«Der Mensch steht im Mittelpunkt»
07.08.2026 Kirche, Mutschellen, PorträtEin typischer Pfarrer
Im Gespräch mit dem neuen Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Bremgarten-Mutschellen
Pfarrer, Familienvater, Musiker und Comic-Sammler: Michael Wiesmann bringt viele Facetten mit. In seiner neuen Kirchgemeinde ...
Ein typischer Pfarrer
Im Gespräch mit dem neuen Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Bremgarten-Mutschellen
Pfarrer, Familienvater, Musiker und Comic-Sammler: Michael Wiesmann bringt viele Facetten mit. In seiner neuen Kirchgemeinde möchte der 45-Jährige vor allem eines: für die Menschen da sein.
Sabrina Salm
«Ich bin wohl eher ein traditioneller Pfarrer», sagt Michael Wiesmann über sich selbst. Hinter ihm sind seine Gitarren, darunter auch E-Gitarren, aufgehängt. Im Regal lässt sich seine grosse Comic-Sammlung erahnen. In seiner Band spielen sie im Stil von «College Rock und Poppunk der Nullerjahre». Die Tattoos auf seinen Armen und sein Piercing am Ohr fallen sofort auf. Nein, der neue Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Bremgarten-Mutschellen entspricht nicht gerade dem klassischen Bild eines «traditionellen» Pfarrers. Darauf angesprochen, schmunzelt Wiesmann und fragt: «Was ist überhaupt ein typischer Pfarrer?»
In der Eingewöhnungsphase
Wiesmann ist innerhalb der Kirchgemeinde Bremgarten-Mutschellen für den Berg zuständig. Seinen neuen Job in Widen führt er seit letztem November aus. Gemeinsam mit seiner Frau, den drei Kindern, dem Hund Chewbacca und der über 50-jährigen Schildkröte Schiggy ist er in die Gemeinde gezogen.
Vieles und viele hat er in den vergangenen Monaten bereits kennengelernt. Dennoch weiss er: «Es dauert noch ein bis zwei Jahre, bis ich den Rhythmus wirklich kenne.» Wie Michael Wiesmann tickt und auf welche Schwerpunkte er setzt, verrät er im Interview. So erklärt er etwa, dass eher die Kirchen als die Pfarrer heute unter Vorurteilen leiden. Viele Vorbehalte würden durch persönliche Erfahrungen entstehen – oder weil verschiedene Kirchen miteinander vermischt werden. Er erlebe aber gleichzeitig, dass viele Menschen nach wie vor offen seien. Wiesmann ist überzeugt: «Wer Kirche persönlich erlebt, entdeckt oft Seiten, die gar nicht zu den Klischees passen.» Er glaubt, dass Glaube und Kirche nie völlig unpolitisch sind. Trotzdem solle die Kanzel kein Ort für Parteipolitik sein.
Interview mit Pfarrer Michael Wiesmann von der reformierten Kirchgemeinde Mutschellen
Seit einigen Monaten ist Michael Wiesmann Pfarrer auf dem Mutschellen. Im Interview spricht der 45-Jährige über Klischees, den Wandel der Kirche und darüber, worauf es ihm wirklich ankommt. «Wir werden stärker auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen achten müssen», so Wiesmann.
Sabrina Salm
Herr Wiesmann, mit Ihren Tattoos und Piercings fallen Sie auf – war das für Sie als Pfarrer jemals ein Nachteil?
Michael Wiesmann: Gar nicht. Viele denken, Tattoos würden negativ auffallen. Tatsächlich waren sie in all den Jahren als Pfarrer kaum je ein Thema. Menschen möchten vor allem jemanden, der ihnen zuhört. Wenn überhaupt, reagieren eher kirchenferne Personen überrascht, weil sie Pfarrer oft mit einem bestimmten Erscheinungsbild verbinden.
Ganz bedeutungslos sind Ihre Tattoos aber nicht.
Nein. Ich sehe sie wie Post-its auf meiner Haut. Jedes erinnert an eine bestimmte Lebensphase, an Menschen oder Erfahrungen. Darunter sind auch Motive mit Textzeilen aus Kirchenliedern. Manche Motive würde ich heute vielleicht nicht mehr wählen – aber genau das macht sie wertvoll: Sie erzählen eine Geschichte.
Trotzdem beschreiben Sie sich selbst als eher traditionellen Pfarrer. Wie passt das zusammen?
Für mich widerspricht sich das überhaupt nicht. Viele verbinden Tradition mit einem bestimmten Auftreten. Ich finde, traditionelle Werte und ein individueller Stil können problemlos nebeneinander bestehen. Das eine sagt wenig über das andere aus.
War für Sie schon früh klar, dass Sie Pfarrer werden?
Ich bin eher auf Umwegen dazu gekommen. Ich wusste einfach, dass ich mit Menschen arbeiten möchte. Zuerst versuchte ich mich in Sozialpädagogik, auch ein Chemiestudium plus höheres Lehramt wäre für mich infrage gekommen. Weil ich neben einer Kirche aufgewachsen bin und meine Eltern Sigristen waren, war die Kirche aber immer Teil meines Lebens. Nach ein paar Jahren im kaufmännischen Bereich zog es mich dann ins Theologiestudium. Da wusste ich dann: Das ist mein Weg.
Sie haben den Wandel der Kirche über viele Jahre erlebt. Hat sich auch das Bild des Pfarrers verändert?
Ja, deutlich. Früher war vieles hierarchischer organisiert. Heute steht das Miteinander viel stärker im Vordergrund. Das entspricht auch meinem Verständnis von Kirche. Menschen begegnen sich auf Augenhöhe – und das gilt auch für Pfarrer.
Leiden heute eher Pfarrer unter Vorurteilen oder die Kirche als Institution?
Ich glaube, eher die Kirche. Viele Vorbehalte entstehen durch persönliche Erfahrungen oder weil verschiedene Kirchen miteinander vermischt werden. Gleichzeitig erlebe ich aber, dass viele Menschen nach wie vor offen sind. Wer Kirche persönlich erlebt, entdeckt oft Seiten, die gar nicht zu den gängigen Klischees passen.
Dabei spielen Traditionen eine wichtige Rolle. Welche bedeutet Ihnen persönlich am meisten?
Vor allem die Musik. Viele Kirchenlieder sind in schwierigen Zeiten entstanden und tragen eine grosse Tiefe in sich. Besonders mag ich den Gottesdienst am Heiligabend um 22 Uhr. Da kommen Menschen aller Generationen zusammen. Man singt, hört Geschichten und spürt, dass Kirche für viele trotz allem ein wichtiger Ort geblieben ist und eine gewisse Verbindung noch heute besteht.
Gibt es auch Traditionen, die Sie lieber hinter sich lassen würden?
Mein Fokus liegt weniger darauf, etwas abzuschaffen. Vieles ist über Jahrhunderte gewachsen. Ich frage lieber: Was gibt Menschen heute Kraft? Was trägt? Das Gute sollten wir pflegen und weiterentwickeln, statt es vorschnell über Bord zu werfen.
Heisst das auch, dass Kirche moderner werden muss?
Was heisst schon modern? Sie muss vor allem verständlich sein. Modern oder traditionell ist für mich nicht die entscheidende Frage. Wichtig ist, dass Menschen sich angesprochen fühlen. Interessanterweise suchen gerade jüngere Menschen oft auch nach Beständigkeit und Verlässlichkeit. Deshalb braucht es beides.
Wie vereinbaren Sie traditionelle Bibeltexte mit heutigen Werten?
Indem wir ihren Kern freilegen. Es geht um Würde, Respekt und Nächstenliebe – Werte, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Bibeltexte müssen immer wieder neu entdeckt und in unsere Zeit übersetzt werden. Entscheidend ist, dass sie Orientierung geben und Menschen ernst genommen werden.
In einer Welt voller Krisen suchen viele nach Orientierung. Welche Rolle spielt der Glaube dabei?
Für mich bedeutet Glaube vor allem Vertrauen. Das Vertrauen, dass wir Menschen mit unseren Sorgen nicht allein sind. Gleichzeitig hilft mir der Glaube, meine Verantwortung wahrzunehmen, ohne alles allein tragen zu müssen.
Und wenn Zweifel aufkommen?
Dann gehören sie dazu. Zweifel und Glaube schliessen sich nicht aus. Im Gegenteil: Wer alles verdrängt oder auf jede Frage eine Antwort erwartet, macht sich das Leben schwer. Es ist wichtig, die eigenen Grenzen zu akzeptieren.
Kirche und Gesellschaft sind eng miteinander verbunden. Wie politisch darf ein Pfarrer sein?
Kirche und Glaube sind nie völlig unpolitisch. Trotzdem sollte die Kanzel kein Ort für Parteipolitik sein. Als Privatperson darf und möchte ich Haltung zeigen. Im Gottesdienst geht es aber darum, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen – nicht darum, ihnen vorzuschreiben, was sie denken sollen.
Sie setzen sich auch für die Gleichstellung von LGBTQ+- Menschen ein. Weshalb ist Ihnen das wichtig?
Weil für mich immer der Mensch im Mittelpunkt steht. Niemand soll wegen seiner Identität ausgeschlossen oder diskriminiert werden. Die reformierte Kirche setzt sich für Offenheit und Gleichstellung ein, und das unterstütze ich. Ich wünsche mir, dass Kirche für alle Menschen ein sicherer Ort ist – unabhängig davon, wen sie lieben.
Ein besonderer Schwerpunkt Ihrer Arbeit sind Jugendliche. Warum?
Weil sie in einer entscheidenden Lebensphase stehen. Sie stellen grosse Fragen und suchen Orientierung. Ich möchte ihnen Raum geben, ihre eigene Haltung zu entwickeln. Es geht nicht darum, fertige Antworten zu liefern, sondern gemeinsam ehrlich nach Antworten zu suchen.
Mit dem «Konfcast» geben Sie Jugendlichen sogar das Mikrofon. Was macht dieses Projekt besonders?
Die Fragen kommen von den Konfirmandinnen und Konfirmanden selbst. Sie fragen oft überraschend direkt, hartnäckig und respektvoll. Dadurch entstehen Gespräche, die viel tiefer gehen, als man vielleicht erwarten würde. Auch auf dem Mutschellen werden für die nächste Staffel, die im nächsten Jahr erscheint, zwei Folgen produziert.
Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wie sieht die Kirche in 20 Jahren aus?
Wenn ich das wüsste … Ich glaube aber, dass wir künftig weniger Ressourcen haben und deshalb stärker auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen achten müssen. Das ist nachhaltiger. Entscheidend wird sein, sorgsam mit dem umzugehen, was wir haben, und Menschen wichtiger zu nehmen als das Ansehen der Institution.
Persönlich
Mit einem Glanzresultat wählten die Stimmberechtigten der Kirchgemeinde Mutschellen im Juni 2025 Michael Wiesmann zu ihrem neuen Pfarrer. Der gebürtige Zürcher wechselte von der Kirchgemeinde Aarau, wo er seit 2021 als Stadtpfarrer das Ressort City und Kultur mitprägte. Zuvor war er unter anderem in der Jugendarbeit, als Gefängnisseelsorger sowie als Leiter eines ökumenischen Seelsorgeteams in einem Asylzentrum tätig. Privat ist Wiesmann verheiratet, Vater und Hundebesitzer. Seine Freizeit verbringt er gerne auf dem Velo, mit Musik oder an der Gitarre.


