«Alles ist im ertragbaren Mass»
18.07.2025 MutschellenHerausforderungen anpacken
Auf dem Hasenberg bietet das Haus Morgenstern erwachsenen mehrfach beeinträchtigten Personen eine berufliche Tätigkeit und ein Zuhause. Gesamtleiter Hansruedi Luginbühl spricht über die aktuellen Herausforderungen dieser ...
Herausforderungen anpacken
Auf dem Hasenberg bietet das Haus Morgenstern erwachsenen mehrfach beeinträchtigten Personen eine berufliche Tätigkeit und ein Zuhause. Gesamtleiter Hansruedi Luginbühl spricht über die aktuellen Herausforderungen dieser Institution. --rwi
Interview mit Hansruedi Luginbühl, Gesamtleiter Haus Morgenstern
Seit über 17 Jahren leitet Hansruedi Luginbühl aus Fischbach-Göslikon die Stiftung Haus Morgenstern in Widen. 62 mehrfach beeinträchtigte erwachsene Menschen finden dort ein Zuhause und eine sinnstiftende berufliche Tätigkeit. Luginbühl spricht über die aktuellen Herausforderungen dieser Institution.
Roger Wetli
An der Generalversammlung des Gönnervereins Haus Morgenstern Anfang Juni wurde erklärt, dass die Spenden im letzten Jahr stark rückläufig gewesen sind. Welche Auswirkungen hatte das auf den Betrieb vom Haus Morgenstern?
Hansruedi Luginbühl: Zum Glück gab es keine gravierenden Auswirkungen. Wir mussten die Angebote für unsere Klienten nicht wesentlich anpassen. Trotzdem sind wir sehr dankbar um jeden Franken, den wir neben den anderen Erträgen zusätzlich erhalten. Erfreulicherweise war der Spendeneingang im ersten Quartal 2025 wieder deutlich höher. Gehen die Spenden zurück, machen wir uns keine Sorgen, werden aber schon nachdenklich. ‹Was könnten wir besser machen?›, fragen wir uns.
Mit was können Sie denn konkret punkten?
Das können wir mit einer Infrastruktur, die auch viele externe Personen anzieht. Wir bieten eine Cafeteria, eine Spielwiese, das Tiergehege, einen Spielplatz und in unmittelbarer Nähe den Hasenbergturm. Trotzdem steht die Frage im Raum, wie wir uns noch besser den Besuchern präsentieren können.
Das Haus Morgenstern ist nicht die einzige Organisation, die gerne Spenden annimmt. Wie gehen Sie damit um?
Tatsächlich steigt die Anzahl von Non-Profit-Organisationen stärker als die Gesamtspenden. Vielleicht müssen wir uns einfach daran gewöhnen, auch mal kleinere Brötchen zu backen.
Im Aargau bahnt sich auf 2030 ein Systemwechsel bei der Finanzierung von Institutionen wie dem Haus Morgenstern an. Was sind die Kernpunkte dabei?
Mit der aktuellen Objektfinanzierung stellen wir den Angehörigen respektive Beiständen monatlich Rechnung für die Betreuung unserer Klienten. Den Restbetrag erhalten wir vom Kanton. Die angedachte Subjektfinanzierung würde dazu führen, dass der Kanton die Beistände unserer Betreuten auszahlt und wir dann diesen Rechnung stellen. Die Philosophie dahinter ist, dass die Beistände den Wohnort respektive Wohnplatz in einer Institution ihrer anvertrauten Menschen selbst auswählen können. Das klingt in der Theorie gut, ist aber aus meiner Sicht nicht praxistauglich. Da bei stark und mehrfach beeinträchtigten Menschen, wie wir sie betreuen, die Plätze sowieso beschränkt sind.
Wie sehen Sie aktuell diesem möglichen Paradigmenwechsel entgegen?
Sehr gelassen. Der Kanton Aargau geht Schritt für Schritt und ohne Eile vor. Das begrüsse ich sehr. Aktuell gibt es eine Pilotphase, bei der verschiedene Organisationen involviert sind. Wir selbst machen da nicht mit, sind aber gespannt auf die Auswertungen, welche im nächsten Jahr bekannt werden. Der Aargau schaut zudem auf die anderen Kantone und führt grosse Änderungen nur mit grosser Vorsicht ein.
Bei den Beiständen handelt es sich meist um die Eltern der Klienten. Wollen diese überhaupt den Systemwechsel?
Das kann ich nur schwer abschätzen. Ich weiss aber, dass die Eltern vor allem froh sind, wenn es ihren Kindern gut geht und sich möglichst wenig verändert.
Bräuchte es für diese Umstellung bauliche Änderungen?
Nein. Es ist in erster Linie ein Wechsel in der Administration. Was uns baulich betrifft, ist dagegen die Aussage des Kantons, dass er keine Riesenbauten mehr realisieren möchte. Die Zeiten von neuen Häusern mit bis 80 Wohnungen sind wohl vorbei. Der Kanton sieht nur noch neue Gebäude mit höchstens 20 bis 25 Wohnungen vor. Damit können wir gut leben.
Wie sieht das Haus Morgenstern in zehn Jahren aus?
Die Entwicklung geht noch mehr in Richtung Barrierefreiheit. Unsere Klienten werden kognitiv stärker, dafür körperlich schwächer – wenn auch im kleinen Bereich. Im Moment erhalten wir immer wieder Anfragen für freie Plätze. Unsere Klienten werden immer älter. Damit wird auch die Pflege aufwendiger. Auf diese intensivere Pflege sind wir vorbereitet. Gleichzeitig möchten wir auch jüngere Klienten nachziehen. Wir schauen, dass wir kein reines Altersheim werden.
Was bedeutet diese Entwicklung für das Personal?
In erster Linie, dass sich dieses weiterbilden muss. Wir müssen mit den Bedürfnissen unserer Klienten zwingend Schritt halten. Zudem stellen wir weiteres Personal aus dem Gesundheitsbereich ein. Das gibt unseren Betreuern Sicherheit, richtig zu reagieren und eine Fachperson vor Ort zu haben, wenn es einen gesundheitlichen Vorfall gibt.
Was planen Sie dafür konkret an Neubauten?
Der nächste Schritt ist der Umbau eines bestehenden Raums in ein Entlastungs- und Schnupperzimmer. Dieses realisieren wir noch in diesem Herbst.
Der Hasenbergturm wurde vor vier Jahren eingeweiht. Wie wirkt sich das auf den Betrieb vom Haus Morgenstern aus?
Wir haben eine Gruppe, die dort täglich den Abfall wegräumt. Dies im Auftrag der Gemeinde Widen. Zudem stellen wir den Turmwart.
Haben Sie jetzt mehr Besucher als früher?
Ja schon, dies aber immer noch meist im gut ertragbaren Mass. Gerade an Mittwochnachmittagen und an den Wochenenden herrscht reger Betrieb. Wir werden aber nicht überrannt und sind so zufrieden. Der Turm bildet zusammen mit dem Tiergehege, Spielplatz, Cafeteria, Sinnesparcours, Laden Hand-Werk, Egelsee und dem Walkingweg ein stimmiges Ganzes. Das wird sehr geschätzt. Die Cafeteria betreiben wir selbsttragend. Sie bietet auch etwas für unsere Bewohner, die gerne mal in der Cafeteria verweilen. Das Haus Morgenstern ist ein Ort der Begegnungen. Es kommen auch immer wieder Eltern zu uns, die ihren Kindern damit bewusst Kontakt zu beeinträchtigten Menschen ermöglichen. Das ist ganz in unserem Sinn.


