Zwei Nächte kaum geschlafen
12.07.2019 Rudolfstetten«Zeitzeugen»: Empfang für Abfahrts-Weltmeister Urs Lehmann in Rudolfstetten
Es gibt Ereignisse in der Region, von denen die Leute nach Jahrzehnten noch erzählen. In der Serie «Zeitzeugen» blicken Menschen auf ein Ereignis zurück, bei dem ...
«Zeitzeugen»: Empfang für Abfahrts-Weltmeister Urs Lehmann in Rudolfstetten
Es gibt Ereignisse in der Region, von denen die Leute nach Jahrzehnten noch erzählen. In der Serie «Zeitzeugen» blicken Menschen auf ein Ereignis zurück, bei dem sie hautnah dabei waren.
Erika Obrist
Kommt man in Rudolfstetten mit Menschen ins Gespräch, die bereits ein halbes Jahrhundert auf der Welt sind, so fallen bestimmt bald die Begriffe Morioka, Urs Lehmann und Empfang. Sie beginnen zu erzählen vom «grössten Fest, das der Kanton Aargau je erlebt hat», wie die Medien danach geschrieben haben.
Siegesfahrt in der Nacht
Im japanischen Morioka fanden im Februar 1993 die Ski-Weltmeisterschaften statt. Der damals 24-jährige Abfahrer Urs Lehmann aus Rudolfstetten hatte im Abschlusstraining mit der Bestzeit geglänzt. Und Hoffnungen geweckt. So sassen die Fans am Donnerstag, 11. Februar, um 2 Uhr vor dem Fernseher und drückten «ihrem» Urs Lehmann die Daumen. Mit der Startnummer 20 raste er dem Ziel entgegen. Begleitet von Fernsehmoderator Matthias Hüppi, dessen Stimme immer lauter wurde. Und sich beinahe überschlug, als Lehmann Bestzeit aufstellte und Weltmeister wurde.
«Da kommt etwas auf mich zu»
«Selbstverständlich habe ich das Rennen auch geschaut», sagt Enrico Portner. Er war damals Lehrer an der Realschule und Vizeammann in Rudolfstetten. Als feststand, dass kein anderer Rennfahrer Urs Lehmann den Weltmeistertitel mehr streitig machen wird, dämmerte Enrico Portner: «Da kommt etwas auf mich zu.» Am gleichen Morgen noch reaktivierte er das Organisationskomitee, das die 800-Jahr-Feier in Rudolfstetten auf die Beine gestellt hatte. Etwas mehr als zwei Tage blieben, um dem Abfahrtsweltmeister einen gebührenden Empfang zu bereiten. «Ich habe kaum geschlafen in den folgenden zwei Nächten», weiss Enrico Portner noch heute. Den anderen, die mitgeholfen haben, innert Kürze ein Riesenfest auf die Beine zu stellen, erging es ebenso.
Jeder wusste, was zu tun ist
«Zeitzeugen»: Enrico Portner hat den Empfang für Abfahrtsweltmeister Urs Lehmann orchestriert
«Phänomenal» und «Unvergesslich» sind die Begriffe, die Enrico Portner mit dem Empfang für Urs Lehmann verbindet. Er meint damit nicht nur das Fest an sich, sondern vor allem die Zusammenarbeit unter den Vereinen.
Erika Obrist
«Wenn damals jemand etwas organisiert hat in Rudolfstetten, ist wirklich jeder hinter dem Ofen hervorgekommen und hat mitgemacht», blickt Enrico Portner auf die 1980er- und 1990er-Jahre zurück. Der Zusammenhalt unter den Vereinen sei ausgezeichnet gewesen, die Bevölkerung für jedes Fest zu haben. Das hat sich bei den Fasnachtsanlässen gezeigt, die weit über die Region hinaus bekannt waren. Und ganz besonders bei der 800-Jahr-Feier der Gemeinde. «Diese hat sich über zwei Wochen hingezogen und war ein Supererfolg.» Mitorganisiert hatte diesen Supererfolg Enrico Portner, damals Realschullehrer und Vizeammann in Rudolfstetten.
Budgetgutsprache beim Gemeinderat eingeholt
Am 11. Februar 1993 sass Enrico Portner um 2 Uhr vor dem Fernseher und hat – wie fast halb Rudolfstetten – das Weltmeisterschafts-Abfahrtsrennen im japanischen Morioka verfolgt. Ein Ruedistetter war am Start: Urs Lehmann. Der ehemalige Juniorenweltmeister hatte im Abschlusstraining die Bestzeit in den Schnee gespurt. «Urs Lehmann war ein exzellenter Gleiter; die Strecke kam ihm entgegen.» Dass Lehmann das Rennen gewinnen würde, darauf hätte Portner trotzdem nicht gewettet. «Als ihm der Weltmeistertitel sicher war, wusste ich, dass etwas auf mich zukommen wird.» Auf ihn, den versierten Organisierer.
Am Morgen ist er wie gewohnt in die Schule gegangen. Hat seiner Klasse schriftliche Aufgaben gegeben, damit die Kinder beschäftigt waren. Danach hat er vor allem telefoniert. «Zuerst habe ich von den Gemeinderatskollegen das Einverständnis abgeholt, dass mir ein Budget von 10 000 Franken zur Verfügung steht für den Empfang des erfolgreichsten Ruedistetter Sportlers.» Für Portner stand von Anfang an fest: Jedes Kind erhält eine Gratis-Bratwurst.
«Alle haben ihre Aufträge zu 100 Prozent erfüllt»
Anschliessend hat er die OK-Mitglieder von der 800-Jahr-Feier reaktiviert und Viktor Stutz für den Bau dazugeholt. Den ganzen Tag über gaben sich diese Vereinsvertreter im Schulhaus die Klinke in die Hand. Gingen mit klaren Aufträgen nach Hause und rekrutierten ihre Mitglieder. Am nächsten Tag dasselbe. «Alle haben ihre Aufträge zu 100 Prozent erfüllt», freut sich Portner noch heute. Jeder habe gewusst, was zu tun ist, alle hätten Hand in Hand gearbeitet. «Es war toll, mit solchen Leuten ein Fest auf die Beine stellen zu können.» Phänomenal. Unvergesslich.
Auch diktatorisch entschieden
Stattfinden sollte es in beiden Turnhallen. Zur Sicherheit – keiner wusste, wie viele Leute kommen werden – wurde noch ein Zelt aufgestellt zwischen Turnhallen und Schulhäuser. Und beheizt, schliesslich war Winter.
Gleichzeitig erledigte Yvonne Lehner auf der Gemeindeverwaltung alles rund um Bewilligungen und Einladungen. Sie hielt den Kontakt mit Skiverband und Behörden aufrecht. Bald war klar: Der Empfang wird am Sonntagabend, 14. Februar, stattfinden. Da blieb wenig Zeit zum Vorbereiten – und wenig Zeit zum Diskutieren. «Ich habe sicher einige Entscheide diktatorisch gefällt», so der heute 59-Jährige, der weiterhin an der Realschule Mutschellen unterrichtet und mit seiner Familie in Reinach wohnt. Zum Schlafen kamen die Organisatoren kaum an den Tagen vor dem Fest. «Ich war kaum im Bett», erinnert sich Portner.
Dann endlich der grosse Tag. Die Transparente, auf denen der Weltmeister willkommen geheissen wurde, aufgehängt. Wie viele Leute würden kommen? Wurde genug eingekauft? Wird alles klappen? Portner ist den ganzen Tag auf den Beinen. Für alle stets erreichbar.
Wenig mitbekommen vom Fest
Als er endlich zum Bahnhof kann, stockt ihm der Atem. «Ich habe hier noch nie so viele Leute gesehen.» Am Bahnhof stehen sie. Auf der gesperrten Bernstrasse. Tausende dicht an dicht bis hoch zur Schulanlage. Leute mit Kuhglocken, Transparenten, Fahnen. Leute aus dem Dorf und aus der ganzen Schweiz. Mitten im Gedränge Regierungsrat Peter Wertli. «Es war eine so grosse Menschentraube, dass keiner hätte umfallen können.»
Als der geschmückte Extrazug der BDB von Dietikon her in den Bahnhof einfährt, bricht der Jubel los. Alle wollen «ihrem» Weltmeister gratulieren. Im Cabriolet wird dieser die wenigen Meter vom Bahnhof zur Schulanlage chauffiert. Es wird eine lange Fahrt. Die Kirchenglocken läuten, die Schützen feuern Böllerschüsse ab.
Vom Fest, von dem die Medien in der Folge schreiben, dass der Aargau noch nie zuvor ein solch tolles Fest erlebt hat, bekommt Portner wenig mit. Während die Schulkinder singen und die Honorablen Reden halten, ist der OK-Präsi permanent am Organisieren und Kontrollieren. Erst spät findet er im grossen Trubel eine ruhige Minute. Er gönnt sich an der Bar ein Bier. «Da ist Urs Lehmann zu mir gekommen und hat sich bei mir bedankt. Das war für mich der schönste Moment an diesem Tag.»
Einen enormen Einsatz hätten die Vereine an den Tag gelegt. Sie wurden belohnt mit einem riesigen Zustupf in die Kasse. «Und jeder, der dabei war, erzählt heute noch von diesem unvergesslichen Tag.»
Für Portner hatte die Feier ein «Nachspiel». «Als Urs Lehmann seinen Abschied vom Spitzensport gab, hat er auch Yvonne Lehner und mich nach Seelisberg zum Essen eingeladen.» Übernachtung im Hotel inklusive. Dort habe sich Lehmann nochmals bedankt bei ihnen für den tollen Empfang in Rudolfstetten. Dieser werde ihm immer in Erinnerung bleiben. Phänomenal sei das gewesen. Unvergesslich.



