Auf den Schlitten gebracht
04.07.2025 Bremgarten, PorträtLetzter Arbeitstag
Bremgartens Gesamtschulleiter Guido Wirth steht vor seiner Pension
Mit dem Ende des Schuljahres geht für Guido Wirth ein 45 Jahre langes Arbeitsleben im Dienst der Kinder zu Ende. ...
Letzter Arbeitstag
Bremgartens Gesamtschulleiter Guido Wirth steht vor seiner Pension
Mit dem Ende des Schuljahres geht für Guido Wirth ein 45 Jahre langes Arbeitsleben im Dienst der Kinder zu Ende.
Marco Huwyler
Es war gewiss nicht die leichteste Amtsperiode für einen Gesamtschulleiter in der Geschichte der Bremgarter Schulen. Strukturreform, Anpassung der Ressourcensteuerung, integratives Schulkonzept, Lehrplan 21 und die Anpassung der Schulpflege. Die letzten Jahre standen für Schulen ganz im Zeichen des Wandels. «Wir haben Strukturen angepasst, die zuvor fest verwurzelt gewesen sind und teilweise auf den Einfluss von Napoleon im Aargau zurückgingen», sagt Wirth. Eine Herausforderung fürwahr. Aber eine, die Bremgartens Schulen vergleichsweise gut gelungen ist. «Ich gehe deshalb jetzt gerne und mit gutem Gewissen», sagt Guido Wirth, der heute Freitag seinen letzten Arbeitstag als Gesamtschulleiter nach 14 Jahren in der Verantwortung in Angriff nehmen wird.
«Der richtige Weg»
Zuvor war Wirth jahrzehntelang auf dem Mutschellen als Lehrer und Schulleiter tätig. Insgesamt 45 Jahre im Dienst der Schule kumulieren sich beim heute 66-Jährigen. «Ich bereue kein einziges davon. Es war der richtige Weg für mich, und ich habe die Arbeit all die Jahre lang gerne gemacht», sagt Wirth. Wir haben uns mit ihm zum Abschied auf ein ausführliches Gespräch getroffen. Der abtretende Gesamtschulleiter blickt dabei zurück, redet über aktuelle Herausforderungen – und über Persönliches.
Bremgartens Gesamtschulleiter Guido Wirth tritt ab
Eineinhalb Jahrzehnte lang liefen in Bremgarten bei ihm alle Fäden zusammen, wenn es um schulische Belange ging. Nun wird Guido Wirth in den Ruhestand verabschiedet. Nach 45 Jahren Schule geht er im Reinen und mit grosser Zufriedenheit.
Marco Huwyler
Herr Wirth, am Dienstag haben rund 1200 Kinder und 100 Lehrpersonen für Sie gesungen und Ihre Verdienste gewürdigt. Das muss ein schöner Moment gewesen sein.
Guido Wirth: Schön ist noch untertrieben (lächelt). Ich war überwältigt. Die lieben Worte, dass alle für mich da waren. Und dann dieser unglaubliche Chor, begleitet von einer Lehrer-Band. Ich werde gleich wieder emotional, wenn ich nur daran denke.
Gesungen haben sie unter anderem «Ich wünsche dir» von Peter Reber. Ein Lieblingslied von Ihnen.
Ja – und eines, das man unter meinen Kolleginnen und Kollegen stark mit mir in Verbindung bringt. Denn ich habe es all die Jahre über immer wieder bei Verabschiedungen und Pensionierungen spielen und singen lassen, weil es dafür eine schöne und treffende Botschaft vermittelt, wie ich finde. Ich sagte immer: Pensioniert wird man nur einmal. Und es war mir deshalb immer wichtig, dass dieser grosse und wichtige Moment ausreichend gewürdigt wird. Nun kam ich selbst in den Genuss eines wunderbaren Abschieds. Dieses Lied nun für mich gesungen, von Kindergärtnern bis Teenagern und meinen Weggefährtinnen und Weggefährten. Besser gehts nicht.
Ein anderes Lied hätte auch gepasst. «Mit 66 Jahren …» Eigentlich sind Sie ein Jahr zu spät dran für die Pensionierung.
Das ist so. Doch ich habe gerne noch ein Jahr angehängt. Das war für alle gut. Das System ohne Schulpflege konnte sich noch besser einpendeln. Und wichtige Projekte, wie die Integration der Tagesstrukturen und der Musikschule in den Schulbetrieb, sind aufgegleist. Auch bei der Infrastruktur geht es voran. Das Schulhaus Staffeln kommt und die «Schulraumplanung 2035» wird immer konkreter.
Ein Langzeitprojekt, in das Sie stark involviert waren. Ist es da nicht schwierig, von einem Tag auf den anderen raus zu sein?
Generell fällt mir das Loslassen nicht schwer. Ich bin kein Sesselkleber (lacht). Aber im konkreten Fall der Schulraumplanung ist es tatsächlich so, dass ich den Arbeitsgruppen wohl noch eine Weile erhalten bleibe. Vorgesehen ist derzeit bis im Sommer 2026. Doch das ist noch nicht in Stein gemeisselt.
Ein zentraler Bestandteil dieser Planung wäre auch eine neue Sportanlage Bärenmatte. Ein Projekt, dem der Souverän vor einem halben Jahr eine vorläufige Abfuhr erteilte.
Das ist schade für uns, selbstverständlich. Doch noch ist der Aufschub für die Schule kein Weltuntergang. Wir haben immer noch den bisher ungenutzten – weil bisher für alle freien – Mittwochnachmittag als Kapazitätsreserve. Schwieriger ist die Lage für die Vereine. Und die Bevölkerung muss sich bewusst sein, dass andere Kosten anfallen, wenn man das Projekt noch lange verzögert. Denn dann müssen einfach die bestehenden Hallen gewartet werden.
Neben Turnhallen mangelt es offenbar auch an Schulzimmern. Angesichts der zwei Provisorien, die neben dem Stadtschulhaus in Betrieb sind. Investiert Bremgarten zu wenig in seine Schule?
Die Situation mit den Pavillons ist nicht ideal, aber auch alles andere als schlimm. Wobei ich mir auch wünschen würde, dass sie nicht zum Dauerzustand wird. Ansonsten empfinde ich aber in Bremgarten durchaus ein grosses Wohlwollen der Schule gegenüber. Bei Politik und Bevölkerung gleichermassen. Während meiner Amtszeit war es eigentlich immer so, dass Gelder, die wir wirklich wollten und die wirklich nötig waren, auch ohne grossen Widerstand gesprochen wurden. Weil man im Gegenzug auch wusste, dass die Schulleitung keine ist, die exorbitante Ausgaben fordert, die es nicht braucht. So entstand über die Jahre eine Vertrauensbasis in Bremgarten, auf die ich stolz bin.
Während Ihrer Ära hat sich die Bildungslandschaft im Aargau einschneidend verändert.
Ja. Es gab in den letzten Jahren vor allem zwei Umstellungen, die wirklich gross und herausfordernd waren. Einerseits die Strukturreform, die seit 2017 vollständig in Kraft ist. Mit einem Jahr mehr Primarschule und dafür einem Jahr weniger Oberstufe (6 statt 5 bzw. 3 statt 4) entstanden ganz andere Gegebenheiten und Bedürfnisse. Vor allem auch personell mussten wir uns umorientieren. Man brauchte mehr Primarlehrer – dafür deutlich weniger Fachkräfte an der Oberstufe. Im Prinzip war ein Viertel der Lehrer dort plötzlich überzählig. Ich bin aber stolz darauf, dass wir in Bremgarten einen Weg gefunden haben, der gänzlich ohne Entlassungen auskam. Dank Pensenreduktionen, Umschulungen usw. Das hat die Schule auch noch einmal stärker zusammengeschweisst und den besonderen Bremgarter Spirit gestärkt.
Die andere Änderung, auf die Sie anspielen, muss die Abschaffung der Schulpflege gewesen sein.
Genau. Das brachte insbesondere für die Schulleitung und den Stadtrat einschneidende Änderungen mit sich. Obwohl ich kein expliziter Gegner der Systemumstellung war und bin, weil ich die Argumente dahinter nachvollziehen kann, ist es manchmal sehr schwierig. Zwar ist es auch schön und effizient, als Schulleiter nun noch mehr Spielraum und Kompetenz zu haben – aber für Claudia (Bamert, im Stadtrat für das Ressort Bildung zuständig, Anm. d. Red.) und mich war es zuweilen in den letzten Jahren auch einsam an der Spitze. Manchmal muss man Entscheidungen fällen, die letztlich Lebensläufe einschneidend prägen und die nicht leicht fallen. Da wünschte man sich dann noch mehr kompetente Schultern als Absicherung, wie wir sie mit der Schulpflege in Bremgarten hatten.
Schwierig stelle ich mir als Gesamtschulleiter auch den Umgang mit Vandalismus vor, wie er in den vergangenen Jahren an Bremgarter Schulen immer wieder grassierte.
Es ist ein leidiges Thema, das wir aber gefühlt zuletzt besser in den Griff bekamen. Wir haben viel investiert, mit Informationskampagnen, Gesprächen und Appellen. Gerade auch nach der Amok-Drohung im letzten Herbst, die sich als übler Scherz herausstellte. Auch die neuen Überwachungskameras tragen das ihrige zur Verbesserung bei.
Wo sehen Sie die Ursachen solcher jugendlicher Taten?
Letztlich ist eine Schule auch ein Abbild der Gesellschaft. Es ist eine Frage des Respekts gegenüber den Grundregeln des Zusammenlebens, der bei manchen heutzutage fehlt. Ich sehe das auch bei Erwachsenen – nehmen Sie beispielsweise das Littering am Reussufer. Da muss man sich nicht wundern, wenn solches auch an Schulen geschieht. Und wenn sich Werte verändern, ist das auch eine Herausforderung, der wir uns als Schule stellen müssen. Ich beobachte einen Rückgang des Respekts übrigens nicht nur gegenüber Objekten. Auch gegenüber von Lehrpersonen hat dies zugenommen. Vonseiten Eltern und Schülern.
Wie äussert sich dies?
Gewisse Dinge, die man früher selbstverständlich von zu Hause aus mitbrachte, muss man heute teilweise als Schule nacherziehen. Stillsitzen und Zuhören etwa. Auf der anderen Seite fehlt bei manchen Eltern das Vertrauen in die Kompetenz der Lehrperson und deren Einschätzungen als Pädagoge. Immer öfter müssen sich diese rechtfertigen gegenüber Schülern und Eltern. Im Grossen – wie bei einem Übertritt an eine neue Schule. Aber auch bereits im Kleinen. Prüfungen werden teilweise penibel kontrolliert. Alles muss belegt werden, statt dass man auf die Einschätzung und das grundsätzliche Wohlwollen eines Pädagogen vertraut. Es wäre schön, wenn Entscheidungen auch mal akzeptiert würden. Aber ich muss jetzt aufpassen, dass ich nicht zu negativ werde (lacht). Die allermeisten Schüler und Eltern haben nach wie vor eine sehr gute Beziehung zur Schule. Und der Lehrberuf ist für mich immer noch einer der schönsten, die es gibt. Gerade bei uns in Bremgarten.
Was macht den Beruf für Sie aus?
Kinder auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden mit Kompetenzen und Charakter zu begleiten, zu prägen und ihnen Werkzeuge an die Hand zu geben, ist etwas Wunderschönes. Tagtäglich all die kleinen und grossen Schritte zu beobachten, die sie dabei machen. Und auch die positiven Feedbacks von Erwachsenen, die früher bei einem zur Schule gingen. Manchmal hat man dabei Erlebnisse, die richtig glücklich machen.
Haben Sie Beispiele?
Spontan kommt mir ein Beispiel meiner Mutscheller Zeit als Lehrer in den Sinn. Ein schwieriger Junge kam in meine Sek-Klasse. Niemand wurde bislang mit ihm fertig. Er hatte schlechte Noten und war vor allem unzuverlässig und vergesslich. So viele «Striche» und Strafstunden, dass er sie gar nicht mehr hätte absitzen können. Da sass ich mit ihm hin und sagte: ‹Hör zu, ich plage dich nicht mehr mit Strafen. Du bekommst einfach eine schlechte Ordnungsnote im Zeugnis und damit hat es sich.› Auch der Klasse habe ich diese Sonderlösung erklärt, und sie wurde akzeptiert. Viele Jahre später traf ich besagten Schüler als jungen Mann, der am Tech in Rapperswil studierte. Heute ist er ein gefragter Ingenieur. Statt dass wir ihn als Schule gebrochen haben und er seine Freude am Lernen verlor, hat es irgendwann Klick gemacht und er konnte sich entfalten. Das Beispiel zeigt den Spielraum, den ein Lehrer haben kann. Und die Herausforderung, für ganz viele Charaktere die richtige Lösung zu finden. Wenn dies dann gelingt, ist das sehr erfüllend.
Was denken Sie – als was für ein Lehrer und Schulleiter sind Sie bei den Tausenden Kindern und Lehrern, die Ihre Lauf bahn kreuzten, in Erinnerung geblieben?
Ich galt stets durchaus als streng – aber hoffentlich auch als herzlich. Aus meiner Sicht hat diese Mischung gut funktioniert. Ich versuchte immer ein offenes Ohr zu haben, die Menschen mitzunehmen und für einen gemeinsamen Weg zu begeistern. Dass sich die Menschen um mich herum wohlfühlten. Ich hoffe, dass mir dies bei einem Grossteil der Kinder und Lehrpersonen gelungen ist.
Ihre Verabschiedung spricht da eine klare Sprache.
Ja, wenn bei der Pension 1300 Menschen für einen singen, kann man wohl nicht alles falsch gemacht haben (lächelt). Zumal ich eine aufrichtige Herzlichkeit mir gegenüber spürte. Auch bei den Abschiedsgeschenken übrigens. Von einigen Kollegen erhielt ich einen symbolischen Metallschlitten. Weil ich offenbar öfters sagte, «das müssen wir nun gemeinsam auf den Schlitten bringen» (lacht). Mir wäre das gar nicht aufgefallen. Zum Glück ist man offenbar mehrheitlich der Meinung, dass wir es all die Jahre ziemlich gut auf den Schlitten gebracht haben in Bremgarten (lächelt).
Was wird nun aus Guido Wirth?
Die erste Ferienwoche werden wir für die gründliche Übergabe an meinen Nachfolger Manfred Knecht nutzen. Danach nehme ich mir eine ordentliche Auszeit. Einen Monat lang werde ich ganz alleine wandern und hoffentlich dabei zur Ruhe kommen. Dann bin ich einen Monat lang zusammen mit meiner Frau unterwegs. Erst danach, im Herbst, kann man mich wieder kontaktieren (lacht). Ich werde sicher viel Zeit dem Wandern widmen. Mit meinem Bruder etwa. Und ich werde endlich wieder mehr Zeit zum Musizieren haben. Gemeinsam mit meiner Frau. Das ist eine grosse Leidenschaft von uns.
Kann man Sie bald irgendwo hören?
Nein, nein – wir machen das nur für uns. Öffentlich musiziert habe ich während meiner Schullaufbahn genügend oft (lacht). Zum letzten Mal kommt mein Handörgeli wohl am letzten Schultag öffentlich zum Einsatz (heute Freitag, Anm. d. Red.).
Als Gesamtschulleiter ist man ein gefragter Mann und ständig im Mittelpunkt. Keine Angst, dass Sie nun in ein Loch fallen?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich wohlüberlegt und langsam in meinen Ruhestand begeben. Auch innerlich bin ich gut darauf vorbereitet und freue mich. Vielleicht haben Sie bemerkt, dass es in meinem Büro im Vergleich zu sonst bereits ziemlich karg aussieht. Seit den Sportferien nehme ich jede Woche etwas nach Hause. Bücher, Bilder, Ordner, Fotos und sonstige Utensilien. Nur die Uhr hängt noch hier. Die nehme ich als Letztes mit. Das soll symbolisieren: Meine Zeit als Schulleiter ist jetzt definitiv abgelaufen.
Zur Person
Guido Wirth (Jg. 1959) ist in Bremgarten aufgewachsen und ging hier zur Schule. Nach dem Studium übernahm er auf dem Mutschellen eine Sekundarschulklasse und wirkte dort 29 Jahre lang. Zuerst als Lehrer, dann sukzessive parallel auch vermehrt als Schulleiter, bis er sich schliesslich vollumfänglich dieser Funktion widmete. 2011 wechselte Wirth nach Bremgarten und übernahm hier die Gesamtschulleitung. Wohnhaft ist er mittlerweile mit seiner Frau in Rottenschwil. Das Amt als Gesamtschulleiter, das die Verantwortung sämtlicher Stufen von Kindergarten bis Oberstufe umfasst, übte Wirth 14 Jahre lang aus. Heute Freitag ist sein letzter Schultag vor der Pension. Für Wirth übernimmt nach den Sommerferien Manfred Knecht (vgl. dazu auch Berichterstattung vom 14. Februar). --huy