Schoggiseite in Gefahr?
12.06.2026 BremgartenSorgen ums Ortsbild
Eine Fischaufstiegshilfe könnte Bremgartens «Schoggiseite» tangieren
Im Rahmen einer Gesetzesanpassung müssen die Wasserkraftwerke schweizweit mit besseren Fischaufstiegshilfen ausgestattet werden. Während dies im Kraftwerk Bremgarten-Zufikon derzeit umgesetzt wird, sorgt es ein paar Meter weiter flussabwärts für Aufregung. Ein geplantes Bauwerk beim Fällbaum droht zum visuellen Ärgernis zu werden. --huy
Dem berühmten Bremgarter Ortsbild droht ein visueller Störfaktor
Die AEW möchte eine neue Fischaufstiegshilfe beim Fällbaum realisieren. Das Problem dabei: Damit würde künftig ein Betonklotz aus der Reuss ragen – ausgerechnet vor dem berühmten Bremgarter Altstadt-Panorama. Doch im Städtli formiert sich Widerstand.
Marco Huwyler
Es gehört so sehr zu Bremgarten wie der Spittelturm oder die Marktgasse. Das tosende Wehr inmitten der Reuss vor der wunderbaren Städtli-Silhouette – Fällbaum genannt, weil ursprünglich ein gefällter Baum dessen Aufgabe übernahm. Später wurden daraus sieben Holklappen. Bis heute gesteuert über eine Seilwinde im briefkastengleich bemalten Kasten mitten in der Reuss – der tagtäglich bei Passanten für Erstaunen und Belustigung sorgt.
Angelegt wurde dieser Fällbaum aber mitnichten als lustige Touristenattraktion. Für die Mühlen der Stadt war er einst überlebenswichtig – und ein Zankapfel zugleich. Weil er als Klappwehr in der Lage ist, die Strömung und den Wasserstand der beiden Seitenkanäle zu bestimmen. Eine Technik der alten Römer, um die Flusskraft zu kanalisieren. Seit Jahrhunderten wird sie in Bremgarten angewandt. Streitereien zwischen Müllern aus dem Jahr 1427 über die Handhabung dieser Strömungskontrolle vor dem Städtli sind verbrieft.
Im Zuge dessen wurden die Rechte am Fällbaum der Stadt übertragen – die das Wehr zwei Jahre später auch käuflich erwarb. Verbunden mit einem wichtigen Auftrag der damaligen Obrigkeit. «Bremgarten soll den ‹Velböm› in Ehren halten», heisst es im Protokoll der Tagsatzung der Eidgenossen in Baden aus dem Jahr 1429. Noch im gleichen Jahr folgte zudem die Weisung, den Fällbaum nicht zu erhöhen.
Von nationalem Interesse
«Diesem Auftrag müssen wir heute mehr denn je nachkommen», findet Andreas Koch. Im Namen der FiKo der Ortsbürgergemeinde hat er dem Stadtrat unlängst seinen Dank zukommen lassen. «Dafür, dass man sich proaktiv für das Ortsbild einsetzen will.» Denn die Bremgarter Regierung plant derzeit aller Voraussicht nach eine Einsprache gegen ein Bauvorhaben in der Reuss. Ein Projekt der AEW, das diese auf kantonalen Auftrag beim Fällbaum umsetzen möchte. Dabei handelt es sich um eine Fischtreppe, damit die Durchlässigkeit der Reuss für die Wasserbewohner verbessert wird.
Das Ganze basiert auf einer Änderung des Schweizer Gewässerschutzgesetzes. «Es handelt sich also um ein nationales Interesse», sagt die AEW, welche vom Kanton zur Umsetzung von baulichen Massnahmen beauftragt wurde – in enger Abstimmung mit dem Bundesamt für Umwelt. Die Axpo und ein Ingenieurbüro haben in den letzten Monaten eine «Bestvariante» erarbeitet, welche von den Behörden genehmigt wurde und nun umgesetzt werden soll. Analog zu den sich bereits im Bau befindlichen Fischtreppen beim grossen Kraftwerk Bremgarten-Zufikon (vgl. Berichterstattung dieser Zeitung vom 13. März) sollen entsprechende Massnahmen auch beim Kraftwerk Bruggmühle und dem Fällbaum umgesetzt werden. «Denn für die meisten der über 30 Fischarten in der Reuss stellt das Wehr heute ein unüberwindbares Hindernis dar», schreibt die AEW.
Widerstand ist vorprogrammiert
Dass man sich bei der Stadt Bremgarten gegen das Projekt wehren will, hat primär visuelle Gründe. Denn die geplante Fischtreppe beim Fällbaum würde einen halben Meter über die Reuss hinausragen. Ein Bauwerk, das im Übrigen kein Augenschmaus ist. «Es kommt daher wie ein Betonklotz. Alles andere als verschönernd», sagt Koch, der mit dieser Ansicht nicht alleine dasteht. «Wir sind der Ansicht, dass dadurch unser Ortsbild negativ tangiert würde», findet auch Stadtammann Stephan Troxler.
Bei der Stadt würde man das Projekt deshalb gerne von der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission (ENHK) prüfen lassen. «Denn wir gehen davon aus, dass die geplante Fischtreppe dem Heimatschutz zuwider läuft», erklärt Troxler. Wie die Stadt wäre auch die ENHK letztlich einspracheberechtigt, wenn das Projekt öffentlich aufliegt. Genauso wie alle Akteure, die «ein berechtigtes Interesse» am Reusspanorama haben – was wohl auch Privatpersonen sein können.
Über ihr weiteres Vorgehen will die Stadt in der Ratssitzung kommende Woche entscheiden. Wobei man dort aller Voraussicht nach zum Schluss kommen dürfte – das Fischtreppenprojekt darf so aus Bremgarter Sicht nicht umgesetzt werden. Zu sehr beeinträchtigt es das Ortsbild.
AEW sieht keine andere Möglichkeit
Bei der AEW sieht man dies natürlich anders, auch wenn man sich der Problematik von Anfang an bewusst gewesen sei. Für die Stromversorgerin ist das Projekt bereits ein Kompromiss. «Wir haben eine Lösung gefunden, die sowohl fischbiologische Interessen als auch die Anliegen des Ortsbildschutzes bestmöglich berücksichtigt», schreibt die Medienstelle der AEW auf Anfrage. Der Grund dafür, weshalb das Bauwerk ein Stück weit über den Normalstand der Reuss hinausragen müsse, seien die unterschiedlichen Wasserpegel. Diese schwanken um mehr als einen Meter. «Die Fischaufstiegshilfe muss deshalb so konzipiert sein, dass sie bei unterschiedlichen Flussständen funktioniert», begründet die AEW. Zudem würden bei einem zu tiefen Bauwerk ständig Schwemmholz und Sedimente aufgelagert, was den Fischaufstieg zusätzlich behindern würde. «Zur Schonung des Bremgarter Ortsbilds wurde die Höhe des geplanten Bauwerks bereits so weit wie möglich reduziert», konstatiert die AEW. Ein unabhängiges Fachgutachten stütze zudem den Schluss, wonach das vorliegende Projekt das Stadtbild Bremgartens grösstmöglich schütze.
Gibt es sanftere Lösungen?
Andreas Koch, der sich als Bürger und auch im Namen der Ortsbürger-FiKo gegen das Vorhaben einsetzt, sieht dies natürlich anders. «Während acht Monaten führt die Reuss weniger Wasser als der sogenannte ‹Normalstand›», erklärt er. Umso markanter würde das Bauwerk also die meiste Zeit aus der Reuss ragen – für ihn ein Unding. Koch appelliert an die Vernunft und hofft auf Pragmatismus. Eine verbesserte Durchlässigkeit der Reuss könne man auch mit sanften Optimierungen der bestehenden Fischtreppen erreichen, ist er überzeugt. «Das sagen auch erfahrene Fischer, mit denen ich gesprochen habe», bekräftigt Koch.
Alles in allem also widersprüchliche Ansichten vieler involvierter Akteure, was die Angelegenheit kompliziert macht. So dürfte die geplante Fischtreppe beim Fällbaum die Ämter (und allenfalls Gerichte) wohl noch eine Weile beschäftigen werden. Für Koch und die Stadt käme auch eine Unterschutzstellung des Fällbaums infrage. Schliesslich soll Bremgarten seiner 1429 gefassten Aufgabe auch bald 600 Jahre später noch nachkommen können. Tragt sorge zum Fällbaum – und damit auch zum Stadtbild.
Wie weiter?
Geht es nach der AEW soll das Projekt so bald als möglich in die Auflage kommen. Bei der Stadt Bremgarten würde man dies wohl gerne in dieser Form verhindern und strebt noch Anpassungen an. Geht dies nicht (was wahrscheinlich scheint), wird möglicherweise eine städtische Einsprache beim Kanton erfolgen. Dessen Entscheid könnte wiederum auf dem Rechtsweg angefochten werden. Der definitive Entscheid darüber, wie die Stadt Bremgarten vorgeht, fällt der Stadtrat in seiner Sitzung vom kommenden Montag. --huy


