Ein jazziger Kirchengang
12.06.2018 Wohlen6. ibw-Jazz-Night: Bands und Zuschauer trotzen den misslichen Bedingungen
Jimi-Hendrix-Riffs, New-Orleans-Grooves, klassischer Big-Band-Sound: Diese Jazz-Night bleibt in besonderer Erinnerung. Vor allem auch, weil Patricia Ott die katholische Kirche mit ...
6. ibw-Jazz-Night: Bands und Zuschauer trotzen den misslichen Bedingungen
Jimi-Hendrix-Riffs, New-Orleans-Grooves, klassischer Big-Band-Sound: Diese Jazz-Night bleibt in besonderer Erinnerung. Vor allem auch, weil Patricia Ott die katholische Kirche mit ihren Klängen in eine Märchenwelt verwandelte.
Simon Huwiler
«Wisst ihr, wer mit so einer Gitarre gespielt hat?», ruft Tom Marcozzi den Zuschauern im «Marco Polo» zu. «B. B. King.» Und dann spielen «Johnny Fontane and The Rivals» einen Klassiker der Blueslegende: «Rock Me Baby» – authentisch, leidenschaftlich, ausdrucksstark. Ob B. B. King, Chris Rea oder Jimi Hendrix: es ist sackstark, was die vier da auf der Bühne zeigen. Man will mehr und man bekommt mehr. «Wir spielen so lange, bis es nicht mehr regnet», ruft der Sänger. Da muss er an diesem Abend lange durchhalten. Trotz miserablen äusserlichen Bedingungen danken die Zuschauer es den Bands – und bleiben bis spät in die Nacht hinein. Auch wenn für einmal nicht die Cocktail-, sondern die Regenschirme die Kulisse dominieren.
Von der Gitarre zum Saxofon
Vom «Marco Polo» gehts über das Bärengässchen Richtung «Bären». Die scherbelnden 60er-Jahre-Riffs der Fender-Gitarre verstummen allmählich und scheinbar aus dem Nichts erheitert ein wunderbar warmes Saxofon-Solo die Nacht. Ganz anders, aber ebenso faszinierend. Auch hiervon will man mehr. «Jazz Tube» spielen die Musik, die die ibw-Jazz-Night charakterisiert – News-Orleans-Jazz, made in Switzerland.
«Bären», Chappelehof, «Marco Polo», «Rössli», Rüebliland-Kafi und «Sternen»: In den Wohler Restaurants und Bars zelebrieren die Musikerinnen und Musiker Jazz vom Feinsten. Die Jazz-Night wäre aber nicht die Jazz-Night, hätten sich die Organisatoren nicht etwas Neues – «Out-of-the-box» – überlegt. Diesmal wars die katholische Kirche mit Patricia Ott an der Orgel. Die Klänge sind beeindruckend – majestätisch, mystisch, magisch. Und passen somit perfekt in die märchenhaft beleuchtete Kirche. Wer Ott zuhört, der merkt schnell: hier passiert etwas ganz Spezielles, solche Töne kannte diese Kirche noch nicht. Erst wenn man ihr zusieht, erkennt man, wie anspruchsvoll es ist, wie ein halbes Orchester zu klingen – mit nur zwei Händen.
Über drei Ebenen verteilen sich die Tasten. Eine Etage weiter unten drückt Ott zusätzlich die vielen Pedale. Und als wäre dies nicht herausfordernd genug; während des Spielens betätigt die Organistin links und rechts der Orgel Hebel und Schalter – im Bruchteil einer Sekunde und ohne, dass jemand ahnen würde, wie hektisch es da oben auf der Empore zu und her geht. Nassgeschwitzt, aber überglücklich bringt Ott die erste Session hinter sich: «Wunderbar. Eine tolle Orgel. Sie hat viele Feinregister und spezielle Farben. Ich kann auf ihr sehr kräftig spielen, was nicht selbstverständlich ist.» Und dann lächelt sie, die hauptsächlich in der klassischen Musik zu Hause ist: «Im Jazz weiss man nie so genau, was dabei rauskommt.» Es war bezaubernd.
Auf in eine wunderbare Jazz-Zukunft
Hanspeter Weisshaupt liess sich die zweite Session später am Abend nicht entgehen. Er, der seinen letzten Auftritt als VR-Präsident der ibw an diesem Abend hatte, war begeistert: «Dieses Konzert war hervorragend. Dank den Kameras konnten wir die koordinativen Fähigkeiten erst sehen.» Zwischen Kirche und «Marco Polo» hält er kurz inne und blickt in die Zukunft: «Ich wünsche mir, dass die nächste Jazz-Night mit genauso viel Goodwill, Abwechslung und Qualität weitergeht.» Dann gehts weiter. Diesen Abend will er noch einmal so richtig geniessen. Wie ganz viele Besucher dieser feuchten Jazz-Night, die trotz Wetterpech einen herrlichen Abend verbrachten.





