Centro Italiano wird 50
15.02.2022 BremgartenArmando Caravetta feiert Jubiläum
Vor 50 Jahren hat der gebürtige Italiener Armando Caravetta in Bremgartens Unterstadt das Centro Italiano gegründet. Hier hilft er einmal pro Woche unentgeltlich seinen Landsleuten bei bürokratischen Arbeiten. ...
Armando Caravetta feiert Jubiläum
Vor 50 Jahren hat der gebürtige Italiener Armando Caravetta in Bremgartens Unterstadt das Centro Italiano gegründet. Hier hilft er einmal pro Woche unentgeltlich seinen Landsleuten bei bürokratischen Arbeiten.
«Für Italiener – nein, für jeden – war Armando stets zugegen.» Peter Hochuli, Armando Caravettas «rechte Hand», wie es der Centro-Italiano-Gründer ausdrückt, hat seinem Freund zum Jubiläum ein Gedicht gewidmet. Dieser Auszug daraus beschreibt exemplarisch, wofür der 82-Jährige in Bremgarten steht.
Caravetta ist für viele die Hilfsbereitschaft in Person. Seit 50 Jahren leistet er Freiwilligenarbeit in seinem Centro und sorgt für Entlastung seiner italienischsprachigen Landsleute im Alltag und deren Integration in der Schweiz. Dafür wurde er am Donnerstagabend gefeiert und mit einem Diplom aus den Händen der beiden Stadtratsmitglieder Doris Stöckli und Theo Rau ausgezeichnet. Im Gespräch blickt er zurück auf ein bewegtes Leben und schaut optimistisch in die Zukunft. --huy
«Grazie per il tuo cuore»
Das Centro Italiano wird 50 Jahre alt
Vor einem halben Jahrhundert hat Armando Caravetta in Bremgarten das Centro Italiano gegründet. Seither kümmert er sich ehrenamtlich voller Einsatz und Leidenschaft um die unterschiedlichsten Anliegen seiner Landsleute. Ein Rückblick auf das Schaffen einer grossen Bremgarter Persönlichkeit.
Marco Huwyler
«Die Wörter Respekt, Hochachtung und Anerkennung reichen bei Weitem nicht aus, um die Wertschätzung auszudrücken, die ich und unzählige andere für dich empfinden. Du bist und bleibst eine grosse Bereicherung für ganz Bremgarten.» Vizeammann Doris Stöckli oblag am Donnerstagabend die Aufgabe, den Dank des Stadtrats für das Wirken Armando Caravettas zu artikulieren. Und die Worte zum Ende ihrer Rede sprachen wohl allen Anwesenden aus dem Herzen.
«Caro Armando. Grazie mille per il tuo cuore», ergänzte anschliessend Caravettas langjähriger Weggefährte und Unterstützer Peter Hochuli, bevor die rund 30 geladenen Gäste mit reichlich Prosecco auf 50 Jahre Centro Italiano und das gute Herz dessen Gründers anstiessen.
Am Tag danach ist der Gefeierte etwas müde, aber überglücklich. Ein Abend mit «tante emozioni» sei es gewesen. Die Wärme und Wertschätzung der Menschen um ihn herum bedeuten Caravetta viel und sind eine zusätzliche Motivation für seine tägliche Arbeit. Es ist jedoch nicht so, dass er dafür eines speziellen Ansporns bedurft hätte. Caravetta strotzt auch mit bald 82 Jahren noch vor Energie und Tatendrang. «Menschen zu helfen, bereitet mir grosse Freude und macht mich glücklich», sagt er.
Viele Analphabeten
Caravetta kam einst als junger Mann in die Schweiz, um hier zu arbeiten. «Am 17. März 1960», erinnert er sich noch genau. Der damals 18-Jährige war Teil einer Gruppe gleichgesinnter Italiener, die gemeinsam via Domodossola in die Schweiz reisten. Was Caravetta von vielen seiner Gefährten unterschied, war, dass er lesen und schreiben konnte. «In Italien war dies damals alles andere als selbstverständlich.»
Diese Tatsache, gepaart mit Caravettas Hilfsbereitschaft und Organisationstalent, ist der Ursprung seiner lebenslangen Freiwilligenarbeit. «Ich bin da sukzessive reingerutscht», erzählt er lächelnd. «Als Einwanderer und Gastarbeiter gibt es unzählige Bürokratiearbeiten zu erledigen, die für Analphabeten natürlich unmöglich sind.» Standen solche an, wandten sich alle an Armando. Und dieser half bereitwillig, wo er nur konnte. Das sprach sich herum. Irgendwann wurden es so viele Anfragen, dass er beschloss, seine Hilfeleistungen zu institutionalisieren. Am 1. Februar 1972 gründete er deshalb das Centro Italiano in der Bremgarter Unterstadt.
Seither kümmert sich Caravetta dort an der Schenkgasse 6 jeden Mittwoch kostenlos um die zahlreichen bürokratischen Anliegen seiner Landsleute. Zeitweise machte er Selbiges parallel am Montag in Wohlen hinter dem «Sternen». In Wohlen hat er auch 35 Jahre lang einen italienischen Spezialitätenladen geführt. Gemeinsam mit dem Restaurant beim Centro Italiano sorgte dieser für die Einkünfte Caravettas. Für seine Hilfeleistungen hat der 82-Jährige indes nie auch nur einen Rappen angenommen. «Das käme mir nie in den Sinn. Dabei würde ich mich schlecht fühlen», sagt er.
Bis heute erledigt er für alle, die dies wünschen, Bürokratiearbeiten aller A rt. Scheidungsformulare, Pass-Anträge, AHV-Anmeldungen, IV-Gesuche, Übersetzungen aller Art – und vieles mehr. «Ich mache alles – bloss Wunder kann ich keine bewirken», lacht Caravetta. Wenn er nicht weiterweiss, wendet sich der Italiener an die entsprechenden Stellen und Ämter, mit denen er gute Beziehungen pf legt. Mit dem Sozialamt der Stadt etwa arbeitet Caravetta seit der Gründung seines Centros eng zusammen. Für das italienische Konsulat in Basel fungiert er als Korrespondenzstelle. «Früher bin ich deshalb jeweils einmal pro Woche mit der Vespa nach Basel und wieder zurück gefahren», erzählt Caravetta lachend. Er ist froh, dies heute nicht mehr zu müssen. «Mittlerweile funktioniert das meiste digital via Computer.» Hier immer up to date zu bleiben, sei im hohen A lter nicht immer einfach. «Aber es geht – die notwendigen Kenntnisse am Computer habe ich mir selber angeeignet», erzählt er stolz.
Caravetta führt über sämtliche seiner Hilfeleistungen genau Buch. 241 Menschen hat er alleine im abgelaufenen Jahr geholfen. Den meisten davon bei mehreren Anliegen. Dies summiert sich. Über die 50 Jahre hinweg gesehen hat das Centro Italiano 105 000 Hilfeleistungen erbracht und damit unzähligen italienischstämmigen Menschen im Freiamt und darüber hinaus den Alltag und die Integration in der Schweiz erleichtert.
Auch Schweizer willkommen
Dazu trägt auch das Restaurant bei, welches Caravetta mit seiner Partnerin Gigliola führt. Seit Jahrzehnten ist es Treffpunkt und Zerstreuungsort der italienischen Diaspora der Region. «Aber nicht nur», insistiert Caravetta. Es ist ihm wichtig, zu betonen, dass auch Schweizer im Centro Italiano jederzeit willkommen sind. «Wir haben sehr viele Schweizer Stammgäste. Ohne diese ginge es nicht», erzählt er.
Das Restaurant betreibt das Paar immer noch selber, obwohl beide längst im Rentenalter sind. Alles ist unkompliziert und herzlich. Die Küche ist klein. Bei grösseren Feiern wird auch das Büro des Centro zum Zubereitungsort umfunktioniert. Eine Speisekarte gibt es nicht. «Wir machen immer dasselbe. Gnocchi, Spaghetti oder Pizza», lacht Caravetta. Um die Pasta kümmert sich Gigliola, um die Pizza («Margherita oder Pizza Armando») der Chef selbst. Alle Gäste kennen Caravetta und sind mit ihm per Du. «Das ist das Schöne daran, wenn man sich lange am selben Ort engagiert», findet Caravetta. Längst ist Bremgarten zu seiner Heimat geworden. «Wenn ich durch die Gässli laufe, heisst es überall ‹Hoi Armando, hoi Armando›. Auch wenn ich immer noch ein ‹Italiano› bin, bin ich hier zu Hause.»
Hans, Ottmar und René
Seit mittlerweile 61 Jahren wohnt der gebürtige Kalabrese nun in Bremgarten. Er und sein Centro Italiano gehören zum Städtli und das Städtli gehört zu Caravettas Identität. Dass dem dereinst so sein würde, war ursprünglich nicht geplant. «Ich dachte mir, dass ich in der Schweiz ein paar Jahre arbeite und mir danach in Italien vom Ersparten ein eigenes Haus baue», erzählt er. Schnell jedoch sei er dann von derlei Plänen wieder abgerückt. «Es gefiel mir hier, ich lernte die Sprache schnell, fand Freunde und fühlte mich wohl.»
Einen grossen Anteil daran hatten «Hans, Ottmar und René». Die drei Schweizer nahmen Caravetta nach seiner Ankunft unter die Fittiche. «Sie haben mich immer mitgenommen, wenn sie nach der Arbeit in den Ausgang gingen. Haben sich mit mir mit Händen und Füssen verständigt und mich nach und nach die Sprache gelehrt», erzählt der Centro-Italiano-Betreiber. Ausserdem hätten sie ihn verteidigt, wenn er aufgrund seiner Herkunft ausgegrenzt worden sei. «Einmal hörte jemand in einer Beiz nicht auf, mich abschätzig ‹Tschingg› zu nennen. Da bekam er von ihnen eins auf die Nase. Das Ganze artete in einer richtigen Schlägerei aus», erzählt Caravetta lächelnd. Die drei Kollegen seien mitentscheidend für seine gute Integration und Verwurzelung gewesen. «Ich bin ihnen bis heute sehr dankbar.»
Ein Fest für ganz Bremgarten
Er, der so am eigenen Leib erleben durfte, wie wichtig Sprache und Inklusion für das Wohlfühlen sind, leistet mit seiner Freiwilligenarbeit und seinem sonstigen Engagement seit Jahrzehnten dasselbe für zahlreiche Menschen. Auch nach dem 50-Jahr-Jubiläum des Centro Italiano ist ein Ende nicht absehbar. «Jeden Tag, an dem ich aufwache, danke ich Gott, dass ich noch lebe. Ich will meine ‹assistenza gratuita› so lange fortführen, wie ich kann.»
Nach der Coronazeit (während deren er die Hilfesuchenden zuweilen durchs Fenster beriet) möchte Caravetta zudem ein Fest feiern. «Die ganze Stadt ist eingeladen», kündigt er an. «Jeder bekommt einen Teller Spaghetti und ein Glas Wein.» Eine grosse, fröhliche Strassenfeier soll es werden, die exemplarisch für Armando Caravetta steht. «Ein Fest für Italiener, Schweizer und alle anderen. Ganz Bremgarten soll sich willkommen fühlen.»



