«Viele wollen diese Verzögerung nicht»
17.03.2026 Energie, BremgartenSwissgrid über den Widerstand
Auf Widerstand stösst Swissgrid immer wieder. Ein Verständnis für die Skepsis gegen Freileitungen in der Region ist laut Sandra Bläuer von der Swissgrid da. Im Interview legt sie ihre Sicht der Dinge dar. ...
Swissgrid über den Widerstand
Auf Widerstand stösst Swissgrid immer wieder. Ein Verständnis für die Skepsis gegen Freileitungen in der Region ist laut Sandra Bläuer von der Swissgrid da. Im Interview legt sie ihre Sicht der Dinge dar. --red
Sandra Bläuer von der Swissgrid über den Widerstand gegen Freileitungen in der Region
Seit Jahren bläst der Swissgrid aus dem Freiamt eine steife Brise entgegen. Nicht nur der VSLR, sondern auch die Gemeinden wehren sich nun auf dem Rechtsweg gegen das Projekt mit Freileitungen, dessen Baugesuch momentan aufliegt. Sandra Bläuer versteht die Skepsis zwar – appelliert aber auch an die Solidarität und wirbt um Vertrauen.
Marco Huwyler
Frau Bläuer, die neue, leistungsstärkere Freileitung durch das Reusstal soll 2031 ans Netz gehen. Doch noch bevor die Einsprachefrist gegen das Baugesuch abläuft, ist schon klar – das wird wohl nichts bis dann. Sämtliche betroffenen Gemeinden erheben gemeinsam Einsprache. Dazu auch Privatparteien. Ist man da bei Swissgrid gefrustet?
Sandra Bläuer: Gefrustet nicht. Wir haben ja leider viel Erfahrung mit derlei und müssen mit Einsprachen rechnen. Schweizweit hat die Swissgrid derzeit über 200 Projekte am Laufen – und kaum eines verläuft ohne Widerstand. Das liegt in der Natur der Sache. Wie etwa ein reibungslos funktionierender Verkehr hat auch ein reibungslos funktionierendes Stromnetz seine Schattenseiten und Nachteile. Wo Autobahnen verlaufen sollen, bildet sich eine Gegnerschaft – und so ist es auch bei den «Stromautobahnen».
Sie haben also Verständnis, wenn man sich gegen Hochspannungsleitungen vor der Haustür wehrt?
Ja, durchaus. Denn dass Freileitungen optisch das Landschaftsbild beeinträchtigen, ist nicht von der Hand zu weisen. Ich finde es auch grundsätzlich gut und legitim, wenn man sich am Prozess beteiligt und seinen Willen äussert – auch via Einsprachen. Denn letztlich verleiht eine juristische Beurteilung durch eine neutrale Instanz einem Projekt langfristig zusätzlich Legitimität. Es ist einfach wichtig, dass man den faktenbasierten Dialog nicht verlässt. Und den Blick aufs Ganze nicht verliert. Das vermisse ich manchmal etwas. Auch im Falle der Freileitungen durchs Freiamt.
Wie meinen Sie das?
Letztlich geht es um die Versorgungssicherheit der ganzen Schweiz. Um Solidarität und das Vertrauen in demokratische Prozesse, das in diesem Land hochgehalten wird. Wenn man im Kleinen kategorisch Nein sagt, dann verzögert man einfach. Und das ist schade. Denn momentan kommen wir nur sehr mühsam voran mit der vom Volk in Auftrag gegebenen Energiestrategie 2050, für die es auch ein leistungsfähigeres Übertragungsnetz braucht. Wir würden uns da manchmal mehr Vertrauen in die Expertise der Swissgrid wünschen. Wir machen uns unsere Entscheide nicht leicht und müssen jeweils eine Vielzahl von Faktoren berücksichtigen. Was wir in jahrelanger Arbeit unter Einbezug von ganz viel Fachwissen laufend tun.
Der VSLR und die Gemeinden im Reusstal fordern eine flächendeckende Erdverkabelung. Weshalb ist dies aus Sicht der Swissgrid nicht möglich?
Zuerst einmal ist es wichtig, zu betonen, dass dies nicht die Swissgrid entschieden hat. Wir halten uns an den Entscheid des Bundes, welcher auf der Empfehlung einer Begleitgruppe basiert. Zu dieser gehörten – neben der Swissgrid – auch verschiedene Bundesämter und Kantone. Und wichtig in diesem Kontext ist auch: Die Erdverkabelung ist nicht der Standard in der Schweiz. Deshalb braucht es ausserordentliche Gründe dafür. In einem Abschnitt des Projektes waren diese ja gegeben. Aber flächendeckend kann und wird dies nicht der Fall sein.
Weshalb denn nicht?
Weil Freileitungen in den meisten Fällen die sinnvollere Option sind. Nicht nur bezüglich der markant tieferen Kosten, wie manchmal kolportiert wird. Sie haben gegenüber der Erdverkabelung viele weitere Vorteile. Sie sind langlebiger, sind einfacher zu reparieren, erzeugen weniger Blindleistung und garantieren aufgrund der elektrischen Eigenschaften eine bessere Netzstabilität. Dazu sind sie – obgleich von Gegnern immer wieder mit Naturschutz argumentiert wird – besser für die Umwelt. Erdkabel sind zwar vielleicht schöner fürs Auge, aber unter dem Strich schneiden Freileitungen in der Ökobilanz deutlich besser ab.
Wenn man der Gegnerschaft zuhört, tönt dies in vielen Punkten gegenteilig.
Das mag sein. Und ich habe grossen Respekt vor dem Fachwissen mancher Exponenten dort. Aber letztlich ist es die Swissgrid, welche jahrzehntelange Erfahrungswerte in der ganzen Schweiz vorweisen kann. Und wir sind diejenigen, welche die Netzstabilität in der Schweiz gewährleisten müssen.
Dabei handeln wir nach bestem Wissen und Gewissen. Wir sind nicht einfach «Fans» von Freileitungen. Und würden wir aus rein wirtschaftlichen Überlegungen handeln, wäre die teurere Erdverkabelung für das Geschäftsmodell von Swissgrid ein Vorteil. Doch wir sind der Gesamtsicht verpflichtet. Und das versuchen wir den Menschen auch stets klarzumachen.
In Niederwil hat die Swissgrid ein Besucherzentrum eingerichtet. Gelingt es dort, die Menschen mit solchen Argumenten zu erreichen?
Ja, durchaus. Zwar sind in den Augen vieler unterirdische Leitungen wünschenswert. Man versteht aber auch die Nachteile, wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt. Und es gibt viele, für die dann die Verbesserung im Vordergrund steht, welche sich durch den Rückbau der heutigen Leitung ergibt. Diese verläuft ja bekanntlich vielerorts viel näher an Siedlungsgebieten, als es mit dem neuen Projekt der Fall sein wird. Betroffene wollen eine jahrelange Verzögerung nicht. Denn so bleibt vorerst alles beim Alten. Ich habe gespürt, dass sich viele wünschen würden, dass es vorwärtsgeht.
Doch das neue Projekt ginge auch mit teils massiv höheren Masten einher. Ein Punkt, der von den Gemeinden und dem VSLR als besonders stossend empfunden wird. Zumal auch schützenswerte Landschaften tangiert sind.
Auch hier gilt – die Swissgrid will diese Masten nicht einfach aus Freude an hohen Türmen. Auch dies basiert auf Vorschriften und Interessenabwägungen. Soll der Mast möglichst weit weg vom Siedlungsgebiet stehen, so ist sein Standort oft im Waldgebiet. Und um dort die vom Kanton vorgegebene Waldaufwuchshöhe einzuhalten, müssen solch hohe Masten geplant werden. Wenn schützenswerte Landschaften tangiert sind, ist dies immer einem Kompromiss geschuldet. Der vom Bundesrat festgesetzte Korridor bringt aus Sicht Raumplanung und Landschaftsschutz die geringsten Nachteile. Das geht bis ins kleinste Detail. Für jeden einzelnen Maststandort wurde eine Interessenabwägung gemacht – mit Einbezug vieler Akteure und Anspruchsgruppen.
Wie beurteilen Sie die Chancen, dass das Bauprojekt so, wie es jetzt vorliegt, umgesetzt wird?
Eine Prognose abgeben kann ich nicht – die Beurteilung des Projekts obliegt den verfahrensführenden Behörden. Aus Sicht der Swissgrid liegt ein in allen Aspekten bewilligungsfähiges Projekt vor. Wir hoffen, dass es nicht allzu lange verzögert wird. Denn durch die Verzögerung bleibt die bestehende Freileitung nahe der Siedlungsgebiete länger stehen und es entstehen Kosten, die wir alle gemeinsam tragen müssen. Und einer sicheren Stromversorgung helfen Verzögerungen auch nicht.
Das Projekt
Für die Swissgrid gilt der 18,6 Kilometer lange Abschnitt im Reusstal zwischen Niederwil und Obfelden als Netzengpass mit Handlungsbedarf. Diesem will er durch den Ausbau der Spannung von bisher 220 auf 380 Kilovolt begegnen. Die bestehenden 49 Hochspannungsmasten sollen zu diesem Zweck durch 35 neue, leistungsfähigere ersetzt werden. Die Leitungsführung wurde dabei angepasst – auch mit dem Ziel, die Siedlungsgebiete zu entlasten. Zwischen Besenbüren und Jonen ist zudem ein 4,4 Kilometer langer Abschnitt mit Erdverkabelung vorgesehen.
Den betroffenen Gemeinden reicht das allerdings nicht. Gemeinsam mit Bremgarten, das den Lead übernimmt, haben sich Besenbüren, Bünzen, Fischbach-Göslikon, Jonen, Niederwil, Obfelden ZH, Oberlunkhofen, Ottenbach ZH, Rottenschwil, Unterlunkhofen, Waltenschwil und Wohlen dafür entschieden, gegen das Projekt vorzugehen. Sie fordern eine komplette Erdverkabelung. Ebenfalls Einspruch erheben wird mindestens eine betroffene Privatpartei – unterstützt vom Verein «Verträgliche Starkstromleitung Reusstal» (VSLR).


