Märchenhaftes Doppelgold
13.01.2026 Bob, SportEin goldenes Wochenende
Die Freiämterin Melanie Hasler wird in St. Moritz zweifache Europameisterin
Die Berikerin Melanie Hasler setzt vor den Olympischen Spielen noch einmal ein ganz grosses Ausrufezeichen. In St. Moritz krönt sie sich ...
Ein goldenes Wochenende
Die Freiämterin Melanie Hasler wird in St. Moritz zweifache Europameisterin
Die Berikerin Melanie Hasler setzt vor den Olympischen Spielen noch einmal ein ganz grosses Ausrufezeichen. In St. Moritz krönt sie sich sowohl im Mono- als auch im Zweierbob zur Europameisterin.
Josip Lasic
Sie wollte ihre Leistungen der Vorjahre bestätigen. Jetzt hat sich Melanie Hasler selbst übertroffen. Die letzten drei Jahre in Serie gab es für die Bobpilotin an den Europameisterschaften stets eine Medaille. Zweimal Silber und einmal Bronze. Und immer nur in jeweils einer der beiden Disziplinen. Jetzt konnte sie erstmals Gold holen. Und das im Mono- und Zweierbob.
Dass ihr dieser Doppelsieg an der Heim-Europameisterschaft in St. Moritz gelingt, versüsst den Erfolg noch zusätzlich. «Ich kann es selbst noch nicht so richtig glauben», sagt die Berikerin. Insbesondere im Zweierbob war ein solcher Exploit nicht zu erwarten. Dort haben die Schweizer Bobschlitten einen grossen Materialnachteil gegenüber der Konkurrenz aus Deutschland. Doch die 27-Jährige liess sich auch davon nicht aufhalten. «Der Start hat sehr gut gepasst. Ich war dabei noch nie so nah dran an der Spitze. Ausserdem konnte ich diesmal wirklich konstant fahren. Es kam in dieser Saison schon häufig vor, dass ich einen guten Lauf hatte, aber der zweite nicht optimal verlief. Diesmal hat aber alles gepasst.»
Nächster Halt: Olympia
Der Auftritt in St. Moritz war für die Freiämterin der letzte vor den Olympischen Spielen. Am kommenden Wochenende findet der Weltcup in Altenberg statt. Diesen wird Hasler nicht bestreiten. Vor zwei Jahren ist ihr Freund Michael Vogt auf dieser Bahn gestürzt. Sein Anschieber Sandro Michel hat sich dabei schwer verletzt. Sie will dort nichts riskieren, um Verletzungen vor den Olympischen Spielen zu vermeiden. «So kann ich mit dem guten Gefühl aus St. Moritz im Gepäck an die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo reisen. Besser geht es eigentlich gar nicht.»
Europameisterschaft: Melanie Hasler holt in St. Moritz den Titel im Mono- und Zweierbob
Damit hat sie selbst nicht gerechnet. Melanie Hasler wollte an den Europameisterschaften in St. Moritz eine Medaille holen. Jetzt wurden es zwei. Und zweimal ist es die goldene. Dass ihr dieser Erfolg in St. Moritz gelungen ist, macht ihn für die Berikerin umso emotionaler.
Josip Lasic
St. Moritz hat für Melanie Hasler eine besondere Bedeutung. Sie hat schon einiges auf der einzigen Bobbahn der Schweiz erlebt. «Dort hatte ich meine erste Bobfahrt und habe mich in diesen Sport verliebt. In St. Moritz habe ich auch mein erstes Rennen gewonnen. Und auch meinen ersten Podestplatz im Weltcup habe ich dort geholt.»
Seit dem vergangenen Wochenende kommt ein spezielles Kapitel dazu. In St. Moritz feiert Melanie Hasler ihren ersten Europameistertitel – und ebenso den zweiten.
Dass sie eine Medaillenkandidatin ist, hat die Berikerin schon in den letzten Jahren bewiesen. 2023 gewann sie in Altenberg Silber im Zweierbob. Ein Jahr später gab es Bronze im Zweier in Sigulda. Vergangenes Jahr konnte sie in Lillehammer mit Silber ihre erste EM-Medaille im Monobob feiern. «Mein Ziel war es, diese Leistungen zu bestätigen. Aber gerade im Zweierbob wusste ich, dass es enorm schwer wird. Der Materialvorteil, den insbesondere die deutschen Bobschlitten haben, ist gross. Ich dachte, dass eine Silberoder Bronze-Auszeichnung im Monobob und ein 6. Rang im Zweier realistisch sind.»
Für eine Goldmedaille gebetet
Doch sie hofft auf mehr. Die 27-Jährige erzählt, dass sie am Abend vor dem Weltcup gebetet hat, dass es für Gold reicht. Ihre Gebete wurden erhört. Sowohl im Mono- als auch im Zweierbob gelingt ihr ein sehr guter Start. «Ich glaube, dass ich beim Start noch nie so nah dran an der Spitze war. Zweimal hatte ich die zweitbeste Startzeit. Damit kann ich zufrieden sein.»
Der Freiämterin gelingt es anschliessend auch, sehr konstante Leistungen zu zeigen. Im Monobob fehlt ihr im Weltcuprennen eine halbe Sekunde auf die Australierin Bree Walker. Die europäische Konkurrenz lässt sie hinter sich. Im Zweierbob ist es noch enger. Gemeinsam mit Anschieberin Nadja Pasternack ist sie gerade mal einen Hundertstel langsamer als der siegreiche US-amerikanische Zweier. «Ich war nah dran am ersten Weltcupsieg. Aber unter diesen Umständen kann ich gut damit umgehen, dass es nicht ganz gereicht hat», erzählt sie lächelnd. In der EM-Wertung kann sich erneut niemand vor ihr klassieren. Auch die starken deutschen Teams nicht. «Mein Eindruck war, dass die Fehler der Deutschen diesmal deutlich spürbarer waren als in den bisherigen Weltcuprennen. Das konnte ich sicher nutzen.»
Das war nicht der einzige Unterschied gegenüber den bisherigen Weltcup-Rennen. Hasler erklärt, dass sie viel lockerer war. «Meine Familie und Freunde waren vor Ort. Das ist etwas, was bei Rennen in Lettland nicht einfach so möglich ist. Ihre Anwesenheit und Unterstützung haben mir diese zusätzliche Lockerheit verliehen.» Die Präsenz der Angehörigen hat den Erfolg auch mit besonders vielen Emotionen verbunden. «Nach meinem Sieg im Monobob hat, glaube ich, meine ganze Familie geweint.»
Auch für den Verband unbezahlbar
Der Künter Christian Reich ist selbst eine Freiämter Boblegende. Er kann in seiner Karriere neben einem EM-Titel auch diverse weitere EM- und WM-Medaillen vorweisen und hat 2002 sogar an den Olympischen Spielen in Salt Lake City Silber im Zweierbob geholt. Auch er ist beeindruckt von Haslers Erfolg. «Dass sie im Monobob eine Chance auf eine Medaille hat, war bekannt. Aber dass sie auch im Zweier so abliefert, war nicht zu erwarten. Gemessen am Materialnachteil gegenüber den deutschen Bobschlitten ist dieser Erfolg auch höher einzuschätzen.»
Reich hatte als Beobachter den gleichen Eindruck von Haslers Rennen, wie die Pilotin selbst. «Sie hatte sehr gute Starts», erklärt der Olympionike. «Anschliessend ist sie aber auch mit Abstand am besten gefahren. Und sie hat vor allem vier sehr konstante Läufe gezeigt. Bei ihr ist es oft so, dass ihre Läufe optisch gut aussehen, sie aber sehr viel aufwenden muss, um eine gute Linie zu fahren. Das kostet sie Zeit. Diesmal hat aber wirklich alles gepasst. Der Aufwand, Krafteinsatz, die Fahrt, das war wirklich sehr stark.»
Der Künter sagt, dass der Erfolg für die Berikerin absolut grossartig ist. Er ist aber für den gesamten Verband enorm wertvoll. «Zuletzt wurde über die finanziellen Probleme bei Swiss Sliding gesprochen und über die Verbandsführung. Es brennt schon ein bisschen der Baum. Gemessen daran sind diese Leistungen jetzt unbezahlbar. Nicht nur das Doppelgold von Melanie Hasler, sondern auch Bronze von Michael Vogt im Viererbob. Dem Verband hätte nichts Besseres passieren können. Endlich wird wieder über den Sport gesprochen und nicht über das Drumherum. Und der Verband wird so auch wieder interessanter für Sponsoren.»
Weltcup in Altenberg lässt sie aus
Für Melanie Hasler ist die Weltcup-Saison damit zu Ende. Am nächsten Wochenende wären noch die Rennen in Altenberg auf dem Programm gestanden. Diese lässt sie bewusst aus. «Ich will nichts riskieren vor den Olympischen Spielen», erzählt sie. Vor zwei Jahren ist der Bob ihres Freunds Michael Vogt in Altenberg gestürzt. Anschieber Sandro Michel zog sich schwere Verletzungen zu und war kurzzeitig in Lebensgefahr. «So etwas vergisst man nicht so leicht. Deshalb passt es für mich so. Ich habe die Weltcup-Saison mit diesem Erfolg beendet und kann mit diesem guten Gefühl an die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo reisen.» Reich hat Verständnis für Haslers Entscheidung. «Aus der Perspektive, dass sie sich nicht verletzten will, ist das nachvollziehbar. Allerdings ist die Pause jetzt bis zu Olympia recht lang. Und die Olympischen Spiele sind noch einmal eine Stufe schwieriger», erklärt er. «Da sind es vier Läufe, die es zu absolvieren gilt, statt nur zwei. Der Kopf lässt sich nicht so einfach abschalten in der Nacht zwischen den Läufen. Und der Erwartungsdruck wird jetzt nach diesem Erfolg in St. Moritz noch höher sein. Sowohl der von aussen als auch ihr eigener.» Der Silbermedaillengewinner aus Salt Lake City ist aber zuversichtlich. «Wenn sie eine solche Leistung wie in St. Moritz auch in Italien abrufen kann, ist ihr alles zuzutrauen.»


