«Nur ich und mein Gewehr»
31.07.2026 Sport, SchiessenAnuschka Lüthi aus Waltenschwil ist eine Exotin im Schiesssport
Seit 25 Jahren ist sie an jedem Eidgenössischen Schützenfest mit ihrem Sturmgewehr dabei. Anuschka Lüthi vom Feldwaffenverein Büttikon sagt: «Ich werde oft komisch angeschaut und muss mich behaupten. Aber ich habe eine grosse Klappe und kann damit umgehen.» Ihr Selbstvertrauen hat die Sportschützin auch durch das Schiessen gewonnen.
Stefan Sprenger
Als junge Frau war sie jeweils «brutal geschminkt» und ihre Nägel waren stets gemacht. «Und wenn ich mit dem Sturmgewehr im Schiessstand war, wurde ich oft schief angesehen», sagt Anuschka Lüthi. «Ich habe es dann jeweils allen bewiesen, dass man auch mit langen Fingernägeln ein Sturmgewehr schnell auseinandernehmen kann. Denn ich bin ein Schiess-Tussy – und eine gute Schützin», sagt sie mit einem Lächeln und mit viel Selbstvertrauen. Sie habe gerne eine grosse Klappe. «Ich stehe hin und stehe zu meiner Meinung. Mittlerweile werde ich in der Schiess-Szene nicht nur akzeptiert, sondern respektiert.»
Mami, Kita-Arbeit, Schiessstand
Lüthi wohnt mit ihrem Mann Raphael und ihrem Sohn in Waltenschwil. Sie arbeitet als Kleinkindererzieherin in Hägglingen. «Ich bin Mami, arbeite in einer Kita. Das Schiessen ist für mich ein Ausgleich zum Alltag», sagt die 40-Jährige, die in Büttikon aufgewachsen ist. Schiessen ist für sie Ruhe. «Atmen. Konzentrieren. Zielen. Abdrücken. Fluchen, weil ich verfehlt habe.
Und wieder von vorne», sagt sie laut lachend. «Nur ich und mein Gewehr. Ich liebe das.»
Seit 25 Jahren an jedem Eidgenössischen dabei
Ihr Vater Markus Hiebl war (und ist) Präsident im Feldwaffenverein Büttikon. Schon als kleines Mädchen war sie stets dabei, ist quasi auf dem Schiessstand gross geworden. «Als 10-Jährige habe ich erstmals mitgeschossen und einen Pokal gekriegt», sagt Lüthi. Seit über einem Jahrzehnt ist sie auch im Vorstand des Vereins. Auch ihr Vater ist nach wie vor dabei. Ebenso ihre Mutter Ingrid Santner. Schiessen ist also auch Familiensache.
Sie selbst hat im letzten Vierteljahrhundert an allen Eidgenössischen Schützenfesten teilgenommen. Mit ihrem Sturmgewehr 90 schiesst sie jeweils über die 300-Meter-Distanz. Erstmals 2000 in Bière, zuletzt vor ein paar Wochen in Chur. Ihre Meinung zum letzten «Eidgenössischen», wo rund 36 000 Teilnehmer dabei waren: «In Chur war nur wenig vom Feeling eines Eidgenössischen zu spüren. Es gab 20 Schiessstände, verteilt über den ganzen Kanton Graubünden. Diese dezentrale Ausführung hat mich ein wenig enttäuscht, auch wenn organisatorisch alles bestens war.» Ihre eigene Leistung war «okay, aber nicht erwähnenswert». Es gab einen dreifachen Kranz, was ordentlich ist.
Duelle mit dem Vater: «Ich bin die bessere Schützin»
Das Resultat war und ist für sie Nebensache. «Ich war nie verbissen. Der Sport sollte ein Ausgleich bleiben. Ein Dürfen, nicht ein Müssen», sagt sie. Natürlich hat sie auch Pokale und Medaillen gewonnen, beispielsweise bei Feldmeisterschaften, wo sie sich oft gegen ihren Vater duellieren muss. «Mittlerweile bin ich die bessere Schützin als er», sagt sie augenzwinkernd. Der Sport ist für sie auch Gemeinschaft. «Das Zusammensein unter den Schützinnen und Schützen schätze ich sehr.» Die Waffe sei «ein Sportgerät, wie für andere eine Hantel. Allerdings kann man mit dem Gewehr jemanden töten, deshalb gilt es, die klaren Regeln einzuhalten.»
Es gibt immer mehr Frauen
Früher hatte sie unter den grösstenteils männlichen Schützen einen schwierigen Stand. «Vor 20 Jahren bin ich rausgestochen. Weil ich geschminkt war, weil ich eine junge Frau war. Ich war eine Exotin. Damals gab es kaum Schützinnen und es war eine Sportart, die von Männern dominiert wurde. Mittlerweile hat sich das etwas gewandelt und es gibt immer mehr Frauen, die schiessen. Das freut mich enorm.» Sie selbst supportet das Initiativ-Label «Pro Frauen im Schiesssport», das für mehr Sichtbarkeit bei den Schützinnen sorgen soll.
Lüthi, die einst in der Feuerwehr Büttikon war, machte die (militärischen) Weiterbildungskurse zur Schützenleiterin. Wenn die «Obligatorischen» im Schiessstand in Büttikon anstehen, ist sie jeweils Schützenmeisterin und erklärt den – grösstenteils männlichen Teilnehmern – wie es abläuft. «Für mich kein Problem. Ich habe gelernt, hinzustehen und vor Leuten zu sprechen. Ich bin nicht aufs Maul gefallen. Ich kann Verantwortung übernehmen und führen. Diese Eigenschaften habe ich zu einem Grossteil dem Sport zu verdanken. Es ist eine Lebensschule.»
Als junge Frau hatte sie Mühe, vor Menschen zu sprechen. Ebenso mit der Konzentration. Dank dem Schiessen konnte sie dies enorm verbessern. «Ich und mein Gewehr. Da steht die Welt still. Und ich bin voll im Moment», erklärt sie. Sie will in Zukunft den Sport weiterhin als Hobby ausüben. Einen Wunsch hat Lüthi aber: «Ich würde mich freuen, wenn noch mehr weibliche Schützinnen und junge Menschen dazukommen.»



