Sie erschwimmen Mut für mehr
06.03.2026 BremgartenWenn Angst zu Vertrauen wird
In Bremgarten lernen Frauen aus dem ganzen Freiamt in einem geschützten Raum schwimmen
Der Schwimmunterricht der Caritas Aargau richtet sich ausschliesslich an Frauen – Migrantinnen und Schweizerinnen mit ...
Wenn Angst zu Vertrauen wird
In Bremgarten lernen Frauen aus dem ganzen Freiamt in einem geschützten Raum schwimmen
Der Schwimmunterricht der Caritas Aargau richtet sich ausschliesslich an Frauen – Migrantinnen und Schweizerinnen mit knappem Budget. Für die Teilnehmerinnen bedeutet der Kurs weit mehr, als Schwimmen zu erlernen. Ein neues Selbstbewusstsein wird entwickelt.
Sabrina Salm
Seit bald neun Jahren bietet die Caritas Aargau den Frauenschwimmkurs an. Es ist das einzige Angebot dieser Art im Kanton. Das Bad der St. Josef-Stiftung in Bremgarten steht während der Lektionen allein den Teilnehmerinnen zur Verfügung. Für viele ist genau dieser geschützte Raum die Voraussetzung, um sich überhaupt ins Wasser zu wagen.
Neue Kraft im Wasser finden
Die Gründe sind unterschiedlich: Manche fühlen sich in Badekleidung in einer reinen Frauengruppe wohler, andere machen hier gemeinsam mit Anfängerinnen ihre ersten Züge. Für einige spielt auch die Religion eine Rolle, weshalb ein gemischtgeschlechtliches Setting nicht infrage kommt. Die Frauen kommen aus verschiedensten Ländern, einige leben seit vielen Jahren in der Schweiz. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nie schwimmen gelernt haben oder wegen schlimmen Erlebnissen grosse Angst vor Wasser haben. Das Angebot richtet sich an Migrantinnen und Schweizerinnen aus dem Freiamt mit knappem Budget, die im Besitz einer Kulturlegi sind. Zum normalen Tarif dürfen aber auch alle anderen Frauen teilnehmen.
Geleitet wird der Kurs von Verena Bürgisser. Die Wohlerin geht zu jeder einzelnen Frau, zeigt eine Übung vor, dann üben die Teilnehmerinnen selbstständig weiter. Bürgisser spricht langsam und klar Hochdeutsch, manchmal helfen Hände und Füsse beim Erklären. Geduld und Ermutigung sind zentrale Elemente ihres Unterrichts. Für viele bedeutet der Kurs weit mehr als Technik im Wasser. «Es ist eindrücklich, wie viele Frauen, die schon lange hier wohnen, nun endlich den Mut finden, schwimmen zu lernen», sagt Bürgisser. Für sie ist der Kurs mehr als ein Job: «Ich kann helfen, das ist eine wichtige Sache.» Wenn Frauen trotz schwieriger Lebensgeschichten Vertrauen fassen und lernen, sich im Wasser wohlzufühlen, «geht mir das Herz auf».
Wie ein Frauenschwimmkurs der Caritas Aargau Ängste löst und Selbstvertrauen schenkt
Im Therapiebad der St. Josef-Stiftung lernen Frauen aus aller Welt schwimmen. In einem geschützten Raum finden sie dank dem Angebot der Caritas Aargau Vertrauen und neue Freiheit. «Diese Frauen wachsen über sich hinaus», sagt Kursleiterin Verena Bürgisser.
Sabrina Salm
Es ist warm im kleinen Therapiebad der St. Josef-Stiftung in Bremgarten. Brusttief steht das Wasser im Becken, darüber liegt gedämpftes Licht. Badekappen, Schwimmbrillen, leise Stimmen. Fernab vom Trubel öffentlicher Hallenbäder steht ein gutes halbes Dutzend Frauen aus der ersten Kursgruppe im Wasser um ihre Schwimmlehrerin Verena Bürgisser. «Drei, zwei, eins und …» Nicht alle tauchen sofort ab. Manche zögern. Eine lächelt unsicher, eine andere schliesst kurz die Augen. Dann verschwindet ein Kopf nach dem anderen unter der Oberfläche. Als sie wieder auftauchen, blinzeln sie, lachen, wischen sich das Wasser aus dem Gesicht. Ein kleiner Moment – und doch für viele ein grosser Schritt. «Diese scheinbar einfache Übung braucht für manche eine grosse Überwindung. Es ist quasi die erste Hürde», sagt die 53-jährige Wohlerin Verena Bürgisser.
Nicht selbstverständlich
Seit bald neun Jahren gibt es diesen Frauenschwimmkurs, initiiert vom Kirchlich-Regionalen Sozialdienst der Caritas Aargau. Es ist der einzige dieser Art im Kanton. Ursprünglich als Integrationsprojekt für Migrantinnen mit kleinem Budget gedacht, steht das Angebot heute Frauen jeglicher Herkunft offen. Geblieben sind der niedrige Kursbeitrag und die Idee von Sicherheit im Wasser. Frauen aus der Region – die von Armut betroffen sind und eine Kulturlegi besitzen – erhalten einen stark reduzierten Preis. Andere Frauen sind ebenfalls willkommen, zahlen aber den effektiven Preis. Die Teilnehmerinnen reisen aus dem ganzen Freiamt an, zwei Frauen nehmen sogar regelmässig den Weg aus dem Luzernischen auf sich.
Rund acht Prozent der erwachsenen Schweizer Bevölkerung können laut einer Umfrage des Forschungsinstituts gfs im Auftrag der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft SLRG aus dem Jahr 2024 nicht schwimmen. Das sind über 700 000 Menschen. 2016 lag der Anteil noch bei sechs Prozent. Die Zahl ist also gestiegen. Zudem erhalten rund 13 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in der Schweiz während ihrer Schulzeit keinen Schwimmunterricht. «Schwimmen können ist keine Selbstverständlichkeit. Auch in der Schweiz nicht», sagt Bürgisser. «Eigentlich müsste man meinen, es gehört einfach dazu.» Sie schüttelt leicht den Kopf. «Aber so ist es leider nicht.»
Üben, üben, üben
Sie selbst habe ebenfalls erst spät schwimmen gelernt. «Ich hatte als Kind keine Möglichkeit, einen Schwimmkurs zu besuchen», erzählt sie und lacht. «Ich konnte mich gerade mal so über Wasser halten.» Erst mit 25 Jahren begann sie, richtig schwimmen zu lernen. Sie blieb dran, bildete sich weiter und unterrichtete später unter anderem Babyschwimmen.
Seit zwanzig Jahren ist sie als Schwimmlehrerin tätig, seit eineinhalb Jahren leitet sie den Frauenschwimmkurs der Caritas Aargau in Bremgarten. «Ein grosses Glück für mich», sagt sie strahlend. Jeden Dienstagabend gibt sie mit viel Engagement zwei Kurse. Individuelle Betreuung ist ihr wichtig. Die gebürtige Appenzellerin geht zu jeder einzelnen Teilnehmerin. Im Becken wird geübt – mit Schwimmbrett, mit Nudel, mit und ohne Hilfsmittel.
Einige trainieren den Beinschlag, andere gleiten gestreckt durchs Wasser. Jede in ihrem Tempo. «Ich gebe niemanden auf», betont Bürgisser. «Auch wenn es länger dauert.»
Vertrauen ist das Schlüsselwort
Für Bürgisser ist klar: «Es ist berechtigt und richtig, dass es einen Schwimmkurs nur für Frauen gibt.» Für manche ist ein reiner Frauenkurs aus religiösen Gründen wichtig. In einigen Kulturen ist es Frauen nicht erlaubt, mit Männern zu schwimmen. Für andere ist es schlicht angenehmer, weil es sich weniger peinlich anfühlt, wenn nur Frauen anwesend sind. Körperliche Hilfestellung gehört dazu. «Berührungen sind Teil des Unterrichts. Da muss Vertrauen da sein. Viele fühlen sich wohler, wenn das von Frau zu Frau geschieht.»
Vertrauen ist überhaupt das zentrale Wort dieses Kurses. «Oft hatten die Frauen nie die Chance, schwimmen zu lernen», sagt Bürgisser. Andere hätten schwierige Erfahrungen gemacht.
Manche seien geflüchtet, hätten Angst. «Die Angst vor dem Ertrinken sitzt tief.» Bevor ein Armzug sitzt, muss erst die Furcht weichen. Mit viel Einfühlungsvermögen gewinnt Bürgisser das Vertrauen der Teilnehmerinnen. «Ihr Hintergrund darf nicht ausser Acht gelassen werden», sagt sie. Gespräche müssten Platz haben. Manchmal frage sie nach, um zu verstehen, warum eine Übung nicht gelinge. «Man muss die Menschen verstehen wollen und den Weg mit ihnen gehen.»
Von grosser Dankbarkeit geprägt
Es sei ein Geschenk, zu sehen, wie die Frauen Fortschritte machen. «Wenn sie anfangs nichts können und dann plötzlich vier Meter schwimmen und sie spüren, dass das Wasser sie trägt.» Der Frauenschwimmkurs ist für Bürgisser längst mehr als ein Job. Eine Ukrainerin habe ihr einmal erzählt, dass sie nach der ersten Schwimmstunde erstmals seit Langem ohne Angst schlafen konnte. «Das berührt mich», sagt sie leise.
Dankbarkeit ist auch bei den Teilnehmerinnen zu spüren. «Verena nimmt sich Zeit und strahlt Ruhe aus. Das macht Spass», sagt Jovanka Savic aus Muri, ursprünglich aus Bosnien-Herzegowina. Sie ist schon länger dabei. Ebenso Selam Mihtetab aus Eritrea. «Früher ging ich nur so weit ins Wasser, wie ich stehen konnte», erzählt die 32-Jährige. Ihr Ziel: ohne Angst mit ihren Kindern schwimmen gehen zu können.
Amal Mawloud aus Fahrwangen lächelt, während sie sich eine orange Schwimmnudel unter die Arme klemmt. «Früher habe ich mich gefürchtet.» Heute könne sie «ein bisschen Gas geben». Sie besuche den Kurs auch für ihre Enkelkinder. «So sehen sie, dass man immer etwas dazulernen kann – egal, wie alt man ist.» Bürgisser wird bei so vielen Komplimenten fast rot. Schnell erzählt sie von ihren Plänen. «Gerne würde ich mit den Frauen, die möchten, an einen See oder in ein öffentliches Hallenbad gehen. Damit sie ein Gefühl für Gewässer bekommen.»
Ein «Goodie», wie sie schmunzelnd sagt.
Mehr als Schwimmunterricht
Die Nachfrage ist gross. Die zehn Lektionen à eine Stunde sind jeweils rasch ausgebucht, eine Warteliste wird geführt. Damit die Caritas Aargau solche Angebote weiterhin ermöglichen kann, ist sie auf Spenden angewiesen. «Eine Erweiterung des Angebots wäre schön», sagt Bürgisser. Doch es fehle nicht nur an finanziellen Mitteln, sondern auch an verfügbaren Schwimmbecken. Ihr grosser Traum? «Ein eigenes Hallenbad», sagt sie lachend.
Die Stunde ist vorbei, die Gruppe bildet nochmals einen Kreis. «Drei, zwei, eins und …» Die Frauen tauchen ihre Gesichter ins Wasser und blubbern. Wieder ist ein kleines Stück Überwindung geschafft. Der Besuch im Frauenschwimmkurs zeigt: Es ist mehr als Unterricht. Er stärkt Selbstbewusstsein, schafft Begegnung und gibt Sicherheit – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Auskünfte über den Schwimmkurs für Frauen und wie man das Angebot unterstützen kann, erteilt Karen Hug von Caritas Aargau: kh@caritas-aargau.ch oder 079 881 52 17. Die nächsten Kurse starten am 21. April.




