Eine ganz spezielle Rolle
15.03.2024 BremgartenRolle wie für ihn geschaffen
Kellertheater: Hans Jörg Gygli als Erzähler
Die Eigeninszenierungsspielzeit geht in die letzten zwei Wochenenden. Für einen langjährigen Schauspieler geht damit eine denkwürdige Saison dem ...
Rolle wie für ihn geschaffen
Kellertheater: Hans Jörg Gygli als Erzähler
Die Eigeninszenierungsspielzeit geht in die letzten zwei Wochenenden. Für einen langjährigen Schauspieler geht damit eine denkwürdige Saison dem Ende zu.
Hans Jörg Gygli hat schon so manche Rolle gespielt. Aber an eine wie jene, die er anlässlich der «Macbeth»-Inszenierung im Kellertheater spielen darf, kann er sich nicht erinnern. «Der Erzähler» ist im Originalstück nämlich gar nicht vorgesehen, sondern ein Kunstgriff des Regisseurs, um die Bremgarter Adaption des weltberühmten Stücks zugänglicher und leichter zu gestalten. Für die Involvierten ein überaus gelungener Schachzug. --huy
«Macbeth»: Hans Jörg Gygli verkörpert in der aktuellen Eigeninszenierung des Kellertheaters den Erzähler
Die Bremgarter Version des Shakespeare-Klassikers hat eine Rolle eingeführt, die es im Original gar nicht gibt. «Ein genialer Schachzug», wie man frohlockt. Denn die Rolle eröffnet zahlreiche Möglichkeiten und hilft der Tragik ein Stück weit die Schwere zu nehmen.
Marco Huwyler
Gut zwei Drittel der diesjährigen Eigeninszenierungs-Saison des Kellertheaters sind mittlerweile vorbei. Zehn Vorstellungen hat das Bremgarter «Macbeth»-Ensemble bereits auf dem Buckel. Hans Jörg Gygli ist zufrieden, wie es läuft. Nennenswerte Probleme, Fauxpas oder Schwierigkeiten habe es kaum gegeben, meint er. Wobei er sich dabei prompt an sein immer noch etwas schmerzendes linkes Bein erinnert. «An einem Abend merkte ich kurz vor der Vorstellung, dass ich mein Erzählbuch vergessen hatte.» Für ihn das wichtigste Requisit überhaupt. Logisch hechtet Gygli angesichts der fortgeschrittenen Zeit kurz vor seinem Einsatz eiligst die Treppe rauf und runter. Und übersieht dabei prompt eine Schwelle, sodass es ihn bäuchlings hinknallt. «Im Adrenalinrausch angesichts des bevorstehenden Auftritts war das nicht schlimm, ich habe gar nichts gespürt», sagt er. Die Schmerzen der grossen Brandschürfung kamen dann erst zu Hause. «Doch wenn es das Einzige bleibt, was heuer schiefläuft, dann nehme ich das gerne in Kauf», lacht er.
Gygli geniesst die Tage, auch wenn sie intensiv sind. «Good Vibes» seien momentan rund ums Kellertheater zu spüren. Mitwirkende, Publikum und Helfer – allen mache die diesjährige Eigeninszenierung Freude. Für Gygli gilt dies im Speziellen. Denn er fühlt sich sich pudelwohl auf der Bühne mit seiner Rolle.
Ein wohltuend leichtes Bindeglied
Eine Rolle, die auch für Gygli speziell ist. Obwohl der 68-Jährige schon an über 30 Inszenierungen im Freiamt mitgewirkt hat. Die meisten davon im Kellertheater – aber auch in Villmergen, Hägglingen oder Wohlen. So etwas wie anlässlich der momentanen Aufführung von «Macbeth» im Kellertheater durfte ich noch nie verkörpern. Denn Gyglis Rolle gehört eigentlich gar nicht zu den Protagonisten und ist im Original von Shakespeare nicht vorgesehen. Er ist eine Art Schattenfigur, die zwischen dem Publikum und den eigentlichen Bühnengestalten steht. Die erzählt, aufklärt und interagiert. Geschaffen von Regisseur Simon Ledermann eigens für die Bremgarter Version von «Macbeth». «Genial», hat Silvan Melchior den Kniff mit dem «Erzähler» im Vorfeld der Eigeninszenierung bezeichnet. Und Hans Jörg Gygli stimmt den Worten des Kellertheater-Vorstandsmitglieds vollumfänglich zu. «Meine Rolle bietet unzählige Möglichkeiten und macht vieles einfacher. Sie bereichert das Stück für ein Publikum in der Neuzeit meiner Meinung nach ungemein.»
Denn der Erzähler gibt dem Stück einen Rahmen. Er beginnt zur Kontextualisierung mit einem Vorwort und schliesst mit einem Nachwort. Dazwischen treibt die Handlung vorwärts. Relativiert. Ordnet ein. Bezieht das Publikum mit ein. Spricht aus dem Hintergrund zu den Protagonisten. «Durchbricht also die vierte Wand, wie man im Theaterjargon so schön sagt», sagt Gygli. Darüber hinaus bringt der Erzähler zuweilen erfrischenden Witz, Schalk und Galgenhumor in die so düstere und tragische Geschichte. «Das gibt der Bremgarter Version dieses Weltstücks eine gewisse wohltuende Leichtigkeit, die ihm in anderen Inszenierungen komplett abgeht», findet Gygli.
«‹Macbeth› hat mich immer auch aufgewühlt»
Der 68-Jährige weiss, wovon er spricht. Denn als ehemaliger Englischlehrer und langjähriger Theatermensch ist Gygli selbstredend schon vor der Eigeninszenierung mit dem Shakespeare-Klassiker in Kontakt gekommen. «‹Macbeth› hat mich immer auch aufgewühlt», sagt er. Gerade die Verfilmung von Roman Polanski sei ihm in ihrer Grausamkeit nachhaltig in Erinnerung geblieben. «Da gibt es Szenen, Fügungen und Bilder, die man ja kaum aushält», findet er. Doch «Macbeth» hat Gygli auch oft zum Nachdenken angeregt. «Denn auf eine sehr düstere, blutige Art und Weise zeigt das Werk die nachhaltigen Konsequenzen menschlichen Handelns auf.» Dinge, die jeder auch auf sich selbst adaptieren könne. «Glücklicherweise bei den allermeisten nicht im gleichen Kontext wie bei ‹Macbeth›. Doch wir alle haben unsere Was-wäre-wenn-Momente und Entscheidungen im Leben, die einen ganzen Rattenschwanz auslösen und unseren Werdegang prägen.»
Lachen nach tragischen Momenten
In Macbeths Fall ist dies das Schicksal eines Mannes, der von Gier, Macht, Versuchungen und Einflüstereien in einen Mord getrieben wird und ab dem Moment seiner Tat in einen Strudel des Bösen gerät, von dem es kein Zurück mehr gibt. «Es ist eine schauderhafte Geschichte, aber eben auch ein Meisterwerk», sagt Gygli. Umso froher ist er, dass er diesem in Bremgarten durch seine Rolle heuer ein Stück weit die Schwere nehmen und es für eine breite Öffentlichkeit so lustvoller gestalten kann. Seine lakonischen Kommentare und Einwendungen verleiten das Publikum in eigentlich tragischen Momenten zum Schmunzeln – oder gar laut loszulachen. «Ich beobachte das immer wieder, wenn es gerade tragisch und ernst war. Die Menschen haben dann die Tendenz, schon kleine komische Dinge als hochwillkommenen Anlass zum Lachen zu nehmen. Als Ventil zum Verarbeiten sozusagen.»
Stets volle Konzentration gefragt
Die Rolle als Erzähler birgt für Gygli freilich auch Herausforderungen. Er ist während des ganzen Stücks auf der Bühne und hat keine Einsatzpause. «Das bedingt Präsenz und Dauerkonzentration», sagt er. Als Erzähler müsse er immer voll bei Handlung sein und diese fortwährend jedes Mal von Neuem genaustens verfolgen – nicht nur um keinen seiner zahlreichen Einsätze zu verpassen. Auch seine Mimik und Körperspannung müssen zum Geschehen passen, da er als quasi dauerhafter Bestandteil des Bühnenbildes für das Publikum stets 90 Minuten sichtbar bleibt. Eine anspruchsvolle Aufgabe angesichts von 14 Auftritten in fünf Wochen. Aber eine, in der Gygli aufgeht. «Das Spielen als Erzähler empfinde ich als sehr lustvoll», sagt er strahlend. Es sei eine Rolle, die von Anfang an viel Spielraum gelassen habe und in die er sich auch als Persönlichkeit einbringen kann, ohne in das Korsett eines vordefinierten Charakters eingebunden zu sein. «Das sagt mir sehr zu», sagt er. Zumal er jemand sei, der auch privat gerne einmal in Ironie und feinen Sarkasmus verfalle und dem oftmals der eine oder andere kommentierende Spruch über die Lippen rutscht.
Noch Tickets zu haben
Für Gygli und seine Theaterkollegen folgt nun der Endspurt. Vier Vorstellungen in den nächsten zehn Tagen stehen diese Saison noch bevor. Beginnend heute Freitagabend. «Ich werde jede davon geniessen», ist der Erzähler überzeugt. Gygli hofft, dass möglichst viele Kurzentschlossene die verbleibenden Gelegenheiten zum «Macbeth»-Besuch im Kellertheater noch wahrnehmen. Für alle vier Vorstellungen sind noch Tickets zu haben. «Es lohnt sich wirklich zu kommen», ist Gygli überzeugt. Denn in Bremgarten werde nicht nur wegen ihm und seiner Rolle eine einzigartige Version eines zeitlosen Klassikers geboten.
Tickets für die verbleibenden vier Vorführungen von «Macbeth» und weitere Informationen unter www.kellertheaterbremgarten.ch.