«Wir kamen nicht ins Fliegen»
12.03.2024 BremgartenAuch «Gnusswerk» schliesst
Bremgarten muss weiteren Altstadt-Restaurant-Verlust verdauen
Das von Juri Tirez ins Leben gerufene Restaurant neben dem Spittelturm hat nur noch bis Ende Monat geöffnet. Für ihn und Mitinhaber Nico ...
Auch «Gnusswerk» schliesst
Bremgarten muss weiteren Altstadt-Restaurant-Verlust verdauen
Das von Juri Tirez ins Leben gerufene Restaurant neben dem Spittelturm hat nur noch bis Ende Monat geöffnet. Für ihn und Mitinhaber Nico Schulthess ist diese Schliessung ein schmerzhafter Schritt. Aber ein wohlüberlegter.
Marco Huwyler
Es gab ein paar Wochen, vor rund eineinhalb Jahren, da wähnten sich Juri Tirez und Nico Schulthess über dem Berg. Nach einem schwierigen, schicksalsgebeutelten Start schien das «Gnusswerk» im Herbst 2022 auf gutem Weg durchzustarten. Doch wie immer in der Geschichte des jungen Restaurants folgte auf eine gute Phase wieder ein Rückschlag. Wieder signifikante Personalwechsel. Wieder musste man umstrukturieren. «Wir hatten schlicht zu viele Rochaden», sagt Schulthess. Der familiär geführte Betrieb kam in zweieinhalb Jahren nie zur Ruhe. Ein dauerhafter Übertritt in die schwarzen Zahlen wurde so für das Restaurant nie möglich. Genauso wenig wie ein Agieren im Hintergrund für die beiden Inhaber Tirez und Schulthess, so, wie sich das die beiden immer gewünscht hatten.
Geordneter Abschluss
Nun sehen sich die beiden gezwungen, die Reissleine zu ziehen. «Wir konnten die Energie für das ‹Gnusswerk› nicht mehr aufbringen. Und das finanzielle Risiko wurde am Ende zu gross», sagt Tirez. Schon seit ein paar Monaten zeichnet sich ab, dass es mit dem «Gnusswerk» unter ihrer Führung zu Ende gehen wird. In den vergangenen Wochen wurde nach einem neuen Pächter gesucht, nachdem sich eine interne Lösung nicht ergeben hatte. Auch an Anschlusslösungen für das fünfköpfige Wirteteam wurde gearbeitet. «Wir wollten das Kapitel ‹Gnusswerk› zu einem geordneten und guten Ende bringen», sagen Tirez und Schulthess. Nun sollen die letzten Tage noch ausgekostet werden. Wenn das Herzensprojekt der beiden schon ein Ende haben muss, dann soll es immerhin ein möglichst harmonischer Abschluss sein.
Das «Gnusswerk» beim Spittelturm sagt Ende Monat «Adieu»
Bremgarten verliert ein weiteres Altstadt-Restaurant. Das Gnusswerk von Juri Tirez und Nico Schulthess war letztlich nicht selbsttragend. Auch weil sich viel Widriges kumulierte. Doch die Verantwortlichen hadern nicht, sondern freuen sich auf ein möglichst versöhnliches Ende.
Marco Huwyler
Es tut schon weh, das kann und will Juri Tirez nicht verhehlen. «Jedes Mal, wenn ich daran vorbeilaufe. Jedes Mal, wenn ich darüber spreche.» Das Gnusswerk war für den 41-Jährigen nicht eines von vielen Projekten. Es war die Verwirklichung eines Traums. Bis ins kleinste Detail hat er es nach seinen Vorstellungen konzipiert und gestaltet. Vom Konzept der frischen, mediterranen Küche bis zur Einrichtung, unter der sich so manches Unikat aus Tirez’ Privatbesitz findet. Das französisch angehauchte Schmuckstück an exklusiver Bremgarter Lage gleich neben dem Spittelturm war auch ein Abbild von Tirez’ Persönlichkeit. Seine Idealvorstellung von einem Restaurant. Nun muss er dieses bloss zweieinhalb Jahre nach der Eröffnung wieder aufgeben.
Seit dem Sommer suchte man eine Lösung
Es versteht sich von selbst, dass sich Tirez diese Entscheidung nicht leicht gemacht hat. Gemeinsam mit Geschäftspartner, Mitinhaber und gutem Freund Nico Schulthess hat er monatelang gegrübelt, wie es weitergehen könnte. Spätestens seit dem Sommer vergangenen Jahres hat sich für die beiden abgezeichnet, dass sich etwas ändern muss. «Wir hatten hervorragendes Sommerwetter, das grossartige Leuefäscht direkt vor der Tür, genauso wie florierende Markttage», resümiert Tirez. Beste Voraussetzungen, super frequentierte Tage. Und trotz allem blieb unter dem Strich ein Minus in der Rechnung 2023. Für Tirez und Schulthess eindeutige Zeichen, «dass es so nicht mehr weitergehen kann.»
Gemeinsam mit dem Gnusswerk-Team hat man in der Folge nach Lösungen gesucht. Die angestrebte Nachfolgeregelung, wonach einer oder ein Teil der Angestellten künftig übernehmen könnte und das Restaurant ohne initiales Risiko betreibt, zerschlug sich letztlich aber. Und deshalb ist nun, Ende März 2024, ganz vorbei mit dem Gnusswerk. «Uns allen bleiben noch knapp drei Wochen. Diese wollen wir nochmals voll auskosten», sagt Schulthess.
Schicksalsschlag zu Beginn
Das Gnusswerk stand von Anfang an unter einem schwierigen Stern. Just vor der Eröffnung im Frühjahr 2021 hatte Juri Tirez eine lebensbedrohliche Hirnblutung erlitten, die ihn lange ausser Gefecht setzte. Die Restaurant-Eröffnung verzögerte sich um Monate. Und als es so weit war, mutete sich Tirez zu viel zu. Er, der umtriebige Macher, der es nicht gewohnt war, die Beine hochzulagern, verzichtete auf die verordnete Reha und nahm sofort wieder alle Zügel in die Hand. «Im Nachhinein ein Fehler», wie er einräumt. Und auch Schulthess gibt sich selbstkritisch. «Wir hätten Juri gemeinsam bremsen und die Verantwortung besser verteilen sollen», sagt er. So war das Gnusswerk für Tirez von Anfang an auch eine Last, an der er, gesundheitlich angeschlagen, schwer zu tragen hatte. Und auch Schulthess, der nicht in Bremgarten wohnt, hatte mit seinen vielen anderen beruflichen Projekten nicht die Kapazität, um das Restaurant mit jener Präsenz zu führen, die es gebraucht hätte. Die beiden Geschäftsführer versuchten die Verantwortung für das Gnusswerk so gut es ging zu delegieren. Doch letztlich funktionierte das nie richtig. «Wenn Entscheidungen anstanden, wenn es schwierig wurde, wenn man Sonderefforts leisten musste – dann fiel schlussendlich doch wieder alles auf uns zurück», sagt Tirez.
Kumulierte Unbill
Hinzu kamen erschwerende Umstände. Widrigkeiten, die viele Gastronomen kennen, die aber im Falle des Gnusswerks geballt in kürzester Zeit auftraten. Auf Corona folgten zahlreiche Personalwechsel, Krankheiten und lebensumstandsbedingte Ausfälle. Alles begleitet von Rahmenbedingungen in einem Städli, dessen Lebendigkeit mittlerweile seit Jahren unter der misslichen Gastrolage beim Bogen («Drei Könige», «Sonne») leidet und das es den übrig gebliebenen Wirten mit seinem hürdenbefrachteten Gassenreglement nicht leicht macht. So kam der Betrieb neben dem Spittelturm kaum zur Ruhe und eigentlich nie so richtig in die Gänge. Immer, wenn es gut zu laufen schien, kam die nächste Hürde. «Das Gnusswerk kam deshalb nie ins Fliegen, wie wir uns das erhofft gehabt hätten», drückt es Nico Schulthess aus.
Stattdessen wuchs das Loch in der Kasse. «Und irgendwann wurde das betriebliche Risiko zu gross», sagt Tirez. Denn das Restaurant wurde nie als ein wirtschaftlich eigenständiger Betrieb ausgelagert, sondern blieb stets mit den anderen Unternehmenszweigen von Schulthess und Tirez verknüpft (u. a. dem «Stiefelchnächt»). Dennoch kam es für die beiden Betreiber nie infrage, das Restaurant vom einen auf den anderen Tag an die Wand zu fahren und Hals über Kopf zu schliessen. «Wir wollten einen sauberen, schönen Abgang. Dass sich die Angestellten auf die Zukunft vorbereiten können. Und dass wir verschiedene Nachfolgelösungen für das Lokal prüfen konnten.» Auch wenn dies letztlich bedeutete, dass das Minus in den letzten Wochen und Monaten weiter angewachsen ist. «Das war es trotzdem wert», sagt Tirez.
Die letzten Tage geniessen
So wird es «einige Jahre» dauern, bis sich er und Schulthess wirtschaftlich vom Gnusswerk erholen. Dennoch sind die beiden zuversichtlich, dass sie nach dem ersten Durchschnaufen wieder durchstarten. «Wir können nun einen Schritt zurück machen und uns darauf besinnen, was unsere Stärken sind», sagen sie. Diese liegen sowohl bei Tirez als auch bei Schulthess nicht in der Restaurant-Gastronomie, sondern der Bar- und Veranstaltungsszene. «In die wir nun wieder unsere volle Energie stecken können», wie Schulthess bekräftigt.
Die Erfahrung Gnusswerk möchten die beiden derweil dennoch nicht missen. «Wir haben viel gelernt», sagen sie. Das Gnusswerk habe ihr Leben in den letzten zweieinhalb Jahren bereichert und für sehr viele unvergessliche Erinnerungen gesorgt. «Glückliche Leute, das mega positive Feedback immer und die breite Wertschätzung von unterschiedlichsten Gästen. Das sind Dinge, die im Herzen bleiben.»
Das Gnusswerk-Team möchte in den kommenden Tagen noch möglichst vielen Menschen die Gelegenheit geben, vom besonderen Restaurant neben dem Spittelturm Abschied zu nehmen. «Deshalb gehen wir auch an die Öffentlichkeit.» Tirez und Schulthess werden in den verbleibenden zweieinhalb Wochen selbst so viel wie möglich dort sein. Eine grosse Goodbye-Party wird es im Gnusswerk aber nicht geben. «Das haben wir bewusst so gewählt», sagt Schulthess. «Wir möchten unaufgeregt und ohne grosses Tamtam genussvoll Abschied nehmen.» Jeder sei dazu nochmals herzlich eingeladen.
Neuer Fokus
Selbstredend werden Schulthess und insbesondere Tirez auch ohne Gnusswerk weiterhin umtriebig und aktiv bleiben im Städtli. Die Bauwagensaison steht vor der Tür. Das Festival i de Marktgass 24 ist in Vorbereitung. Und weitere Projekte stehen kurz vor der Lancierung. Doch mit der Restaurant- Gastronomie ist nun erstmal Schluss. «Ich hatte mein Projekt mit dem Gnusswerk, in das ich alles reinsteckte. Zeit, Geld, Herzblut, Energie», sagt Tirez. Nun liege der Fokus wieder auf anderem. «Vielleicht mache ich in 20 Jahren mit Nico für den Altersabend irgendwo etwas ganz Kleines auf. Gemütlich. Nicht kommerziell. Nur für den Spass», lacht er, halb scherzend, halb träumend. Bis dahin wird Gnusswerk sein Restaurant gewesen sein. Nicht so lange wie erhofft. Aber dennoch eines, das in Erinnerung bleibt.
Neues Restaurant kommt
Gemeinsam mit dem Verpächter haben die Betreiber des Gnusswerk in den letzten Monaten eine Nachfolgelösung gefunden. «Auch davon war letztlich der Schliesszeitpunkt abhängig», sagt Tirez. Um wen es sich dabei handelt und nach welchem Konzept künftig neben dem Spittelturm gewirtet wird, soll zu einem späteren Zeitpunkt kommuniziert werden. Für die bisherigen Betreiber ist klar: «Wir wünschen dem neuen Pächter schon jetzt von Herzen viel Glück», sagt Tirez. Denn ein funktionierendes Restaurant gleich beim Eingang der Altstadt sei für ein lebendiges Bremgarten essentiell. --huy


