Vom Strafraum in die Berge
19.06.2026 SportBesonderer Wechsel: Der frühere Fussballgoalie Lukas Bolzli will professionell in den Ultramarathon-Sport wechseln
Er war ein starker Torhüter und spielte in der Promotion League, doch nun wechselt Lukas Bolzli die Sportart. Der Freiämter will im Alter von ...
Besonderer Wechsel: Der frühere Fussballgoalie Lukas Bolzli will professionell in den Ultramarathon-Sport wechseln
Er war ein starker Torhüter und spielte in der Promotion League, doch nun wechselt Lukas Bolzli die Sportart. Der Freiämter will im Alter von 26 Jahren im Ultramarathon eine grosse Nummer werden. Sein Ziel: Er will davon leben können.
Josip Lasic
Quasi ein Bettmümpfeli. Am letzten Samstag legte Lukas Bolzli 35 Kilometer nach 23 Uhr zurück. Eine Nacht-Trainingseinheit für seine Ultramarathon-Karriere. Spannendes Detail: Wenige Stunden zuvor hatte er mit dem FC Eschenbach in der 2. Liga noch das letzte Saisonspiel in der 2. Liga bestritten. Und die Geschichte wird noch spezieller. Der frühere Torwart wurde in der zweiten Halbzeit eingewechselt – auf dem rechten Flügel. «Ich wollte mal etwas anderes ausprobieren, nachdem ich jahrelang im Tor stand», sagt Bolzli lachend.
Um zu trainieren, steht er vor 3 Uhr morgens auf
Fussball war für ihn ein Ausgleich zum Ultramarathon, wie er erklärt. «Im Fussball habe ich soziale Kontakte. Im Ultramarathon ist man oft einsam unterwegs. Vermutlich war es trotzdem meine letzte Fussballsaison. Denn mit der Arbeit und dem Ultramarathon-Training bleibt nicht viel Zeit.»
Man spürt: Bolzli ist angefressen von diesen Ultramarathons, die länger sind als die klassische Marathondistanz von 42,195 km. In den «UTMB World Series», in denen Bolzli startet, gibt es Rennen über 50 km, 100 km und 100 Meilen. Sein Laufpensum beträgt 100 bis 150 km pro Woche.
FC Merenschwand, FC Muri, FC Zürich
Dazu kommen Krafttraining, Einheiten auf dem Fahrrad und Fussballtrainings. Teilweise steht er vor 3 Uhr morgens auf, um zu trainieren. Auf die Sportart stiess er während seiner Zeit in den USA. An der Universität in Kansas studierte er Sportmanagement und spielte Fussball. «Ich bin auf Instagram auf jemanden gestossen, der 300 km in 56 Stunden gerannt ist. Als ich Ferien hatte und in South Carolina war, wollte ich ausprobieren, wie lange ich für 60 km brauche.» Zuvor war er nie längere Strecken gelaufen. Dennoch beendete er die 60 km in 6:06 Stunden. «Das Gefühl, wenn man durchgebissen hat, hat definitiv Suchtpotenzial», sagt Bolzli, der mit seiner Freundin bald nach Auw zügelt.
Sein Ehrgeiz war schon im Fussball spürbar. Als 10-Jähriger schliesst sich Bolzli (damals in Obfelden zu Hause) dem FC Merenschwand an. Er schafft schnell den Sprung in die Aargauer Auswahl und wechselt mit 12 Jahren zum FC Muri. Von dort führte sein Weg später in den Nachwuchs des FC Zürich, wo er bis zur U21 blieb. Verletzungen bremsten ihn jedoch immer wieder aus. Bolzli musste sich am Handgelenk operieren lassen und hatte mehrere Bandscheibenvorfälle. «Mit 19 habe ich vorübergehend mit dem Fussball aufgehört, weil es insbesondere wegen meiner Rückenprobleme nicht mehr ging.»
Als er längere Zeit schmerzfrei war, versuchte er es nochmals. Beim FC Eschenbach fasste er wieder Fuss und zeigte in der 2. Liga interregional gute Leistungen. Das weckte das Interesse des SC Cham, wo er in der Promotion League eine Saison spielt. Dauerhaft zufrieden war er aber auch dort nicht. Chams Ambitionen waren ihm zu gering. Ein möglicher Wechsel nach Deutschland kam nicht zustande. Über einen Kollegen stiess er auf die Chance, in den USA Fussball zu spielen und gleichzeitig zu studieren. Das tut er eine kurze Zeit lang. In Kansas.
Hohe Kosten
Die Gegenwart und Zukunft hat wenig mit Amerika oder Fussball zu tun. Bolzli will sich mit Vollgas seiner neuen Leidenschaft widmen: dem Ultramarathon, der vorzugsweise in den Bergen stattfindet. Sein Ziel ist, vom Sport leben zu können. Dafür braucht er vor allem Sponsoren. Denn Ausrüstung (es braucht enorm viele Energieriegel und Gels) und Reisen an Wettkämpfe kosten Geld. Aktuell finanziert er alles selbst. Während seiner Zeit beim FC Zürich absolvierte er eine Sportlerlehre als Logistiker, arbeitete danach aber nie in diesem Beruf. Nach vielen verschiedenen Jobs ist er momentan Sachbearbeiter im Strassenverkehrsamt in Schafisheim.
Bolzli steht noch am Anfang seiner Karriere. In den «UTMB World Series» hat er bisher drei Rennen bestritten, alle über 100 km. Bei seinem ersten Start in Grächen wurde er Achter in der Altersklasse 20 bis 34 Jahre und 15. insgesamt. Die beiden anderen Rennen konnte er nicht beenden. In der Türkei zwangen ihn Magenprobleme zur Aufgabe, in der Schweiz verletzte er sich am Knie.
Ziel: Mont Blanc
Künftig will er in der 100-Meilen-Kategorie antreten. Sein Ziel ist es, an den «Ultra-Trail du Mont-Blanc World Series»-Finals starten zu können. Für die Finals reicht eine Qualifikation allein nicht. Weil die Nachfrage nach Startplätzen gross ist, werden sie verlost.
«Ich möchte an meine Grenzen gehen und die Leute dadurch auch inspirieren», sagt er. Seine Ziele sind ambitioniert. Doch sein grosser Ehrgeiz hat Bolzli schon im Fussball weit gebracht. Nun will er sich auch als Ultramarathon-Läufer beweisen. Nach Möglichkeit irgendwann als Profi.


