RÜSSTÜFELI
03.07.2026 Bremgarten, KolumneDas Reussfoodfestival und der Schlagerwahnsinn sind zwar schon fast eine Woche vorbei, doch so mancher dürfte die Folgen noch immer spüren. Die langen Nächte stecken noch in den Knochen, die Schlagerhits haben sich hartnäckig im Gehörgang eingenistet und der Duft von ...
Das Reussfoodfestival und der Schlagerwahnsinn sind zwar schon fast eine Woche vorbei, doch so mancher dürfte die Folgen noch immer spüren. Die langen Nächte stecken noch in den Knochen, die Schlagerhits haben sich hartnäckig im Gehörgang eingenistet und der Duft von Burger, Öpfelchüechli und Co. scheint den Geschmacksknospen ebenfalls noch nicht ganz entwichen zu sein. Heiss war es an diesem Wochenende nicht nur wettertechnisch. Auch auf der Bühne wurde ordentlich eingeheizt. Für ihre Schweizer Premiere machte Joelina Drews, Tochter von Schlagerlegende Jürgen Drews («Ein Bett im Kornfeld»), halt in Bremgarten. Ob sie allerdings die ideale Kleiderwahl getroffen hat, darüber grübelt das Rüsstüfeli bis heute. Nicht etwa, weil das Outfit nicht schick gewesen wäre – ganz im Gegenteil. Aber Ledershorts und Lederoberteil bei 37 Grad? Das klingt eher nach Sauna als nach Sommerkonzert.
Davon liess sich das Schlagersternchen allerdings überhaupt nichts anmerken. Sie sang, tanzte und strahlte. Vielleicht sollte das Rüsstüfeli seine Vorurteile einfach über Bord werfen und den Selbstversuch wagen? Wobei die Sorge gross ist, dass sich Leder und Rüsstüfeli bei diesen Temperaturen untrennbar miteinander verbinden – und am Ende angesichts dieser teuflischen Verschmelzung nur noch die Feuerwehr helfen kann.
Wer schön sein will, muss eben leiden. Das dürfte auch Ross Antony wissen. Der ehemalige «Bro’Sis»- Sänger verzichtete trotz Hitze nicht auf sein glitzerndes Sakko. Immerhin bewies er mit kurzen Hosen, dass auch Schlagerstars irgendwann an ihre Grenzen kommen. Noch mehr als mit seinem Outfit überzeugte Antony aber mit seiner Art. Kaum stand er auf der Bühne, war er eigentlich schon wieder unten. Er mischte sich unters Publikum, sang mit, posierte geduldig für Selfies und plauderte mit seinen Fans, als würde er alte Bekannte treffen. Genau diese Bodenständigkeit kam in Bremgarten bestens an.
Für einen der lustigsten Momente des Schlagerwahnsinns sorgten schliesslich zwei Männer aus dem Publikum, die Ross Antony kurzerhand auf die Bühne holte. Was als spontane Einlage begann, entwickelte sich beinahe zum erzwungenen Bühnenwechsel. Die beiden sangen und schunkelten nämlich mit einer solchen Begeisterung, dass Antony sein Mikrofon fast schon zurückerobern musste. Für einen kurzen Moment sah es ganz danach aus, als würde aus dem Ross-Antony-Konzert ein Duo-Auftritt mit zwei unbekannten selbst ernannten Schlagerkönigen werden. Das Publikum hätte vermutlich auch dagegen nichts einzuwenden gehabt. Die Stimmung war prächtig, ganz egal, wer da gerade auf der Bühne performte.
Am Foodfestival nebenan wunderte sich der ein oder andere Gast über ein sehr spezielles Bild: Da sah man Kleinkinder und Schulkinder, wie sie genüsslich an Caipirinhas schlürften. Schnell blitzten Worte wie «Rabeneltern» oder «unverantwortlich» auf. Doch der Grund für das ungewohnte Bild ist ein ganz und gar harmloser. Kinderfreundlich, wie es ist, bietet das Bremgarter Festival nämlich auch alkoholfreie Caipis an. Auch das Rüsstüfeli genehmigte sich gleich einen. Ob mit oder ohne Alkohol, darüber schweigt es indes geflissentlich.
--sab/rwi
