Sie liess sich nie unterkriegen
30.12.2025 Mutschellen, PorträtSie schrieb Geschichte
Rosmarie Groux war die erste SP-Vertretung im Gemeinderat von Berikon. Ebenfalls Geschichte schrieb sie als erste Frau an der Spitze der Gemeinde. Aufgeben? Für Rosmarie Groux keine Option. Sich dem Gegenwind stellen und ihre Meinung kundtun? ...
Sie schrieb Geschichte
Rosmarie Groux war die erste SP-Vertretung im Gemeinderat von Berikon. Ebenfalls Geschichte schrieb sie als erste Frau an der Spitze der Gemeinde. Aufgeben? Für Rosmarie Groux keine Option. Sich dem Gegenwind stellen und ihre Meinung kundtun? Das hat sie immer gemacht. Nun, nach 24 Jahren Kommunalpolitik, ist Schluss. Sie blickt auf eine beeindruckende Laufbahn zurück. --sab
Nach 24 Jahren im Beriker Gemeinderat, zuletzt als Gemeindeammann, tritt Rosmarie Groux zurück
Seit 2002 sass Rosmarie Groux im Beriker Gemeinderat, nach vier Jahren als Vizeamtsfrau, seit Juli 2024 als Gemeindeammann. Unzählige Dossiers und Diskussionen später endet nun ihre politische Laufbahn in der Exekutive. Nicht nur als erste Frau an der Spitze der Gemeinde schrieb sie dabei auch Geschichte.
Sabrina Salm
Ein grosser Adventskranz steht in der Mitte des Tisches im Sitzungszimmer. Die Dekoration trägt die Handschrift von Berikons Frau Gemeindeammann. Mit kleinen Details eine Freude zu bereiten und die Stimmung aufzuhellen – das war über ihre gesamte Amtszeit hinweg etwas Wichtiges für Rosmarie Groux. «Auch wenn es unbedeutend erscheint, macht es doch einiges aus», sagt sie. Der sorgfältig arrangierte Tischschmuck strahlt Gemütlichkeit und Freundlichkeit aus. Genau diese Ansprüche stellt Groux auch an einen Ort, an dem teils heftig diskutiert und über unangenehme Themen entschieden wird. Ein weiterer Grundsatz ihrer Amtsführung war stets ein anständiger Ton. «Auch wenn man nicht einer Meinung ist, gehört das unbedingt dazu. Schliesslich geht es in der Politik um die Sache und nicht um die Person.» Dass dies nicht immer selbstverständlich ist, hat sie ebenfalls erlebt. Doch dazu später mehr.
Organisation in eigenen Händen
An ihre Anfänge als Gemeinderätin von Berikon erinnert sich Rosmarie Groux noch gut. Als sie an ihrer ersten Gemeindeversammlung ans Rednerpult trat, schlotterte alles. «Die Nervosität war enorm», erzählt sie. Viele Traktanden, viele Blicke, viel Verantwortung. Das liegt inzwischen über zwei Jahrzehnte zurück. Nach 48 Gemeindeversammlungen hat sich das Zittern gelegt, und das Vortragen von Geschäften ist für sie zur Selbstverständlichkeit geworden.
Nicht nur ihre Sicherheit im Auftreten hat sich über die Jahre verändert. Auch sonst fand ein grosser Wandel statt – im Dorfbild, in der Politikkultur und in ihrer Amtsarbeit an sich. So erinnert sie sich daran, wie sie früher deutlich operativer tätig war. «Bis zur Einführung der Sozialen Dienste führte ich Sozialhilfegespräche selbst, organisierte Wohnungen für Asylbewerber und betreute diese persönlich.» Zu ihrem Aufgabenbereich gehörte zudem die Organisation von Jubilarengeschenken, Seniorenausflügen, Jungbürgerfeiern oder dem 1.-August-Brunch. Auch hier legte sie Wert auf kleine Aufmerksamkeiten. «Ich habe das immer gerne gemacht. Das gehörte zu den schönen Aufgaben», sagt Groux.
Nachhaltigkeit als Steckenpferd
Soziales, Kultur, Vereine, Jugend, Alter und Bürgerrecht zählten zu ihren ersten Ressorts. Als gelernte Krankenschwester lag ihr der soziale Bereich besonders am Herzen. Für ihre Gemeinderatsarbeit bildete sie sich in diesem Bereich gezielt weiter – eine Investition, die sich auszahlte. Es gab viele positive Erlebnisse, die ihr bis heute wichtig sind. «Wenn jemand wieder in die Arbeitswelt eingegliedert werden konnte, war das ein schönes Gefühl.» Doch nicht alles war einfach. Heftige Rückmeldungen, gehässige Mails und Drohungen gehörten «leider» ebenfalls dazu. In einzelnen Fällen musste sogar die Polizei eingeschaltet werden. Dafür brauche es ein dickes Fell – nicht nur im Sozialbereich, sondern generell in der Politik, wie Groux selbst erfahren hat.
Ein zentrales Thema ihrer politischen Arbeit war die Nachhaltigkeit. Naturund Umweltschutz begleiteten sie bereits vor ihrer Zeit im Gemeinderat, unter anderem durch ihr Engagement im Natur- und Vogelschutzverein. «Hätte es damals eine grüne Partei gegeben, wäre ich wohl dort gelandet», sagt sie schmunzelnd. Besonders stolz ist sie auf die Gründung der Arbeitsgruppe Energie, aus der später eine Kommission hervorging. Daraus entstanden Projekte wie der Hol-und-Bring-Tag, die nachhaltige Weihnachtsbeleuchtung oder die Wanderbibliothek. Auch das Energielabel der Gemeinde lag ihr am Herzen – nicht zuletzt, weil damit Fortschritte konkret messbar werden.
Nachhaltigkeit spielt für sie auch im Bereich des Bauens eine zentrale Rolle. «Manchmal habe ich Mühe damit, wenn alte Gebäude weichen müssen», sagt sie. Ihre Liebe zu historischen Bauten bezeichnet sie selbst lachend als beinahe fanatisch. Umso mehr freut sie sich über Projekte, bei denen die Grundsubstanz alter Gebäude erhalten bleiben kann.
Rückgrat beweisen
Von Beginn ihrer Amtszeit an musste Rosmarie Groux mit Gegenwind rechnen. Sie war die erste SP-Vertretung in der Beriker Exekutive. «Das blieb natürlich nicht ohne Aufschrei», blickt sie zurück. Durch ihre Wahl war die SVP nicht mehr vertreten – ein politischer Einschnitt. Als Vertreterin der SP erhielt sie nie ein Übermass an Stimmen. «Das war nicht immer einfach für mich», gibt sie offen zu. Sie habe sich stark für die Gemeinde engagiert, und die teils geringe Stimmenzahl sei ein kleiner Dämpfer gewesen. Dennoch liess sie sich nicht entmutigen. «Ich habe mir gesagt, dass ich mich auch von solchen unschönen Situationen nicht runterkriegen lasse.» Das galt auch in Momenten, in denen sie als Frau mit Vorurteilen konfrontiert wurde. Dass eine Frau eine Gemeinde führen könne, sei früher offen infrage gestellt worden. Ähnliche Erfahrungen machte sie auch im Grossen Rat. Groux, die während 16 Jahren Grossrätin war, erzählt: «Frauen wurden teils auf ihr Aussehen reduziert und nicht auf ihre Qualifikationen.» Heute habe sich zum Glück vieles verbessert. «Ich war nie eine, die still blieb und nickte», sagt sie. Sie vertrat ihre Meinung, ihre Haltung und ihre Direktheit – stets respektvoll. «Ich musste lernen, Rückgrat zu zeigen. Das habe ich geschafft.» Mit ihrer Wahl zur Frau Gemeindeammann wurde Rosmarie Groux im Juli 2024 zur ersten Frau an der Spitze von Berikon. Eine Tatsache, die sie mit Stolz erfüllt.
Mit Dankbarkeit blickt sie auf 24 Jahre politisches Engagement zurück. Es war ihr stets ein Anliegen, die Bedürfnisse der Bevölkerung aufzunehmen und – wenn möglich – umzusetzen. «Ich hatte die Freiheit, Dinge zu initiieren und weiterzuverfolgen. Ich durfte gestalten, überraschen und anderen eine Freude machen.» Die positiven Rückmeldungen aus der Bevölkerung seien dabei besonders wohltuend gewesen.
Für die Zukunft wünscht sie sich sachliche und faire politische Diskussionen in Berikon, eine klare Vorwärtsstrategie der Gemeinde und gemeinsam erarbeitete, nachhaltige Lösungen. Sie selbst wird nun kürzertreten. Ganz zurückziehen möchte sie sich jedoch nicht: In der Kommission Energie und Nachhaltigkeit und in der Naturschutzkommission will sie sich weiterhin engagieren. Denn dieses Thema ist ihr zu wichtig, um ihre Stimme nicht mehr einzubringen.


