Zeitzeugen bewegen
31.07.2026 Mutschellen, GewerbeNach wie vor fahrbereit
Sommerserie «Immer noch da»: Firma in Rudolfstetten besitzt und pflegt alte Grossfahrzeuge
Rund 30 Feuerwehrfahrzeuge, Personenbusse und Lastwagen befinden sich in der Privatsammlung der Werner Gehrig ...
Nach wie vor fahrbereit
Sommerserie «Immer noch da»: Firma in Rudolfstetten besitzt und pflegt alte Grossfahrzeuge
Rund 30 Feuerwehrfahrzeuge, Personenbusse und Lastwagen befinden sich in der Privatsammlung der Werner Gehrig Nutzfahrzeuge AG in Rudolfstetten. Sie trägt dabei zum Erhalt dieser Zeitzeugen bei.
Roger Wetli
«Wir bewegen all diese Fahrzeuge noch regelmässig. Sie sind jederzeit fahrbereit», erklärt Michael Fust. Er ist bei der Werner Gehrig Nutzfahrzeuge AG als Verkaufsberater und Projektleiter angestellt. Um die private Sammlung der Firma kümmert sich Fust heute rund einen halben Tag pro Woche. Lange tat er dies zusammen mit dem im letzten Jahr verstorbenen Patron Werner Gehrig.
Dieser legte den Grundstein des Museums in den 80er-Jahren. Besonderes Augenmerk hatte er auf grosse Fahrzeuge wie Autobusse, Lastwagen und Feuerwehrfahrzeuge. Diese benötigen entsprechend viel Platz. Zur Sammlung gehören unter anderem ehemalige Feuerwehrautos aus Wohlen, Dottikon und der Stadt Zürich. Mit dem Zürcher Stadtbus von 1930 fuhr Werner Gehrig als Kind mit.
Kein Rückkauf
Michael Fust erklärt, dass in der Regel die einstigen Besitzer ihre Fahrzeuge nicht mehr zurückkaufen möchten. «Meist fehlen ihnen der Platz, die Zeit und das Geld für den Unterhalt. Wohl deshalb erhalten wir immer wieder Anfragen von Leuten, die ihre Fahrzeuge veräussern möchten.» Die Sammlung solle jetzt aber nicht mehr wachsen, sondern in der heutigen Form bestehen bleiben.
Mehrheitlich in der Freizeit bietet Michael Fust Führungen im Museum an und nimmt an Feuerwehr- und Oldtimer-Treffen teil. Mit Letzteren werden die Fahrzeuge auch ausserhalb von Rudolfstetten erlebbar. «Diese zu pflegen, ist eine schöne Sache», schwärmt Fust. «Die Firma ist definitiv stolz auf die Sammlung ihres Patrons.»
Sommerserie «Immer noch da»: Historische Feuerwehrfahrzeuge, Busse und Lastwagen aus Wohlen, Dottikon und Zürich
Alte Autos brauchen Platz – alte Personenbusse, Lastwagen und Feuerwehrfahrzeuge noch viel grössere Flächen. Die Werner Gehrig Nutzfahrzeuge AG in Rudolfstetten bewahrt und pflegt in einem Privatmuseum einige dieser grossen Fahrzeuge. Sie sind alle noch fahrtüchtig.
Roger Wetli
«Viele wollen ihre alten Gefährte loswerden. Denn der Platz und die Pflege sind teuer. Und sie versperren die Flächen für die aktuell benötigten Fahrzeuge. Es ist zudem teuer, neuen Platz zu bauen», weiss Michael Fust. In Wohlen aufgewachsen und heute in Büttikon zu Hause, pflegt er seit 1999 die Sammlung seines einstigen Patrons Werner Gehrig. Bis zu dessen Tod am 16. September 2025 mit 77 Jahren taten sie das zusammen. Das alles machte und macht Michael Fust neben seiner Anstellung als Verkaufsberater und Projektleiter der Firma Werner Gehrig Nutzfahrzeuge AG. Seine Aussage unterstreicht er: «Wir erhalten jeden Monat Angebote für alte Fahrzeuge. Diese lehnen wir in der Regel ab, weil wir selber nicht mehr wachsen wollen.» Die ehemaligen Besitzer wollten in der Regel ihre Fahrzeuge nicht mehr zurück und seien froh, dass diese in Rudolfstetten einen würdigen Ort gefunden haben.
Raritäten und Liebhaberobjekte
Dazu zählt unter anderem ein Feuerwehrfahrzeug aus Dottikon. Der Austin T200 wurde 1963 gebaut und kam über Umwege nach Dottikon, wo er 2002 ausgemustert wurde. Der Ford F 800 B mit Jahrgang 1956 war zuerst in der Stadt Aarau im Einsatz, bevor er bis 1999 im Dienste der Wohler Feuerwehr stand. Besonders stolz ist Michael Fust auf das Feuerwehrfahrzeug Magirus C2 von 1921. «Es ist eines der ältesten Fahrzeuge dieser Sammlung und war die erste Fahrzeugpumpe der Brandwache Zürich.» Unter den Bussen hebt Fust den Saurer 4BPO hervor. «Es war der erste Zürcher Stadtbus mit serienmässigem Dieselmotor und wurde 1930 gebaut. Werner Gehrig ist damit noch als Kind gefahren.»
Michael Fust kennt die Geschichten der Fahrzeuge dieser Sammlung. Viele hat er selbst zusammen mit Werner Gehrig restauriert. «Spannend finde ich, dass wir früher den Fokus darauf legten, dass die Fahrzeuge wieder aussehen, wie sie das einst neu taten.» Die Philosophie wechsle gerade in die Richtung, dass man auch mal den Original-Lack mit Gebrauchsspuren lasse und abgeblätterten Lack nicht überdecke. Dies, sofern das Fahrzeug darunter nicht leidet. «Heute möchte man den Fahrzeugen ihr Alter und ihre Geschichte ansehen. Und das nicht mehr nur am Chassis-Design des Fahrzeuges.»
Regelmässige Ausfahrten
Michael Fust betont, dass die rund 30 Lastwagen, Busse und Feuerwehrfahrzeuge alle noch fahrtüchtig sind. «Wir können damit jederzeit eine kleine Reise unternehmen», sagt er. «Dies tun wir regelmässig. In der warmen Jahreszeit aber öfter als in der kalten», lacht er. Zu sehen sind die Fahrzeuge während vorgängig gebuchten Privatführungen und an verschiedenen Feuerwehr- und Oldtimer-Treffen, an denen vor allem Michael Fust teilnimmt. «Beides mache ich mehrheitlich in der Freizeit. Für den Unterhalt der Fahrzeuge investiere ich dagegen im Dienst der Firma etwa einen halben Tag pro Woche.» Obwohl mehrere Busse zur Sammlung gehören, werden keine Publikumsfahrten angeboten. Dies aus einem wichtigen Grund: «Zu den Kunden der Werner Gehrig Nutzfahrzeuge AG gehören auch solche, welche bereits Fahrten mit ihren Oldtimer-Bussen anbieten. Wir halten diese in Schuss. Und möchten sie nicht konkurrieren.»
Leidenschaftlicher Sammler
Wer durch die Privatsammlung schlendert, hat schnell das Gefühl, im Schlaraffenland eines leidenschaftlichen Sammlers zu sein. Neben den grossen Fahrzeugen sind auch zwei Anhänger mit Feuerwehrleitern zu sehen, die von Pferden gezogen worden sind. Dazu kommen verschiedene historische Kinderfahrzeuge von Steiff und Wisa Gloria. «Einige baute Werner Gehrig aber auch von Grund auf selbst für seine Kinder», weiss Michael Fust. Ins Auge stechen zudem die vielen Vitrinen mit unzähligen Lego-Technik-Fahrzeugen. Darunter auch viele, die erst in den letzten Jahren erschienen sind. «Werner Gehrig baute diese Modelle noch bis ins hohe Alter. Er sammelte aber immer nach Plan», so Michael Fust.
Erbe erhalten
Ein Magirus-Oldtimer legte in den 80er-Jahren den Grundstein für die Privatsammlung. Werner Gehrig arbeitete nach seiner Maschinenschlosser-Lehre bei der Escher Wyss AG in Zürich als Praktikant bei einer Magirus-Vertretung in Deutschland. 1971 gründete er als 23-Jähriger eine eigene Magirus-Deutz-Vertretung in Berikon. 1980 verlegte er den Betrieb an den heutigen Standort. «Seine Faszination für grosse Fahrzeuge und besonders für Magirus blieb bis ins hohe Alter», weiss Michael Fust. Im Museum erinnert dezent im Hintergrund eine alte Werkbank mit Fotos und wenigen Spielzeuglastwagen an den Patron.
«In der Firma sind alle stolz auf diese Sammlung», erklärt Michael Fust. «Sie ist zwar eine ‹Patron-Geschichte›, aber auch einer der Gehrig-Junioren pflegt diese Leidenschaft.» Die Grundidee der Erbengemeinschaft sei, dieses Privatmuseum mit der Sammlung so zu erhalten, wie sie ist. Fust unterstreicht: «Diese historischen Lastwagen, Busse und Feuerwehrfahrzeuge werden also noch lange gepflegt werden – und damit ein Teil der technischen Entwicklung der letzten 100 Jahre nachvollziehbar und erlebbar bleiben.»
Die Serie
Die Welt verändert sich stetig, Dinge verschwinden. Als Beispiel: Die Post hat in den letzten Jahren immer mehr Filialen abgebaut. In der Sommerserie «Immer noch da» greift die Redaktion Handwerke, Vereine und Themen auf, die sich über die Jahrzehnte gehalten haben. Von der Wyssebacher Sagi über den «Chäber» in Wohlen bis zur Lohnbrennerei. --red



