Sprunghaftes Geheimnis

  03.07.2026 Sport, Bob, Leichtathletik

Der Sprung in den Sand

Die Bob-Olympionikin Melanie Hasler setzt auf eine neue Sportart

Es war ein überraschender Rücktritt. Nach den Olympischen Spielen legte Melanie Hasler ihre Bob-Karriere auf Eis. «Jetzt gibt es einen Neustart», sagt die 28-Jährige. Sie will im Weitsprung an die nationale Spitze kommen. Und träumt davon, auch an der Sommer-Olympiade dabei zu sein.

Stefan Sprenger

Sie brauchte Zeit. Sie musste ihre Gedanken ordnen. Nach den Olympischen Spielen war alles ein bisschen viel. Plötzlich war Melanie Hasler zu Hause. Ohne Medaille. Aber mit einem Berg voller Wäsche. «Und ganz vielen offenen Fragen», wie sie sagt. Wie geht es weiter? Sportlich, beruflich, privat. «Es waren viele Emotionen. Doch dann kam die Stille. Und ich musste mich neu orientieren.» Ende März fällt sie die Entscheidung, dass sie vom Bobsport zurücktritt. Und dies nach ihren zweiten Olympischen Spielen, nach der Saison, wo sie Doppel-Europameisterin wurde. Kein einfacher Entscheid.

Kunst, Medienarbeit, Weitsprung

Aber Melanie Hasler ist eine positive Power-Frau. Sie weiss: Wo eine Tür zugeht, gehen andere Türen auf. Und sie geht hindurch. Beruflich hat sie sich neu orientiert. Hasler wird im Herbst einen gestalterischen Vorkurs an der Zürcher Hochschule für Künste beginnen – und will danach dort studieren. Zudem wird sie ab sofort in einem Teilpensum die Projektleitung für Medien und Kommunikation von Swiss Sliding übernehmen. Und auch in Sachen Sport lässt sie nun die Katze aus dem Sack: «Ich trainiere seit Monaten im Weitsprung. Es macht mir riesigen Spass.» Ihre Sprungkraft und ihre starken physischen Voraussetzungen waren schon im Volleyball und im Bob ein grosser Vorteil. Und so ist es nun auch beim Weitsprung. Hasler trainiert beim LC Zürich. Wie weit sie aktuell springen kann, weiss sie nicht. «Wir haben in den Trainings noch nie gemessen», sagt sie. Aber eine kurze Demonstration ihrer Fähigkeiten beim Interview-Termin auf der Burkertsmatt in Widen beweist, dass es Melanie Hasler an die nationale Spitze schaffen kann. «Zuerst möchte ich in die Top 3 der Schweiz. Dann ist das Ziel, es an internationale Wettkämpfe zu schaffen. Und alles andere sind grosse Träume.» Doch wer Melanie Hasler auch nur ansatzweise kennt, der weiss, dass sie für Überraschungen gut ist.


Vom Bobsport in die Leichtathletik: Melanie Hasler erzählt von ihren Zukunftsplänen – es ändert sich einiges

Sie erstrahlt in neuer Motivation. Melanie Hasler hat einen Wandel vollzogen – schon wieder. Die Bob-Olympionikin wechselt die Sportart. In den nächsten Wochen bestreitet sie ihren ersten Weitsprung-Wettkampf. Wie weit ihre Karriere in dieser neuen Sportart fliegen kann, ist ungewiss. «Aber Träumen ist erlaubt», sagt sie.

Stefan Sprenger

Die Blicke sind ihr sicher. Am letzten Dienstag trainieren Dutzende Kinder der LA Mutschellen auf der Burkertsmatt. Melanie Hasler, ganz in Orange gekleidet, läuft mit Nagelschuhen am Leichtathletik-Nachwuchs vorbei. «Boah. Das sind viele Kids», sagt sie, während viele der sportlichen Kinder genau wissen, wer sie ist. Und sie sind wohl auch etwas erstaunt, dass Melanie Hasler nun offensichtlich in einer neuen Sportart unterwegs ist.

Nach ihrem Rücktritt vom Bobsport Ende März hat Hasler ein Geheimnis daraus gemacht, wie es mit ihr sportlich weitergeht. «Es geht in den Sand», liess sie lediglich durchsickern. Viele vermuteten eine Rückkehr zum Beachvolleyball. Selbst am letzten Wochenende, als ihr in der SRF-Sendung «Fenster zum Sonntag» ein grosser (und sehr guter) Beitrag gewidmet war, hält sie sich bedeckt. Warum? «Einerseits wollte ich es noch für mich behalten. Andererseits wollte ich es mit meiner Lieblingszeitung – der ich voll und ganz vertraue – kommunizieren», sagt Hasler.

«Kein Problem! Melanie ist in vielen Bereichen talentiert»

Jetzt lüftet die Berikerin ihr sprunghaftes Geheimnis und sagt: «Ich trainiere seit einigen Monaten im Weitsprung. Ich trainiere beim LC Zürich im Letzigrund und auch im OYM in Cham. Es macht Spass, es fühlt sich gut an. Und ich glaube, ich kann es an die nationale Spitze schaffen.»

Melanie Hasler packt die Dinge anders an als viele andere. Und sie kann sich wandeln und ist immer wieder für eine Überraschung gut. Das war schon immer so. Mit acht Jahren beginnt sie mit dem Volleyball. Ihr Ehrgeiz und ihre Athletik bringen sie im Laufe der Jahre immer näher an die Spitze. Sie spielt Volleyball in der Halle und auf Sand.

Zwischen 2014 und 2018 macht sie an der «United School of Sports» die berufliche Ausbildung und kann so parallel auf den Spitzensport setzen. Bei ihrer Bewerbung an der «United School of Sports» – wo mit Tobias Rohner übrigens ein Freiämter der Direktor ist – wurden ihre Eltern gefragt: «Was machen Sie, wenn Ihre Tochter es im Volleyball nicht schafft?» Die Antwort: «Kein Problem! Melanie ist in vielen Bereichen talentiert.»

«Es sind andere Dinge, die wirklich zählen»

Dieses Selbstverständnis und wohl auch die Offenheit öffnen ihr ungewöhnliche Pfade. Die aussergewöhnlich starke Athletik von Melanie Hasler bleibt in anderen Sportarten nicht verborgen. Bobtrainer Christoph Langen wird aufgrund ihrer überragenden Testresultate in den Bereichen Sprungkraft und Explosivität auf sie aufmerksam. Hasler versucht sich 2017 erstmals im Eiskanal. Es gefällt ihr so sehr, dass sie die Sportart wechselt. 2017/18 startet sie als Anschieberin, danach als Pilotin. Der Rest ist eine richtig starke Geschichte, mit zwei Olympia-Teilnahmen, vier Olympia-Diplomen, mehreren Weltcup-Podestplätzen und dem doppelten Sieg an der Europameisterschaft in diesem Jahr. «Mehr als Medaillen», war der Titel des SRF-Beitrages über Melanie Hasler. Sie sagt: «Es sind andere Dinge, die wirklich etwas zählen im Leben.» Freunde, Familie – und Emotionen.

Als nach der euphorischen Olympia-Zeit im März etwas Ruhe einkehrt, fällt sie grundlegende Entscheidungen. «Ich brauchte Zeit, um alles zu verarbeiten. Ich musste im Kopf abschliessen. Äusserlich hat das vielleicht den Anschein gemacht, als wäre dies schnell passiert. Aber innerlich hatte ich grosse Mühe.»

Der «Cut» in Hawaii

Hasler geht mit ihrem langjährigen Freund Michael Vogt (ebenfalls Bobfahrer und Olympia-Bronzegewinner) in den Urlaub nach Hawaii. «Abschalten. Runterfahren. Dies war so etwas wie ein Cut. Ein Neustart», so Hasler. Sie hat ihre offenen Fragen beantwortet und ihren neuen Lebensplan aufgegleist.

Beruflich besteht sie die Aufnahmeprüfung für die Zürcher Hochschule der Künste. Im Herbst absolviert sie den gestalterischen Vorkurs. Danach wird sie Kunst studieren. In einem Teilpensum wird sie dazu Projektleiterin für Medien und Kommunikation bei Swiss Sliding, dem Schweizer Verband für alle Eiskanal-Sportarten. Sie ist beispielsweise für die Medienarbeit zuständig oder für Social Media. Es sind Dinge, die Hasler ebenfalls sehr gut beherrscht. Sie hat eben viele Talente.

Ihre Weite bislang noch nie abgemessen

Melanie Hasler schnürt ihre Nagelschuhe. Sie nimmt einen kurzen Anlauf, springt für das Foto in den Weitsprung-Sand. Etwas über vier Meter mit einem Anlauf von nur wenigen Schritten. Wie weit kann sie mit vollem Einsatz springen? «Ich habe noch keinen Wettkampf bestritten. Und in den Trainings haben wir bislang noch nie abgemessen», erklärt die 28-Jährige. In den nächsten Monaten wird sie an einem Ernstkampf starten. Grosse Erwartungen hat sie nicht, da sie mitten in der Saison eingestiegen ist. Sie freut sich, dass sie im Winter einen sauberen Aufbau machen kann, die ganze Vorbereitung, das volle Programm. «Ich brauche ein noch besseres Gefühl. Technisch liegt noch einiges drin.» Vom Volleyballsport hat sich beim Sprungablauf vieles eingeprägt, was sie jetzt natürlich ändern muss.

«Ich nehme es ohne Druck»

Sie will es an die nationale Spitze schaffen. Unter die besten drei. Sie möchte sich an die Limite für internationale Wettkämpfe herantasten. «Alles andere wären Träume. Doch auch die kann man sich erfüllen», sagt Hasler. Wie sieht es mit der Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen aus? 2028 wären diese in Los Angeles. «Phu. Dazu braucht es sehr viel. Ob Olympia realistisch ist, weiss ich nicht. Das wird sich zeigen.» Der Schweizer Freiluft-Rekord bei den Frauen liegt bei 6,84 Metern, aufgestellt von Irene Pusterla im Jahr 2011. Ein Ziel? Hasler lacht laut. «Immer mit der Ruhe. Das ist ein sehr weiter Weg respektive ein sehr weiter Sprung.» Hasler hat den Ehrgeiz, die Spitzensport-Affinität und die körperlichen Voraussetzungen, um es weit zu bringen – auch in dieser Sportart. Aber wie weit es reicht, bleibt abzuwarten. «Mein Körper macht mit. Ich nehme es aber ohne Druck. Schritt für Schritt.» Bis zum Ende dieses Jahres will sie auf sechs Meter springen.

«Du kannst jederzeit bei uns trainieren»

Auf der Burkertsmatt in Widen kommt ein Mann zur Weitsprunganlage. Lachend sagt er zu Hasler: «Du kannst übrigens jederzeit bei uns trainieren.» Es ist Ralph Huggel, Hauptleiter der LA Mutschellen. Hasler bedankt sich und sagt, dass sie erst «richtig ankommen muss in dieser neuen Sportart».

Ihrem Kopf tut die neue Herausforderung jedenfalls gut. «Normalerweise wäre ich jetzt in der Vorbereitung für die neue Bob-Saison. Als Pilotin war der organisatorische Aufwand riesengross und mit viel Stress und finanziellen Sorgen verbunden. Das ist alles weg, was ein gutes Gefühl ist.» Insofern vermisst sie den Bobsport nicht. Wie es im Winter ist, wenn sie ein Bob-Rennen schaut, weiss sie noch nicht. «Aber es wird wohl wehtun. Ich muss lernen, damit umzugehen.» Für Melanie Hasler steht ein neues Kapitel an. Beruflich, privat und sportlich. «Ich werde alles mit Vollgas tun», sagt sie. Dies hingegen überrascht nicht.


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