Sprache als Grundsatzfrage
03.07.2026 Region Bremgarten, KolumneAUS DEM GROSSEN RAT
Annetta Schuppisser, GLP.
Es gibt Themen, die den Ratssaal sofort in Bewegung bringen. Das Frühfranzösisch gehört dazu. Es wird leidenschaftlich diskutiert – und das aus ...
AUS DEM GROSSEN RAT
Annetta Schuppisser, GLP.
Es gibt Themen, die den Ratssaal sofort in Bewegung bringen. Das Frühfranzösisch gehört dazu. Es wird leidenschaftlich diskutiert – und das aus gutem Grund, denn im Kern geht es um weit mehr als um Stundenpläne. Es geht um die Frage, was unsere Kinder in der Schule wirklich lernen sollen und in welcher Reihenfolge.
Der Streitpunkt ist rasch erklärt. Soll die zweite Fremdsprache, heute das Französisch, weiterhin bereits in der Primarschule beginnen? Oder soll sie auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden? Was zunächst nach einer technischen Detailfrage klingt, berührt einen Nerv – denn dahinter steht ein Befund, der zu denken gibt: Ein erheblicher Teil, rund ein Drittel, der Schülerinnen und Schüler erreicht die Lernziele im Französisch am Ende der Primarschule nicht. Und auch bei der Beherrschung der Erstsprache Deutsch zeigen sich zunehmend grosse Lücken.
Das Argument für eine Verschiebung stützt sich auf ein einfaches Bild: Zuerst braucht es ein sicheres Fundament, dann den Ausbau. Wer Deutsch beherrscht, es lesen, schreiben und verstehen kann, lernt jede weitere Sprache leichter, wie so zum Beispiel das Französisch.
Beginnt die Fremdsprache später, dafür intensiver, kommt am Ende mehr dabei heraus als bei einem frühen Start, der bei vielen Kindern verpufft. Die frei werdende Zeit in der Primarschule liesse sich gezielt für die Grundkompetenzen nutzen, welche akute Aufmerksamkeit brauchen.
Dahinter steht eine grundsätzliche Überzeugung: Die prägenden ersten Schuljahre sollen der Festigung des Fundaments dienen. Eine sichere Erstsprache ist nicht bloss ein Schulfach unter vielen, sondern die Voraussetzung dafür, dass Kinder dem Unterricht überhaupt folgen, Zusammenhänge verstehen und sich Wissen aneignen können. Wer hier eine solide Basis legt, erleichtert alles Weitere – vom Rechnen über die Sachfächer bis zur Fremdsprache selbst.
Bemerkenswert war, dass sich die Debatte nicht allein entlang der üblichen Parteigrenzen bewegte. Über die Fraktionen hinweg bestand Einigkeit in einem Punkt: dass beim Spracherwerb heute etwas nicht rund läuft. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache, und kaum jemand im Saal stellte den Handlungsbedarf grundsätzlich infrage. Diskutiert wurde vielmehr, wie entschlossen und in welcher Form die Politik darauf reagieren soll.
So wurde aus einer scheinbar nüchternen Frage der Lektionentafel eine grundsätzliche Debatte über die Prioritäten unserer Volksschule. Was sollen Kinder in den ersten Schuljahren zuerst lernen und was kann warten?
Es ist eine jener Fragen, die weit über den Schulalltag hinausreichen, denn sie berührt die Chancen, die wir jedem einzelnen Kind auf seinem weiteren Weg mitgeben.
Der Grosse Rat hat sich mit 84 Ja- zu 51 Nein-Stimmen für die Verschiebung der zweiten Fremdsprache aus der Primarstufe ausgesprochen.

