Fast wie ein kleines Paradies
12.06.2018 Wohlen«Wohlen kreuz & quer» – ein Anlass des Gemeinnützigen Frauenvereins und der Toolbox Freiamt
Die Fusswege mitten im Zentrum haben eine wichtige Funktion. Sie entschleunigen das Leben und sorgen für stressfreie Zonen. In Wohlen ...
«Wohlen kreuz & quer» – ein Anlass des Gemeinnützigen Frauenvereins und der Toolbox Freiamt
Die Fusswege mitten im Zentrum haben eine wichtige Funktion. Sie entschleunigen das Leben und sorgen für stressfreie Zonen. In Wohlen gibt es mehr davon, als man meinen könnte. «Wohlen kreuz & quer» war eine interessante Erkundungstour.
Daniel Marti
Geheimweg. Schleichweg. Kirchenweg. Lieblingsweg. Oder Abkürzung. Es gibt sie alle in Wohlen. Nur sind sie halt etwas weniger bekannt. Oder man muss sie eben entdecken. Kleine Wege, kurze Verbindungen. Mitten im Zentrum. Beliebte kleine Fusswege haben teilweise auch eine grosse Historie zu bieten. Mit dem Anlass «Wohlen kreuz & quer» gingen der Gemeinnützige Frauenverein und die Toolbox Freiamt auf Spurensuche. Als sie sich mit dem Thema befasst habe, gab selbst Christine Bächer, Präsidentin des Gemeinnützigen Frauenvereins und eingefleischte Wohlerin zu, «dass ich längst nicht alle Schleichwege in Wohlen kenne».
Das Thema kam bereits vor zwei Jahren auf. Damals organisierten Frauenverein und Toolbox den Event «Wir sind Wohlen». Da ging es um spezielle und weniger bekannte Plätze in Wohlen. Und um Geschichten von Menschen an solchen Plätzen. Nur, wie gelangt man an diese Plätze? «Damals», erinnert sich Bächer, «wurde auch von den tollen Schleichwegen erzählt.»
Schöne Momente und die Liebe
Schliesslich gingen Christine Bächer und Katharina Stäger von der Toolbox das Projekt «Wohlen kreuz & quer» voller Vorfreude und Spannung an. Fünf spezielle Wege und zehn Personen ergeben «Wohlen kreuz & quer». Es gehe dabei ums Kennenlernen, ergänzte Christine Bächer. «Ums Kennenlernen von Wegen und Menschen.» Fünf Gruppen machten sich schliesslich auf den Marsch, auf Erkundungstour.
Bei der Fussgänger-Verbindung zwischen Bünzweg und Bankweg erfuhr man, dass Irene Koch auf diesem Weg «viele schöne Momente erlebt hat». Dass sie hier dank bestandener Mutprobe in den Club «Detektive der schwarzen Rose» aufgenommen wurde. Man staunt. Und der Bankweg hat diesen Namen bekommen, weil in der heutigen Gemeindebibliothek einst eine Bank untergebracht war. Irene Koch nahm zudem ihre Kollegin mit, Kerly Fontanive aus Peru, seit 19 Jahren in der Schweiz. In ihrer früheren Heimat gebe es nur solch schmale Wege und kleine Strassen, sagt die Südamerikanerin, die es wegen der Liebe in die Schweiz verschlagen hat. «Sonst hätte ich meine Heimat Peru nie verlassen.»
Der Fussweg am Bankweg sei einfach ein schöner Platz. Das sagen auch «Röfe» Wüest und Mary Wiederkehr vor dem Gsellehüsli. Wo ist denn das? Zwischen Paul-Walser-Weg und Chilegässli, hinter dem Domherrenhaus. Im Gsellehüsli haben diverse Institutionen ihren fixen Platz: Jungwacht, Kolping und die Ministranten. Und im benachbarten Domherren-Haus hat tatsächlich mal ein Domherr gewohnt, daher der Name. Dort ist zudem ein historischer Lift eingebaut, der funktioniert immer noch. Wie auch der kaum bekannte Durchgang hinüber zum Spielsalon und Bärengässli. Dort erzählten Sasha Stojmenovski und Philipp Stäger von ihrer Jugendzeit. Stojmenovski wurde stets von der Mutter gewarnt, dass es dort hinten beim Bärengässli und dem ehemaligen Spielsalon nicht ungefährlich sei.
Der Kirchenweg hinauf zu den Reben
Für Philipp Stäger blieb damals sogar viel Verwirrung zurück. Er spielte Tennis, dann Fussball. Beides auf der ehemaligen Anlage, auf der Paul-Walser-Stiftung (draussen beim heutigen Lidl). Der Paul-Walser-Weg ist jedoch mitten im Dorf. «Ich habe ein halbes Leben lang auf der Paul-Walser-Stiftung verbracht, aber der Paul-Walser-Weg ist ganz woanders.»
Aber die Gegend zwischen Bärengässli, Streba-Haus und ehemaligem Spielsalon sei inzwischen sehr gut aufgewertet worden.
Der Fischbach-Gösliker Kirchenweg hatte früher einen grossen Stellenwert. Die Wohler gingen damals nach Figö in die Kirche, weil sie noch keine eigene hatten. Darum startet der Weg in Wohlens Zentrum. Hansruedi Meier erklärte, wo er denn genau langgeht. Vom «Rössli» Richtung Steingasse. Und dort führte er mitten durch ein Haus, heute ist die neue Überbauung neben dem Schlössli mit eben diesem Durchgang ausgestattet. «Und dann gehts den Rebberg, früher schnurgerade, hinauf bis zum Höhenweg», erzählt Meier vor seinem Bauernhof. «Wir sagen stets, wir gehen in die Reben. Weil es früher am heutigen Rebberg viele Reben hatte.»
Hansruedi Meier weiss auch einiges über die Steingasse. Und über den Guggibach, der unter der Strasse verläuft. Bis zur Bünz. Viele schwärmen von der Bachöffnung. Der offene Guggibach liegt allerdings weit zurück. Meiers Vater hat Jahrgang 1904. «Und der erinnerte sich nie an den offengelegten Guggibach.»
Für Flüchtling ein Ort der Ruhe
Stellvertretend für alle betonte Irene Koch: «Schleichwege bieten auch gute Möglichkeiten, um dem Verkehr zu entfliehen. Mir ist es wohl in Wohlen, denn ich nehme teil am Geschehen.» Einer Person ist es ebenfalls sehr wohl in Wohlen. Und diese Person betrachtet den Fussweg vom «Salmen» ins «Rössli» mit ganz anderen Augen. Es ist Flüchtling Ibrahim. Er flüchtete mit Freundin und Kind von Afghanistan in die Schweiz. In den Iran und dann in die Türkei, teilweise zu Fuss. Per Schiff (er sagt: ein acht Meter langes Schiff, besetzt mit 35 Menschen) nach Griechenland. Dann Kroatien, Slowenien, Österreich, Deutschland, Schweiz. Ibrahim lebt mit sieben anderen Familien im «Salmen». Er weilt seit zweieinhalb Jahren in der Schweiz und spricht recht gut deutsch. Er arbeitet im Reusspark in Niederwil, wie auch seine Freundin. Dafür ist er dankbar.
Was bedeutet ihm der kleine Fussweg hinter dem «Salmen»? Ganz viel. Jeden Tag nimmt er sich einen Stuhl, setzt sich hin. Schaut, wie das Wetter wird. Und geniesst die für ihn unendliche Ruhe. Sein persönlicher Weg war lange Zeit der Fluchtweg voller Gefahren. Dagegen kommt ihm der kleine Schleichweg von «Salmen» bis «Rössli» beinahe wie ein kleines Paradies vor.





