Prügel für Sprayer
26.07.2022 MutschellenSommerserie «Zeitgeschichte»: Ein Rückblick auf die ungewöhnliche Forderung von Robert Jenzer
Die Sprayer-Szene hielt die Aargauer Behörde Anfang 1980 in Trab. Für den Beriker Grossrat Robert Jenzer war ihr Verhalten ein absolutes ...
Sommerserie «Zeitgeschichte»: Ein Rückblick auf die ungewöhnliche Forderung von Robert Jenzer
Die Sprayer-Szene hielt die Aargauer Behörde Anfang 1980 in Trab. Für den Beriker Grossrat Robert Jenzer war ihr Verhalten ein absolutes No-Go.
Celeste Blanc
Wohlen, 1981. Verschiedene Sprüche in dicker, schwarzer Farbe verzieren einige Gebäude entlang der Bahnhofstrasse. An den Wänden der kleinen Geschäftslokale stehen nebst eindeutigen Aussagen wie «Shit» oder «Haschisch» auch anarchistische Parolen, unter anderem «Keine Macht für niemanden» am Wohler Bahnhofsgebäude. «Es sind einfach alles dumme Sprüche», erklärt der Beriker Grossrat Robert Jenzer (1916–1985) gegenüber dem «CH-Magazin» des Schweizer Fernsehens, das am 3. März 1981 ausgestrahlt wurde. Das Fernsehinterview resultierte aus Jenzers aussergewöhnlichen Anfrage an den Aargauer Regierungsrat. Denn für die Sachbeschädigungen, entstanden durch Sprayereien, forderte er körperliche Gewalt: «Ist der Regierungsrat auch meiner Meinung, dass für derartige Schmierfinken die Prügelstrafe wieder eingeführt werden soll?»
Ziel wurde erreicht
Der Forderung nach der Prügelstrafe wurde vom Aargauer Regierungsrat nicht gefolgt. Dennoch musste man in der Antwort auf Jenzers Frage eingestehen, dass die Fahndung und die Verfolgung solcher Delikte grösstenteils erfolglos im Sand verlaufen. Jenzer aber hat sein Ziel erreicht: Er hat grössere Aufmerksamkeit erlangt. Ein Blick auf diese Geschichte erzählt von gesellschaftlichen Gräben in den 1980er-Jahren, Jugendunruhen und einer erfolglosen politischen Bewegung, die vor dem Aus stand.
Wer nicht hören will, muss fühlen
Sommerserie «Zeitgeschichte»: 1981 forderte der Beriker Grossrat Robert Jenzer eine unkonventionelle Strafe
«Jedes Recht wird bandenmässig mit Füssen getreten.» Grossrat Robert Jenzer fand in seiner Anfrage an den Regierungsrat 1981 klare Worte gegen die Sprayeraktionen in Wohlen. Um den Vandalismus einzudämmen, forderte er die Einführung der Prügelstrafe für die «Schmierfinken».
Celeste Blanc
«Sie sehen da einen neuen Schmuck vor der Bankgesellschaft in Wohlen.» Robert Jenzer, Grossrat aus Berikon und Mitglied der Schweizerischen Republikanischen Bewegung, steht vor der Bankgesellschaft in Wohlen (heute UBS) und zeigt auf den grössten der drei Steine, die heute noch in der Mitte des Platzes stehen. «Keine Macht für niemand», steht in dicker schwarzer Schrift geschrieben.
Die Videoaufnahme stammt vom «CH-Magazin» des Schweizer Fernsehens vom 3. März 1981. Nebst dem Objekt vor dem Bankgebäude wurden weitere Schmierereien an den Läden entlang der Bahnhofstrasse und am Bahnhofsgebäude verübt. «Shit» und «Haschisch» stehen krakelig geschrieben. «Es sind einfach alles dumme Sprüche», hält Jenzer fest.
Aufgeladene Zeit
Knapp drei Monate zuvor. Es war vermutlich die Nacht vom 27. auf den 28. Januar 1981, als in Wohlen verschiedene Sprayereien an öffentlichem und privatem Eigentum angebracht wurden. Knapp zwei Wochen später trat der Beriker Grossrat Robert Jenzer mit einer kleinen Anfrage an den Aargauer Regierungsrat. «Hier kann man lesen, dass wir einen Scheissstaat haben, dass wir armselige Kreaturen sind und vieles mehr.» Gemäss dem Protokoll würden die Schmierereien noch auf weitere Gemeinden im Aargau übergreifen. «Insbesondere dann, wenn die Strafe für solche Schmierer nicht ganz drastisch erhöht werde», lautet es im Schreiben.
Der Vorfall ereignete sich in einer aufgeladenen Zeit. Die Jahre 1980/1981 waren von der Jugendbewegung geprägt, die Forderungen nach autonomen Jugendzentren mit kreativem Freiraum und finanzieller Unterstützung stellte. Die Bewegung schwappte von den Niederlanden, Deutschland und England in die Schweiz über und zeigte sich im Kanton Aargau unter anderem in Protesten in Aarau oder in Häuserbesetzungen in verschiedenen Gemeinden. Im Zuge grosser Ausstrahlung der Bewegung von Zürich nahmen die Sprayereien auch im Freiamt zu. «Grundsätzlich kann man sagen, dass die Jugendbewegung im Aargau wesentlich zurückhaltender war als in Zürich», so Patrick Zehnder, Historiker und Co-Projektleiter des Projekts «Zeitgeschichte Aargau». «In den Freiämter Gemeinden gab es vermutlich kleine Gruppen, die für die Sprayereien verantwortlich waren.»
Sachbeschädigungen in den Griff kriegen
Die aargauischen Behörden waren hinsichtlich der Sachbeschädigungen gefordert. Diese wurden oftmals der damaligen autonomen Jugendbewegung zugeschrieben. Auch Jenzer prangert diese in seiner Anfrage an: «Auch das Zeichen A. J. Z., das für Autonomes Jugendzentrum steht, ist angebracht. Als eines von vielen Beispielen lehrt uns die jüngste Geschichte aus Zürich, mit was für Elementen wir es da zu tun haben. [...] Dass diese Sauerei nun auch sichtbar in den Aargau übergreift, war vorauszusehen.»
Seiner Meinung nach müsse die Strafe für solche Schmierereien drastisch erhöht werden. Denn wenn nicht so, wie sonst könne man die Sachbeschädigungen in den Griff kriegen. «Wie gedenkt der Regierungsrat gegen weitere Untaten dieser Art im Aargau vorzukehren? Ist der Regierungsrat auch meiner Meinung, dass für derartige Schmierfinken die Prügelstrafe wieder eingeführt werden sollte?» Der Regierungsrat folgte der Ansicht des Beriker Grossrats aber nicht.
Seine Anliegen präsentieren
Dass Jenzer die Forderung nach der Prügelstrafe gar nicht ernst meinte und nur als «Aufhänger» für seine Anliegen brauchte, erklärte er im Beitrag vom «CH-Magazin». «Wir bei der Republikanischen Bewegung haben schon x-fach die Erfahrung gemacht, dass, wenn wir etwas zu leise fordern oder etwas zu wenig forsch verlangen, wir übertönt werden. Es ist eine kleine Gruppe, die in der Regel totgeschwiegen wird», führt Jenzer aus.
Niemals würde er selber der sein wollen, der die Prügelstrafe im Namen des Staates durchführt, und es solle auch niemand anderes dazu gezwungen werden, meinte der Alt-Grossrat. Dennoch generiere man mit dem Schlagwort Aufmerksamkeit. «Ich stehe für das, was das Volk sagt», so Jenzer, «und dieses meint: ‹Mer söll die Kerli abschmiere.›» Jenzers Meinung nach wäre die härteste Bestrafung, dass die Sprayer ihre Schmierereien schliesslich selber wegputzen müssten. «Es muss etwas sein, was Eindruck macht», so der Alt-Grossrat gegenüber dem «CH-Magazin».
Alte versus neue Werte
Für Historiker Patrick Zehnder war die Forderung nach der Prügelstrafe ein Versuch, auf die zunehmend schwächer werdende Republikanische Bewegung aufmerksam zu machen. «In den 1970er-Jahren hat diese, die als Splittergruppe aus der Nationalen Aktion hervorgegangen war, merklich an Bedeutung verloren», so der Historiker. Die Partei hatte national keine grossen Erfolge zu verzeichnen.
Rückblickend könne man festhalten, dass es grundsätzlich ebendiese Haltung der Republikanischen Partei gewesen sei, gegen die sich die Jugendbewegung richtete. Diese wollte durch die Gründung von autonomen Zentren Selbstbestimmtheit erlangen, während die Republikanische Bewegung sich an alten Vorstellungen orientierte. «Die Jugend braucht Disziplin und Führung, um ins Erwachsenenalter überzugehen», erzählt Jenzer dem Journalisten, als er die Sprayereien in einer Unterführung in der Stadt Zürich begutachtet. Die Forderung nach der Prügelstrafe war also eine Provokation, die nicht den gewünschten Effekt erzielte. «Jenzer gehört zu jenen, die keine grossen Spuren hinterlassen haben», resümiert Patrick Zehnder.



