Steilpass auf Amhof

  26.06.2026 Sport, Fussball

Vor einem Millionenpublikum: Sascha Amhof hat bei der SRF-Berichterstattung über die Fussball-WM eine gewichtige Rolle

Wenn es diskussionswürdige Schiedsrichter-Entscheide bei den WM-Spielen gibt, wird Sascha Amhof um Rat gefragt. Der Sarmenstorfer sitzt in der Kommentatoren-Kabine beim Schweizer Fernsehen und gibt seine Expertise ab. «Es ist ein Job, der für mich nicht alltäglich ist», sagt der 46-Jährige. Er spricht über die neuen Regeln und die bisherigen Leistungen der WM-Schiedsrichter.

Stefan Sprenger

Man könnte ihn als unersetzlich bezeichnen. Im WM-Studio des Schweizer Fernsehens, das tagtäglich Hunderttausende Menschen am TV mitverfolgen, gibt es mehrere Moderatoren und Fussball-Experten. Aber es gibt nur einen, der sich Experte im Schiedsrichterwesen nennen darf: der Sarmenstorfer Sascha Amhof.

Dieses Mal wird er öfter lanciert

Einst leitete er selbst als Unparteiischer Spiele in der Super League und war auch international als langjähriger FIFA-Referee tätig, stets unter der Flagge des FC Sarmenstorf. Heute ist er Leiter des Ressorts Schiedsrichter beim Schweizerischen Fussballverband (SFV), also etwas überspitzt gesagt: Er ist der Schiri-Boss der Schweiz. Im Schweizer Fernsehen begleitet Amhof die Fussball-WM als Schiedsrichter-Experte und wird zugeschaltet, wenn es gilt, kritische Entscheidungen einzuordnen.

Mit Ruhe, mit Wissen und irgendwie charmant erledigt er diesen Job. Nach den Weltmeisterschaften 2018, 2022 und der EM 2024 ist er schon zum vierten Mal in dieser Funktion beim SRF. «Normal ist es nie. Für mich ist das nicht alltäglich. Aber ich mache es gerne», sagt Amhof.

Dieses Mal ist etwas anders, «besser für mich», wie Amhof findet. Denn bei seinen früheren Einsätzen war es oftmals so, dass der Kommentator live vor Ort beim Spiel war – und er in Zürich in der Kabine sass. Amhof wurde so seltener lanciert, um seine Meinung abzugeben. Nun, an der WM in Kanada, Mexiko und den USA, sind die SRF-Kommentatoren meistens auch in Zürich – und Amhof sitzt daneben. «Es fühlt sich natürlich an, wenn man physisch nebeneinander in der Kabine sitzt. Ich werde mehr angesprochen während den Spielen», so Amhof. Kurz gesagt: Er kriegt öfter einen Steilpass, um seine Expertise abzugeben.

Eine intensive Zeit – auch für den Familienvater

«Wie das bei den TV-Zuschauern ankommt, weiss ich nicht», sagt er. Allerdings sind die Reaktionen fast ausschliesslich positiv. «Meine Rolle ist im Hintergrund. Ich möchte bei strittigen Schiedsrichter-Entscheidungen Kriterien aufzeigen, Argumente bringen, andere Sichtweisen formulieren. Ich gebe meinen Input ab. Und ich glaube, die Leute an den Bildschirmen können so manche Schiri-Entscheidung besser greifen – oder begreifen.»

Während sein Alltag normalerweise zwischen seinem Wohnort Erlinsbach und dem Arbeitsort Bern stattfindet, ist während der WM natürlich Zürich Dreh- und Angelpunkt. Meist ist er bei den Spielen, die zwischen 18 und 22 Uhr angepfiffen werden, vor Ort im SRF-Studio. Und dies fast täglich. «Punktuell lasse ich einen Tag aus, um Energie zu tanken und durchzuatmen», sagt er.

Für seine Frau und seine beiden 6-jährigen Zwillingstöchter hat das natürlich den Nachteil, dass der Papa in jener Zeit weniger zu Hause ist. «Es ist organisatorisch eine Herausforderung, aber wir schaffen das», sagt Amhof, dessen Eltern in Bremgarten leben.

Die Experten-Arbeit im SRF-Studio kann er auch für seinen Job als Schiri-Boss nutzen. «Ich mache mir stets Notizen, was gut oder schlecht war bezüglich der Entscheidungen der Unparteiischen. Das können wir für unseren Verband adaptieren.»

An der Weltmeisterschaft gab es zahlreiche Regeländerungen, beispielsweise beim Zeitspiel. Es gibt Teile dieser neuen Regeln, die von der UEFA übernommen werden und somit auch in der Schweiz nächste Saison umgesetzt werden.

Rot bei Hand vor dem Mund: «Das macht Sinn»

Aber es gibt auch Regeln, die optional übernommen werden können. Heisst: Der Verband kann selbst entscheiden. Beispiel: Der Video Assistant Referee (VAR) greift ein, wenn der Schiedsrichter einen Eckball gibt, obwohl es eigentlich Abstoss ist. Amhofs Meinung: «Es ist aus mehrfacher Perspektive nicht optimal. Denn wenn es Abstoss gibt anstatt eines Eckballs, dann darf der VAR nicht eingreifen.» Diese Neuerung wird wohl in der Schweiz weniger Anklang finden. Eine Regel, die aber wohl übernommen werden wird, ist die Rote Karte, wenn sich ein Spieler die Hand vor den Mund hält. «Das macht Sinn», sagt Amhof.

Schiris sind selten Thema, «was gut ist»

An der Weltmeisterschaft sei «das Leistungsniveau der 51 Schiedsrichter natürlich unterschiedlich. Aber mehr oder weniger würde ich sagen, die Unparteiischen machen einen guten Job und werden bislang wenig thematisiert, was natürlich gut ist.» Amhof weiss aber auch: «Je wichtiger die Spiele werden, also in der K.-o.-Phase, desto genauer wird man auch hinschauen und desto gewichtiger können manche Entscheide sein.»

Seinen eigenen Entscheid, erneut beim SRF-Studio mitzuwirken, bereut er jedenfalls nicht. «Es ist ein toller Perspektivenwechsel. Hinter diesen Produktionen steht eine riesige Crew, die sich ständig kritisch hinterfragt und einen starken Job macht für alle Menschen vor dem TV. Ich persönlich sehe es als Privileg, dass ich dabei sein darf und dies erlebe.»

Besonders genau sieht Amhof hin, wenn sein Kumpel Fedayi San (aus Arni) als VAR im Einsatz ist. «Ich kenne Fedayi San schon seit drei Jahrzehnten. Ich bin enorm stolz auf ihn, er macht seine Arbeit super. Dass er kürzlich das 1000. Spiel der WM-Geschichte begleiten durfte, war ein grosser Vertrauensbeweis der FIFA an ihn.» Und dass Amhof bereits zum vierten Mal an einem grossen Turnier vor einem Millionenpublikum beim SRF randarf, ist ebenfalls ein grosser Vertrauensbeweis. Es zeigt auch: Er macht seine Sache hervorragend.


Wie Amhof SRF-Experte wurde

Im Jahr 2018 war die Ausgangslage für Philipp Stöckli klar: Finde einen neuen Schiedsrichter-Experten. Jemand, der diesen Job sehr gut erledigen kann. Stöckli, in Aristau aufgewachsen, ist Projektleiter bei «SRF Sport» und hatte damals (wie auch später) das WM-Projekt unter sich.

Es funkte auf Anhieb

Der ehemalige Sportredaktor dieser Zeitung suchte nach passenden Schiedsrichter-Kandidaten. Schliesslich wurde er in dieser Zeitung fündig. Er las im Dezember 2017 den Artikel über den Rücktritt des Sarmenstorfer Spitzen-Schiedsrichters Sascha Amhof. Und kontaktierte ihn spontan. Die beiden Freiämter trafen sich. Und es funkte. «Ich habe beim ersten Treffen schon gespürt: Amhof kann das», sagt Stöckli. «Er gibt mir ein sehr gutes Gefühl», sagt Amhof über Stöckli.

Es ist der Beginn einer besonderen Zusammenarbeit, die über mehrere grosse Turniere (WM 2018, 2022 und 2026 und EM 2024) hält. Amhof bereichert seither die Berichterstattung im Schweizer Fernsehen mit seinem Fachwissen. --spr


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