen Kommunen mehr. Auch heute trägt Islisberg noch den Titel der «jüngsten Gemeinde des Kantons».
Roger Wetli
14. September 1982 im Restaurant Berghof in Islisberg: Der Grosse Rat hatte am gleichen Tag das «Dekret über die Bildung der Einwohnergemeinden Arni und Islisberg» einstimmig angenommen. Im Berghof findet zusammen mit der Bevölkerung eine kleine Feier statt. Der Weg zur Eigenständigkeit war definitiv frei. Mit dem Beschluss wurde ein fast 180-jähriger Konflikt beigelegt, der sich in den vergangenen vier Jahrzehnten zugespitzt hatte.
Schwieriges Verhältnis
Bei der Gründung des Kantons Aargau 1803 wurde die Doppelgemeinde Arni-Islisberg gebildet. «Richtig zusammengewachsen sind die beiden Kommunen aber nie», erinnert sich Hans Stutz, der in der Doppelgemeinde Vizeammann war und der erste Ammann von Islisberg wurde. «Im Gemeinderat sassen drei Arner und zwei Islisberger. Auch an den Gemeindeversammlungen betrug das Stimmverhältnis drei zu eins zugunsten von Arni. Mit anderen Worten: Wir wurden immer überstimmt.» Ein gängiger Spruch sei damals gewesen:
«Ergebnis einer Abstimmung zur Einführung von Strassenlaternen: für Arni Ja, für Islisberg Nein.» Die Islisberger hätten sich Arni gegenüber benachteiligt gefühlt.
Aber auch in anderen Bereichen arbeitete man nicht zusammen. So verfügten beide Gemeinden über eigene Ortsbürgergemeinderäte, Schulpflegen, Schulen, Bauhoheiten und verschiedene Steuerfüsse. «Dieser Zustand war zu der Zeit teilweise im Aargau gesetzeswidrig», weiss Josef Brem. «Dies wusste der Kanton aber seit Jahrzehnten.»
Die Entwicklung von Islisberg wurde zusätzlich durch einen generellen Baustopp verhindert, da es aufgrund der hohen Lage zu wenig Wasserdruck herstellen konnte.
Beide Dörfer sagten Ja
Im Dezember 1974 bejahten die Einwohner in einer Konsultativabstimmung die Trennung. Die Gemeinderäte nahmen Verhandlungen mit dem Regierungsrat auf. Im August 1977 nahmen die Arner und die Islisberger einen Antrag an. Dieser verlangte vom Gemeinderat, beim Regierungsrat zuhanden des Grossen Rates die Trennung der beiden Gemeinden zu verlangen.
Regierungsrat war dagegen
Der Joner Josef Brem, der seit 1973 im Grossen Rat sass, wurde beauftrag, bei der Trennung politisch mitzuwirken. «Es war mein grösster, anspruchsvollster und zeitaufwendigster politischer Auftrag», blickt Brem zurück. Er führte viele Gespräche und überzeugte die anderen Grossräte. Eine erste Motion im Januar 1978 wurde allerdings abgelehnt. «Der Regierungsrat hatte ernsthafte Bedenken wegen der Finanzen eines eigenständigen Islisberg», so Brem. «Zudem befürchtete er eine Kettenreaktion bei anderen Gemeinden. Die Regierung wollte bereits damals lieber Fusionen als Trennungen. Meine Motion umfasste vier Seiten, die Argumentation des Kantons 16 Seiten», schmunzelt Brem.
Zugute kam den beiden Gemeinden ein neues kantonales Gemeindegesetz, das die Bevölkerung im Dezember 1978 annahm. «Dieses besagte, dass die Bildung neuer Gemeinden möglich ist», so Brem. Deshalb gaben die Islisberger auch nicht auf. «Schliesslich anerkannte der Regierungsrat, dass die Probleme von Arni und Islisberg politisch sind und seit 1803 noch nie zur vollen Zufriedenheit gelöst werden konnten.» Allerdings mussten die Einwohner 1981 ihren Willen zur Trennung nochmals mittels Abstimmung zum Ausdruck bringen. Im Juni 1982 wurde dem Regierungsrat das Dekret zur Bildung der Einwohnergemeinde Arni und Islisberg vorgelegt. Dieses wurde am 14. September 1982 vom Grossen Rat bewilligt.
«Ich war immer für die Trennung», erklärt Hans Stutz. «Alle Kellerämter Gemeinden sind damals gewachsen, nur Islisberg nicht. Die Trennung war die einzige Möglichkeit für uns, um nicht stehen zu bleiben. Die Bevölkerung von Islisberg nahm damals aufgrund des Baustopps sogar ab.» Es hätte zwar auch in Islisberg Gegner der Trennung gegeben, die seien aber klar in der Minderheit gewesen. Eine letzte gemeinsame Gemeindeversammlung fand im Dezember 1982 statt. Josef Brem wurde gleich das Ehrenbürgerrecht verliehen.
Glaube an positive Entwicklung
Da bereits vorher vieles separat lief, hielt sich der Aufwand der Trennung der beiden Gemeindeverwaltungen in Grenzen. «In den ersten zehn Jahren war die Kanzlei in einer Privatwohnung, bevor sie 1993 ins alte Schulhaus gezügelt wurde», so Stutz. Die Befürchtung eines finanzschwachen Islisberg ist nicht eingetroffen. «Aktuell haben wir einen Steuerfuss von 95 Prozent. Das Kantonsmittel liegt bei 103 Prozent. Und wir zahlen in den Finanzausgleich ein», zieht Hans Stutz ein Fazit. Auch die Beziehung zu Arni sei heute sehr gut. «Nach der Trennung wurde eine gute Basis der Zusammenarbeit geschaffen.»
Heute redet niemand mehr von der Trennung. Die Unabhängigkeit ist normal. Zumal von 620 Einwohnern heute noch etwa 50 diese Zeit aktiv miterlebt haben.» Auch Josef Brem zieht ein positives Fazit: «Das Ganze hat sich bewährt. Wir haben immer an eine positive Entwicklung von Islisberg geglaubt.» Hans Stutz blickt über die Hügelkuppe in die Ferne und schmunzelt. «In Islisberg haben wir eben Weitblick.»
Etwas hat allerdings überlebt. Das Dorffest am 31. Juli wurde 1983 zum ersten Mal durchgeführt und ist zur festen Tradition geworden.
Serie «Zeitzeugen»
Es gibt Ereignisse in der Region, von denen die Leute nach Jahrzehnten noch erzählen. In der Serie «Zeitzeugen» blicken Menschen auf ein Ereignis zurück, bei dem sie hautnah dabei waren.
Bisher erschienen: Der Empfang für Abfahrtsweltmeister Urs Lehmann in Rudolfstetten im Februar 1993 (Ausgabe 55). Protest gegen den Abbruch des alten Gemeindehauses in Wohlen von 1979 (Ausgabe 56). Die Hochwasserkatastrophe in Muri von 1977 (Ausgabe 57). Der Sieg von Martin Burkard als jüngster Kandidat in der Quizsendung «Wer gwünnt?» 1973 (Ausgabe 59). Die Reusstalsanierung von 1972 bis 1982 (Ausgabe 60). Torfabbau im Bünztal (Ausgabe 61).




