Führerlose Taxis und volle Stadien

  30.06.2026 Sport, Fussball

Fussball: Der ehemalige FC-Muri-Sportchef Christian Zemp besuchte mit seiner Frau Susanne die WM in Nordamerika

Christian und Susanne Zemp aus Oberrüti verbrachten zwei Wochen bei der Fussball-Weltmeisterschaft in Nordamerika. Sie sahen die drei Gruppenspiele der Schweiz und erlebten daneben vieles mehr: führerlose Taxis, eindrückliche Stadien und Ausflüge in die Natur.

Josip Lasic

Er dachte kurz darüber nach, die Reise in Nordamerika zu verlängern. Christian und Susanne Zemp gefiel der Besuch der Fussball-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada sehr gut. Doch wenn die Schweiz am kommenden Freitag um 5 Uhr im Sechzehntelfinal auf Algerien trifft, ist das Paar aus Oberrüti längst wieder zu Hause. «Wir hätten fast eine Woche auf das nächste Spiel in Vancouver warten müssen. Das wollten wir dann doch nicht. Aber diese 14 Tage waren wirklich eine schöne Zeit.»

Der ehemalige Sportchef des FC Muri besucht seit Jahren grosse Turniere der Schweizer Nationalmannschaft. Seine erste WM vor Ort erlebte er 1994 – ebenfalls in den USA. Seither war er mit wenigen Ausnahmen bei fast allen Endrunden mit Schweizer Beteiligung dabei.

Viel geboten worden fürs Geld

Es gab Befürchtungen, dass die Einreise in die USA problematisch sein könnte. Nachdem einem somalischen Schiedsrichter die Einreise verweigert wurde und auch der Schweizer Nationalspieler Breel Embolo Schwierigkeiten hatte, wuchsen die Sorgen. Doch Zemp und seine Frau erlebten keinerlei Probleme. «Ich bin in gewissen Punkten nicht unbedingt ein Fan der USA, gerade wenn es um die Einreisebestimmungen und Kontrollen geht. Aber diesmal verlief die Passkontrolle sehr angenehm. Die Beamten waren überraschend freundlich», sagt er lächelnd. «Auch die Organisation bei den Stadien war hervorragend. Die Volontäre führten uns professionell und hilfsbereit vom Car-Parkplatz zu den Stadien.» Ein weiterer Kritikpunkt im Vorfeld der WM waren die teuren Ticketpreise. «Wir waren jetzt zwei Wochen dort. Natürlich war das nicht gratis. Und ich habe im Stadion auch einmal den Bierpreis fotografiert, der mit 24 Dollar einfach absurd hoch war. Verglichen mit den anderen Turnieren, die wir in der Vergangenheit besucht haben, war es aber nicht so viel teurer. Abgesehen davon war in Kanada alles noch ein bisschen günstiger als vorher in den USA.»

Zumal ihnen für das Geld etwas geboten wurde. Zemp ist mit den Unterkünften sehr zufrieden. «Dort waren auch einige der Spielerfrauen untergebracht oder Beni Thurnheer. Es war also schon ein hoher Standard vorhanden.» Neben den Spielen bot der Travelclub des Schweizerischen Fussballverbandes, über den die Reise organisiert war, ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm. An manchen Tagen gab es organisierte Ausflüge, an anderen konnten die Teilnehmenden selbst entscheiden, was sie unternehmen wollten. «Wir haben schon einiges erlebt in diesen Tagen», sagt Zemp. In Kalifornien besuchten sie ein Weingut.

In San Diego waren sie an einem traditionellen Schwingfest, das jedes Jahr von Schweizer Auswanderern durchgeführt wird.

In Vancouver führte ein Ausflug nach Whistler, den Erholungsort, der 2010 zu den Austragungsorten der Olympischen Winterspiele gehörte. Besonders speziell waren auch die Fahrten mit führerlosen Taxis in Los Angeles und San Francisco. «Man bucht sie über eine App, und sie navigieren ohne Fahrer durch den Verkehr. Das war beeindruckend.»

Beeindruckende Stadien

Auch die Stadien hinterliessen Eindruck. Die Schweiz spielte in San Francisco, Los Angeles und Vancouver. Besonders das SoFi-Stadion in Los Angeles, Schauplatz der Partie gegen Bosnien-Herzegowina, beeindruckte Zemp. «Ich dachte schon bei meiner ersten WM in den USA, dass ich solche Stadien noch nie gesehen habe und das wurde jetzt alles nochmals getoppt. Alleine die Grösse des SoFi-Stadions ist eindrücklich. Ich bin vorher noch nie in einem Fussballstadion mit einer Rolltreppe vom unteren ins obere Stockwerk gefahren. Aber auch die 360-Grad-Videowand, die Food-Stände, die gesamte Organisation – so etwas habe ich noch nie erlebt. Wenn ich eine Rangliste erstellen müsste, dann hätte mir das Stadion in Los Angeles am besten gefallen.» Die Hierarchie der besuchten Spiele sieht etwas anders aus. «Die erste Partie gegen Katar ging natürlich etwas in die Hose. Ich muss aber ehrlich sein, dass das Tor der Kataris am Ende eine schöne Kiste war. Das zweite Spiel gegen Bosnien-Herzegowina hätte dann nicht besser laufen können.» Eindruck hinterliess vor allem das Duell gegen Kanada. «Das ganze Stadion war rot. Man konnte die Schweizer und die kanadischen Fans kaum unterscheiden. Als Kanada rund 20 Minuten vor Schluss der Anschlusstreffer gelang und die Fans ihr Team anfeuerten, war es noch einmal Spannung pur.»

Die anderen WM-Spiele konnten die Zemps nicht immer gleich gut verfolgen. «Es gab Tage, an denen wir nur oberflächlich etwas mitbekommen haben, und andere, an denen wir von morgens bis abends in einer Bar sassen und Fussball schauten», erzählt der 69-Jährige. Die Aufstockung der WM habe dem Turnier seiner Meinung nach nicht geschadet. «Die Stadien sind voll. Natürlich ist alles sehr amerikanisch aufgezogen und hat einen grossen Eventcharakter. Aber auch sportlich haben die zusätzlichen Mannschaften der Qualität nicht geschadet. Die kleineren Teams verkaufen sich gut. Die Spiele sind nach wie vor ausgeglichen und spannend.» Darüber hätten sie sich auch mit SFV-Präsident Peter Knäbel ausgetauscht. «Er war ebenfalls der Ansicht, dass die Erweiterung auf den ersten Blick sportlich fragwürdig war, sich am Ende aber nicht als schlechte Sache erweist.»

Zahlreiche Bekannte getroffen

Während der Zeit in Nordamerika haben die Zemps auch einige Bekannte getroffen. Benno Burkard, Präsident des FC Sins, hat die WM auch besucht. «Ausserdem kennt man einige Gesichter von vorherigen Travelclub-Reisen und Turnieren und kommt ins Gespräch.» Als Weltmeister hat Christian Zemp die Spanier getippt. Auf die Frage, was er der Schweiz zutraut, sagt er zunächst augenzwinkernd «den Final» und ergänzt dann: «Das Team hat jedenfalls genug Qualität, um jeden Gegner zu schlagen. Vieles kommt auf die Tagesform an. Aber wieso sollte es diesmal nicht für den Viertelfinal, vielleicht sogar Halbfinal reichen?»

Wie weit die Schweiz noch kommt, verfolgen Christian und Susanne Zemp nun vor dem Fernseher. Die Erinnerungen an zwei Wochen voller Fussball, Begegnungen und besonderer Eindrücke nimmt ihnen aber niemand mehr.


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