Alterszentren im Wandel
10.01.2023 Mutschellen, WidenGespräch mit Roger Cébe, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Bärenmatt und Burkertsmatt
Ein herausforderndes Jahr haben die beiden Alterszentren Burkertsmatt in Widen und Bärenmatt in Bremgarten hinter sich. Und auch 2023 wird wieder voller ...
Gespräch mit Roger Cébe, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Bärenmatt und Burkertsmatt
Ein herausforderndes Jahr haben die beiden Alterszentren Burkertsmatt in Widen und Bärenmatt in Bremgarten hinter sich. Und auch 2023 wird wieder voller Hürden, die es zu meistern gibt. Der Vorsitzende der Geschäftsleitung, Roger Cébe, blickt in dieser Zeitung zurück und voraus.
«Priorität hat dieses Jahr das Vorantreiben des Um- und Neubauprojektes der Bärenmatt, mit dem wir heuer, spätestens im Frühjahr 2024, für die Baubewilligung an die Stadt Bremgarten treten möchten», erklärt Roger Cébe. In der Burkertsmatt in Widen stehe die Finalisierung der 2. Etappe der Sanierungsarbeiten mit der Erneuerung der Heizung und dem Ersatz der Fenster im Untergeschoss an. «Zudem streben wir an, die 3. Etappe in Angriff zu nehmen, mit der wir unter anderem die Küche ausbauen wie auch die restlichen Fenster erneuern möchten.»
Abgänge bei den Lehrlingen
Für Roger Cébe, sein Team und den Gemeindeverband Regionale Alterszentren gab und gibt es also viel zu tun. Neben den baulichen Massnahmen wird eine Zusammenarbeit mit der Spitex Mutschellen-Kelleramt geprüft. So wäre es möglich, die Geschäftsstelle der Spitex im Alterszentrum Bärenmatt anzusiedeln, um damit Synergien nutzen zu können.
Auch der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen beschäftigt die Geschäftsleitung. «Im regionalen Vergleich sind unsere Konditionen überdurchschnittlich, was sich auch in der Stabilität unserer Belegschaft zeigt», ist Cébe dankbar. Die beiden Alterszentren begegnen dem Fachkräftemangel, indem sie selber Lehrlinge ausbilden. «Was mir aber Sorge macht, ist, dass Lernende teilweise die Anforderungen des Berufseinstieges nicht tragen konnten. So hatten wir entsprechende Abgänge zu bedauern.» Woran das genau liege, sei schwierig zu benennen. Was in Erscheinung trete, sei, dass einzelne Lernende hinsichtlich «des körperlichen Arbeitens» schnell an ihre psychischen Grenzen stossen würden. «Dazu kommt, dass sich die allgemeine gesellschaftliche Tendenz nach lockeren Arbeitszeiten, besserem Lohn und mehr Ferien schwer mit verbindlichen Bedingungen vereinbaren lässt, welche in der Pflege unabdingbare Anforderungen sind», so der Vorsitzende der Geschäftsleitung. Er betont auch, dass die Verweildauer der Gäste in den beiden Alterszentren stark abgenommen hat. «Damit ändern sich die Art und Weise der Betreuung und Anforderungen an die Serviceleistungen. Und diesen Änderungen werden wir uns auch im neuen Jahr stellen.» --red
«Betrieb ähnelt bald einem Hotel»
Neujahrsgespräch mit Alterszentren-Direktor Roger Cébe zum Um- und Neubauprojekt Bärenmatt
Seit sechs Jahren steht Roger Cébe den Regionalen Alterszentren als Direktor vor. Im Gespräch erklärt er, was die Zentren aktuell beschäftigt – und mit welchen Herausforderungen man sich konfrontiert sieht.
Celeste Blanc
Das Altern in Würde zu ermöglichen, ist für Roger Cébe eine Herzensangelegenheit. Als Vorsitzender der Geschäftsleitung der Zentren Bärenmatt in Bremgarten und Burkertsmatt in Widen, die vom Gemeindeverband Regionale Alterszentren Bremgarten, Mutschellen, Kelleramt mit den Verbandsgemeinden Berikon, Bremgarten, Eggenwil, Jonen, Oberlunkhofen, Oberwil-Lieli, Rudolfstetten-Friedlisberg, Unterlunkhofen, Widen und Zufikon betrieben werden, sieht er in der Schaffung und Sicherung von Heimplätzen für betagte Einwohnerinnen und Einwohner eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. «Jenen, die unseren Wohlstand mitaufgebaut haben, muss im Alter geschaut werden. Und wir müssen ihnen Perspektiven bieten können.»
Diesen Auftrag zu erfüllen, sei nicht einfach. Die Herausforderung bestehe vor allem darin, Fragen hinsichtlich Sparmassnahmen, Finanzierung, akuten Fachkräftemangel sowie des zunehmenden Bedürfnisses der Gäste, selbstbestimmt zu leben und zu altern, miteinander in Einklang zu bringen.
Mit dem Jahreswechsel steht immer ein Rückblick an. Was hat das Jahr 2022 für die Alterszentren der Region Bremgarten/ Mutschellen/Kelleramt bereitgehalten?
Roger Cébe: Ich bin froh, sagen zu können, dass uns die Coronapandemie, wie wir sie im Jahr 2021 gespürt haben, nicht mehr in diesem einschneidenden Ausmass belastet hat. Damit ist viel Druck weggefallen. Weiter positiv ist, dass wir hinsichtlich des Um- und Neubauprojektes für das Zentrum Bärenmatt einen grossen Schritt vorwärts gekommen sind und wichtige Perimeter definiert haben. Zusätzlich konnten wir eine von drei Sanierungsetappen im Alterszentrum Burkertsmatt abschliessen, namentlich den Einbau einer neuen Liftanlage sowie die Vergrösserung der Allgemeinräume in der Demenzabteilung. Ebenfalls gehören die Erweiterung der Wäscherei und der Küche, der neue Coiffeur- und Podologie-Salon sowie die komplette Flachdachsanierung dazu.
Wo lagen die Herausforderungen?
Wie in allen Betreuungs- und Pflegebereichen tangieren auch uns die Diskussionen um die Anstellungssowie die Lohnbedingungen. Wobei ich hier betonen möchte, dass unsere Konditionen im regionalen Vergleich in vielen Bereichen überdurchschnittlich sind. Das zeigt auch die Stabilität in unserer Belegschaft: Wir haben Mitarbeitende, die seit mehreren Jahren in unseren Zentren tätig sind. Das ist heutzutage nicht selbstverständlich. Was hingegen in diesem Jahr besonders auffiel und ein Stück weit Anlass zur Sorge gab, war, dass Lernende teilweise die Anforderungen des Berufseinstieges nicht tragen konnten. So hatten wir entsprechende Abgänge, die wir bedauern.
Was könnten Gründe für diese Abgänge sein?
Das ist schwierig zu benennen. Es wird immer wieder laut, dass an die Jugendlichen hohe schulische Anforderungen gestellt werden. Was aber in Erscheinung tritt, ist, dass sie hinsichtlich «des körperlichen Arbeitens», wenn man es so nennen kann, schnell an ihre psychischen und persönlichen Grenzen stossen. Vielleicht hat es etwas mit der allgemeinen gesellschaftlichen Tendenz zu tun, dass der Individualismus immer ausgeprägter wird: lockerere Arbeitszeiten, besserer Lohn, mehr Ferien. Das lässt sich mit fixen Verbindlichkeiten schwieriger vereinbaren. Doch dies ist eine unabdingbare Anforderung an einen Job in der Pflege. Die Attitüde «Zuerst noch ein Blick aufs Handy» oder «Mache ich es nicht jetzt, mache ich es in 10 Minuten» geht hier nicht.
Das neue Jahr hat soeben begonnen. Was steht in den Alterszentren an?
Priorität hat das Vorantreiben des Um- und Neubauprojektes der Bärenmatt, mit dem man heuer, spätestens im Frühjahr 2024, für die Baubewilligung an die Stadt Bremgarten treten will. Auch die Finalisierung der 2. Etappe der Sanierungsarbeiten steht an, die im Alterszentrum Burkertsmatt die Erneuerung der Heizung sowie den Ersatz der Fenster im Untergeschoss vorsieht. Bestrebt sind wir sodann, die 3. Etappe in Angriff zu nehmen, also nebst einigen «Aufhübschungsarbeiten» auch die Küche auszubauen sowie die restlichen Fenster zu erneuern. Ziel ist, dass wenn die Bärenmatt umgebaut wird, sämtliche Sanierungsarbeiten in der Burkertsmatt abgeschlossen sind. Zusätzlich mit dem Umbauprojekt läuft parallel die Prüfung einer Zusammenarbeit mit der Spitex Mutschellen-Reusstal.
Wie beinhaltet diese Zusammenarbeit?
Die Grundidee ist, der Geschäftsstelle der Spitex im Alterszentrum Bärenmatt geeignete Büroräumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. So könnten künftig wertvolle Synergien genutzt und das regionale Dienstleistungsangebot für die Alters- und Betagten-Betreuung noch mehr gestärkt werden.
Herausfordernd hingegen wird vermutlich der Personal- und Fachkräftemangel.
Es ist nicht schönzureden: Es gibt schlichtweg zu wenig Personal. Und leider ist seit der Annahme der Pflegeinitiative noch nichts gegangen. Doch statt zu jammern, muss das Problem gemeinsam angegangen werden. Hier wird künftig wohl der Austausch und die Zusammenarbeit von allen Beteiligten, sei sie auf politisch-strategischer oder operativer Ebene, gefragt sein. Vor allem geht es darum, mehr Verständnis für die Alterszentren in der Gesellschaft zu schaffen.
Ist ein solches denn nicht vorhanden?
Mir macht es den Anschein, als wäre die Art und Weise, wie Alterszentren funktionieren, nicht allen bewusst. Will heissen, dass falsche Vorstellungen darüber herrschen, wie sich die Alterszentren finanzieren. Fakt ist: Wir werden nicht vom Kanton subventioniert, wie es in anderen Bereichen des Gesundheitswesens der Fall ist, sondern die Alterszentren tragen sich finanziell selbst. Als Beispiel: Alle 30 Jahre saniert oder baut man ein Alterszentrum um, damit es den aktuellen Standards und/oder Platzkapazitäten genügt. Wir müssen also jedes Jahr eine Million Franken erwirtschaften, um in 30 Jahren ein solches Projekt finanzieren zu können. Es ist kein gewinnorientierter Bereich des Gesundheitswesens – alles fliesst hauptsächlich in Investitionen, welche die Bedürfnisse der heutigen und künftigen Gäste abdecken.
Inwiefern?
Insofern, als man selbstbestimmt im Alter leben möchte. Einerseits will man länger zu Hause bleiben oder man möchte, wenn man ins Pflegeheim geht, eine eigene Wohnung bewohnen. So gilt es, in einem Alterszentrum viele Ansprüche aufeinander abzustimmen. Mehr Ansprüchen gerecht zu werden, bedeutet mehr Personal und das bedeutet mehr Kosten. Zusätzlich hat sich das Anforderungsprofil an die Arbeit im Altersund Pflegebereich geändert und es noch anspruchsvoller gemacht.
Wie hat sich der Job gewandelt?
Die Gäste kommen einerseits nur noch für einen kurzen Zeitraum ins Pflegeheim, zum Beispiel nach einem Spitalaufenthalt, und gehen nach wenigen Wochen wieder in ihr angestammtes Zuhause. Die grundsätzliche Verweildauer ist gegenüber früher jedoch deutlich gesunken. Damit ändert sich die Art und Weise der Betreuung und die Anforderungen an die Serviceleistungen. Während man früher eine Person vielleicht fünf Jahre begleitet hat, dauert die Begleitung heute wenige Monate oder Jahre. Der Betrieb ähnelt schon bald jenem von einem Hotel. Wir haben eine Auslastung von 98 Prozent, das bedeutet, unsere Zentren sind praktisch immer voll. Das fordert alle Beteiligen in einem hohen Mass.
Wie kann man diesen Herausforderungen begegnen?
Indem man in diesem komplexen und vielschichtigen Gesundheitsbereich die Alters- und Pflegezentren mehr in den gesellschaftlichen Fokus rückt. Subventionen und Entlastungen fliessen hauptsächlich in die Spitäler und die Krankenkassenprämien. Das ist natürlich wichtig, aber es führt zu einem Ungleichgewicht, das die Alterszentren selbst abfangen müssen. So steigen die Kosten für einen Platz im Altersheim enorm. Man muss sich schon fragen, wer sich ein solches Dienstleistungsangebot, wie wir es heute bieten, in Zukunft noch leisten kann. Denn eines ist klar – früher oder später sind die meisten von uns auf einen Platz vielleicht sogar angewiesen. Das Thema ist hochkomplex: Wichtig wäre wohl, die strategische Führung mit Profis zu ergänzen, damit die zuständigen Gemeinderäte der Verbandsgemeinden hinter die ganze vielschichtige Thematik blicken – und sie dieser in politischen Diskussionen den Platz geben, den sie benötigt.


