Der Wirtechor sagt Adieu
31.07.2026 Bremgarten, VereineAuflösung: Nach 75 Jahren geht der Wirtechor Bremgarten ehrenvoll von der Bühne
Einst gab es zehn stolze Schweizer Wirtechöre. Bis vor Kurzem gehörte Bremgarten dazu. Doch die Bremgarter ereilt das gleiche Schicksal vieler Chöre. Heute, nach dem ...
Auflösung: Nach 75 Jahren geht der Wirtechor Bremgarten ehrenvoll von der Bühne
Einst gab es zehn stolze Schweizer Wirtechöre. Bis vor Kurzem gehörte Bremgarten dazu. Doch die Bremgarter ereilt das gleiche Schicksal vieler Chöre. Heute, nach dem Abschied der Bremgarter, verbleiben noch Luzern und Zug.
Hans Rechsteiner
«Jeder Mann kann singen», war immer das Credo des Wirtechors Bremgarten. Natürlich, damals, 1951, fanden sich alles lupenreine Gastwirte aus dem Bezirk im Wirtechor. Damals gab es noch diese Kombinationen: Gastwirt und Landwirtschaft, Bäckerei, Metzgerei. Zu den besten Zeiten durften auch branchennahe Sänger mittun: Der Betriebswirt, der Küchenbauer, der Weinverkäufer, der Journalist als Stammgast, der Bierbrauer, der Winzer, nicht zuletzt der Landwirt.
Zwei Männer am Anfang
Die singenden Wirte im Bezirk Bremgarten haben eine schöne Göttigeschichte. Die ersten Ideen entstanden im April 1891, als «eine Sammlung förmlicher Wirthe» ihren Bezirkswirteverein aus der Taufe hoben. Zwangsläufig kam irgendwann die Idee auf, ein «Wirtechörli» zu gründen. Zwei Männer standen am Anfang: Karl Muntwyler, Sänger im Männerchor Wohlen, und Gottfried Schmid-Stutz vom «Central» Hägglingen, aktiv seit dessen Gründung 1945 im Wirtechor Baden. Da kommen die berühmten Geschwister Schmid aus Hägglingen ins Spiel.
Arthur Beul (1915–2010), der Komponist der poetischen Wettervorhersage «Nach em Räge schiint d’Sunne» und des zeitlos gültigen «Stägeli uf, Stägeli ab», schrieb für die durch die Teilnahme an der Landesausstellung 1936 in Paris international bekannt gewordenen Geschwister, die damals aber noch zur Schule gingen, Lied um Lied. Aus der heimischen Basis, dem «Kindli» im Zürcher Niederdorf, starteten sie eine Weltkarriere.
Singende Wirte als wertvolle Kulturträger
Zurück zu den Anfängen des Wirtechors Bezirk Bremgarten. Die allererste «Wirtechor Tagung» hatte, lange vor der Gründung des Bremgarter Chörli, am 28. Oktober 1943 in der Bundeshauptstadt Bern stattgefunden. Im Jahr 1951 dann gründeten tatsächlich einige sangesfreudige Wirte das Wirtechörli Bremgarten. Man sang jeweils am Montagabend. Die Gesangssektion des Bezirkswirtevereins wagte ihren ersten Auftritt am vierten Sängertreffen der Schweizerischen Wirte-Gesangssektionen vom 14. Mai 1952 in Zürich.
Die junge Bremgarter Mannschaft sorgte bei den Wirtesängern von Baden, Basel-Stadt, Bern, Luzern, Thun und Zürich für einige Aufregung, wie der Chronist seit Anfang, Otto Stutz, Wirt und Gemeindeschreiber in Widen, in seiner Broschüre «60 Jahre Wirtechor Bremgarten» im Jahr 2011 trefflich festhielt.
Ein Höhepunkt für die Bremgarter kündigte sich am 19. März 1958 anlässlich der Delegiertenversammlung in Baden an: die Ausrichtung des Sängertreffens der Schweizerischen Wirtechöre für 1959. Das Treffen fand am 13. und 14. Mai 1959 in Wohlen und Bremgarten statt.
Treffen als Visitenkarten unter Freunden
Zum zweiten Mal seit der Gründung hatte Bremgarten 1986 die Ehre, das Schweizerische Wirtechortreffen zu organisieren, das 16. Es wurde zum Meilenstein für diesen Wirtechor. Von A bis Z selbst gemacht: mehrere Probekochen des Festmenüs, Herrichten des Casinos, Bodenverlegen in der Militär-Mehrzweckhalle (später Abbau in Festanzug und Krawatte), Hauptpreis Tombola: fünf Tage Paris für zwei Personen, Städtereisen usw.
Da hat es auch dem Schreibenden den Ärmel reingenommen, man hat ihn zum Mitsingen befohlen, was ohnehin im Wirtechor Usus war. Das Komitee konnte nie aufgelöst werden, das vergessene Tombolasäuli wurde in einem Vereinsausflug ins Entlebuch geliefert, der Gewinnerbeizer hatte da grad Metzgete – man darf sichs gerne vorstellen.
Goldene Jahrzehnte
Es folgte eine wunderbare Serie erlebnisreicher Jahrzehnte. Der prächtige Chor präsentierte ein sehr breites Repertoire der berühmtesten Komponisten − nicht nur von Trinkliedern, sondern klassische Literatur in vielen Sprachen, Volkstümliches, von La Montanara über sakral Orthodoxes bis zu «Nabucco» und «Sanctus Sanctus», «Gaudeamus igitur» und Variationen zur launischen «Forelle».
Zu seinen besten Zeiten zählte der Chor 45 wackere Stimmen im Bass und im Tenor, straff geführt von Hans Kuster vom «Stalden», Berikon, und geschliffen und dirigiert vom Bariton Fritz Fehr, der in der weiteren Region mehrere Chöre zu gesanglicher Blüte brachte. Meilensteine waren regelmässige Konzerte, unter anderem in der jeweils vollbesetzen Stadtpfarrkirche im «Bremgarter Vatikan». Und die vor allem von Otto Stutz organisierten legendären Sängerreisen ins In- und Ausland, oft mehrtägig mit angehängtem Kulturprogramm. Viele Jahre später gab es Auftritte an unglaublichen Orten, etwa in der Kathedrale von Reims oder in der Kapelle des Mönchs Dom Pérignon, der den Champagner per Zufall erfunden hat. Die Putzfrau befahl uns zur Seite, weil wir auf seiner Grabplatte standen …
Bremgarten als hervorragender Austragungsort
Die Schweizerischen Wirtechortreffen fanden im Drei-Jahres-Turnus statt. Der Wirtechor Bremgarten war nochmals im Juni 2016 am 26. Wirtechortreffen Gastgeber, im 66. Jahr seines Bestehens. Das wurde zum Highlight der Geschichte. Die Wettgesänge füllten die akustisch wertvolle Stadtpfarrkirche Sankt Nikolaus. Der Galaabend fand im festlich geschmückten Casino statt. Regierungsrat Urs Hofmann hielt die Festrede. Die Gäste wurden auf Hotels im halben Aargau verteilt. Der zweite Tag fand auf der Lenzburg statt. Zum Auftakt musizierte eine Formation des Schweizer Armeespiels. Herrliches Festmahl im Rittersaal.
Dann kam Dirigentin Hannah Burkard
In Ablösung von Fritz Fehr fand sich mit Hannah Burkard die erste und einzige Frau vor dem Wirtechor, die eine feinere Art pflegte. Die Männer mussten sich angewöhnen. So plätscherten die Jahre schön dahin. Zur Tradition wurden neben dem ordentlichen Probenbetrieb regelmässige Altersheimsingen im ganzen Freiamt.
Besondere Erlebnisse waren immer am Dienstag in der Karwoche die Einkehrandachten von GastroAargau in der Klosterkirche Muri, die von den Seelsorgern Corinne Dobler (ref.) und Adrian Bolzern (kath.) jeweils zum lustigen Erlebnis wurden, wo der Wirtechor freudig sang. Und jeweils zum Auftakt des Christchindli-Märts in Bremgarten bot der Wirtechor ein Programm in der «Märtchile» Corinne Doblers, die längst beliebtes Ehrenmitglied ist. Oft spielte sie Trompete.
Und jetzt: ein Abschied von der Bühne in allen Ehren
Das Problem der Chöre, ja vieler Vereine, ist leider heute immer das Gleiche: Überalterung, kein Nachwuchs. junge Leute suchen kurzfristige Projektchöre, wollen sich nicht weiter binden lassen, die Fasnacht und die Erstaugustfeier organisieren. Sponsoren und Gönner fehlen, der Dirigent kann kaum mehr entlöhnt werden.
Doch der Wirtechor Bremgarten wollte sich anständig verabschieden. Das Schweizer Wirtechortreffen am 1. Juni dieses Jahres in Sursee war dafür die beste Kulisse. Gesangliche Unterstützung leistete der Jodelklub Heimelig Villmergen, in dem einige Wirtechörler mitsingen. Seither gibt es nur noch die Wirtechöre Luzern und Zug. Die Bremgarter überreichten wertvolle Dokumente: drei dicke Gästebücher seit 1943, sie bleiben traditionell immer beim letzten Organisator. In Sursee war es für alle ein wunderbarer Anlass, gesangliches Glück, wunderbare Kameradschaft – ein herrliches Adjeu.

