Nordumfahrung als beste Variante
18.10.2024 BremgartenEnde der Blechlawinen
Vor 30 Jahren wurde die Umfahrung feierlich eingeweiht
Am 18. Oktober 1994 feierte die Region die Einweihung der Umfahrung der Bremgarter Altstadt. Erst Pläne dafür gab es bereits vor 90 Jahren.
...Ende der Blechlawinen
Vor 30 Jahren wurde die Umfahrung feierlich eingeweiht
Am 18. Oktober 1994 feierte die Region die Einweihung der Umfahrung der Bremgarter Altstadt. Erst Pläne dafür gab es bereits vor 90 Jahren.
Über Jahrzehnte zwängten sich Personenwagen, Motorräder und Lastwagen über die Holzbrücke und danach durch die Gassen der Bremgarter Altstadt. Diese Situation nahm vor 30 Jahren mit der Einweihung der Umfahrung von Bremgarten ein Ende.
Unzählige Skizzen
Bis es so weit kam, wurde über Jahrzehnte immer wieder geplant, Skizzen entworfen, diskutiert und wieder verworfen. Lange standen Überlegungen im Raum, die Altstadt ab Obertorplatz über Brücken in Richtung Oberebene und dort in die Luzernerstrasse zu führen. Die Idee, die Altstadt nördlich in einem grossen Bogen zu umfahren, kam erst deutlich später. Auch dafür wurden verschiedene Varianten diskutiert, bis sich die schliesslich realisierte durchsetzte.
Die Bevölkerung feierte die Eröffnung der Umfahrung mit einem mehrtägigen Fest, vielen Attraktionen, einigem an Prominenz und ohne Polizeistunde. Die Blechlawinen durch die Bremgarter Altstadt gehören jetzt seit drei Jahrzehnten der Vergangenheit an.
Am 18. Oktober 1994 ist die Umfahrung Bremgarten eröffnet worden
Viele Jahrhunderte lang war die feste Brücke an der schmalsten Stelle zur alten Stadt der einzige Übergang zwischen Luzern und Mellingen. Alle anderen waren abrufbare Übersetzfähren. Vor dreissig Jahren realisierte Bremgarten eine unglaubliche historische Entscheidung.
Hans Rechsteiner
Bremgarten verabschiedete sich vor 30 Jahren resolut vom Verkehrsnadelöhr, befreite sich vom Durchgangsverkehr und verschob diesen in die ideale Schlaufe Bibenlos–Chesselwald– Fohlenweid–Wohlerstrasse. Die Altstadt wurde verkehrsbefreit.
Die ersten Gedanken und Ideen über eine Verkehrssanierung für Bremgarten tauchten bereits vor 90 Jahren auf, in der wirtschaftlichen Krisenzeit vor dem Zweiten Weltkrieg, in den 1930er-Jahren. Der Zweite Weltkrieg drängte das Thema in den Hintergrund. Schon 1945 erhob man die Ortsplanung von Bremgarten zur «Zukunftsentwicklung». Die Zielvorstellung war immer ein zweiter Reussübergang ohne Altstadtdurchfahrt, als Konzept bereits 1940 entwickelt. Schon 1946 zeigte eine Studie die Idee einer neuen Hochbrücke parallel zur Bahnbrücke, die den Obertorplatz unterfahren würde und auf der Höhe des heutigen Bahnhofs aus der Zürcherstrasse ans Tageslicht käme – die erste Vision zur weiterentwickelten «Kerntangente Tief» 1980.
Es folgten viele Jahrzehnte ideenreicher Planungseuphorie, die schliesslich in 19 Varianten vorlagen. Ideal realisiert wurde die Linie Mutschellenstrasse–Reussbrücke–Kurztunnel– Waffenplatz–(heute)Shellkreisel–Wohlerstrasse mit Anschlüssen und die Oberebene-Spange.
Die Kerntangente
1962 gab es eine Planstudie mit einer vierspurigen Strasse über die Reuss und über den Obertorplatz. Die Brücke mit Bahngleisen hatte eine Planungsbreite von 28 Metern. 1969 liess der Kanton Aargau eine Strassenverbindung von der Oberebene zum Obertorplatz studieren. Sie führte ab einer vierspurigen Hauptstrasse Sins–Mellingen den Verkehr und Gegenverkehr von linker Reusstalseite nördlich am Bahnhof West und zwischen dem Altbau St. Josef und der Turnhalle St. Josef über eine Hochbrücke direkt auf den Obertorplatz. Vom Obertor her gesehen würde das mittlere Trassee den Verkehr in beide Richtungen hinaus zur Oberebene bringen, die beiden seitlichen Äste mit Gehwegen kämen indes schon an der Luzernerstrasse zu Boden. Weil die Bahn separat auf «Bijou»-Seite zu liegen gekommen hätte, hätte man den Katzenturm um bis zu sechs Meter stauchen müssen, das traditionsreiche «Bijou» selbst wäre nicht mehr bewohnbar und das Gärtnerhaus St. Josef abzureissen gewesen.
Von 1975 bis 1979 studierte die Planungskommission eine amputierte «Tangentenlösung»: Die Strasse würde erst beim «Maulbeerbaum» oberhalb Restaurant Linde / Garten St. Josef beginnen statt in der Oberebene. Eine Idee war, den Reussbrückesaal abzureissen, um auf den Waagplatz zu kommen und weiter bis auf die Höhe der Wällismühle.
Eine unüberwindliche Knacknuss war die Verbindung der Zugerstrasse via Obertorplatz in die Altstadt. Sogar eine Lichtsignalanlage vor dem Hotel «Krone» war im Gespräch.
Die Nordumfahrung
Die Entstehungsgeschichte der schlussendlich erfolgreichen Umfahrungsvariante Nord ab Bibenlos rechts der Reuss entlang, in einem eleganten Bogen über die neue Reussbrücke «Struss» und durch einen Tagbautunnel, dann zwischen Kaserne und Fohlenweid hinauf zum heutigen Shellkreisel und über die Galgenhau-Kurve durch den Bremgarterwald Richtung Wohlen ist in den Details weniger kompliziert. Als «Vater der Umfahrung» gilt Hansruedi Lüscher. Er wählte eine radikal andere Trasseeführung nordwestlich weit ausserhalb von Altstadt und Kerntangente. Seine erste Idee orientierte sich von der Ziegelhütte auslaufend auf eine neue Reussbrücke an einem Knotenpunkt Bibenlos-Itenhard inklusive Einführung in die Mutschellenstrasse mit Unterfahrung der Badenerstrasse.
Dieses neue Konzept markiert den entscheidenden Wendepunkt: Eine neue Studienkommission würde ab jetzt nur noch die Nordumfahrung weiterentwickeln, alle «Kerntangenten» waren passé. Der Schöpfer der neuen Idee erkannte sie indes selbst als Illusion und zog sie zurück.
Die nächste Lösung fusste in der Linienführung auf einer Projektidee des Aargauischen Baudepartements aus dem Jahr 1964. Diese von Lüscher neu bearbeitete Version unterbreitete der Kanton im Mai 1978. Sie umfasste Folgendes: Von Wohlen kommend führt die Strasse statt in die Galgenhaukurve geradeaus in einen Geländeeinschnitt, fällt ab in eine Unterführung unter der Fischbacherstrasse durch, auf einem Damm hinter dem heutigen Kugelfang der Schiessanlage Stockweiher vorbei, folgt dem Waldrand, durchquert weit nordwestlich der Felder der Fohlenweid den «Eichwald», führt auf einer neuen Brücke über die Reuss, in einem grossen Bogen durch die Kulturlandebene südlich Eggenwil und hinauf zum Anschluss Badenerstrasse zirka 200 Meter unterhalb des Restaurants Frohburg. Dagegen sprachen praktische bautechnische Gründe: Der vorgesehene 850 Meter lange Tunnel unter der flachen Ebene hätte eine 24-Stunden-Dauerbeleuchtung, Klimatisierung und Überwachung erfordert, viel zu aufwendig und zu teuer.
Unvergessene Umfahrungseröffnung
An jenem 18. Oktober 1994 der Umfahrungseröffnung waren alle auf den Beinen, und in den nachfolgenden Tagen gab es in Bremgarten keinerlei Polizeistunden, vielmehr unzählige Events, denn jedermann freute sich, endlich die Alt- und Unterstadt verkehrsbefreit zu erleben und darin zu feiern. Vor der feierlichen Banddurchschneidung vor dem originellen Pylon an der Bibenlos-Einmündung nahmen Oldtimer in einem Corso die neue Umfahrung in Beschlag. Und man sah einen hochglücklichen Stadtammann Albert Seiler – für die Realisierung der Umfahrung Bremgarten der richtige Mann zur richtigen Zeit am Ort, auch im Grossen Rat Aargau. In zwei Postautos wurden die Ehrengäste die Marktgasse hinunter in die Festmeile Unterstadt gefahren. Doch die Operette stand da kurz vor den «Banditenstreichen» von Johann Strauss – das konnte ja nicht gut gehen. Banditen enterten im Bogen vor dem «Adler», mit Pistolen bewaffnet, die Postautos und verlangten frech Wegzoll: einen Fünfliber pro Person. Alle fanden das prächtig. Die 720 Franken wurden dann allerdings später zum Problem hochstilisiert, weil erzwungenes Diebesgut. Sie sind idealerweise im St. Josefsheim-Kässeli gelandet.
Die verkehrsbefreite Stadt
1994 träumte man von der verkehrsbefreiten Altstadt und versuchte dennoch einen vorgeschriebenen 15-Minuten-Parcours durch die Oberstadt. Eine Barriere vor dem oberen Zugang zum Schellenhausplatz hätte es richten sollen. Bis jemand nächtens die Schranke mit scharfen Schüssen aus einem Sturmgewehr erledigte – für immer. In den ersten zehn Jahren zeigten sich die Altstadt-Lädeler hilflos, sie hatten eher Zukunftsängste als freudige Ideen. Die Altstadt ist in ihrem Kern ausgezeichnet geschützt, eine Perle – mittelalterlich sowie modern. Nur der Branchenmix im Städtli leidet heute noch. Die Handwerker sind aus der Oberstadt vertrieben, die Zufahrten sind schwierig. Die Gastronomie ist momentan «halbiert». Es mangelt an einem tauglichen Ortsbus.
Dagegen nutzen alle Promotoren heute die Stärken der verkehrsbefreiten Altstadt: Tourismus, unglaublich interessante Märkte, Geschichte, Stadtführer, Vielfalt, ArtWalk und Weihnachten beginnt sowieso in Bremgarten.



