Alles andere als alte Zöpfe
19.05.2026 Bremgarten, Museum, Kommende EventsStadtmuseum: Ausstellung «jahrein … jahraus» eröffnet
Bremgarten ist reich an weltlichen und kirchlichen Bräuchen. Diese bringen Menschen zusammen und geben Orientierung im Jahreslauf. Diesen Bräuchen widmet der Verein Stadtmuseum nun eine ...
Stadtmuseum: Ausstellung «jahrein … jahraus» eröffnet
Bremgarten ist reich an weltlichen und kirchlichen Bräuchen. Diese bringen Menschen zusammen und geben Orientierung im Jahreslauf. Diesen Bräuchen widmet der Verein Stadtmuseum nun eine Ausstellung.
Erika Obrist
Usrüere, Umesinge. Samichlaus, Synesius. «Budi» und Bundesfeier. «Ich habe bei der Vorbereitung der neuen Ausstellung gestaunt, wie viele Bräuche in Bremgarten noch gepflegt werden», sagte Fridolin Kurmann, Präsident des Vereins Stadtmuseum bei der Vernissage. «Also mussten wir eine Auswahl treffen.» Das Ergebnis dieser Auswahl: Jedem Monat des Jahres wurde ein Brauch zugeteilt. Manchmal sind es auch zwei Bräuche in einem Monat.
«Bräuche setzen Wegmarken im Laufe des Jahres und im Laufe des Lebens», so Kurmann weiter. «Und sie bringen Menschen zusammen.» Menschen, die diese Bräuche mit viel Leidenschaft, Zeitaufwand und Herzblut pflegen, sowie Menschen, die Anteil daran nehmen, indem sie sich beteiligen. Als Zuschauende oder Teil einer Gemeinschaft. Bräuche seien keine alten Zöpfe, vielmehr hielten sie Traditionen aufrecht.
Gefühle und Erinnerungen
Die Konzeptgruppe hat ihr Wissen über das Brauchtum und Menschen eingebracht, Bilder beigesteuert, Material zur Verfügung gestellt. Entstanden ist so eine Ausstellung mit zwölf Stationen, verteilt auf das erste und zweite Obergeschoss des Stadtmuseums. An jeder Station hat es ein aktuelles Foto zum dargestellten Brauch, farblich abgestimmt auf die Jahreszeit, sowie einen erläuternden Text inklusive zahlreicher, auch älterer Fotos. Somit ist gewährleistet, dass sich Besucherinnen und Besucher beim Gang von Station zu Station allein zurechtfinden. Sie können eintauchen in das reichhaltige Brauchtum und in Erinnerungen schwelgen.
Erinnerungen und Gefühle stellte Stadträtin Claudia Bamert ins Zentrum ihrer Eröffnungsrede. Sie verwies auf die Vorfreude der Kinder auf den Samichlausbesuch. «Für sie ist das ein Ereignis. Ein Brauch, der auch mit Düften verbunden ist.» Erinnerungen an den Räbeliechtliumzug, vor allem an denjenigen ihres Sohnes. Dieser wollte partout keine Sterne und Monde in seine Räbe schnitzen, sondern Hammer, Schraubenschlüssel und Säge. «Jede Generation gestaltet den Brauch nach ihrer eigenen Vorstellung.»
«Bräuche bringen Orientierung in die Welt, die sich stetig verändert», so Bamert weiter. Menschen kämen, Menschen gingen, Bräuche blieben bestehen. Jedenfalls solange es Menschen gibt, die sie pflegen. Die Teilnahme am Brauchtum schaffe Zugehörigkeit und verbinde Generationen. «Sie sind ein wichtiger Teil des Miteinanders.»
Für jeden Zweck einen Schutzheiligen
In einem szenischen Zwischenspiel liess sich die aus der Stadt aufs Land gezogene Protestantin Bigna Gasser von Theres Honegger und Heinz Koch unter anderem die kirchlichen Bräuche erklären. In einer Zeit, als es noch kaum Ärzte gab, habe die Kirche bei Leiden Abhilfe geboten: das Beten zu Schutzheiligen. So schützte der heilige Sebastian – dargestellt auf einer Glasscheibe aus dem Rathaus zusammen mit anderen Bremgarter Bräuchen – die Menschen vor Pest, der heilige Synesius vor Augenleiden. «Diesen Heiligen haben wir exklusiv in Bremgarten», freute sich Heinz Koch. Gefeiert wird er stets am vierten Sonntag im Oktober. Die Augensegnungen in der Kirche sind stets gut besucht.
Theres Honegger erinnerte sich, wie die Mädchen früher am Vorabend von Fronleichnam Blumen auf den Wiesen sammelten und diese dann beim Gang zu den vier Altären auf den Weg streuten. Angeführt wurde die Prozession, die nur bei schönem Wetter stattfand, von der Stadtmusik. Es folgten die Erstkommunionkinder, dann der Baldachin, unter dem der Pfarrer die Monstranz trug. Dahinter reihten sich Kirchenchor, Vereinsdelegationen und Gläubige ein.
Tagsatzung musste entscheiden
Heinz Koch erzählte vom Öffnen und Schliessen des Fällbaums. Dieser Vorgang war nicht konfliktfrei, brauchten doch die Mühlen an beiden Ufern der Reuss Wasser für den Antrieb des Mühlerads und die Schiffer ausreichend Wasser für den Warentransport. Letztendlich musste die eidgenössische Tagsatzung festlegen, wann der Fällbaum frühestens im Jahr geöffnet und frühestens geschlossen werden durfte.
Auch das Anstossen miteinander ist ein Brauch, der zwar nicht an einem bestimmten Tag gepflegt wird, der aber auch Menschen verbindet. Heinz Koch erklärte den Ursprung des Begriffs «Budi» für den Wein, der jährlich an die Ortsbürger aus dem eigenen Rebberg abgegeben wird.
Neben dem Brauchtum, das im öffentlichen Raum gepflegt wird, gibt es wohl auch privates Brauchtum, das in den Familien gelebt wird. Dieses findet man zwar nicht in der Ausstellung «jahrein … jahraus» im Stadtmuseum. «Doch auch diese Bräuche gilt es zu pflegen», so Heinz Koch.
Auch Stehvermögen gefragt
Zur Vernissage am letzten Freitag fanden sich derart viele Leute ein, dass sie kaum Platz fanden im kleinen Museum. Denjenigen, die keinen Sitzplatz mehr ergattern konnten, wünschte Fridolin Kurmann viel Stehvermögen. Musikalisch umrahmt wurde der Anlass von Hanspeter Ulrich, der auf seinem Schwyzerörgeli Melodien aus verschiedenen Kulturkreisen spielte. Und selbstverständlich, auch das ist Brauch, waren zum Schluss alle zu einem kleinen Apéro eingeladen.
Wer selbst eintauchen möchte ins reichhaltige Brauchtum Bremgartens, kann dies im Stadtmuseum an der Reussgasse 16 tun. Es ist jeweils samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.



