Eine Familie für alle sein
12.08.2022 BremgartenIn Bremgarten wird das Projekt «Zäme ässe» lanciert
Der Pastoralraum Bremgarten-Reusstal will ein Essensangebot für jeden schaffen. Geselligkeit, sozialer Austausch und Durchmischung sollen dabei im Zentrum stehen.
Marco ...
In Bremgarten wird das Projekt «Zäme ässe» lanciert
Der Pastoralraum Bremgarten-Reusstal will ein Essensangebot für jeden schaffen. Geselligkeit, sozialer Austausch und Durchmischung sollen dabei im Zentrum stehen.
Marco Huwyler
«Essen als gemeinschaftliches Erlebnis ist ein urmenschliches Bedürfnis. Schon als wir noch in Höhlen wohnten, haben wir dies praktiziert», sagt Diakon und Pastoralraumleiter Andreas Bossmeyer. Unter anderem weil eben dies in der heutigen Zeit nicht mehr für alle möglich ist, lanciert der Pastoralraum nun das Projekt «Zäme ässe».
Für jeden erschwinglich
An einem fixen Wochentag soll demnächst jeder, der Lust und Zeit hat, im Haus der evangelischen Gemeinde Bremgarten zu Mittag essen können. Gesund, regional, saisonal, zwanglos und vor allem für alle wollen die Projektinvolvierten dort kochen. Bezahlen soll jeder nur das, was er gerade kann. «Wir werden am Eingang ein Kässeli aufstellen. Aber wer welchen Betrag einwirft, soll jedem selber überlassen sein.»
Ziel des Projektes ist es, dass möglichst viele Menschen unterschiedlichster Gesellschaftsgruppen zusammenkommen und gemeinsam bei einem guten Essen eine gute Zeit miteinander verbringen. Die Lage mitten in Bremgarten ist dafür ideal. Sowohl für Alt als auch für Jung – liegen doch beispielsweise sowohl Bezirksschule als auch Alterszentrum Bärenmatt nur einen Steinwurf vom Veranstaltungsort an der Gartenstrasse entfernt.
Beim Mittagessen dort sollen sich alle, die mögen, auch selbst einbringen und beteiligen können – wie in einer grossen Familie. «Danach soll man gestärkt an Leib und Seele und mit einem Lächeln auf den Lippen wieder nach Hause oder zur Arbeit gehen.»
Angebot für Leib und Seele
Mit «Zäme ässe» wird ein kulinarisches Projekt lanciert, das Menschen zusammenbringen und verbinden soll
Der Pastoralraum Bremgarten-Reusstal plant ein regelmässiges, öffentliches Essen einzuführen. Daran teilnehmen und mithelfen können alle, die mögen. Im Zentrum steht das Zusammensein.
Marco Huwyler
Es ist ein buntes Trüppchen, das sich an diesem Abend im Haus der evangelischen Gemeinde Bremgarten eingefunden hat. Frisch Pensionierte, Mütter von Schulkindern, Kirchenmitglieder, Sozialdienstmitarbeiter, Lehrer, Köche – ihre Hintergründe sind genauso facettenreich wie ihr Alter. Sie alle hat der «Gwunder», die Affinität für gastronomische Tätigkeiten und – vor allem – die Bereitschaft, etwas Gutes, Sinnstiftendes für die Gesellschaft zu tun, hierher geführt.
«Zäme ässe» heisst das Projekt, das unlängst vom Pastoralraum Bremgarten-Reusstal ins Leben gerufen wurde und wofür die Kirchenorganisation in den vergangenen Tagen Freiwillige gesucht hat. Nun traf man sich erstmals, um über das Vorhaben zu diskutieren und sich zu organisieren. «Wir planen damit keinen Kirchenanlass für Gläubige oder eine Missionierungsveranstaltung, das möchte ich betonen», sagt Diakon und Pastoralraumleiter Andreas Bossmeyer gleich zu Beginn. «Vielmehr geht es uns darum, unser soziales Anliegen und unsere diesbezügliche Verantwortung als Kirche wahrzunehmen.» «Zäme ässe» ist deshalb auch als konfessions- und religionsübergreifendes Projekt angedacht. «Wir wollen für jeden, der mag, eine offene Tür sein. Je nach Glaubensrichtung müssen wir dann einfach aufpassen, dass es am betreffenden Tag nicht grad ‹Schwinigs› gibt», lacht der Diakon, bevor er die Diskussionsrunde eröffnet. Die kommenden beiden Stunden wird unter den 13 Anwesenden fleissig, gut gelaunt und konstruktiv über die Umsetzung von «Zäme ässe» diskutiert. Über das Prinzip ist man sich sehr bald einig und vertieft sich alsbald in die organisatorischen Details. Der Enthusiasmus und die Bereitschaft zur Hingabe für das Projekt sind allenthalben zu spüren.
Sozial und erschwinglich
Am Ursprung von «Zäme ässe» standen zwei Grundgedanken. Einerseits möchte man einsamen, zumeist älteren Menschen einen neuen Fixpunkt und sozialen Anker in ihrem Leben bieten. «Bei vielen Alleinstehenden beobachtet man oft eine fortschreitende Freudlosigkeit am Essen. Viele mögen zu Hause nicht alleine für sich kochen», sagt Karen Hug, Standortleiterin vom Kirchlichen Regionalen Sozialdienst (KRSD) Mutschellen-Reusstal, die, wie Bossmeyer, als eines von vier OK-Mitgliedern das Projekt lancierte. «Wir möchten solchen Menschen mit unserem Angebot auch ein Stück weit den Genuss zurückgeben. Genauso wie eine Möglichkeit der sozialen Interaktionen.» Zweiter Gedanke der Initiatoren war es zudem, ein erschwingliches Angebot für alle zu schaffen. «Auch Menschen, die sich einen Restaurantbesuch vielleicht nicht oft leisten können, sollen bei uns die Gelegenheit erhalten, regelmässig auswärts zu essen.» Hug denkt dabei auch an junge Menschen. Beispielsweise an Mütter (und Väter), die am Mittag für sich und ihre Kinder nicht immer selber kochen möchten oder können.
Keine Stigmatisierung
Während derlei Überlegungen zwar am Anfang von «Zäme ässe» standen und nach wie vor ein wichtiges Hauptanliegen aller Beteiligten sind, möchte man unbedingt verhindern, dass Schlagworte wie «Einsamkeit und Armut» im Zentrum des Projektes stehen. «Das wäre verheerend und würde dem Ganzen nicht gerecht», sagt Bossmeyer. «‹Zäme Ässe› ist keine Suppenküche, sondern ein Angebot für alle – ob jung oder alt, reich oder arm.» Die Initiatoren wollen so ein Gemeinschaftsgefühl schaffen, Durchmischung fördern und das Fröhliche und Positive ins Zentrum ihres Vorhabens rücken. «Wir möchten ein Ort sein, wo man einfach gerne ab und zu hingeht. Auch ein Stadtrat oder die Presse sind jederzeit gerne gesehene Gäste», sagt der Diakon lachend.
Familientisch, nicht Restaurant
Neben dem Sozialen ein wesentlicher Punkt, damit man gerne regelmässig kommt, ist natürlich auch die Kulinarik selbst. Und dafür, dass diese schmeckt, wird bei «Zäme ässe» ziemlich sicher gesorgt sein. Gleich zwei ausgebildete Köche haben sich nämlich auf den Aufruf des Pastoralraumes gemeldet. René Gartenmann und Andre Griffel bringen langjährige gastronomische Erfahrung mit. Letzterer hat zudem schon bei einem ähnlichen Konzept in Fislisbach mitgewirkt. «Das ist natürlich grosses Glück für uns. Davon werden wir stark profitieren. Genauso wie davon, dass ich so selber nicht in die Küche muss», lacht Hug.
Das Konzept von «Zäme ässe» sieht es vor, dass regionale, saisonale Produkte gekocht werden. «Ideal wäre es, wenn wir hierfür noch einen Partner – zum Beispiel einen Bauern aus der Region – finden würden. Gerne würden wir auch einen Beitrag zum Food Waste leisten und etwa aussortiertes Gemüse abnehmen» (siehe auch Kasten am Ende des Textes).
Angesichts des Geplanten kommt dem Zuhörer unweigerlich der Gedanke, ob denn hier nicht – quasi als negativer Nebeneffekt – eine Konkurrenz zu Dumping-Preisen für das Gastronomiegewerbe der Region erwachse. Doch die Organisatoren sehen dies nicht so und wollen das auch keinesfalls sein. «Bei ‹Zäme ässe› wird eine komplett andere Atmosphäre als in einem Restaurant herrschen», sagt Bossmeyer. «Wir wollen vielmehr eine Alternative zum Familientisch sein als zum Restaurant.» So soll sich bei «Zäme ässe» beispielsweise jeder auch selber im Rahmen seiner Möglichkeiten einbringen können – wie in einer Familie. «Wenn jemand etwa gerne beim Abwasch helfen möchte, kann er gerne bleiben.» Und auch an den diversen, möglichst durchmischten Tischen soll es familiär und unkompliziert zu und her gehen. «Zum Beispiel mit einer Salatschüssel auf dem Tisch, wo sich jeder selber schöpfen kann.»
Auch die Projektbeteiligten sollen nicht bloss auf ihre Rolle als freiwillige Köche, Küchenhilfen oder Kellner reduziert sein. «Auch wir Organisatoren werden mitessen, mitdiskutieren und mitlachen», sagt Bossmeyer. «Ich freue mich schon selber darauf.»
Ein langer Atem
Geplant ist, dass «Zäme ässe» im Haus der evangelischen Gemeinde an der Gartenstrasse bereits im September erstmals stattfindet – und sich von da an regelmässig wiederholt. «Ideal wäre einmal pro Woche», sagt Hug. Ob man jedoch schon von Anfang an genügend personelle Ressourcen dafür hat, steht noch nicht abschliessend fest. Doch die Verantwortlichen haben sich fest vorgenommen, einen langen Atem zu beweisen und ihr Projekt langfristig als Fixpunkt in Bremgarten zu etablieren. «Wir wissen auch, dass so etwas Geduld braucht. Bis die Mund-zu-Mund-Propaganda greift, dauert es meistens eine Weile», meint Hug. Von Zahlen abhängig machen, will man den Erfolg von «Zäme ässe» ohnehin nicht.
«Ob 5 kommen oder 50, ist letztlich egal. Gute Stimmung. Zusammenhalt. Positive Energie. Nur an solchen Werten wollen wir uns messen lassen.»
Mitmachen
Wer sich am Projekt «Zäme ässe» beteiligen möchte, kann dies gerne tun und sich bei Cäcilia Stutz unter 079 752 90 29 oder pastoralraum. bremgarten@bluewin.ch melden. Gesucht werden insbesondere auch noch Anbieter von (regionalen) Lebensmitteln, die regelmässig Produkte und/oder Ausschussware an das Projekt verkaufen würden.



