«Leider ohne Erfolg»

  07.07.2026 Mutschellen, Finanzen

Wille ja, Geld nein

«Mutschälle Fäscht» mit grossem Defizit – Was ist bisher geschehen?

Das Defizit des «Mutschälle Fäschts» konnte bislang nicht gestopft werden.

Stefan Sprenger

Vor neun Monaten feierten Zehntausende Menschen das «Mutschälle Fäscht». Doch bis heute warten zahlreiche Gläubiger auf die Bezahlung ihrer Dienstleistungen. Im Februar wurde klar: Der «Mutschälle Fäscht»- Verein weist einen Verlust im tiefen sechsstelligen Bereich aus. Eine Arbeitsgruppe packte das Problem an und wollte dafür sorgen, dass die finanzielle Schieflage wieder ins Gleichgewicht kommt. Die Idee: Mit einem Crowdfunding, mit Sponsoren und Stiftungen sowie mit ehrenamtlichen Einsätzen und viel Willen wollte man das Loch in der Kasse stopfen.

Tragisch und schön

Doch bislang blieb man ohne Erfolg. Einerseits fehlt in der Arbeitsgruppe die Manpower. Andererseits sind Stiftungen und Sponsoren abweisend, wenn es darum geht, nach einem Anlass das finanzielle Defizit zu tilgen. Die Geschichte vom «Mutschälle Fäscht» 2025 bleibt tragisch – und schön. Denn einerseits war es eine richtig grosse Party, die 30 000 Menschen Freude bereitete. Doch der Nachgang ist bitter – auch für das engagierte OK.


Das «Mutschälle Fäscht» konnte das grosse Defizit bislang nicht tilgen

Ein Verlust im sechsstelligen Bereich. Das «Mutschälle Fäscht» im September 2025 wurde zwar von 30 000 Menschen besucht, war finanziell aber ein Reinfall. Die Organisatoren wollten das grosse Defizit über Stiftungen und ein Crowdfunding decken. Doch bislang sieht es düster aus.

Stefan Sprenger

Es ist eigentlich eine schöne Geschichte. Menschen aus der Region engagieren sich ehrenamtlich, um ein Riesenfest für die Bevölkerung zu organisieren. 2021 hat das mit dem ersten «Mutschälle Fäscht» geklappt. 2025 wollte man mit der zweiten Auflage einen draufsetzen. 30 000 Besucher kommen. Das Fest ist wiederum stark, gut organisiert, viele Menschen haben Spass. Aber im Nachhinein folgt der Schock. Dies ist der Moment, wo diese Geschichte eine tragische Wendung nimmt. In der Endabrechnung klafft ein dickes Loch. Das «Mutschälle Fäscht» hat einen Verlust im tiefen sechsstelligen Bereich.

«Lässig ist das nicht»

Der OK-Präsident Rafael Hernandez, sein Vize Carlo Ariu – und weitere Menschen aus dem OK – können einem leidtun. «Wir wollten ein schönes Fest, die Menschen zusammenbringen, auf dem Mutschellen etwas bewegen», sagt Ariu. Das Fest 2025 wurde «in etwa gleich kalkuliert» wie 2021. «Wir haben uns nicht verspekuliert», beteuert er. Und dennoch entstand ein grosses Defizit, ein finanzieller Schaden. Gläubiger warten auf ihr Geld. Und die Organisatoren müssen einstecken. Hier kommt auch der menschliche Aspekt ins Spiel. «Lässig ist es ganz und gar nicht. Die Menschen schauen uns mittlerweile anders an. Aber wir stehen dennoch hin», sagt Ariu, der offen und transparent kommuniziert.

Als das Defizit bekannt wurde, zeigte man sich kämpferisch. Man wollte den Fehlbetrag ausgleichen, das Geld auftreiben. Eine Arbeitsgruppe mit Carlo Ariu, Pietro Bascio, Rafael Hernandez und Roman Stierli übernahm diese schwierige Mission. «In Ruhe wollten wir die Sache angehen», erklärt Ariu. Stiftungen, Firmen und Service-Klubs sollten um Hilfe gebeten werden, ein Crowdfunding aufgegleist werden und zudem wollte man mit ehrenamtlichen Einsätzen dazu beitragen, den finanziellen Verlust zu stopfen. Zudem wollte man die Gläubiger über jeden Schritt informieren.

«Wir geben nicht auf»

Die ernüchternde Bilanz fünf Monate später: «Es ist noch nicht viel passiert», sagt Ariu. Das heisst nicht, dass die Arbeitsgruppe nichts getan hat. Aber: «Sponsoren und Stiftungen sind bislang abgeneigt, Geld auszugeben. Bislang sind wir leider ohne Erfolg.» Auch das Crowdfunding ist nach wie vor lediglich eine Idee. Es fehlt die Manpower, die Zeit. Und auch bei den Helfereinsätzen ist nichts geschehen. «Wir sind dran. Wir geben nicht auf. Aber es ist schwierig.» Dass es schwierig werden würde, im Nachhinein Geld zu generieren, um ein Defizit zu tilgen, war irgendwie zu erwarten. Pietro Bascio, im erweiterten OK und nun in der Arbeitsgruppe dabei, sagt: «Es ist frustrierend. Es ist einfach schade, wie alles gelaufen ist.» Ein Gläubiger, der auf sein Geld wartet, ist Roger Schmidinger (siehe Kasten), der eine Fest-Service-Firma betreibt. Zwei Vereine, der HC Mutschellen und der FC Mutschellen, die am Fest stark involviert waren, äussern sich ebenfalls. Der HC Mutschellen erzielte am «Mutschälle Fäscht» einen Gewinn von 7000 Franken. Pascal Baur, Präsident des HC Mutschellen, sagt: «Ein solches Fest zu machen, ist eigentlich etwas Tolles. Aber das finanzielle Resultat ist eine Katastrophe.» Er sagt: «Ich kann die Lage nur schwer beurteilen. Aber ich frage mich: Wo lag der Hund begraben?» Auch der FC Mutschellen machte einen Gewinn (rund 5000 Franken). Beide Vereine wollen das Geld für die Vereinszwecke nutzen und nichts geben, um das Defizit des Grossanlasses zu stopfen. Weil: So war es im Vornherein vereinbart. Und der Aufwand war bei beiden gross – und der Gewinn am Ende nicht riesig.

«Konsumverhalten hat sich total geändert»

Der Donnerstagabend und der Samstagabend am «Mutschälle Fäscht» boxte ein dickes Loch in die Kasse. Man rechnete mit einem vollen Zelt. Die bittere Wahrheit: Es blieb fast leer. Ariu sagt, die jüngere Generation sei «nicht bereit, Eintritt zu zahlen und viel zu konsumieren.» Ab 23 Uhr liess man die Menschen gratis ins Zelt «und nicht mal da wurde konsumiert». Am Freitagabend – als man mit Musik aus den früheren Zeiten eine ältere Generation anlockte, «hat es bestens geklappt». Am «Mutschälle Fäscht» 2021 war das Zelt immer voll, oder zumindest sehr gut gefüllt. «Das Konsumverhalten hat sich total verändert», sagt Ariu.

«Verheerend und enttäuschend»

Pietro Bascio spricht ein anderes Thema an: Die Solidaritätsbändeli, die verkauft wurden. Diese sollten – wie der Name schon sagt – solidarisch von den Besuchern gekauft werden und als Dank für den grossen Aufwand des OKs dienen. Damit wollte man wichtige Einnahmen generieren. Der Verkauf blieb massiv unter den Erwartungen «Verheerend und enttäuschend. Diese fehlende Wertschätzung ist nur schwierig zu verstehen», sagt Bascio. Das «Mutschälle Fäscht» hatte am Ende zu wenig Einnahmequellen und zu wenig Menschen, die bereit waren, am Anlass Geld auszugeben.

Bascio hätte sich zudem «mehr politische Unterstützung gewünscht». Ariu spricht die ausbleibende Defizitgarantie der drei Gemeinden Berikon, Widen und Rudolfstetten-Friedlisberg an. Aber: Keine der drei Gemeinden wurde im Vorfeld schriftlich angefragt (siehe Kasten). Das OK sagt aber, mündlich wurde während der «Mega24» das Gespräch mit den Gemeinden gesucht, doch eine Defizitgarantie stiess auf taube Ohren. Übrigens: Diese drei Verbandsgemeinden haben die Infrastruktur der Burkertsmatt fast kostenlos zur Verfügung gestellt.

«Wir hoffen nach wie vor, dass wir es da rausschaffen»

Die Menschen kamen ans «Mutschälle Fäscht», das Geld floss aber nicht. Die Event-Branche hat es allgemein immer schwerer. 2021 hat es noch geklappt, 2025 nicht mehr. Tragisch ist, dass viele Menschen, die dem Mutschellen etwas Gutes tun wollten, nun unerwartet ein finanzielles Minus stopfen müssen – und auch als Menschen eine schwierige Zeit durchmachen. «Wir hoffen nach wie vor, dass wir es mithilfe von Sponsoren und Stiftungen da rausschaffen und den Gläubigern die Schulden bezahlen können. Das ist uns wichtig», sagen Ariu und Bascio – die trotz schwieriger Situation Auskunft geben. Es wären noch viele weitere Personen involviert, beispielsweise OK-Präsident Rafael Hernandez, der für eine Stellungnahme jedoch nicht erreichbar war.

Man darf jenen Menschen glauben schenken, die das Boot nicht verlassen haben und so transparent wie möglich versuchen, die finanzielle Schieflage auszugleichen. Aber die Hoffnung, dass im Nachhinein ein solch grosses Loch gestopft werden kann, ist klein.


«Vermutlich zu hohe Risiken»

Die Redaktion hat bei den Gemeinden Widen, Berikon und Rudolfstetten-Friedlisberg angefragt, wie ihre Meinung zum Defizit des «Mutschälle Fäschts» ist.

Peter Spring Gemeindepräsident von Widen, «bedauert, dass der grosse Aufwand des OK nicht belohnt wurde» und ein finanzieller Verlust resultiert. «Vermutlich ist das OK zu hohe Risiken eingegangen», mutmasst er. Sein Rat an zukünftige Veranstalter: «Nicht zu hohe Risiken eingehen und die Finanzierung so weit wie möglich vor dem Anlass sicherstellen.» Ein Gesuch für eine Defizitgarantie ist (bei allen drei Gemeinden) nicht eingegangen. Zudem sagt Spring: «Grundsätzlich ist es nicht Aufgabe der Gemeinden, die Risiken von Veranstaltungen mit Steuergeldern zu übernehmen.»

Petra Oggenfuss Feldgrill, Frau Gemeindeammann von Berikon, spricht von einem «wunderschönen Fest» und bedauert den Verlust ebenfalls. Die Gemeinde kenne die genaueren Hintergründe zum Defizit aber nicht und könne sich deshalb nicht weiter äussern.

Auch Reto Bissig, Gemeindeammann von Rudolfstetten-Friedlisberg, bedauert – und lobt das «Mutschälle Fäscht», das OK und die vielen Helfer für ihr grosses Engagement. Der Rat der Gemeinde an zukünftige Veranstalter: «Die Organisation von Grossanlässen ist anspruchsvoll. Steigende Kosten, höhere Anforderungen und eine veränderte Freiwilligenarbeit stellen viele Veranstalter vor Herausforderungen. Aus Sicht der Gemeinde sind ein attraktives Rahmenprogramm, eine realistische Finanzplanung mit verschiedenen Szenarien sowie eine frühzeitige Zusammenarbeit mit den verschiedenen Anspruchsgruppen wichtige Erfolgsfaktoren. Insbesondere könnte es bei der finanziellen Planung und Abwicklung sinnvoll sein, Unterstützung bei Gemeinden in der Region anzufragen, die über entsprechende Erfahrungen verfügen.»

--spr/sab


Folgen für die Gläubiger

Insbesondere für die Menschen, die noch immer auf ihr Geld warten, ist der grosse Verlust des «Mutschälle Fäschts» und die Handhabung dessen ein Ärgernis mit teils gravierenden Folgen. Zu ihnen gehört beispielsweise Roger Schmidinger. Er hat für das Fäscht mit seiner Fest-Service-Firma das Getränkesortiment, diverses Equipment und das grosse Festzelt geliefert. Auf den Löwenteil seiner Entschädigung wartet er noch immer – eine hohe fünfstellige Summe, die ihm schmerzhaft in seiner Buchhaltung fehlt. «Ich war wegen der nicht bezahlten Rechnung einem Konkurs nahe», berichtet der Unternehmer. Noch immer leide seine Firma an den finanziellen Folgen. «Wenn uns dasselbe heute nochmals passieren würde, gäbe es uns nicht mehr. So viel steht fest», sagt Schmidinger. Der Unternehmer sieht auch sein Vertrauen missbraucht. «Da ich die Organisatoren kannte und der Austausch im Vorfeld gut war, habe ich auf Sicherheiten verzichtet», sagt er. Im Hinblick auf die Zukunft habe er nun Lehren ziehen müssen. «Bei vergleichbaren Aufträgen verlange ich nun eine signifikante Anzahlung und Budgeteinsicht», sagt er. Es sei eine riskante Branche, sagt Schmidinger, der seit 25 Jahren Volksfeste beliefert – doch so etwas wie am Mutschälle Fäscht habe er noch nie erlebt. «Ein Verlust in dieser Grössenordnung ist zum Glück in unserer Firmengeschichte einzigartig», sagt der Festzulieferer.

--huy


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