Sinn und Halt durch Glauben
27.01.2026 Mutschellen, Widen, Bildung, KircheBildungsabend der katholischen Kirche warf viele Fragen auf
Unter dem Titel: «Abschied, Aufbruch, Hoffnung: Christsein in einer sich wandelnden Kirche» lud die katholische Kirche am Mutschellen unter der Leitung von Jaime Armas zu einem Bildungsabend ein. Dem ...
Bildungsabend der katholischen Kirche warf viele Fragen auf
Unter dem Titel: «Abschied, Aufbruch, Hoffnung: Christsein in einer sich wandelnden Kirche» lud die katholische Kirche am Mutschellen unter der Leitung von Jaime Armas zu einem Bildungsabend ein. Dem kleinen, aber interessierten und aufmerksamen Publikum brannte das Thema spürbar unter den Nägeln.
Wandel und Transformation sind Alltag in Technik und Gesellschaft und betreffen in besonderer Weise das kirchliche Umfeld. Inwiefern muss die Gemeinschaft der Gläubigen mit diesen Veränderungen Schritt halten und wie beeinflussen sie das kirchliche Leben und den persönlichen Glauben? Mit solchen Fragen beschäftigte sich die katholische Kirche am Freitagabend in Widen. Aber auch mit: Hat die Kirche den Anschluss an den Wandel angesichts des Mitgliederschwundes schon längst verpasst? Oder Fehlentscheidungen getroffen, die das Glaubensleben eher behindern statt fördern? Wie wird der Priestermangel behoben? Mit der Aufhebung des Zölibats? Wovon muss sich die katholische Kirche verabschieden, was macht Hoffnung?
Bestens mit dem Thema vertraut
Das Referat von Guido Estermann, Bildungsleiter der Propstei Wislikofen, beschrieb die Veränderungen in Technik und Gesellschaft in jüngster Zeit und deren Einfluss auf die Kirche und den persönlichen Glauben. Estermann ist seit August 2025 Leiter der Propstei und war in diversen Funktionen im kirchlichen Umfeld und in der Bildung tätig und deshalb mit dem Thema bestens vertraut.
Einige Schwerpunkte: Das Leben ist stets im Wandel. Dieser wird bestimmt durch Lebensumstände und äussere Einflüsse. Estermann: «Ich kann nicht völlig frei entscheiden, wer oder was ich sein werde. Aber ich kann und muss Einfluss nehmen.» Dem Wandel in Technik und Kommunikation könne sich niemand entziehen, aber der Umgang damit sei nicht einfach. «Das kann einen Berufswechsel bedeuten oder Verunsicherung durch die Bilderund Informationsflut.» Die Kirche erlebte in den Nachkriegsjahren bis in die 1990er-Jahre einen Aufschwung. Tatsächlich schaffte sie es, den Menschen damals Sinn und Halt zu bieten. Die Pfarreien waren Orte der Begegnung und der Spiritualität. «Viele trauern dieser Zeit nach, in der die Kirchen voll waren und nach dem Gottesdienst beim Kaffee noch geplaudert wurde», so Estermann. «Obwohl diese sogenannte Babyboomer-Generation vielfach noch Existenzängste mit sich trägt, aufgrund des erlebten Mangels in Kindheit und Jugend, sehnt sie sich nach vielem zurück.»
Je nach Typ und Charakter werde Veränderung als Gewinn oder Verlust wahrgenommen. Laut Estermann ist es unabdingbar, im Wandel eine Sinnhaftigkeit zu entdecken, um nicht von diesem getrieben zu werden, sondern gestaltend mitzuwirken. «Was gibt dem Leben überhaupt Sinn?», fragte er. «In der heutigen Zeit scheint für die junge Generation alles jederzeit verfügbar, und sie steht im Mittelpunkt. Gleichzeitig produzieren Weltuntergangsprognosen und Kriege ein Gefühl der Resignation: Es hat alles keinen Sinn.» Dennoch möchte die junge Generation keinesfalls ein sinnentleertes Leben führen. «Die momentan sehr gefühlsorientierte Welt macht es nicht einfacher, sinnvoll zu handeln, denn Gefühle sind sehr wechselhaft und nicht verlässlich», so Guido Estermann. «Die geistig-kreative Dimension kann uns über die Gefühle hinaus Orientierung bieten und uns in selbstvergessenes Tun kommen lassen, so wie spielende Kinder.» Laut dem Referenten bietet das Evangelium diese geistige Dimension, um sinnvolles Leben zu gestalten.
Angeregte Diskussion
Nach diesen Ausführungen war die Diskussion eröffnet, welche sehr angeregt geführt wurde. Viele Fragen wurden aufgeworfen: Wie kann die Kirche heute sinnstiftend in die Gesellschaft wirken? Was soll im Vordergrund sein? Der Glaube oder die Gemeinschaft? Kann man diese beiden überhaupt trennen? Wie gehen wir mit dem Priestermangel um und mit der Distanz der Priester zur Basis? Mit den ewig gleichen Predigten, die eher an Litaneien erinnern und sogar gestandene Kirchenbesucher je länger, je mehr vergraulen? Spüre ich überhaupt im Gottesdienst noch etwas von Gott?
Spürbarer Willen der Anwesenden
Ebenso wurden übergestülpte strukturelle Veränderungen von «oben» nicht als hilfreich empfunden. «Der Wunsch, jungen Menschen Perspektive anzubieten, ist da», erklärte Estermann. Er hat aber die Erfahrung gemacht, dass die nachfolgende Generation sich nicht gern belehren lasse, sie müsse den Weg selber finden. «Unsere Aufgabe ist eher, Räume anzubieten zur Entfaltung.»
Man spürte den Willen der Anwesenden, am Wandel mitzuwirken, jedoch ohne Abstriche am christlichen Glauben. --ak

