Freiwillige Müllsammlerin
05.11.2021 BremgartenChristine Honegger engagiert sich
Eine Bremgarter Rentnerin hat es sich zur persönlichen Mission gemacht, das Städtli vom Müll zu befreien. Deshalb zieht sie Tag für Tag los, um Abfall einzusammeln.
Müllwerker ist für die ...
Christine Honegger engagiert sich
Eine Bremgarter Rentnerin hat es sich zur persönlichen Mission gemacht, das Städtli vom Müll zu befreien. Deshalb zieht sie Tag für Tag los, um Abfall einzusammeln.
Müllwerker ist für die meisten Menschen kein Traumberuf. Den Geruchssinn belastend, eher undankbar und dazu noch körperlich anstrengend. Umso bemerkenswerter, dass sich ausgerechnet eine körperlich beeinträchtigte Rentnerin vor einigen Monaten dazu anschickte, den Müll auf Bremgarter Stadtgebiet einzusammeln. Und zwar dort, wo nicht einmal die fleissigen Arbeiter vom Bauamt hinkommen. Gratis und unaufgefordert versteht sich, ohne von jemandem Dank oder Aufmerksamkeit zu verlangen.
Christine Honegger heisst diese Frau. Bekannt in Bremgarten vor allem als Gründungsmitglied der Künstlervereinigung. Über ihr ungewöhnliches Hobby wollte sie erst nicht sprechen. «Weil ich damit nicht das Rampenlicht suche.» Schliesslich hat sie doch eingewilligt und über ihre Motivation und Erlebnisse gesprochen.
Bremgartens Umweltgewissen
Christine Honegger sammelt jeden Tag kiloweise Müll im Städtli
Die Künstlerin Christine Honegger hat ein ungewöhnliches Hobby. Obwohl körperlich handicapiert, macht sie sich aus Idealismus Tag für Tag auf, ihre Heimatstadt zu säubern.
Marco Huwyler
Das Militär ist in der Regel gerne unter sich. Ungebetene Besucher in der Nähe vom Sperrgebiet werden normalerweise kritisch beäugt. Doch an der Anwesenheit von Christine Honegger hat niemand etwas auszusetzen. «Die kennen mich langsam», lacht die 68-Jährige.
Das Areal bei der Kaserne ist nur eines von vielen Stadtgebieten, auf denen Honegger regelmässig unterwegs ist. Ihre Mission: Bremgarten vom Müll befreien. Mit einem Elektroscooter macht sich die Rentnerin praktisch jeden Nachmittag von 14 bis 19 Uhr auf, um einen neuen Stadtabschnitt zu säubern.
«Eines Tages sagte ich mir, dass es so nicht weitergehen kann», erzählt die leidenschaftliche Malerin, die unter anderem die Künstlervereinigung Bremgartens mitgegründet hat. «Ich konnte nicht länger zusehen, wie unser Planet von rücksichtslosen Ignoranten zerstört wird.» Der Planet Erde, seine Bewohner und sein Zustand waren Honegger schon immer ein Anliegen. Seit 55 Jahren ist sie Mitglied im schweizerischen Naturschutzbund (heute Pro Natura). Sie unterstützt zahlreiche Umweltorganisationen und informiert sich regelmässig über die Thematik und die neusten Entwicklungen. «Wenn ich in Dokumentationen sehe, wie Tiere und Pflanzen unter dem Mensch leiden, oder wenn ich sehe, was Leute an der Macht wie beispielsweise Bolsonaro anrichten, dann macht mich das traurig, wütend und ohnmächtig.» Doch um diesbezüglich Missstände wahrzunehmen, brauchte Honegger gar nicht nach Brasilien zu blicken. Ein Blick aus dem Fenster reichte bereits.
Vor der eigenen Haustür kehren
«Ich habe das Gefühl, dass die Menschen auch hierzulande rücksichtsloser geworden sind», meint Honegger, die seit 65 Jahren in Bremgarten lebt. «Die Wegwerfmentalität richtet grossen Schaden an.» Die vielen Plastikabfälle an den Strassenrändern ihres Quartiers taten ihr weh. Nicht nur, weil diese das Städtchen verunstalten, sondern weil «letztlich all das Zeugs in den Flüssen und Meeren dieser Welt landet und für grosses Tierleid sorgt». Deshalb beschloss sie eines Tages spontan, loszuziehen mit einem Abfallsack. Die Strassenränder Bremgartens entlang. Und nach ein paar Stunden war der 110-Liter-Sack voll und ein ganzer Strassenabschnitt gesäubert. «Das war ein tolles Gefühl», erzählt Honegger lächelnd.
So toll, dass sie es in der Folge tagtäglich wiederholen sollte und mittlerweile fast das ganze Stadtgebiet abgeklappert hat. «Einige Stellen sogar schon 5-, 6-mal.» Honegger tut ihr ungewöhnliches Hobby sichtlich gut. Nicht bloss, weil sie damit etwas gegen die vermeintliche Ohnmacht unternimmt, sie kommt so auch an die frische Luft und ist körperlich aktiv. Denn bloss zu Hause sitzen, ist nicht ihre Sache. «Ich bin eigentlich ein Bewegungsmensch.»
Körperlich beeinträchtigt
«Eigentlich», weil Honeggers Bewegungsbedürfnis gefangen ist in einem Körper, dem die Befriedigung dessen leider zuweilen schwerfällt. Sie leidet seit Jahrzehnten unter der komplexen Multisystemerkrankung Fibromyalgie und einer Schilddrüsenunterfunktion. Chronische Schmerzen, plötzlich auftretende Erschöpfung, Schwächeanfälle und Schlafstörungen sind nur einige ihrer zahlreichen Beschwerden. Nicht die besten Voraussetzungen also, um jeden Tag kilometerlang unterwegs zu sein, könnte man meinen. Doch dank ihrem wendigen Elektroscooter, der im Nu von 0 auf 30 beschleunigt und wieder abbremst, ist sie bestens gerüstet. «Und für Notfälle habe ich ja mein Handy dabei», sagt sie unbekümmert.
Mit diesem wagt sie sich zuweilen auch in unwegsames Gelände. So hat sie im Spätsommer etwa das Reussufer gesäubert. Was Honegger auf ihren Touren alles findet, überrascht sie immer wieder. Damenbinden, Stofftücher («Hunderte Kilos»), ganze Velos, Autoteile («die zusammen ein ganzes ergeben hätten»), Regenschirme, Strassenmarkierungen und -schilder, Rucksäcke oder grosse Mengen eben erst aufgetauter Schweinesteaks. «Die Schweinereien der Menschen kennen scheinbar keine Grenzen», empört sich Honegger.
Ihre Hobby-Arbeit erledigt die vierfache Grossmutter in der Regel von Hand. «Nur für grössere, teilweise eingegrabene Müllstücke nehme ich manchmal das Teppichmesser mit», lacht sie. Entsprechend geschunden sehen ihre Gliedmassen auch aus. Dornen, Scherben und rostige Metallteile hinterlassen ihre Spuren.
Die Arme sind zerkratzt und weisen etliche blaue Flecken auf. «Aber das macht mir nichts», sagt sie mit Nachdruck. Viel mehr schmerzt Honegger die Tatsache, dass sie bei einem ihrer Streifzüge ihren Ehering verlor. Wiedergefunden hat sie ihn trotz stundenlanger Suche nicht. «Das tat mir sehr weh, mir hat der Ring viel bedeutet.» Deshalb hat sie bisher auch die Kraft nicht gefunden, das Malheur dem Ehemann zu beichten. «Obwohl ich mir sicher bin, dass er verständnisvoll reagiert.»
Eine Inspiration sein
Wie die ganze Familie unterstütze ihr Mann nämlich ihre Aktivitäten und stehe voll und ganz dahinter, berichtet Honegger. «Auch wenn er am Anfang gesagt hat, ‹du hast doch einen Vogel›, lacht sie. Er hat damit vielleicht auch recht, aber der Vogel tut mir halt gut.»
Deshalb will Honegger auch weitermachen mit ihren Reinigungsaktionen, so lange es geht. Dass die Wetterverhältnisse mittlerweile ganz schön garstig sind, macht ihr nichts aus. «Ich kann mich ja warm anziehen. Mütze, Wolldecke, Schal – dann passt das schon.» Die tagtägliche Befriedigung, etwas gegen die Umweltverschmutzung und für ihre Heimatstadt zu tun, überwiege die Widrigkeiten bei Weitem. «Und ich hoffe, dass ich mit meiner Aktivität andere Menschen zum Nachdenken anregen und allenfalls sogar inspirieren kann», sagt Honegger.
Kinder helfen mit
Erste Anzeichen dafür, dass das gelingen könnte, sind bereits auszumachen. «Eines Tages habe ich mit Kindern gesprochen, denen ich begegnet bin, welche mir daraufhin geholfen haben», erzählt Honegger. Beim Abschied habe sie ihnen gesagt, dass jeder gerne auch künftig an einem bestimmten Ort gefundenen Müll deponieren könne. Sie werde diesen dann abholen.
Und tatsächlich: Ein paar Tage später war Honeggers persönliche Abfallsammelstelle ganz ansehnlich gefüllt. «So was macht mich glücklich», sagt Honegger und strahlt. «Vielleicht ist unser Planet ja doch noch nicht verloren.»




