Technik pfeift mit
23.07.2019 FussballNeuheit im Schweizer Fussball: Seit dem vergangenen Wochenende werden die Spiele der Super League vom «Video Assistant Referee» (VAR) begleitet. Einer von drei «Supervisoren» ist der Sarmenstorfer Sascha Amhof. Er half tatkräftig bei der Einführng dieses neuen ...
Neuheit im Schweizer Fussball: Seit dem vergangenen Wochenende werden die Spiele der Super League vom «Video Assistant Referee» (VAR) begleitet. Einer von drei «Supervisoren» ist der Sarmenstorfer Sascha Amhof. Er half tatkräftig bei der Einführng dieses neuen Elements mit. Amhof blickt zufrieden auf den Start zurück – auch wenn es Verbesserungspotenzial gibt. --spr
Mehr Gerechtigkeit dank VAR
Der Freiämter Sascha Amhof war bei der Lancierung des «Video Assistant Referee» (VAR) hautnah dabei
Sascha Amhof war ein Spitzen-Schiedsrichter und ist heute der Ausbildungschef beim Fussballverband SFV. Bei der Einführung des VAR half er tatkräftig mit. Der frischgebackene Vater ist auch in Zukunft an vorderster Front dabei. «Wir wollen den VAR stetig verbessern», sagt der 39-Jährige.
Stefan Sprenger
Seine Meinung ist deutlich: «Der VAR darf nur die groben Fehler sanktionieren.» Der Sarmenstorfer Sascha Amhof war selbst jahrelang Spitzenschiedsrichter. Er hatte fast 100 Super-League-Einsätze und leitete internationale Spiele. «Ich kann mich noch sehr gut an meine drei krassesten Fehlentscheide erinnern», sagt Amhof, der heute Ausbildungschef aller Schweizer Schiedsrichter ist. Er fügt an: «Die aktuellen Schiedsrichter werden dies nicht mehr haben.» Denn der VAR soll einschreiten, wenn der Schiedsrichter mal «einen Bock schiesst».
Die Fussballwelt wehrte sich lange Zeit. Im Jahr 2017 wurde der Videobeweis in sieben Ligen eingeführt, darunter in der Deutschen Bundesliga oder der italienischen Serie A. Auch in der Champions League und an der Weltmeisterschaft 2018 ist der «Video Assistant Referee» heutzutage dabei. In der Gruppenphase der Fussball-WM im vergangenen Jahr war die Quote an richtigen Entscheidungen mit 99,3 Prozent imposant. Doch neben vielen korrigierten Fehlentscheidungen sorgt der VAR auch immer wieder für Diskussionen und Verwirrung.
Amhof über Krug: «Erst gemischte Gefühle»
Im November 2018 entschied man, dass der VAR auch in der Schweiz eingeführt werden soll. Die grosse Mehrheit der 20 Schweizer Clubs aus Super und Challenge League stimmte dafür. Ein Verein enthielt sich der Stimme, einer war dagegen (aus Kostengründen). 18 Clubs finden aber, der VAR sorge für mehr Gerechtigkeit im Schweizer Spitzenfussball.
«Die letzten Monate waren sehr intensiv», sagt Sascha Amhof. Der Sarmenstorfer ist einer von drei «Supervisoren». Amhof, der frühere FIFA-Schiedsrichter Cyril Zimmermann und Hellmut Krug übernahmen die Schulung der 18 VAR-Schiedsrichter und 10 AVAR (Assistenten). Dort ging es um Technik, Kommunikation und um die Beurteilung der Szenen.
Der Deutsche Hellmut Krug hatte die Leitung. Er hat den VAR schon in der deutschen Bundesliga eingeführt. Amhof kannte Krug aus dessen Zeit als internationaler Schiedsrichter. «Der Respekt war gross», so Amhof. Allerdings auch die Skepsis. Denn Krug musste noch vor Ablauf der Vorrunde abtreten. Vetternwirtschaft und Mobbing wurden ihm vorgeworfen. Und: Der Gelsenkirchener soll versucht haben, über den VAR ein Spiel zugunsten von Schalke 04 zu beeinflussen. Bewiesen wurde nichts. Dies alles hat Amhof nur am Rande und via Medien mitbekommen und nie für möglich gehalten. So wurde denn auch nie etwas in diese Richtung bewiesen. «Trotzdem hatte ich vor der Zusammenarbeit mit ihm gemischte Gefühle», so Amhof. «Heute weiss ich, er ist ein enorm umgänglicher Typ. Und ohne seine riesige Erfahrung wäre es nicht möglich gewesen, den VAR innert so kurzer Zeit in der Super League einzuführen.» Die Zusammenarbeit während der Schulung war «zu jeder Zeit angenehm».
«1000 strittige Szenen»
Die Frage «Wann darf der VAR einschreiten und wann nicht?» stand bei der Schulung im Mittelpunkt. «Wir haben 1000 strittige Spielszenen gemeinsam analysiert», sagt Amhof. Kniffiig: Ein VAR sitzt 90 Minuten lang vor dem Bildschirm. «Er ist viel passiver als ein Schiedsrichter auf dem Feld. Das ist nicht immer einfach», meint Amhof. Und: Der VAR sollte nur bei groben Fehlentscheiden intervenieren und sich melden. Amhof meint: «Das spricht etwas gegen die Natur eines Schiedsrichters, denn man will schliesslich jedes Vergehen sanktionieren.»
Vater von Zwillingen geworden
Beim ersten Spieltag der neuen Super-League-Saison wurde der VAR dreimal eingesetzt. «Zweimal war es korrekt und sehr gut. Einmal nicht optimal», so Amhof, der als «Supervisor» für die Kommunikation zwischen VAR und der Regie im jeweiligen Fussballstadion zuständig ist. Der Entscheid im Spiel des FC St. Gallen gegen den FC Luzern war im Graubereich und der VAR in Volketswil hätte nicht einschreiten dürfen. «Man hätte den Entscheid einfach stehen lassen sollen, denn er war nicht unbedingt falsch», so Amhof.
Trotzdem blickt er auf eine zufriedenstellende Premiere zurück. «Es gab vier Penaltys und zwei Rote Karten. Dazu weitere kniffiige Entscheide. Und der VAR wurde nie benötigt. Das spricht auch für die Qualität unserer Schiedsrichter.»
Angesprochen darauf, ob eine «Challenge» der Fussballteams – ähnlich wie im Tennis – möglich wäre, verneint Amhof. «Das wäre nicht sinnvoll.» Das jetzige System funktioniert – wenn der VAR nur dann einschreitet, wenn es ihn braucht. «Und daran müssen wir stetig arbeiten und besser werden.» Wie zum Beispiel gestern Montag, als eine intensive Nachbesprechung des ersten VAR-Wochenendes in der Super League stattfand. Auch für Amhof ist klar: Es wird Diskussionen geben, weil Fehler passieren. «Es ist Teil des Spiels, dass ein Schiedsrichter mal einen Fehler macht. Auch mit VAR.» Man müsse ehrlich sein, «die Technik sollte den Fussball nicht dominieren».
Der Einsatz von Sascha Amhof für die einwandfreie Einführung des Videobeweises in der Super League war in den vergangenen Monaten riesig. Beeindruckend, wenn man bedenkt, dass er privat im Moment ebenfalls im «Ausnahmezustand» ist. Vor wenigen Tagen wurde Amhof Vater von Zwillings-Töchtern. Seine Frau Nicole und die Kinder sind wohlauf. Ebenso der Papa, der sich nun neben dem «Video Assistant Referee» vor allem mit dem Windelwechsel befassen wird.



