Reformierte und anderes Gesindel
22.05.2026 BremgartenSzenische Stadtführung zum Thema «Aussenseiter» lockt 900 Schaulustige in die Altstadt
Alle zwei Jahre bieten die Stadtführer eine szenische Stadtführung, die beim Publikum sehr grossen Anklang findet. Dieses Jahr waren «Aussenseiter» ...
Szenische Stadtführung zum Thema «Aussenseiter» lockt 900 Schaulustige in die Altstadt
Alle zwei Jahre bieten die Stadtführer eine szenische Stadtführung, die beim Publikum sehr grossen Anklang findet. Dieses Jahr waren «Aussenseiter» das Thema.
Vincenz Brunner
Vom Kies auf dem Pétanqueplatz war kaum mehr etwas zu sehen, so viele Leute haben sich für die szenische Stadtführung auf dem Gelände eingefunden. Nur einer fehlte: der langjährige Stadtführer und ehemalige Stadtammann Robert Bamert musste aus gesundheitlichen Gründen in der Rehaklinik Bellikon bleiben. Dort liess er es sich nicht nehmen, Werbung für den Anlass zu machen. Und tatsächlich waren seine beiden Therapeutinnen vor Ort, wie eine kleine Überprüfung ergab. Nach ein paar einführenden Worten von Stadtführer und Stadtammann Stephan Troxler wurden vier Gruppen gebildet, jede laut dem Vorsitzenden Hans Peter Flückiger mehr als 200 Besucher umfassend.
Aussätzige verstossen
Beim Spittelturm, wo früher ein Spital stand, ging es um Aussätzige. Das Spital wurde von der Stadt, aber auch von Wohlhabenden unterstützt. Wer allerdings an Pest, Cholera oder einer anderen Seuche litt, musste im Siechenhaus auf der anderen Reussseite in Quarantäne. Die «Siechen» durften die Stadt nicht betreten. «Ihre Krankheit ist gottgewollt, verlassen Sie die Stadt», wurde ihnen befohlen. In Szene gesetzt wurde dies durch Schauspieler, die als Siechen verkleidet Einlass in die Stadt verlangten und abgewiesen wurden. Es wurde sogar in Betracht gezogen, das Siechenhaus in eine Gaststätte für Marktfahrer umzuwandeln.
In der Schenkgasse, vor dem Centro Italiano, wurde mit Migration ein Thema bearbeitet, das heute noch immer aktuell ist. In den 60er-Jahren wurden viele Italiener ins Land geholt, weil man billige Arbeitskräfte brauchte. Dem wollte man 1970 mit der Schwarzenbach-Initiative einen Riegel vorschieben. Einer, der 1960 nach Bremgarten gekommen ist, war Armando Caravetta. Er gründete 1972 das Centro Italiano und leitete es über 50 Jahre. Durch seinen unermüdlichen Einsatz wurde er in Bremgarten zu einer Legende. Passend zu Max Frischs Satz, der über der Bühne hing: «Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen». Nicht alle freuten sich damals über die Anwesenheit so vieler Italiener, sie wurden als «Tschingge« beleidigt und ausgegrenzt.
«Amerika einfach»
Ebenfalls Aussenseiter waren im 16. Jahrhundert die Christen, die sich erfrechten, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen. Die Reformation war in Bremgarten unter Heinrich Bulliger sehr erfolgreich, 1529 wurde Bremgarten reformiert. Allerdings nur für zwei Jahre. Nach der Schlacht bei Kappel wurden sie gezwungen, wieder Katholiken zu werden. Die Familie Bulliger floh. Dieses Ereignis wurde in einer Szene dargestellt, in der die Stadtwache die Frau Bulliger nicht aus der Stadt lassen wollte. Einer der Stadtwächter wurde von Stadtammann Stephan Troxler gespielt. Heute hat er diesbezüglich weniger zu tun, gibt es doch kaum gute Gründe, die Stadt verlassen zu wollen. Mit Flucht und Vertreibung zu kämpfen, hatten auch die Fahrenden, früher Zigeuner genannt. So lustig war das Zigeunerleben nicht, wie es in dem Lied heisst, das zur Begrüssung des Publikums gesungen wurde. Zur Illustration wurde ein Prozess dargestellt, in dem eine Fahrendenfamilie der Brandstiftung bezichtigt wurde. «Die gehören nicht nach Bremgarten. Man sollte mal wieder eine Bettlerjagd machen wie neulich im Oberfreiamt. Sie haben die Bettler in den Kanton Zug ausgeschafft», war eine Stimme aus dem Volk zu hören, oder kürzer: «Amerika einfach».
Juden bewusst ausgelassen
Hans Peter Flückiger, der Vorsitzende der Stadtführer, hatte schon nach den Hauptproben ein gutes Gefühl. «Ich fand es auch mutig, Max Frisch so kurz vor der Abstimmung zu zitieren», so Hans Peter Flückiger. Allerdings habe man sich aufgrund der momentanen Weltlage dazu entschieden, Juden als Aussenseiter nicht zu thematisieren.

