Medaille, Hawaii und offene Fragen
24.02.2026 Sport, BobOlympische Spiele: Die Freiämter Bob-Pilotin holt ihr zweites Diplom, ihr Freund Michael Vogt gewinnt Bronze
Die letzten Olympia-Tage waren für Melanie Hasler brutal emotional. Erst ein Olympisches Diplom und Freudentränen, dann die Medaille ihres Freundes ...
Olympische Spiele: Die Freiämter Bob-Pilotin holt ihr zweites Diplom, ihr Freund Michael Vogt gewinnt Bronze
Die letzten Olympia-Tage waren für Melanie Hasler brutal emotional. Erst ein Olympisches Diplom und Freudentränen, dann die Medaille ihres Freundes Michael Vogt. Nun hat sie Pause, lässt sich zu Hause in Berikon feiern – und entscheidet dann, wie es in ihrem Leben weitergehen soll.
Stefan Sprenger
Es sind solche Interviews, die das Herz jedes Sportfans höherschlagen lassen. Pilotin Melanie Hasler und ihre Anschieberin Nadja Pasternack geben im Schweizer Fernsehen Auskunft über ihre Gefühlslage. Sie haben gerade den 6. Rang im Zweierbob-Wettbewerb geholt. Es fliessen Tränen, es fallen berührende Worte. «Ich muss mich zusammenreissen, dass ich nicht heule», sagt sie – und hat wässrige Augen. «Ich habe mir mehr erhofft. Eine Medaille. Aber ich bin auch für ganz viele andere Menschen gefahren – und für mein inneres Kind. Ich bin dankbar, zum zweiten Mal an Olympia dabei gewesen zu sein, und kann mit Freudentränen aufhören.»
Wie erwartet grosse Dominanz der USA und Deutschland
Auf ihre Anschieberin Nadja Pasternack und ihren Weg sei sie «megastolz», wie Hasler sagt. Hintergrund: Nadja Pasternack wurde vor zwei Jahren Mutter. Sie kämpfte sich – trotz schwieriger Schwangerschaft und körperlichen Rückschlägen – zurück an die Spitze, gehört zu den weltbesten Anschieberinnen. Der Schweizer Bob-Verband verbietet ihr zeitweise, mit dem Kind im Teamhotel zu schlafen, was für Pasternack – die mit dem französischen Bobpiloten Romain Heinrich liiert ist – eine enorme Belastung darstellt und einiges an Kraft kostete.
Im Interview sind beide vor allem eines: erleichtert. Nach dem 5. Rang im Monobob schafft es das Duo Hasler/Pasternack im Zweierbob auf den 6. Rang. Wie erwartet ist die Dominanz der USA und Deutschland erdrückend.
Vor der Freiämterin sind (wie im Monobob auch) nur deutsche und US-Schlitten klassiert. Auf das Podest fehlten 1,19 Sekunden – eine kleine Weltreise im Bobsport.
Bleibt sie dem Bobsport erhalten?
«Es ist ein harter Kampf an der Spitze. Wir sind mittendrin. Aber Deutschland und die USA sind eine Macht wegen ihres Materialvorteils», so Hasler, die im vierten Olympiarennen (zwei in Peking 2022, zwei in Cortina 2026) ihr viertes Diplom holt. Damit ist die Doppel-Europameisterin nun endgültig die erfolgreichste Schweizer Bobfahrerin aller Zeiten. Das tröstet ein wenig darüber hinweg, dass es nicht für die erträumte Medaille reichte. «Ich bin stolz. Im Vergleich zu den letzten Olympischen Spielen bin ich noch näher an der Weltspitze. Zu realisieren, dass es mit der Medaille nichts wird, tut aber dennoch weh. Wir haben vieles richtig gemacht, hatten stets gute Startzeiten und zeigten mit wenigen Ausnahmen auch starke Fahrten. Aber um die USA und Deutschland zu schlagen, braucht es wohl vier perfekte Läufe. Ich bin aber eher glücklich als enttäuscht», sagt Hasler im Interview mit dieser Zeitung. «Ich nehme nun die positiven Dinge mit». Das klingt, als würde die Bob-Reise für Melanie Hasler weitergehen. Sie sagt, «dass sie nun überdenken muss, wie es weitergeht». Wenn Hasler weiterhin «Ja» zum Bobsport sagt, würde dies bedeutet, dass sie mindestens bis zu den nächsten Olympischen Spielen 2030 weitermachen würde. «Das muss ich mir gut überlegen.» Die 27-Jährige hat keine Olympia-Medaille geholt und «nicht erreicht, was ich wollte». Deshalb habe sie gerade Mühe damit loszulassen und zu sagen, dass es nun vorbei ist. «Ich muss jetzt nachdenken», sagt sie.
Hasler, die bis im August als Zeitmilitär angestellt ist, hat nun viel Zeit, um ihre Gedanken zu sortieren. Denn nun folgt eine Phase ohne Spitzensport. Am kommenden Samstag (11 Uhr) beschert ihr die Gemeinde Berikon einen festlichen Empfang.
Ihr Freund schafft Historisches
Und – sie weiss noch nicht genau wann – wird sie mit ihrem Freund Michael Vogt nach Hawaii in die Ferien reisen. Die Geschichte, die dahinter steckt, ist richtig gut. Im letzten Jahr hat das Paar, das seit Olympia 2022 zusammen ist, Urlaub in Hawaii gemacht. «Es hat uns enorm gut gefallen. Aber Hawaii ist teuer», sagt Hasler. Sie gab sich selbst aber ein Versprechen: «Wenn ich eine Medaille an Olympia hole, gönne ich mir die Reise.» Doch das klappte bekanntlich nicht. Am Sonntagabend schafft aber ihr Freund Michael Vogt das schier Unglaubliche: Er holte sich Bronze im Viererbob. Spannendes Detail: Von 12 Olympia-Medaillen in den Bob-Wettbewerben gingen 11 an Deutschland und die USA. Und nur eine einzige an eine andere Nation: Eben jene von Michael Vogt, der damit die erste Schweizer Bob-Medaille seit 12 Jahren holt.
Er flüstert ihr das Geschenk ins Ohr
Er schafft das mit einem enorm kleinen Vorsprung von 0,04 Sekunden. Der Jubel danach ist aber riesengross – auch bei Hasler. «Ich habe mich so wahnsinnig fest gefreut, als hätte ich selbst die Medaille geholt. Im Vorfeld sagte ich ja, dass ich Michi diesen Medaillengewinn zutraue. Es ist herrlich, dass das geklappt hat», meint sie. Und Michael Vogt zeigt, was für ein sympathischer Kerl er ist. In der Stunde seines grössten Erfolgs macht er seiner Partnerin Melanie Hasler ein Geschenk. Er flüstert ihr ins Ohr: «Wir gehen nach Hawaii.»
Gestern Montag war Abreisetag an Olympia. «Bis 10.30 Uhr mussten wir draussen sein», sagt Hasler. Die Spiele in Cortina enden ereignisreich, emotional und grösstenteils positiv. Und nun beginnt eine völlig andere Zeitrechnung. Jene nach Olympia, ohne Druck, Training und Stress. «Runterkommen» will sie jetzt. Erst zu Hause im Freiamt, dann in Hawaii. Und dann gilt es, Entscheidungen zu treffen.

