«Erlebnisse, die man wirklich lebt»
30.12.2025 Mutschellen, WidenAbenteuer als Geschenk
Patrizia Küng und Sylvain Rayé aus Widen erkunden mit ihren Kindern auf dem Segelboot die Welt
Sie haben sich ein Segelboot gekauft und gönnen sich ein einjähriges Sabbatical. Die Familie ...
Abenteuer als Geschenk
Patrizia Küng und Sylvain Rayé aus Widen erkunden mit ihren Kindern auf dem Segelboot die Welt
Sie haben sich ein Segelboot gekauft und gönnen sich ein einjähriges Sabbatical. Die Familie Küng/Rayé berichtet von ihrer aussergewöhnlichen Reise.
Sabrina Salm
Was braucht es, um den gewohnten Alltag hinter sich zu lassen? Bei Patrizia (44) und Sylvain (45) war es kein einzelner Moment, keine spontane
Idee. Es war vielmehr ein leises Gefühl, das über Jahre gewachsen ist. Ein Gefühl, dass das Leben zwar funktioniert, aber zu oft nur organisiert wird. Schule, Arbeit, Termine, Verpflichtungen – und irgendwo dazwischen Familie.
Die beiden leben mit ihren Söhnen Liam (8) und Kenzo (10) in Widen. Eine ganz normale Familie, wie sie selbst sagen. Und doch erleben sie gerade ein Jahr, das alles andere als gewöhnlich ist. Seit August sind sie unterwegs. Auf einem Segelboot. Mit Schulbüchern an Bord. Und mit einem Ziel, das nicht auf einer Karte zu finden ist.
«Das Leben auf dem Segelschiff ist einfach, intensiv und sehr nah am Moment – das macht es für uns so besonders», sagen Sylvain Rayé und Patrizia Küng. Seit fünf Monaten ist die Familie bereits unterwegs. Sieben liegen noch vor ihnen. Was bisher geblieben ist, sei ein Gefühl von Reichtum. Nicht materiell, sondern an Erfahrungen. Die grüne Frische der Azoren, die karge Lava Lanzarotes, der afrikanische Rhythmus Kap Verdes, jetzt die Farben der Karibik. «Jeder Ort, jedes Meer, jede Begegnung hinterlässt Spuren – und genau dafür sind wir losgezogen.» Sie sind sich sicher: «Diese Reise ist für uns als Familie ein Geschenk.»
«2025 verändert»: Familie Küng/Rayé aus Widen auf grosser Segelreise
Sie tauschten Klassenzimmer gegen Kajüte, Termine gegen Gezeiten und den vertrauten Alltag gegen den offenen Ozean. Patrizia Küng und Sylvain Rayé aus Widen segeln mit ihren Kindern um die halbe Welt. Ein Leben auf dem Segelboot – eine einjährige Auszeit, bei der der Weg wichtiger ist als das Ziel.
Sabrina Salm
Mit karibischer Livemusik, Badehose und Sand zwischen den Zehen – so verbrachten Patrizia Küng und Sylvain Rayé (45) mit ihren Kindern Liam und Kenzo die Feiertage. «Wir genossen ein BBQ am Strand mit befreundeten Booten», erzählt die 44-Jährige. «Es fühlte sich weniger nach Weihnachten an, aber umso mehr nach einer richtig guten Party mit Freunden.» Die Familie aus Widen weilt zurzeit in der Karibik. Weihnachten fernab von zu Hause ist eines ihrer unzähligen Erlebnisse, die sie bereits erlebt haben. Hinter ihnen liegen fünf Monate Abenteuer pur. Denn seit August lebt die vierköpfige Familie auf einem Segelboot.
Diese Reise ist kein Ausbruch, keine Flucht und schon gar kein Abenteuer aus einer Laune heraus. Es ist vielmehr das Ergebnis eines langen inneren Prozesses. «Wir haben uns irgendwann gefragt: Wollen wir weiter funktionieren oder wollen wir Familie wirklich erleben?», erzählt Patrizia Küng. Die Kinder waren dabei der entscheidende Faktor. Acht und zehn Jahre alt, neugierig, offen, abenteuerlustig. Ein Alter, in dem gemeinsame Erinnerungen noch entstehen wollen. «Diese Zeit kommt nicht zurück», sagten sich Küng, Education Manager und Team Lead bei Kao Switzerland, und Rayé, E-Commerce-Entwicklungsspezialist. Und plötzlich stand sie im Raum, diese Frage, die alles veränderte: Was wäre, wenn wir diese Chance nicht nutzen würden?
Jeder Tag bringt Neues
Dass diese Auszeit auf einem Segelboot stattfinden würde, war vor allem ihrem Mann Sylvain zu verdanken. Er ist in Südfrankreich aufgewachsen, das Meer gehört für ihn zum Leben. In den letzten Jahren investierte er viel Zeit ins Segeln, absolvierte sein Hochsee-Brevet. Das Boot sollte dabei nie Selbstzweck sein, sondern Transportmittel, um Länder, Kulturen und Menschen zu entdecken. Ein entscheidender Impuls kam zufällig in Mindelo auf Kap Verde. Dort lernte Sylvain Rayé eine niederländische Familie kennen, die genau diese Reise bereits hinter sich hatte. Aus Gesprächen wurde Vertrauen, aus Inspiration eine Entscheidung. Am Ende kauften sie dieser Familie sogar das Schiff ab – inklusive Wissen, Erfahrung und Coaching. «Das gab uns die Sicherheit, dass dieses Abenteuer machbar ist.»
Auf den Azoren begann die Reise. Hier war es grün, vulkanisch mit Kühen und Käse. Lanzarote dagegen war schwarz, rau, vom Wind gezeichnet. Auf Kap Verde haben sie einen Hauch von Afrika gespürt. Jeder Ort fühlte sich anders an. «Die erste längere Etappe von Gran Canaria nach Kap Verde war wunderschön.» Täglich waren sie begleitet von Delfinen, Walen oder Schildkröten. Küng schwärmt: «Der Sternenhimmel war unglaublich beeindruckend.» Und dann kam sie, die grosse Überfahrt in die Karibik.
Atlantiküberquerung – eine grosse Herausforderung
Die Atlantiküberquerung im Rahmen der ARC-Plus-Rallye war der intensivste Abschnitt der bisherigen Reise. 18 Tage auf See, gemeinsam mit über hundert anderen Booten. Nur Meer, Himmel und Familie. «Das war ohne Zweifel das eindrücklichste Erlebnis», sagt Patrizia Küng. In der ersten Woche hatten sie zwar gutes Wetter, dafür einige Herausforderungen am Boot: «Ein wichtiges Segel riss, wir hatten eine elektrische Panne, einen Feueralarm und die Entsalzungsanlage für Frischwasser fiel plötzlich aus.» Plötzlich wurde ein einfacher Eimer, mit dem sie Meerwasser schöpften, an einer Leine zum wichtigsten Werkzeug an Bord. In der zweiten Hälfte wurde es wettertechnisch noch anspruchsvoller. Dazu kamen Squalls (Starkregen), 30 Knoten starker Wind und mehrere Tage mit hohen Wellen. Situationen, die Kraft kosten – körperlich wie mental. Umso grösser war der Moment, als sie schliesslich in Grenada in den Hafen einfuhren. «Diese Mischung aus Stolz und Dankbarkeit gehört zu den stärksten Emotionen, die ich je erlebt habe», sagt die zweifache Mutter.
Unzählige neue Freundschaften
Und die Kinder? «Reisen mit Kindern funktioniert erstaunlich gut.» Kinder passen sich an, lernen schnell, wachsen an neuen Situationen. Sicherheit hat an Bord oberste Priorität. So sind klare Regeln, feste Abläufe, Schwimmwesten, Respekt vor dem Meer das A und O. Angst sei da weniger präsent als Vertrauen – in die Vorbereitung und in sich selbst. Schule findet an Bord statt, mit Fokus auf Deutsch und Mathematik. Französisch und Englisch lernen die Kinder im Alltag – spielend, mit anderen Kindern aus aller Welt. Homeschooling war Neuland, inzwischen funktioniert es.
Auch wenn Geometrie bei Zwei-Meter-Wellen eine Herausforderung bleibt. Neben dem Schulstoff gibt es eine intensive Lebensschule: Fischen mit französischen Freunden, Tauchen mit holländischen Seglern, Wasserproben für Forschungsprojekte. «Wir haben sie noch nie so frei spielen und lachen sehen. Eine bessere Lektion fürs Leben gibt es kaum.» Heimweh gibt es erstaunlich wenig. Der einzige regelmässige Wunsch sei ein richtiger Apfelkuchen.
Nach fünf Monaten fühlt sich die Familie reich an Erfahrungen. Jede Insel, jedes Meer, jede Begegnung hinterlässt Spuren. Besonders die Segler-Community beeindruckt sie. Menschen helfen sich, teilen Wissen, wachsen schnell zusammen. Was von aussen kompliziert und unmöglich wirkt, wird unterwegs erstaunlich selbstverständlich.
Ein Familiensabbatical würden sie weiterempfehlen
Wie es weitergeht, bleibt bewusst offen. Insel für Insel segeln sie nordwärts durch die Karibik, mit Kurs auf die Bahamas. Ursprünglich war sogar New York ein Ziel – doch wichtiger als jeder Ort ist der Weg selbst. «Für uns ist es ein einmaliges Erlebnis als Familie, für das wir uns zutiefst privilegiert fühlen.» Und weil sie wissen, wie besonders diese Erfahrung ist, möchten sie ihr Boot inklusive Ausrüstung weitergeben – an jemanden, der dieses Abenteuer ebenfalls erleben möchte. Ein Familiensabbatical müsse nicht so aussehen, sagen sie. Aber es lohne sich, den eigenen Alltag zu hinterfragen. «Am Ende sind es nicht die Pläne, sondern die erlebten Momente, die ein Leben reich machen», sagt Patrizia Küng. Für diese Familie ist dieses Jahr auf dem Meer genau das: ein Geschenk – und eine Erinnerung fürs Leben.





