Schwere Kost, bunt serviert
25.03.2025 Region Bremgarten, Fischbach-GöslikonDem Stigma entgegenwirken
Die Fischbach-Göslikerin Wanda Dufner nimmt sich des Themas minderjährige Mütter an
In der Graphic Novel «Bauchlandung» thematisiert Illustratorin Wanda Dufer eine Teenagerschwangerschaft und ...
Dem Stigma entgegenwirken
Die Fischbach-Göslikerin Wanda Dufner nimmt sich des Themas minderjährige Mütter an
In der Graphic Novel «Bauchlandung» thematisiert Illustratorin Wanda Dufer eine Teenagerschwangerschaft und sorgt damit für Aufsehen.
Sabrina Salm
«Es war immer das Gleiche: Zuerst blickten sie auf den Bauch. Dann zum Gesicht. Dann realisierten sie, wie jung ich war. Dann blickten sie wieder zum Bauch, um sicherzugehen, dass sie richtig gesehen hatten.» – Unter anderem so beschreibt Wanda Dufner in «Bauchlandung» eine Situation, mit der ihre Hauptfigur Noemi seit der Schwangerschaft ständig konfrontiert wird. Mit knallbunten, grotesken Bildern und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, kann der Leser in ihrer Graphic Novel aus der Perspektive von Noemi die Herausforderungen einer Teenagerschwangerschaft mitverfolgen.
Mit der Protagonistin verarbeitet die heute 32-jährige Wanda Dufner ihre eigene Geschichte. Sie wurde mit 17 Jahren schwanger und weiss, wie es ist, wenn man von der Gesellschaft diskreditiert wird. «Da man nicht den Erwartungen entspricht, hat man mit vielen Vorwürfen zu kämpfen», erzählt die Künstlerin aus Fischbach-Göslikon.
Ihre Arbeiten sieht sie auch als Mittel zur Aufklärung über schwierige gesellschaftlich Tabuthemen. «Bauchlandung» richtet sich nicht nur an Betroffene und soll nicht belehrend oder wertend sein, sagt Dufner. «Ich wollte einfach die andere Seite aufzeigen. Wenn es dazu beiträgt, die minderjährigen Mütter nicht gleich zu stigmatisieren, ist das umso besser.»
Der Comic fixiert sich jedoch nicht nur auf Teenagerschwangerschaften. Es werden noch andere Themen behandelt, die pubertierende Mädchen auf der Schwelle zur Frau bewegen.
Das neuste Buch von Wanda Dufner aus Fischbach-Göslikon handelt von Teenager-Schwangerschaften
Die Werke von Wanda Dufner zeichnen sich durch ausdrucksstarke, knallig farbige Bilder aus. Gesellschaftskritische Themen nimmt sie gerne auf, um Denkanstösse zu geben. So auch in ihrer neusten Arbeit, der Graphic Novel «Bauchlandung», in der es um ein minderjähriges Mädchen geht, das ungeplant schwanger wird. Die Geschichte weist Parallelen zu ihrem eigenen Leben auf.
Sabrina Salm
Quasi über Nacht verändert sich das ganze Leben der 17-jährigen Noemi. Sie wird ungewollt schwanger und mit ihrer Jugend ist es schlagartig vorbei. Neben ihren eigenen Ängsten und inneren Konflikten prasseln viele verschiedene Stimmen von aussen auf sie ein. Unverständnis aus ihrem sozialen Umfeld muss sie einstecken. Ihre Familie, ihr Freund, die Lehrpersonen, die Ärzte – alle wissen es besser. Konfrontiert wird sie mit Vorurteilen aus der Gesellschaft. Sprüche wie «zu dumm, um zu verhüten», «billig» oder «das arme Kind hat keine Zukunft» werden über sie und ihr direkt ins Gesicht gesagt. Dies macht die ohnehin schon angespannte Situation nicht einfacher. Oft fühlt sich Noemi alleingelassen, nicht ernstgenommen. Entfaltet aber auch ihre innere Stärke.
Die Geschichte von Noemi hat die Illustratorin Wanda Dufner in ihrer Graphic Novel «Bauchlandung», erschienen Anfang März bei Edition Moderne, gezeichnet. Auf 400 Seiten werden die Herausforderungen einer Teenagerschwangerschaft thematisiert. Bunt. Grotesk. Unverblümt.
Eigene Erfahrungen fliessen mit ein
Vor 15 Jahren war Wanda Dufner in der gleichen Situation wie Noemi. Sie wurde mit 17 Jahren schwanger. Viele der Gefühle, Ängste und Probleme kennt sie aus eigener Erfahrung. Dabei hält sie aber ganz klar fest, dass es bei «Bauchlandung» nicht um ihre eigene Lebensgeschichte geht. «Natürlich nehmen meine Erlebnisse Einfluss, aber es erzählt ganz klar die fiktive Geschichte von meiner erfundenen Protagonistin Noemi. Noemis Geschichte endet mit der Geburt und einer ungewissen Zukunft. Ich selbst erhielt nach der Geburt viel Unterstützung durch meine Familie.»
Die Künstlerin aus Fischbach-Göslikon ist in der Region längst keine Unbekannte mehr. Mit ihrer Kunst hat sie schon einige Male schweizweit und international für Aufsehen gesorgt. Mit ihrem Werk «Heimreise» realisierte sie eine Hommage an Bremgarten – die Stadt, in der sie aufwuchs. Wanda Dufner war einst das jüngste Mitglied der Künstlervereinigung Bremgarten und kann schon auf Ausstellungen in Muri, Zürich, Genf oder Lausanne zurückblicken. Nebst ihren eigenen Büchern gestaltet sie Skulpturen, malt Gemälde und designt selbst Bekleidung und Rucksäcke. Ausserdem illustrierte Dufner bereits zahlreiche nationale und internationale Bücher und Magazine. Für «Bauchlandung» erhielt sie 2021 das Comic-Stipendium der Deutschschweizer Städte und war 2023 für den Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung nominiert.
Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen
Dufner setzt sich in ihrer künstlerischen Arbeit intensiv mit gesellschaftlichen Themen auseinander. So auch in ihrem jüngsten Werk, womit sie einen Nerv getroffen zu haben scheint. Noch heute bewegen und beschäftigen Teenager-Schwangerschaften extrem. «Beim Thema Mutterschaft geht es eben viel um Erwartungen», erzählt Wanda Dufner. «Es entspricht nicht dem gewissen Standard der Gesellschaft, wenn man jung Mutter wird.» Vielmehr werde erwartet, dass Frauen erst eine vernünftige Ausbildung machen, danach noch ein paar Jahre Berufserfahrung sammeln und in einer gesunden und stabilen Partnerschaft leben, bevor sie Kinder bekommen. «Viele Teenagermütter erfüllen diese klassischen Erwartungen nicht. Ich tat es ebenfalls nicht.» Sie fallen somit aus der Norm und ernten viel Kritik. Die Bilder, wie junge Mütter oftmals auch in den Medien dargestellt werden, feuern die gefestigten Klischees der Mädchen natürlich auch an. Angelastet wird ihnen ein niedriger Bildungsstand, Überforderung und bezeichnet werden sie als asozial. «Die Gesellschaft sollte nicht gleich mit Vorwürfen und Stigmatisierungen auf minderjährige Mütter reagieren», so die 32-jährige, die ihr Studium in Illustration an der Hochschule Luzern absolviert hat.
In ihren Bildern versucht sie immer wieder auch die Perspektiven anderer Personen einzunehmen und einzufangen. «Bauchlandung» soll die Möglichkeit bieten, sich in die Situation eines schwangeren Teenagers zu versetzen. «Ich möchte nichts beschönigen. Jedoch die andere Seite aufzeigen.» Wanda Dufner betont, dass es in ihrer Graphic Novel um so viel mehr gehe als um die Schwangerschaft einer Minderjährigen. Die Pubertät sei schliesslich auch für nicht schwangere Jugendliche nicht einfach. «Deshalb habe ich eine Vielzahl von Herausforderungen für Mädchen auf der Schwelle ins Erwachsenenalter aufgegriffen.» Selbstzweifel am eigenen Körper, wenn dieser sich verändert, Scham beim Einsetzen der Menstruation, verwirrende Gefühle, Hormone, die verrückt spielen, toxische Beziehungen – alles Themen, die in «Bauchlandung» behandelt werden. «Jugendliche erleben in dieser Zeit so viel, das sie überfordern kann. Und gleichzeitig steigt der gesellschaftliche Druck.» Mit ihrem Buch möchte sie sensibilisieren, sodass mehr Verständnis für die Jugendlichen aufgebracht und die Erwartungshaltung gelockert wird.
Knallige Bilder, bitterböser Humor
Dass sie ernste Themen anschneidet und sie mit den knalligen, dramatischen Bildern, gepaart mit ehrlichem und bitterbösem Humor, mit einer Leichtigkeit daherkommen lässt, ist ein Markenzeichen von Dufner. «Ich sehe auch in den schlimmen Situationen eine Art verzweifelten Humor», erklärt die Fischbach-Göslikerin mit einem Lächeln. «Bei wichtigen, ernsten Sachen soll man auf den ersten Blick auch nicht gleich heruntergezogen werden. Die Farbigkeit und Skurrilität soll motivieren, sich auch mit schwererer Kost zu beschäftigen.»
Diese Art scheint anzukommen. «Bauchlandung» wurde im März von Radio drei rbb zum Comic des Monats gewählt und wird als ein gelungenes Debüt gehandelt. Im April sind Wanda Dufners Werke am Fumetto Comic Festival in Luzern zu bestaunen. Daneben wird sie in nächster Zeit einige Lesungen zu ihrem neusten Buch halten. Unter anderem in ihrem eigenen Atelier in der Wisa Gloria in Lenzburg am 4. Mai. Ende August wird sie an der K13 in Bremgarten teilnehmen. Mit so viel Aufmerksamkeit für die Geschichte von Noemi und ihre Graphic Novel hätte sie nicht gerechnet. «Es ist schön, dass so meine Botschaft in die Welt getragen wird.»