Schnelle Wölfin
13.09.2024 Sport, Weitere SportartenUnvorstellbar möglich
Cécile Treier aus Berikon startet an der Triathlon-Weltmeisterschaft in Nizza
Beinahe starb sie bei einem Unfall im Jahr 2007. Cécile Treier kämpfte sich zurück ins Leben, auch dank dem Sport. Die ...
Unvorstellbar möglich
Cécile Treier aus Berikon startet an der Triathlon-Weltmeisterschaft in Nizza
Beinahe starb sie bei einem Unfall im Jahr 2007. Cécile Treier kämpfte sich zurück ins Leben, auch dank dem Sport. Die Architektin startet nun an der Triathlon-Weltmeisterschaft in Nizza. Und so wird ihre schier unglaubliche Geschichte um ein Kapitel reicher.
Stefan Sprenger
Für viele Menschen wäre solch eine Leistung unvorstellbar. Zuerst 3,8 km schwimmen, dann 180 km Velo fahren und schliesslich einen Marathon laufen. «Es ist auch für mich unvorstellbar», sagt Cécile Treier lachend. Und trotzdem übt sie den Triathlonsport aus. «Ich schalte den Kopf aus. Wenn ich jeweils 180 km auf dem Fahrrad gesessen bin, dann freue ich mich richtig, endlich rennen zu dürfen.»
Bekannte Architektin auf dem Mutschellen
Die 47-Jährige ist in Widen aufgewachsen und ist heute in Berikon zu Hause. Dort hat sie auch ihr Architekturbüro. Sie hat auch schon zahlreiche Projekte auf dem Mutschellen realisiert, so auch die Schule und den Kindergarten in Oberwil-Lieli, die Erweiterung der Tagesstrukturen in Zufikon oder diverse Einfamilienhäuser in der Region. Der Job ist ihr enorm wichtig. Aber sie benötigte einen Ausgleich. Und das war schon immer der Sport. Schon während ihrer Lehrzeit in Friedlisberg ist sie immer mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Sie nimmt sporadisch an Wettkämpfen teil. «Die sportlichen Erfolge waren bescheiden», sagt sie. Doch das war auch egal.
2007 wurde sie von einem Automobilisten angefahren und trug schwerste Kopfverletzungen davon. Ihr Leben hing an einem seidenen Faden. Und sie musste alles wieder neu erlernen. Laufen, reden, schwimmen. Wirklich alles. «Ich weiss aus jener Zeit nicht mehr alles», erklärt sie. Sie kämpft sich zurück ins Leben. Und fasst vor einigen Jahren den Entscheid, den Triathlonsport etwas intensiver auszuüben. «Ich habe zu viel gearbeitet und musste etwas ändern. Nur ein bisschen ging nicht. Ganz oder gar nicht», sagt sie. Also startete sie mit intensivem Training. Im Juni 2024 schafft sie die Sensation. Sie gewinnt in Hamburg den Ironman, was sie gleichzeitig zur Europameisterin macht. In einer Woche startet sie an der WM in Nizza. «Auch das ist für mich noch unvorstellbar.» Doch sie macht es möglich.
Triathlon: Cécile Treier hat eine eindrückliche Geschichte – und startet in einer Woche an der Weltmeisterschaft
Die Angehörigen haben sich schon von ihr verabschiedet. Cécile Treier war nach einem schweren Unfall mit einem Bein im Jenseits. Doch es kam alles anders. Durch ihre Kämpfernatur und ihren eisernen Willen gehört sie heute zu den besten Ü45-Triathletinnen der Welt. «Dabei habe ich einfach mein Ding gemacht», sagt die Architektin aus Berikon.
Stefan Sprenger
«Ich sass auf dem Velo. Dann weiss ich nichts mehr.» Cécile Treier kann nicht über den Unfall im Jahr 2007 reden. Was geschah, weiss sie nur aus Erzählungen. Doch es veränderte ihr Leben. Es ist der 7. Juni 2007. Kurz nach 12 Uhr mittags. Ein 65-jähriger Mann fährt mit seinem Jaguar auf der Hauptstrasse von Oberrohrdorf Richtung Zentrum. Er will links abbiegen und übersieht eine 30-jährige Frau auf dem Rennrad. Das war Cécile Treier, die in der Mittagspause am Trainieren ist. Trotz Helm erleidet sie schwere Kopfverletzungen. Ein Helikopter fliegt sie ins Spital, sie wird ins Koma versetzt und kämpft um ihr Leben. Der Jaguar-Fahrer bleibt unverletzt.
«Sie dachten, es sei vorbei»
Es ist ein bewölkter Tag im Spätsommer 2024. Cécile Treier sitzt im «Kafi Stutz» in Widen. Ihr Wesen ist ruhig, freundlich, herzlich. Sie lächelt oft. Die 47-jährige wirkt zufrieden. «Ich merke nichts mehr von diesem Unfall», sagt sie. Sie weiss auch nicht mehr viel aus der Zeit danach. Sie erwachte aus dem Koma, erholte sich langsam von ihren schweren Kopfverletzungen und kam in die Reha nach Bellikon. «Für die Angehörigen war es wohl schlimmer als für mich», sagt sie. Einige haben sich schon von ihr verabschiedet, weil ihr Zustand gleich nach dem Unfall so schlecht war. «Sie dachten, es sei vorbei.» Und sie? «Ich machte einfach weiter.» Sie verstand nicht, was geschah. Sie funktionierte.
Das Faszinierende: Sie musste alles wieder neu erlernen. Laufen. Reden. Schwimmen. Velofahren. Egal was. Cécile Treier musste praktisch von null beginnen. Ihr sturer Kopf, ihr riesiger Ehrgeiz, ihr Kämpferherz, das alles sorgte dafür, dass die Freiämterin zurück ins Leben findet. «Ich lebe seit dem Unfall viel bewusster und positiver», sagt sie. Der Sport nimmt in ihren Gedanken einen grossen Platz ein. «Ich wollte irgendwann allen beweisen, dass es noch geht, dass ich noch Höchstleistungen schaffen kann.»
«Ich dachte, mehr geht nicht» – doch es ging noch mehr
Treier ist in Widen aufgewachsen und heute in Berikon zu Hause. Dort hat sie auch ihr Architekturbüro, wo sie ihre Projekte umsetzt. Beispielweise die Schule oder den Kindergarten in Oberwil-Lieli. Als Kind ging sie ins Kunstturnen, begann später mit Triathlon. «Plauschmässig», wie sie sagt. In ihrer Lehrzeit fährt sie immer mit dem Velo von Widen nach Friedlisberg ins Büro. Treier hat auch Freude am Laufen und Schwimmen. Deshalb war der Triathlon-Sport so naheliegend. «Vieles habe ich mir selbst beigebracht», meint sie. In jungen Jahren sind ihre Erfolge bescheiden. Das spielte auch keine Rolle. Ihr ging es um den Spass, den Ausgleich zur Arbeit. «Die Zeiten waren egal.» Auch, als sie an der Weltmeisterschaft in Lausanne 1998 am Start war. «Ich hatte nie das Gefühl, dass es nach vorne reicht.»
Und jener Unfall im Jahr 2007 ändert nichts daran. Der Sport war für sie wie eine Therapie. «Freude. Bestätigung. Abschalten.» 2010, drei Jahre nach dem Unfall, macht sie ihren ersten Ironman, die härteste aller Triathlon-Disziplinen. Am Ironman Zürich schafft sie die 3,8 km Schwimmen, 180 km Velofahren und 41 km Laufen in 10 Stunden und 8 Minuten. Es ist ihr persönlicher Rekord. Und sie schafft die Qualifikation für den Ironman auf Hawaii. Das grösste für alle Triathleten. «Ich dachte, mehr geht nicht», sagt Treier. 2012 eröffnet sie ihr eigenes Architekturbüro. Die ledige Frau hat fortan weniger Zeit für den Sport. «Ich hatte viel zu tun. Ich kriegte schöne Aufträge. Ich liebe meinen Job.» Und weil sie ihre Dinge gerne «ganz oder gar nicht macht», beendet sie ihr Training und somit auch ihre Triathlon-Karriere. Damals – 2012 – war sie 35 Jahre jung.
Aber 10 Jahre später kribbelt es wieder. «Es hat mich irgendwie wieder reingezogen. Ich brauchte einen Plan. Ich arbeitete zu viel. Ich musste etwas ändern.» Sie tritt wieder dem Tri-Team Limattal bei, beginnt wieder mit intensivem Training. «Zu Beginn war es sehr anstrengend, wieder reinzufinden», sagt sie.
Im Juni Europameisterin, jetzt Start an der WM
Auf einem Zettel definiert sie ihr grosses Ziel: «Ironman Hawaii». Am Wettkampf in Thun erreicht sie den 3. Rang und damit die Qualifikation. Im Herbst 2023 ist ihr Ziel erreicht, sie startet in Hawaii. Es wird Rang 37 in ihrer Kategorie Ü45. «Die Teilnahme war besonders. Die Leistung eher mässig.» Sie definiert neue Ziele. Sie trainiert fast jeden Tag. Schwimmen. Velofahren. Laufen. Und dies über Distanzen, wo es anderen Menschen schwindlig werden würde.
Die grösste Sensation schafft sie im Juni 2024 am Ironman in Hamburg. «Völlig unerwartet habe ich gewonnen», sagt sie und strahlt im ganzen Gesicht. In ihrer Kategorie (45- bis 49-Jährige) holt sie sich den 1. Rang. Damit ist sie auch Europameisterin. «Ich habe wieder einfach mein Ding gemacht. Es war mein grösster Sieg der Karriere. Und ich benötigte Stunden, bis ich dies überhaupt begriffen habe. Dass ich einmal einen Ironman gewinne, war vorher für mich unvorstellbar.» Aber sie machte es möglich. Durch diesen Sieg schaffte sie die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Nizza, die in rund einer Woche stattfindet. «Die Besten der Welt sind da. Und ich will unter die besten 10 in meiner Kategorie.»
Sie trainiert jeden Tag. Montags geht sie 3 km schwimmen, Dienstags geht sie eine Stunde auf das Velo und rennt zudem 10 km – und so weiter. Die Woche ist durchgetaktet. Arbeit. Essen. Sport. Schlafen. Am 1. September startete sie am Triathlon über die Mitteldistanz in Locarno – gleichzeitig war es auch die Schweizer Meisterschaft. Und für sie die WM-Generalprobe. Sie holte den 3. Rang. Weil sie Geschäftsführerin ist und in den letzten Monaten viel arbeitete und weniger als gewollt trainieren konnte, ist die Leistung nicht ganz wie erwartet. Das beunruhigt die 47-Jährige aber nicht.
Wölfin im Schafspelz: «Ich wurde schon oft unterschätzt»
Was zurück auf ihr ruhiges Wesen zu führen ist. Und auch auf den Unfall 2007. Treier sagt, ihre Persönlichkeit habe sich seither verändert. Zum Positiven. Zum Bewussten. Und auch zu Unerwartetem. «Ich bin ein Wolf im Schafspelz auf der Triathlon-Strecke. Man sieht es mir nicht an, dass ich sportlich so schnell bin im Wasser, auf dem Velo und auf der Laufstrecke. Ich wurde schon oft unterschätzt.» Vielleicht auch an der Weltmeisterschaft in Nizza nächste Woche? «Vielleicht», meint sie – und lacht. Egal, ob sie ihr Ziel von der Top-10-Platzierung erreicht oder nicht: Cécile Treier ist sowieso eine Gewinnerin. «Seit dem Unfall habe ich viel mehr Lebensfreude, ein ganz anderes und positives Mindset. Im Nachhinein kann man sagen, dass dieser Unfall viele Dinge zum Guten gewandelt hat.» Cécile Treier meint: «Alles hat seinen Grund. Und das Leben ist sehr faszinierend.» Genauso wie die Frau, die mit unbändigem Willen sportliche Höchstleistungen erbringt.



