Der Dino tritt ab
22.03.2024 Sport, HandballDer Captain ist Kult – am Samstag nach dem Derby in Muri tritt Pascal Baur ab – sofern nicht ein Wunder passiert
Er hat den Verein geprägt, er hat Höhen und Tiefen durchlebt – und ist dem HC Mutschellen immer treu geblieben. Seit 24 Jahren ...
Der Captain ist Kult – am Samstag nach dem Derby in Muri tritt Pascal Baur ab – sofern nicht ein Wunder passiert
Er hat den Verein geprägt, er hat Höhen und Tiefen durchlebt – und ist dem HC Mutschellen immer treu geblieben. Seit 24 Jahren spielt Pascal Baur im Verein, seit 2007 in der ersten Mannschaft. Nun ist Schluss. Der Rücken zwickt, die Arbeit ruft, die Familie hat Vorrang. Und obwohl es eher schlecht aussieht, glaubt er auch im letzten Spiel noch an den Ligaerhalt.
Stefan Sprenger
Die Bilder an der Wand deuten auf eine ereignisreiche Karriere hin. Pascal Baur hat zudem alte Zeitungsartikel hervorgekramt. «Da sind wir aufgestiegen», sagt er freudig. «Da sind wir wieder abgestiegen», meint er gedämpft. Und wenn er seine Karriere so Revue passieren lässt, dann kommen all die Emotionen wieder hoch. Gute wie schlechte.
Am Samstag beim Derby auswärts gegen den TV Muri (16 Uhr) wird er ein letztes Mal auflaufen. Nach 17 Jahren im «Eis», nach 266 Spielen und 1113 Toren ist Schluss. Mehr Zeit für die Familie, für seine Frau Lena und seine Kinder Nino und Lia. Mehr Zeit für das Geschäft, die Touring Garage Baur AG auf dem Mutschellen, die er per 1. Januar 2025 von seinem Vater als Geschäftsführer übernehmen wird. Doch – und das ist der Hauptgrund für sein Rücktritt – der Rücken zwickt. Nach drei Bandscheibenvorfällen in den letzten sechs Jahren ist genug. Er muss auf seinen Körper hören.
Die schönste Zeit als Kreisläufer beim HC Mutschellen ist gar nicht so lange her. Die Jahre 2021 bis 2023 waren hocherfolgreich. In der Saison 2021/22 feierte das Team den Sieg im Aargauer Cup und den Meistertitel der 2. Liga. Die Krönung, den Aufstieg, den hat man ultraknapp verpasst. Der folgte eine Saison später. Die eindrückliche Statistik während dieser beiden Saisons: 53 Spiele, 47 Siege. «Und jedes Mal ein Siegerbier», sagt er lachend.
Traum wurde 17 Jahre später wahr
Baur wurde 1992 geboren. Im Jahr 2000 beginnt er als 8-Jähriger mit dem Handball. Ein Jahr später sitzt der kleine Pascal an der Seitenlinie in der Kreisschule Mutschellen und schaut seinen Idolen zu. Damals spielt Berikon in der 1. Liga, ein letztes Mal, denn dann folgt eine lange Durststrecke. «Damals war es ein Traum von mir, auch mal in der 1. Liga zu spielen.» Und Baur, der 2007 in die erste Mannschaft kommt, schafft das. 2011/12 feiert der HC Mutschellen (unter Spielertrainer Marcel Hug) zuerst die Rückkehr in die 2. Liga. «Das war eine Riesenparty.» Am Ende der Saison 2017/18 (unter Trainer Stefan Konkol) folgt die noch grössere Sause. Der HC Mutschellen schafft nach 17 Jahren wieder den Aufstieg in die 1. Liga. Und sein Traum wurde wahr. Bitter irgendwie: Nur eine Saison später steigt Mutschellen wieder ab.
Doch dieses Mal dauert die Rückkehr nicht mehr so lange. Es folgt eben seine schönste und erfolgreichste Zeit. 53 Spiele, 47 Siege. Nach dem letzten Sieg ist der Aufstieg in die 1. Liga perfekt, das war im Frühling des letzten Jahres.
Und irgendwie ist es wiederum sehr bitter für ihn, aber ein Jahr später sieht es ganz danach aus, als würde Mutschellen wieder absteigen. Zwei Punkte und 24 Tore müsste man am letzten Spieltag morgen Samstag aufholen, damit man Wohlen einholt und es in die Barragespiele schafft. Heisst konkret: Mutschellen muss Muri schlagen, Wohlen muss zu Hause gegen Ehrendingen verlieren – und zudem die 24 Tore Vorsprung einbüssen. Schwierig. Sogar unmöglich? «Nein», sagt Baur. «Wir glauben noch daran, es in die Barrage zu schaffen. Aber ja, es sieht unbestritten sehr schwierig aus, dass wir das noch schaffen.»
Zum Abgang gibt es wohl den Abstieg
Pascal Baur – 1,94 m gross und über 100 kg schwer – wurde in den letzten fast zwei Jahrzehnten zum Kult-Kreisläufer in der Burkertsmatt. Captain, Identifikationsfigur, treue Seele. Ein Freiämter Handball-Dinosaurier. Nun beendet er die Karriere voraussichtlich mit einem Abstieg. Was macht das mit ihm? «Nach so vielen Jahren, nach so vielen Höhen und Tiefen, da nagt dieser Abstieg nicht mehr heftig. Aber ja, ich hätte es mir anders gewünscht.» Nicht in erster Linie für sich, sondern für den HC Mutschellen. «Die ganze Saison war schwierig. Verletzungen. Absenzen. Viele technische Fehler. Und dann kam noch das Pech dazu», sagt er.
Er freut sich jetzt auf ganz viele Dinge. Erst mal das letzte Derby und die anschliessende Schlussfeier im «Stalden» in Berikon – wie immer. Oder: «klassisch», wie er es nennt. Danach kann sich sein Körper erholen. Nicht nur der Rücken, sondern auch sein Sprunggelenk, das ebenfalls oft schmerzt. «Wenn ich gesund wäre, dann würde mich meine Frau wohl nochmals eine Saison spielen lassen», meint er lachend. Seine Frau Lena, sie ist für ihn der Fels in der Brandung. «Seien wir mal ehrlich, ohne sie würde es nicht gehen. Vielleicht klingt es etwas kitschig, aber sie ist so eine wunderbare und tolerante Frau. Ich bin ihr sehr dankbar für alles.» Wenn er nicht mehr mindestens dreimal pro Woche ins Training muss, wird er fortan mehr Zeit haben für Lena und für die Kinder. Auch das ist ihm enorm wichtig: Familienzeit. Und nicht zu vergessen die Arbeit. Dort wird er in rund einem Jahr seinen Vater als Geschäftsführer der Garage Baur ablösen. «Viele gute Gründe, dass nun der richtige Zeitpunkt für den Rücktritt gekommen ist», sagt er.
«Muri ärgern»
Der Handball-Fanatiker wird stark reduzieren, will dem Sport aber treu bleiben. «In Zukunft möchte ich noch Handball spielen. Ich muss mich bewegen, sonst wird es noch schlimmer mit dem Rücken.» Er wird wohl in einer zweiten Mannschaft spielen, wo er auch problemlos mal eine Auszeit nehmen kann, wenn er will. «Denn ohne Handball geht es einfach nicht», sagt Baur, der praktisch sein ganzes Leben dem Sport und dem Verein untergeordnet hat.
Die letzte Partie steht an. TV Muri auswärts. Die Bachmatten wird gut gefüllt sein. «Nochmals ein Derby», freut sich Baur. «Morgens werde ich arbeiten, danach meine Familie sehen. Und dann wollen wir Muri ärgern», meint er. Denn er glaubt bis zur letzten Sekunde daran, dass es Mutschellen noch in die Barrage schaffen kann – und sich so sein Abschied noch um ein paar Wochen und Spiele verzögert. «Wenn ich nicht daran glauben würde, brauche ich gar nicht erst auf das Feld zu stehen.»