Wie ein riesiger Sandkasten
07.08.2026 Region BremgartenAuf der Baustelle
Sommerserie «Redaktoren schnuppern»
Einmal auf einer Baustelle arbeiten: Diesen Wunsch erfüllte sich Redaktor Roger Wetli in Fischbach-Göslikon bei der Auenrenaturierung Grien. Als Bauleiter durfte er Christoph Flory ...
Auf der Baustelle
Sommerserie «Redaktoren schnuppern»
Einmal auf einer Baustelle arbeiten: Diesen Wunsch erfüllte sich Redaktor Roger Wetli in Fischbach-Göslikon bei der Auenrenaturierung Grien. Als Bauleiter durfte er Christoph Flory von der Pro Natura Aargau und Christoph Wildi, Vorarbeiter der Eberhard Bau AG, begleiten. Zudem erhielt er Einblick, was es alles braucht, um einen Bagger zu fahren. --rwi
Sommerserie «Redaktoren schnuppern»: Als Bauleiter und Baggerfahrer
Bauarbeiter zu werden, ist ein viel geäusserter Berufswunsch von Kindern. Auch ich wurde damit angesteckt. Die Baustelle der Auenrenaturierung Grien in Fischbach-Göslikon ermöglicht mir, grobe Einblicke zu gewinnen.
Roger Wetli
«Nein, also selber Bagger fahren werden Sie nicht können. Dies aus Sicherheitsgründen», hiess es im Vorfeld meines Besuchs. Dass ich dann vor Ort doch mit einem dieser grossen Gefährten mitfahren darf, freut mich umso mehr. Zuerst werde ich aber zum Bauleiter. Dazu übergibt mir Christoph Wildi, Vorarbeiter der Eberhard Bau AG, einen Bauhelm und eine Leuchtweste. Meine Sicherheitsschuhe habe ich selber mitgenommen. Schnell gesellt sich Christoph Flory dazu. Er ist der Verantwortliche der Naturschutzorganisation Pro Natura Aargau, welche diese Aushebung eines neuen, rund 300 Meter langen Reussseitenarms in Auftrag gegeben hat. «Ich schaue hier ein- bis zweimal pro Woche vorbei, um Details zu besprechen», erklärt mir Flory.
Diskussionen nötig
Gemeinsam mit Christoph Wildi betreten wir die Baustelle. Ein Bagger verschiebt gerade Erde in einer Ecke. Dort, wo das Reusswasser künftig in den Seitenarm fliessen wird, bleiben wir stehen. «Das Militär möchte hier auch künftig eine mobile Brücke über die Reuss spannen. Wir müssen schauen, dass wir so bauen, dass es für sie günstig ist», erklärt Wildi. Christoph Flory kündigt an, die genauen Wünsche mit dem Militär zu besprechen. Die beiden diskutieren über den genauen Aufbau der Uferverbauung, welche in der Zeit des Zweiten Weltkrieges erstellt wurde. «Wir können nur hoffen, dass unsere Vorgänger es richtig in die Pläne eingetragen haben», sagt Christoph Wildi. Denn ein Teil der Uferverbauung wird abgebaut werden müssen. «Wenn unter dem Boden etwas anderes zum Vorschein kommt, müssen wir schauen, wie es weitergeht. Wichtig ist, dass die Stelle des künftigen Reusseinlaufs bei Hochwasser nicht weggeschwemmt wird.»
Von einem Hochwasser ist man aktuell weit entfernt. «Wir haben in diesem Monat den tiefsten Wasserstand seit Messbeginn», weiss Christoph Flory. Für Wildi ist das eher ein Vorteil. «Das Bauen in Flussnähe geht so einfacher. Wir könnten in dieser Zeit auch Überschwemmungen haben. Das würde die Arbeiten erschweren.»
Ein paar Schritte weiter kommen wir am künftigen Prallhang des neuen Seitenarms an. «Der Bagger baut gerade eine Buhne», erklärt Christoph Wildi. Ich erinnere mich, den Begriff während meines Studiums an der Fachhochschule Wädenswil gelernt zu haben. Wildi bestätigt: «Mit einer Buhne wird das Wasser vom Prallhang weggeleitet, damit der Hang nicht in den neuen Seitenarm rutscht.» Eine gewisse Dynamik sei zwar künftig in der Grien erwünscht, dieser würden sie aber Grenzen setzen. «Dies zum Beispiel mit Buhnen.»
Wir stapfen weiter über diese Baustelle, die aktuell wahlweise wie ein riesiger Sandkasten oder eine karge Mondlandschaft aussieht. Wieder am Ufer der Reuss angekommen diskutieren Christoph Flory und Christoph Wildi, wie auf einem längeren Abschnitt die ganze Verbauung weggenommen werden kann. Ein Wasservogel mit Jungtieren schwimmt davon. Christoph Flory bestimmt sie als Gänsesäger. «Die Steinblöcke, die wir noch brauchen können, werden auf dieser Baustelle an einem anderen Ort wieder eingebaut. Die Betonblöcke recyceln wird», so Wildi. Christoph Flory zeigt auf eine helle Stelle auf dem Flussboden. «Das ist Seekreide. Also der einstige Seeboden. Diese Sedimente wurden abgelagert, als die Reuss südlich von Mellingen durch die Endmoräne des Gletschers gestaut war. Damals gab es hier einen See.» Durch dieses Sediment sickere kein Wasser. Es sei extrem dicht. «Diese Eigenschaft nutzen wir hier», so Flory.
Fast wie eine Ehe
Es ist Zeit für eine Pause. Wir treffen uns bei den Baucontainern mit dem Baggerführer und dem Polier. Und sprechen über Gott und die Welt. Christoph Flory lacht: «In der Zeit solcher Bauten ist man so eng mit dem zuständigen Vorarbeiter in Kontakt, dass man sich nach Ende der Arbeiten fast vermisst.» Wildi erklärt mir, dass er das Projekt von A bis Z begleitet. «Ich rapportiere, bestelle Material und plane alle Details.» In diesem Moment rüttelt ein grosser Lastwagen mit Steinblöcken an. Wildi zeigt ihm, wo er sie auf die Baustelle kippen soll. Er bestellt gleich noch eine zweite Ladung.
Danach erklärt Wildi, dass er auch reagiere, wenn Unerwartetes passiere. Als 1. Verantwortlicher in der Grien sei er auch für die Einhaltung der Vorschriften zuständig. «Wenn die Wassertemperaturen der Reuss über 25 Grad Celsius steigen, dürfen wir zum Beispiel keine Schüttungen in das Gewässer vornehmen. Unseren Referenzwert erhalten wir von einer amtlichen Messstelle in Mellingen.» Sie würden deshalb solche Arbeiten aktuell vor allem am Morgen ausführen.
Das Gespräch handelt bald von den Reaktionen der Passanten. «Die meisten sind sehr interessiert und finden das Projekt gut», weiss Baggerführer Wädi Liotto. Christoph Wildi ergänzt: «Und andere beklagen den Verlust des Landwirtschaftslands durch dieses Projekt. Dafür war hier doch zuvor nur Wiesland.»
Zum Thema Hitze meint Wädi Liotto, dass er eine klimatisierte Baggerkabine habe. «Und sonst heisst es einfach: trinken, trinken und trinken. Das Wasser stellt unsere Firma zur Verfügung.»
Modernes Kraftfahrzeug
Die Pause ist zu Ende. Wildi und Flory verabschieden sich von mir. Beide müssen sich noch um andere Arbeiten kümmern. Ich begleite Wädi Liotto zu seinem Bagger. Er lädt mich ein, zu ihm in die Führerkabine zu steigen. Diese ist so eng, dass ich dort nicht sitzen kann, sondern mich im Türbereich festhalte. Es rumpelt, der Bagger fährt los. Neben Fusspedalen und zwei Joysticks befinden sich zwei kleine Bildschirme im Bagger. «Wir haben die Pläne dieser Baustelle digital darauf. Diese sind mit dem GPS verbunden. Deshalb wissen wir immer, wo wir genau stehen», erklärt mir Liotto. Sanft zieht er die gewaltige Baggerschaufel über die Erde. «Diese Geländehöhe müssen wir erreichen.» Wenn er in den Boden gräbt, zeigt ihm einer der Bildschirme auf den Zentimeter genau an, wie tief die Schaufel ist. Wädi Liotto zeigt mir noch etwas anderes: «Ich kann den Bagger mit wenigen Befehlen so programmieren, dass er gewisse Bewegungen automatisch ausführt. Er ist dabei schneller, als wenn ich es selber tun würde.» Wädi Liotto bildet als Instruktor und Coach drei Monate pro Jahr im Winter Maschinenführer aus. Ich frage, ob dieser Automatismus nicht die eigene Fähigkeit beeinträchtigt. «Das ist schon ein bisschen so. Gleichzeitig müssen wir den Bagger selber gut steuern können.» Liotto macht das bereits seit 1987. «Ich habe immer noch Spass daran. Gerade bei einem solchen Projekt darf ich teilweise improvisieren.» Der Baggerführer arbeitete aber auch schon mal zwei Jahre für die Sanierung einer grossen Abfalldeponie.
Ein grosser Tanklastwagen fährt auf die Baustelle. Wädi Liotto führt seinen Bagger zu ihm. «Wir tanken etwa jeden zweiten Tag», erklärt er. Oft sieht man Baggertanks auf der Baustelle stehen. Das gehe hier nicht, weil sonst die Gefahr bestehe, dass grosse Umweltschäden durch ausgelaufene Tanks entstehen. Der Tanklastwagenfahrer und der Baggerführer kennen sich. Beide arbeiten bei der gleichen Firma. Entsprechend freundlich ist der Kontakt.
Ich darf ein letztes Mal auf den Bagger steigen. Wädi Liotto schaufelt nun grosse Erdmengen um. Ein Bildschirm zeigt mal 9, mal 7,8 Tonnen an. Es ist das Gewicht, das sich jeweils in der Schaufel befindet. Es rumpelt. Schon oft habe ich Baggerarbeiten aus sicherer Entfernung zugeschaut. Aus der Perspektive der Führerkabine wirken die Kräfte dieses Arbeitsgerätes noch gewaltiger. Zum Glück ist die Baggerscheibe mit dicken Stahlstangen gesichert. Nicht auszudenken, sollte mal eine Stange oder ein grosser Stein in Richtung Kabine fallen.
Tief beeindruckt verabschiede ich mich von Wädi Liotto und der Baustelle Grien. Ich merke, dass meine Faszination für Baustellen geblieben ist. Noch grösser ist dagegen der Respekt über das Fachwissen und Können der Arbeiter.
«Redaktoren schnuppern»
In dieser Sommerserie blicken Redaktorinnen und Redaktoren hinter die Kulissen von anderen Berufen. Sie begleiten jemanden mindestens einen halben Tag lang, packen mit an und berichten darüber.
Bereits erschienen: Stefan Sprenger als Kosmetiker, Ausgabe vom 14. Juli. Thomas Stöckli als ARA-Hilfsarbeiter, Ausgabe vom 21. Juli. Monica Rast als Hundefriseurin, Ausgabe vom 24. Juli. Sabrina Salm als Tofurei-Mitarbeiterin, Ausgabe vom 28. Juli. Annemarie Keusch als Bauamtsmitarbeiterin, Ausgabe vom 31. Juli. Josip Lasic als Schiffsbegleiter auf dem Hallwilersee, Ausgabe vom 4. August.



