Liebe mit Hindernissen
22.05.2026 Sport, Fussball1. Liga classic: FC Wohlen – Concordia Basel (Sa, 17 Uhr, Niedermatten) – Trainer Piu sagt Tschüss
Letztes Heimspiel für den FC Wohlen. Und es wird eine emotionale Angelegenheit. Der Weg von Trainer Piu endet nach drei Saisons. Der 49-Jährige ...
1. Liga classic: FC Wohlen – Concordia Basel (Sa, 17 Uhr, Niedermatten) – Trainer Piu sagt Tschüss
Letztes Heimspiel für den FC Wohlen. Und es wird eine emotionale Angelegenheit. Der Weg von Trainer Piu endet nach drei Saisons. Der 49-Jährige blickt mit unterschiedlichen Gefühlen auf seine Zeit zurück.
Stefan Sprenger
88 Spiele. Drei Saisons. Viel Auf und Ab. «Gemischt», sind seine Gefühle, wie Trainer Piu erklärt. Die trockenen Zahlen sind ebenfalls gemischt. Der Punkteschnitt während dieser Zeit: 1,24 Zähler pro Match. 29 Siege, 22 Unentschieden, 37 Pleiten. 116 Tore geschossen, 142 Tore kassiert. In den ersten beiden Saisons unter Piu gab es zweimal den 11. Schlussrang. «Ich wünsche mir Heimspiel gegen Concordia Basel und im letzten Spiel auswärts in Bassecourt zwei positive Erfahrungen, zwei Siege», sagt Piu. Der FC Wohlen würde in diesem Fall auf 43 Punkte kommen. «So viele wie in den letzten drei Saisons nicht. Und wir würden mehr Punkte holen als 2023, als Koko Trainer war. Das wäre für mich ein versöhnlicher Abschluss und ich wäre happy.»
Ruhe in Muri und Mutschellen, Kritik und Druck in Wohlen
Der Abschied von Piu ist aber viel mehr als eine trockene Bilanzgeschichte. Die Liebesbeziehung zwischen dem Schweiz-Brasilianer und dem FC Wohlen ist mit Emotionen aufgeladen. Einst war er ein beliebter Stürmer in der Challenge League. Der sympathische Piu wurde auch neben dem Fussballplatz ein Wohler, mischte sich unters Volk, wurde mit seinen flotten Sprüchen und seiner coolen Art zur Identifikationsfigur. Er liebte und wurde geliebt.
Doch das Verhältnis zwischen Piu und dem FCW ist mittlerweile auch kompliziert. «Wohlen ist ein heisses Pflaster», sagt Piu. Er erinnert sich an seine Zeit als Trainer des FC Mutschellen oder des FC Muri. «Dort konnte man in Ruhe arbeiten, mit wenig Nebengeräuschen. Hier in Wohlen ist der Druck grösser, das Vereinsumfeld ist viel kritischer. Hier in Wohlen kleben einige Menschen noch an den Challenge-League-Zeiten, doch es ist eine Fantasiewelt, denn diese glorreichen Jahre sind längst vorbei. Wir haben massiv weniger Budget. Meine Aufgabe war nicht einfach.»
Und man merkt, die viele Kritik in der Vergangenheit hat Piu etwas abgestumpft. Die fröhliche Leichtigkeit, die er einst als Stürmer hatte, ist mittlerweile als gestandener Trainer gewichen. Vermutlich ein Schutzmechanismus. Piu: «Ich verstehe Kritik, wenn wir verloren haben. Aber manchmal spielen Dinge mit, die man von aussen nicht auf den ersten Blick erkennt.»
«Das habe ich unterschätzt»
Er hat immer sein Bestes gegeben, wie er betont. «Es gab in diesen drei Jahren viele Nebengeräusche, viele Verletzungen. Wir hätten mehr erreichen können, aber irgendwie kam immer etwas dazwischen. Der Weg ganz nach oben wurde so immer verhindert.»
Weniger Budget, Nebengeräusche, Verletzungen, Kritik. Im Team selbst hatte Piu zwar einige erfahrene Kräfte, die unterstützend waren auch auf dem Platz, doch grösstenteils viele junge Spieler. Eigengewächse und Auswärtige. Rohdiamanten, die geschliffen werden mussten. «Dies habe ich sicherlich unterschätzt. Mit so vielen jungen Spielern zu arbeiten, kostete viel Zeit und Kraft. Das war nicht einfach.» Und solch jungen Spielern fehlt oft die Konstanz, sie sind fehleranfällig.
«Wenn er keine Lust hat ...»
Auch die Kaderplanung war manchmal schwierig. Aktuelle Beispiele: Mit dem launischen Dramane Sissoko hat er nur einen «wirklich guten Stürmer» im Kader. «Wenn er Lust hat, ist er top und könnte in der Challenge League spielen mit seinen Fähigkeiten. Wenn er keine Lust hat, reicht es nicht mal für die 1. Liga classic.» Ein anderes Beispiel: Mit Aussenverteidiger Berdan Senyurt, der vom FC Aarau ausgeliehen wurde, erhielt er einen sackstarken Spieler, der dann aber kurzfristig wieder zu Aarau zurückgeholt wurde. Piu waren die Hände gebunden. Wenn er zurückdenkt an die letzten drei Jahre, «dann gibt es Aspekte, die mir nicht fehlen werden und wo ich froh bin, dass es vorbei ist.»
Die vielen Highlights und der absolute Tiefpunkt
Die belastenden Dinge sind vorhanden. Doch es gibt auch die wunderbaren Erinnerungen. Ganz viele. «Im Team hatten wir immer tolle Typen. Jedes Training hat Spass gemacht. Das war die ganzen drei Jahre lang richtig geil.» Er denkt zurück an die Siege gegen Taverne oder Tuggen, die den FC Wohlen in den Schweizer Cup spülten. Oder den Sieg gegen Topteam Solothurn mit einem Mann weniger, das 5:0 in der letzten Saison gegen Schötz, das sackstarke Spiel gegen den FC Aarau (1:3) im Schweizer Cup. «Oder an den letzten Samstag, als wir die Black Stars auswärts mit 0:1 geschlagen haben, das war richtig toll», wie er sagt.
Nebst jenen dicken Highlights gibt es einen absoluten Tiefpunkt. Es sind die letzten Spiele der Saison 2025/26. «Das 0:9 zu Hause gegen Münsingen. Das würde ich am liebsten aus meinem Kopf streichen», sagt Piu – und man merkt, dass es ihn immer noch schmerzt.
Piu und der FC Wohlen, es ist eine Liebesgeschichte mit Hindernissen. Aber auch eine Liebe, die allem standgehalten hat. Wie beispielsweise 2019, als er nach einer Niederlagenserie zum Rückrundenstart der Promotion League als Trainer des FC Wohlen entlassen wird. Doch Piu und Blau-Weiss finden sich 2023 wieder. «Der FC Wohlen liegt mir sehr am Herzen», sagt er. «So viel Freude, manchmal Frust. So viele Tore, manchmal Verletzungen. So viel lachen, manchmal Tränen. Eine Achterbahnfahrt», sagt Piu. Doch es ist pure Fussballliebe. Er lächelt. «Ich würde es wieder tun. Ich bereue es nicht.»
«Viel Glück, Erfolg – und einen zweiten Stürmer»
Seinem Nachfolger auf der Trainerbank, dem Zürcher Jérôme Oswald, wünscht er «viel Glück und Erfolg, wenig Verletzungen – und einen zweiten starken Stürmer». Dem gesamten Verein wünscht er «nur das Beste dieser Fussballwelt».
Er als grosser Kenner des Vereins sieht die Entwicklung des FC Wohlen als positiv. «Die Schulden sind getilgt. Die Vereinsführung ist motiviert. Ein Aufwärtstrend ist zu erkennen. Mit dem neuen Sportchef Sergio Colacino hat der FCW zudem einen Mann mit enormer Fussballkompetenz, der auch menschlich wunderbar ist.» Piu meint, dass mit «ein wenig Glück und den richtigen Voraussetzungen» die Möglichkeit besteht, dass der FC Wohlen in Zukunft ganz oben mitspielen kann. «Es würde mich sehr freuen.» Nach dem letzten Heimspiel gegen Concordia Basel am Samstag wird er gemeinsam mit dem Team essen gehen. Nach dem letzten Saisonspiel gegen Bassecourt in einer Woche wird er die Mannschaft zum Grillabend einladen. Piu weiss, wie man sich ordentlich verabschiedet.
Und wenn alles durch ist und der Monat Juni angebrochen ist, geht sein Blick nach vorn auf zwei besondere Jubiläumstage. Am 1. August wird er 30 Jahre in der Schweiz sein. Am 1. Oktober wird er 50 Jahre alt. Und Ende Oktober wird er für drei Monate in seine Heimat nach Brasilien zurückkehren. Dies war für ihn auch der Hauptgrund, wieso er sein Traineramt von sich aus abgibt. «Eine Auszeit. Dies war ein tiefer Wunsch, den ich und auch meine Frau Joyce hatten. Wenn ich im Februar 2027 zurück in der Schweiz bin und Heimweh bekomme, dann ist es gut möglich, dass wir wieder gehen, für immer, nach Brasilien.»
Piu ist bald nicht mehr Trainer in den Niedermatten. Eine Ära endet. Für immer? «Sag niemals nie», meint er. Aber es könnte sein, dass er die Schweiz, seine zweite Heimat, in den nächsten Jahren für immer verlässt. Spätestens dann würde die Liebesbeziehung zwischen Piu und dem FC Wohlen – die viele Höhen und Tiefen überstanden hat – zu Ende gehen. Piu schüttelt den Kopf. «Eine Liebe vergeht nie.»

