«Grosse Chance, vieles neu zu denken»
10.04.2026 Bremgarten, PorträtDen eigenen Weg finden
Der neue Stadtammann Stephan Troxler ist heute seit 100 Tagen im Amt
Als Nachfolger von Raymond Tellenbach leitet Stephan Troxler seit über drei Monaten ein verjüngtes Bremgarter Stadtrats-Gremium. Eine erste ...
Den eigenen Weg finden
Der neue Stadtammann Stephan Troxler ist heute seit 100 Tagen im Amt
Als Nachfolger von Raymond Tellenbach leitet Stephan Troxler seit über drei Monaten ein verjüngtes Bremgarter Stadtrats-Gremium. Eine erste Auslegeordnung mit dem neuen Ammann.
Marco Huwyler
«Im Prinzip habe ich das Amt bereits am Montag nach der Wahl angetreten», schmunzelt Stephan Troxler. Jede Woche habe er Stunden im Büro von Raymond Tellenbach verbracht und sich von ihm zur Vorbereitung mit den unterschiedlichsten Gegebenheiten vertraut machen lassen. Nun sitzt er wieder im Büro seines Vorgängers, das nun sein eigenes ist, und lässt den Blick in die Ferne schweifen. Auf die frühlingshafte Altstadt, die sich vor dem Fenster offenbart. «Für die Geschicke in dieser wunderschönen Stadt zuständig zu sein, ist mir eine grosse Ehre», sagt er.
Die Quadratur des Kreises
Troxler will dabei in den nächsten Jahren gemeinsam mit seinen Ratskollegen dafür sorgen, dass sein Bremgarten weiter floriert – und finanziell nicht weiter in Schieflage gerät.
Die Herausforderungen, die das Gremium dabei bewältigen muss, sind enorm. «Wir möchten Dinge anpacken, nachhaltige Werte schaffen – und gleichzeitig nicht als jene Regierung in Erinnerung bleiben, die den Steuerfuss in neue Dimensionen führte», sagt Troxler. Die Quadratur des Kreises also. Doch man werde einen gangbaren Weg finden und sich gemeinsam reinknien.
Als Zentrumsgemeinde wird Bremgarten dabei in den nächsten Jahren zwangsläufig wachsen. Eine fünfstellige Einwohnerzahl ist eine Frage der Zeit. «Es wird nicht mehr so wie in meiner Kindheit, als man förmlich jeden kannte im Städtli», sagt Troxler. Und doch werde Bremgarten seinen ländlichen Charakter behalten, verspricht er. «Ich möchte keine 15 000-Einwohner-Stadt», sagt der neue Ammann. Die Aufgaben und infrastrukturellen Herausforderungen seien auch bei den aktuellen Dimensionen gross genug. Wir haben mit ihm darüber gesprochen.
Stephan Troxler über seinen Start als Stadtammann und Bremgartens Herausforderungen
Seit 100 Tagen ist Stephan Troxler als neues Regierungsoberhaupt für die Geschicke im Städtli zuständig. Zeit für eine Zwischenbilanz mit dem neuen Stadtammann.
Marco Huwyler
Auf Ihrem Pult liegt ein Dokument mit historischen Fakten zu Bremgarten im Mittelalter. Muss man sich als Stadtammann sogar mit so weit zurückliegenden Ereignissen auseinandersetzen?
Stephan Troxler: (Lacht.) Es schadet sicher nicht. Wobei das angesprochene Dokument nicht direkt mit meinem Amt zu tun hat. Ich habe heute nach Feierabend noch eine Stadtführung mit Gästen aus Meienberg bei Sins. Das will entsprechend vorbereitet sein.
Haben Sie immer noch Zeit für derlei?
Selten. Vielleicht noch eine Handvoll Stadtführungen jährlich. Aber es ist ein Hobby, das ich sehr lieb gewonnen habe, das sinnstiftend ist und das ich mir nicht nehmen lassen will. Die Leute freuen sich auch, wenn der «Ammä» persönlich zur Führung erscheint (lacht).
Seit 100 Tagen sind Sie nun im Amt. Zu Beginn prasselt naturgemäss vieles auf einen nieder. Sind Sie mittlerweile angekommen als Stadtvater?
Ja, langsam hat man sich an den neuen Groove im Rathaus gewöhnt. Die Rädchen beginnen ineinanderzugreifen. Vieles funktioniert schon wie geschmiert.
Anderes braucht noch Zeit, das ist normal. Schliesslich ist es unglaublich viel, was mit dem Amt verbunden ist. Geholfen hat es mir, dass ich sehr gut vorbereitet war. Gefühlt bin ich seit mindestens 200 Tagen im Amt. Direkt nach der Wahl habe ich mich sehr intensiv mit Raymond Tellenbach ausgetauscht. Er hat mich auf alle möglichen Eventualitäten und Fettnäpfchen vorbereitet.
Greifen Sie heute noch auf seinen Rat zurück?
Das kam auch schon mal vor. Die Verwaltung ist aber auch gut informiert und kann meistens weiterhelfen. Ich bin mir aber nicht zu schade, bei ihm oder Doris Stöckli (ehemalige Frau Vizeammann, Anm. d. Red.) nachzufragen, wenn es der Sache dient.
Gibt es Dinge, die Sie unterschätzt haben?
Ja. Wie viel Zeit alleine für die Planung von Terminen draufgeht, zum Beispiel. Ich verbringe täglich fast eine Stunde mit meiner Agenda. Weiter ist es oft schwierig, zeitnah alle E-Mails genau zu lesen und wo nötig zu antworten. Es sind schlicht zu viele. Sehr oft werde ich auch einfach im CC mitinformiert. Ich musste lernen, damit umzugehen, weil ich eigentlich über alles, was mich scheinbar angeht, möglichst genau Bescheid wissen will. Es gilt aber, zu priorisieren. Das Wichtigste ist der persönliche Austausch und viel Kommunikation. Zumal sich auch für die Verwaltung der betroffenen Departemente der Ansprechpartner ändert, wenn es in der Regierung zu Wechseln kommt.
Neben einem neuen Ammann hat Bremgarten mit Sandro Schmid und Peter Werder auch zwei neue Stadträte.
Genau. Und mit Raymond Tellenbach und Doris Stöckli sind zwei jahrzehntelang präsente Säulen weggebrochen, die für viele auch persönlich wichtig gewesen sind und Halt und Orientierung gaben. Ich habe in den ersten Wochen auch Verunsicherung gespürt bei den Mitarbeitern – teilweise sogar Ängste. Mein Job war es, das zu entkräften. Ich denke, das ist gelungen. Mittlerweile herrscht wieder ein sehr gutes Klima. Auch im Stadtratsgremium. Der Austausch ist intensiv, aber fruchtbar.
Die Regierung trifft sich neu wöchentlich zu Sitzungen statt wie zuvor im Zwei-Wochen-Rhythmus.
Ja, das haben wir geändert. Und die zusätzliche Diskussionszeit ist für uns alle sehr wertvoll. Mein Credo ist immer: Man kann sich nie zu viel austauschen. Zumal die Stadtratssitzungen oft vollgepackt sind und wenig Zeit bieten, «off the record» zu diskutieren.
Konkretes daraus lässt aber bisher auf sich warten. Die Legislaturziele hat der neue Stadtrat noch nicht bekannt gegeben.
Das dauert auch noch bis im Sommer. Wir wollen uns ganz bewusst Zeit nehmen und die richtigen Weichen stellen. Dabei machen wir uns die Aufgabe nicht einfach, sondern binden alle Akteure mit ein. Die neue Zusammensetzung der Regierung bietet schliesslich auch eine grosse Chance, nicht einfach überall so weiterzumachen wie bisher. Wo nötig wollen wir Verkrustungen aufweichen und neue Wege gehen. Dinge neu denken. Und das beginnt eben schon bei einem Strategiepapier wie den Legislaturzielen.
Aufgreifen dürfte man aber auch einiges aus den vergangenen Legislaturzielen. Schliesslich wurden längst nicht alle erreicht. Beispiel Casino: «Neubau oder Sanierung ist mittels genehmigten Baukredites entschieden», hiess es da 2022. Davon ist man heute weit entfernt. Ist das dafür in dieser Legislatur realistisch?
Das kann ich nicht versprechen. Das Projekt liegt bekanntlich vor allem aus Kostengründen auf Eis. Anderes ist noch dringender und wichtiger. Wobei uns festgefahrene Projekte auch eine Chance bieten, von Grund auf neu zu denken. Beim Casino könnte man sich beispielsweise überlegen, ob es Sinn macht, Synergien mit der Schule anzustreben. Oder mit der heimischen Privatwirtschaft. Wir wollen sämtliche Scheuklappen ablegen.
Ähnlich festgefahren ist die Lage bei der Bärenmatt.
Ja – weil auch hier gilt, dass die Bevölkerung entschieden hat, einen Marschhalt einzulegen. Und auch hier erhalten wir dadurch die Möglichkeit, Dinge grundlegend zu hinterfragen. Wollen wir überhaupt eine zentrale Sportanlage mitten im Wohngebiet? Oder gäbe es andere Alternativen? Vielleicht mittels Synergien mit anderen Gemeinden und einem neuen regionalen Sportzentrum? Schade nur, dass Zufikon zum Beispiel schon viel weiter ist und den Neubau einer Grossturnhalle diesen Sommer vors Volk bringt. Ich hätte mir gewünscht, dass man diesbezüglich nochmals über die Bücher geht. Auch betreffend Schulraumplanung. Aber da waren sie einfach schon zu weit in der Planung.
Solche Restarts auf Feld 1 sorgen aber dafür, dass konkrete Lösungen in weite Ferne rücken. Leidtragend im Falle der Bärenmatt sind die Sportvereine und die Schulen.
Klar ist, dass es stets oberste Priorität sein muss, einen sicheren, laufenden Schulbetrieb zu gewährleisten. Für die Schulen ist die Hallensituation aber glücklicherweise noch nicht prekär, wenn auch harzig. Ansonsten schauen wir laufend, wo wir mit schnellen Massnahmen helfen können. Beispielsweise wollen wir dem FC mit einer Drainage bei den Fussballplätzen auf dem Kasernenareal helfen, die Platzsituation kurzfristig zu verbessern. Das Geschäft wird an der nächsten «Gmeind» vor den Souverän kommen.
Mit Pflästerlipolitik wird es aber langfristig nicht getan sein.
In Fällen wie der Bärenmatt oder dem Casino wird es die Schwierigkeit sein, das Ablaufdatum nicht zu verpassen. Dessen sind wir uns bewusst. Und deshalb beschäftigen wir uns auch weiterhin intensiv mit den Projekten, die wir uns zurzeit nicht leisten können, weil anderes zuerst ansteht. Die Reussufersanierung, die neue ÖV-Drehscheibe und diverse Kantonsstrassen-Sanierungsprojekte. Wir haben einiges vor in den nächsten Jahren.
Als Damoklesschwert über allem schweben stets die angespannten Stadtfinanzen.
Ja. Sie sind in jeder Sitzung des Stadtrats präsent. Die erste Frage bei allem lautet stets: Können wir uns das leisten?
Unabhängig von einzelnen Projekten drohen mittelfristig weitere Steuererhöhungen.
Das können wir nicht ausschliessen, aber sie müssen die «Ultima Ratio» sein. Ich glaube, dass wir in Bremgarten für den Moment den richtigen Steuerfuss haben. Das zeigt ein Blick auf die neue Jahresrechnung. Diese ist zwar noch nicht offiziell bekannt, aber ich kann vorwegnehmen, dass wir 2025 mit einem Plus abgeschlossen haben. Nur mit einem kleinen zwar und auch nur dank einigen glücklichen Effekten – dennoch ist dies ein wichtiges Signal. Und zeigt auch, dass im Rathaus richtig budgetiert und an den richtigen Stellschrauben gedreht wurde.
Der Druck bleibt dennoch gross. Investitionen drängen. Und die gebundenen Ausgaben steigen weiter.
Ja. Wahnsinnig, was wir mittlerweile alleine für Pflegefinanzierung jährlich ausgeben müssen. Dieser Posten ist 2025 auf 2 Millionen gestiegen. Dabei ist es pures Glück oder Pech, ob wir ein paar schwere Pflegefälle mehr oder weniger haben – was gleich Millionenbeträge ausmachen kann. Dass die Gemeinden immer mehr solche Kosten tragen müssen, ist ein grosses Problem. Das System krankt. So kann es nicht weitergehen.
Ihr Vorgänger nahm hier den Kanton in die Pflicht.
Das sehe ich absolut gleich wie Raymond. Wenn man sieht, wie man dort im Geld schwimmt und ständig über Steuererleichterungen spricht – während die Gemeinden überall unter der steigenden Last ächzen –, ist das stossend und kann nicht so weitergehen. Es braucht nicht mehr viel, dann gehen die ersten Gemeinden konkurs – und das wäre im Interesse von niemandem.
Hat man den Ernst der Lage in Aarau erkannt?
Ich hoffe es und bin auch zunehmend optimistisch. Mehrere Vorstösse aus dem Grossrat sind momentan hängig. Bis gehandelt wird, sind auch wir als Gemeinden gefragt, für unsere Anliegen mit Nachdruck einzustehen. Eine zentrale Aufgabe für die Gemeindeammännervereinigung (GAV) in den nächsten Monaten und Jahren. Denn deren Stimme wird vom Kanton wahrgenommen, das habe ich bereits gemerkt.
Die GAV des Bezirks ist eine Organisation, die Sie neu präsidieren. Ein Amt, das Sie von Raymond Tellenbach geerbt haben. Nicht das einzige notabene.
Es ist wirklich eine Menge, die das Amt des Stadtammanns so nebenbei mit sich bringt (lächelt). Ich habe es kürzlich gezählt. Dabei komme ich auf mehr als ein Dutzend externe Gremien, in denen der Bremgarter Stadtammann Einsitz nimmt. Vielerorts muss und will Bremgarten als Bezirkshauptort vorangehen oder wird das erwartet. Gerade auch, da regionale und lokale Zusammenarbeit unter den Gemeinden immer wichtiger wird, wie ich finde. Nicht nur als geeinte Stimme gegen aussen, sondern vor allem auch, was Synergien anbelangt. Von der Musikschule über die Feuerwehr bis hin zu Verwaltungsaufgaben gibt es noch viel Potenzial.
Mit Zufikon war das in der Vergangenheit für Bremgarten nicht immer einfach, obwohl die beiden Gemeinden praktisch miteinander verwachsen sind.
Auch hier gibt es nun einen guten Austausch. Wir haben uns als Gesamtregierungen bereits getroffen und diskutiert. Ich spüre von allen Beteiligten viel guten Willen zur Zusammenarbeit.
Ein Gemeinschaftswerk ist auch der Einspruch gegen die neuen Hochspannungsleitungen von Niederwil bis Obfelden, bei dem Bremgarten den Lead übernimmt. Das wird Sie in den nächsten Jahren beschäftigen, wenn man wirklich bis vor Bundesgericht zieht wie angekündigt.
Ja, das wirft hohe Wellen – auch bei euch Medien (schmunzelt). Vom «BBA» über das SRF bis zum welschen RTS wurde ich dahin gehend kontaktiert und musste Auskunft geben. Die Einsprache ist jetzt beim ESTI platziert. Den Rest lassen wir auf uns zukommen. Sollte es aber tatsächlich so weit kommen, dass wir nach Lausanne ziehen, werden wir entscheiden, ob wir vorgängig noch die Zustimmung der Bevölkerung abholen. Einer Partizipation will ich mich, wann immer es geht, nicht verschliessen.
Beklagt, wonach sie in die Entscheidungsfindung zu wenig eingebunden seien, hatten sich in der Vergangenheit in Bremgarten auch die Ortsparteien.
Wir streben im Stadtrat einen noch engeren Austausch mit den politischen Exponenten in Bremgarten an. Nicht nur die Ortsparteien, auch die Kommissionen wollen wir vermehrt einbinden. Denn was ich immer betone: Letztlich wollen wir ja alle dasselbe – das Beste für Bremgarten.
Ein Slogan, den wir von Ihnen kennen. Ihre Partei sei Bremgarten, pflegten Sie im Wahlkampf jeweils zu sagen.
Ja, weil es wirklich so ist. Wenn ich am Morgen durch die Altstadt zum Rathaus radle, geht mir das Herz auf. Wir haben es so schön hier. Bereits der Arbeitsweg ist ein Privileg. Dafür lohnt es sich zu arbeiten und jeden Tag sein Bestes zu geben.
Wobei es als Stephan Troxler auf dem Arbeitsweg schwierig geworden sein dürfte, ungestört seinen Gedanken nachzuhängen.
Ein Spaziergang, ohne angesprochen zu werden, ist illusorisch, das stimmt (lächelt). Aber ich habe es ja gerne so. Ich mag die Menschen und den Austausch mit ihnen sehr. Am liebsten würde ich alle kennen.
Hat sich die Wahrnehmung von Ihnen in den letzten Jahren verändert.
Ja, schon. Ich merke, dass mich die Leute teilweise anders anschauen und ansprechen. Noch mehr, seit ich Stadtammann bin. Was für mich teilweise komisch ist, weil ich mich gefühlt nicht geändert habe. Umso wichtiger ist es mir, sich nicht alles nehmen zu lassen. Wie das Reussfoodfestival im Sommer, bei dem ich im OK bleiben möchte. Oder eben die Stadtführungen durch meine Heimatstadt.


