Die kreativen Schwestern
12.05.2026 Bremgarten, Kommende EventsEin einzigartiger Fundus
Bremgarter Geschwisterpaar kreiert historische Gewänder für Theater und sonstige Anlässe
Heidi und Helen Stierli lagern in ihrem Estrich einen einmaligen Schatz. Bald sind Teile davon in Bremgarten wieder in ...
Ein einzigartiger Fundus
Bremgarter Geschwisterpaar kreiert historische Gewänder für Theater und sonstige Anlässe
Heidi und Helen Stierli lagern in ihrem Estrich einen einmaligen Schatz. Bald sind Teile davon in Bremgarten wieder in Aktion zu sehen.
In der Schenkgasse sind sie zu Hause. Eine Umgebung, in der historische Fantasien bestens gedeihen. Schliesslich kann man sich hier, mitten in der Bremgarter Altstadt, ganz lebhaft vorstellen, wie einst die Kutschen durchbretterten, Waschweiber den Brunnen nutzten oder die Wachen mit ihren Hellebarden durch die Gassen patrouillierten. Und wenn solches in der heutigen Zeit nachgestellt wird, dann sind die Stierli-Schwestern die erste Adresse.
Die Bremgarterinnen stellen aus Leidenschaft historische Kostüme her. «Es ist auch für uns jeweils interessant herauszufinden, wie und weshalb die Gewänder damals gemacht wurden», lächeln die beiden. Mit viel Zeit und Liebe stellen sie solche Kostüme nicht nur her, sondern pflegen sie auch im eigenen Dachstock. Wenn immer möglich, orientieren sie sich an der tatsächlichen Geschichte. «Auch wenn wir uns bei der Herstellung die Verwendung einer Nähmaschine genehmigen», schmunzelt Heidi Stierli.
Kostüme für Gassentheater
Aufwendig ist das Hobby der beiden trotzdem. Wobei ihr Schaffen mittlerweile begehrt ist. Die Schwestern müssen deshalb auch Anfragen ablehnen. «Wir nehmen nur noch Aufträge von Bekannten an», sagt Helen Stierli. Ansonsten würde das Ganze wohl ausufern. Denn Gewänder, wie sie hier in der Bremgarter Unterstadt angefertigt werden, findet man sonst kaum. Zum Beispiel auch solche für mittelalterliche Bettler, wie sie einst elend in den dreckigen Ecken der Altstadt-Gassen hockten. «Da ist die Herausforderung, auch gezielt Löcher und Flecken hineinzuarbeiten», lächeln die Geschwister. Ihre Arbeit kann man in Bremgarten bald wieder bewundern. Sie kleiden am 20. Mai nämlich die Darstellerinnen und Darsteller der szenischen Stadtführung ein.
--huy
Die Bremgarterinnen Helen und Heidi Stierli haben einen grossen Fundus an historischen Kleidern
Die Sakristanin der katholischen Stadtkirche und die Kostümschneiderin am Opernhaus Zürich kreieren in ihrer Freizeit originalgetreue Kleiderkopien bis ins Mittelalter zurück. Ihre Gewänder werden auch die szenische Stadtführung «Aussenseiter» vom 20. Mai bereichern.
Bernadette Oswald
«Die Kostüme für die Stadtführung – etwa für Mägde oder Wächter – liegen bereit», verraten Helen und Heidi Stierli beim Besuch in ihrem Haus an der Schenkgasse. Genau dort, vor ihrer Haustür, wird dieses Jahr eine Szene gespielt, in der es um italienische Immigranten geht. Nebst dem Liefern der Kostüme machen die Schwestern bei dieser szenischen Stadtführung auch als Schauspielerinnen mit.
Immer wieder neue Modelle
Die Stierli-Schwestern sind bekannt unter den Kulturschaffenden der Region. «Für unsere historischen Gewänder werden wir von verschiedenen Seiten angefragt», erzählen Helen und Heidi Stierli. Etwa für Anlässe wie Singtheater, Weihnachtsspiele, den Herbstmarkt oder eben für die szenischen Stadtführungen. Geliefert werde allerdings nur noch an bekannte Leute. «Wenn wir etwas, was gewünscht wird, in unserem Kleiderfundus nicht haben, dann machen wir es neu», stellen die beiden klar. Wobei bereits das Anfertigen von Originalschnittmustern aus spezialisierten Zeitschriften eine ziemliche Herausforderung sei. «Helen näht das Meiste, und wenn sie nicht mehr weiterweiss, fragt sie mich», erklärt Heidi Stierli.
Sie ist gelernte Schneiderin und hat viel Erfahrung beim Anfertigen von Kostümen, denn sie arbeitet seit 23 Jahren im Team vom Opernhaus Zürich. Helen Stierli konnte 2024 das 30-Jahr-Jubiläum als Mitarbeiterin bei der katholischen Pfarrei Bremgarten feiern. Seit sieben Jahren amtet sie als Sakristanin, zuvor war sie deren Vertretung.
Gegen 100 Kostüme angesammelt
Unterdessen haben sich im Fundus der Stierlis gegen 100 historische Kleider angesammelt. Alle sind in Ordnern aufgelistet. Gelagert werden sie im Estrich. Auf die Frage, wie das Anfertigen von Kostümen überhaupt angefangen hat, sagt Helen Stierli: «Zuerst haben wir unsere eigenen Kostüme genäht wie eben zum Beispiel für szenische Stadtführungen. Das hat sich dann immer weiterentwickelt, bis wir beispielsweise 2015 bei der Hexenturmeinweihung die ganze Gruppe einkleideten.» Heidi Stierli ergänzt: «Eigentlich geht das alles viel weiter zurück, denn Helen nähte für mich bereits Fasnachtsgwändli. Oder sie kleidete die Leiter der Jubla für Thementage im Lager ein und machte Kostüme für die Guggenmusik ‹Sädelgeischter›.» Heidi Stierli ist die Jüngste von fünf Geschwistern, Helen die Zweitälteste. Aufgewachsen sind sie im gleichen Haus an der Schenkgasse, wo sie jetzt noch wohnen.
Stoffe auf Vorrat
«Passende Stoffe für unsere Modelle zu finden, ist ebenfalls ziemlich anspruchsvoll», geben Helen und Heidi Stierli weiter Auskunft. Eine Quelle seien zum Beispiel Fasnachtsstoffe oder der Ausverkauf im Opernhaus, der rund alle zwei Jahre stattfindet. «Wir kaufen oft auf Vorrat.» Lachend sagen die beiden dazu, dass das Stofflager bald genauso gross sei wie der Kleiderfundus. «Trotzdem müssen wir manchmal für die benötigte Kleiderfarbe Stoffe selbst einfärben.»
Nebst vielen erfreulichen Aufführungen, wo die Schwestern in verschiedenen Funktionen mitwirkten, schauen sie besonders gern auf das «Bremgarter Umesinger-Weihnachtsspiel» von 2023 zurück. Helen Stierli führte Regie und Heidi Stierli war für die Kostüme verantwortlich, alle aus dem eigenen Fundus. «Das machte uns schon Freude. Es war ein grosser Aufwand und trotzdem schön», lautet ihr Fazit.
Landschaften mit Schlümpfen
Eine weitere kreative Tätigkeit verbindet die Schwestern, nämlich das Dekorieren ihres Schlumpf-Schaufensters im Parterre ihres Hauses. «Ich brachte Heidi jeweils Schlümpfe nach Hause und die sammelten sich immer mehr an. Dann kam uns die Idee mit dem Schaufenster, und wir begannen Schlumpf-Landschaften auszustellen», berichtet Helen Stierli. Das habe immer mehr Kindern Freude gemacht und unterdessen kämen bereits Generationen, um die jeweiligen Schlumpf-Kreationen zu besichtigen. «Denn wir versuchen, die Schaufenster immer wieder saisonal anzupassen.»
Szenische Stadtführung
Am Mittwoch, 20 Mai, findet in Bremgarten die «Szenische Stadtführung» statt (vgl. Berichterstattung dieser Zeitung vom 28.4.). Ein kostenloses Strassentheater von Laien, welche mit viel Enthusiasmus Lokalgeschichte darstellerisch umsetzen. Es wird organisiert von der Stadtführergruppe und findet in Bremgarten einmalig alle zwei Jahre statt. Thema dieses Jahr ist «Aussenseiter». Die Besammlung, die Begrüssung durch den Bremgarter Stadtammann und die Einteilung der Besucherinnen und Besucher in vier Gruppen findet auf dem Pétanqueplatz beim Stadtschulhaus um 19.30 Uhr statt. Danach wird an der Schenkgasse, auf dem Rathausplatz, beim Zeughausbrunnen und beim Spittelturm gespielt. Jede Gruppe wird auf ihrem geführten Rundgang durch die Bremgarter Altstadt alle vier Szenen geniessen können.
--red



