Das FidM geht neue Wege
24.06.2022 BremgartenJubiläumsausgabe fast ohne Sponsoren
Zum zehnten Mal findet das «Festival i de Marktgass» ebendort statt. Der Anlass wird so gross wie nie zuvor – und finanziert sich anders als bisher.
Marco Huwyler
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Jubiläumsausgabe fast ohne Sponsoren
Zum zehnten Mal findet das «Festival i de Marktgass» ebendort statt. Der Anlass wird so gross wie nie zuvor – und finanziert sich anders als bisher.
Marco Huwyler
In rund zweieinhalb Monaten steigt in Bremgartens Altstadt wieder ein grosses, buntes Musikfest, das im Städtli seit 12 Jahren ein Sommerhighlight darstellt. Nach zwei kleineren Ausgaben im Exil an der Reuss wird die Jubiläumsausgabe am angestammten Ort so gross wie nie zuvor. «Wir haben unser Programmbudget im Vergleich zu 2019 verdoppelt», erzählt das dafür verantwortliche OK-Mitglied Nico Schulthess. Acts wie Stereo Luchs, Priya Ragu, Sirens of Lesbos oder Benjamin Amaru dürften musikalischen Hochgenuss bieten, der heuer erstmals auf drei Bühnen stattfindet. «Ich freue mich auf megageile Momente und zahlreiche spezielle, aussergewöhnliche Acts in Bremgarten», sagt Schulthess.
Eigene Gastronomie
Bezüglich Finanzierung hat das neu elfköpfige OK heuer einen Paradigmenwechsel vorgenommen.
Auf Einnahmenseite verzichtet man 2022 fast gänzlich auf Sponsoringbeiträge. Dafür wird die vereinseigene Gastronomie stark ausgebaut, was die so verloren gegangenen Einnahmen kompensieren soll – gemeinsam mit den Erlösen aus dem Verkauf der Tickets und den Beiträgen aus Kulturfonds.
Es ist zwar ein durchaus riskanter, aber auch ein bewusster Schritt, den das OK geht, um die Eigenständigkeit und den speziellen familiären und nicht kommerziellen Charakter des Festivals zu wahren.
Elf Freunde planen Grosses
Das OK des FidM freut sich auf die Jubiläumsausgabe
Die Verantwortlichen des «Festival i de Marktgass» wollen trotz der stark gewachsenen Dimensionen den entschleunigenden, familiären Charakter ihres Anlasses bewahren. Gelingen soll dies auch dank einem mutigen Paradigmenwechsel.
Marco Huwyler
2010 fand in Bremgarten das erste «Fäscht i de Marktgass» statt. Mit einer Konzertbühne im kleinen, beschaulichen Rahmen. Doch wie so oft hatte Gründer Juri Tirez mit der Lancierung eines belebenden, fröhlichen Musikanlasses mitten im historischen Altstädtli einen Volltreffer gelandet.
Das FidM, dessen Ausstrahlung und die Grösse seines Publikums sind Jahr für Jahr gewachsen. Aus dem Fest wurde ein zweitägiges Festival. Und wenn es heuer zum zehnten Mal in der Marktgasse stattfindet (während und wegen Corona war man die vergangenen zwei Jahre für eine verkleinerte Ausgabe ans Reussufer ausgewichen), werden an 15 Konzerten auf drei Bühnen bis zu 3600 Zuschauer erwartet. Das FidM ist längst zum Grossanlass mutiert.
Den Anfängen treu bleiben
Nicht selten führt eine solche Entwicklung auch zu einer zwangsläufigen Veränderung der Identität. Denn mit Wachstum und einer fortschreitenden Professionalisierung einher geht oft der Verlust des Charmes, der durch Intimität, Lockerheit und Wärme eines beschaulichen Anlasses entsteht. Doch genau dies soll dem FidM nicht passieren. «Wir wollen wachsen und doch den Grundwerten der Anfänge treu bleiben», sagt Nico Schulthess, der sich seit Jahren um das Programm und die Kommunikation kümmert. Das Festival in der Marktgasse sei seit jeher ein Non-Profit-Anlass, bei dem der Spass und die Freude, miteinander etwas Tolles auf die Beine zu stellen, im Vordergrund stehen. «Das Letzte, was wir wollen, ist, das FidM zu kommerzialisieren», sagt der 34-Jährige. «Das würde ihm seine Seele nehmen.»
Um dies zu verdeutlichen, hat sich das Organisationskomitee dieses Jahr zu einem drastischen Schritt entschlossen. Bislang wurde das Festival zu einem grossen Teil durch (möglichst lokale) Sponsoren finanziert. Doch damit ist jetzt Schluss. «Weil dieses Jahr die Brega gleichzeitig zum FidM stattfindet und sich das Gewerbe Bremgartens dort engagiert, wäre es ohnehin schwieriger geworden als in anderen Jahren, lokale Sponsoren zu finden», sagt Schulthess. Beim FidM hat man sich deshalb entschlossen, aus dieser vermeintlichen Not eine Tugend zu machen. Um die Gunst aus der Wirtschaft wurde zum Schluss gar nicht mehr geworben. Das Festival i de Marktgass verzichtet 2022 fast gänzlich auf diese Einnahmequelle. Die AVA ist bei der Jubiläumsausgabe der einzige Sponsor mit Logopräsenz. Und für diese Plattform erhält das OK vom Verkehrsverbund keine finanzielle Gegenleistung, sondern die Integration aller von ihm tangierten Verkehrszonen ins Festivalticket. Dies soll den Erwerb des Bändeli und die Anreise mit dem ÖV nach Bremgarten attraktiv gestalten.
Risiken eingegangen
Dieser Sponsorenverzicht ist mutig und wirft gleichzeitig die Frage auf, wie das Ganze kompensiert werden soll. «Wir erhalten dieses Jahr – auch aufgrund des Jubiläums – zusätzliche Gelder aus kulturellen Förderinstitutionen», erklärt Schulthess. Rund 40 000 Franken betragen diese Unterstützungsgelder aus öffentlicher Hand. Doch damit ist das Festival noch längst nicht finanziert.
180 000 Franken gross ist das Budget dieses Jahr. «40 000 davon wollen wir durch Gastroeinnahmen aus dem vergrösserten eigenen Angebot und Standabgaben generieren. Und 100 000 Franken erhoffen wir uns von den Ticketverkäufen.» Damit wäre die angestrebte schwarze Null erreicht. Doch der Verzicht auf die Fixeinnahmen aus Sponsoring, der durch solche variablen Einkünfte ausgeglichen werden soll, birgt Risiken. «Wir müssen 2500 Tickets verkaufen, damit die Rechnung aufgeht», weiss auch Schulthess. «Doch wir sind zuversichtlich, dass die Menschen aus der Region uns und unserem Festival auch angesichts unseres tollen Programms auch dieses Jahr treu bleiben und wir diese Zahl erreichen.»
Das Wagnis geht das OK gerne ein. «Die Abhängigkeit von Konzernen hat nie ein gutes Bauchgefühl hinterlassen», sagt Schulthess. Zudem würden angesichts der wegfallenden Sponsorensuche und des anschliessenden Bewirtschaftens von deren Bedürfnissen nun neue Ressourcen frei – und man unterläge weniger Zwängen. «Zum Beispiel haben wir nun mehr gestalterische Freiheiten», erzählt er. «Das beflügelt uns alle und gibt uns noch mehr Freude an dem, was wir tun.»
Vielfalt und Harmonie im OK
Angesichts der wachsenden Dimension des FidM wurde über die Jahre auch das OK des Festivals sukzessive aufgestockt. Elf Mitglieder umfasst es mittlerweile. Fünf Frauen und sechs Männer im Alter zwischen 19 und 45 Jahren aus unterschiedlichsten beruflichen Bereichen. Von der Expertise für Bau, Grafik, Design oder Druck bis hin zur Leitung von Gastronomiebetrieben, einem Hotel oder einem Konzertlokal – im OK ist alles vereint, was zur Durchführung eines Grossanlasses benötigt wird.
Was die elf FidM-Mitstreiter eint, ist ihr starker Bezug zu Bremgarten, auch wenn längst nicht mehr alle hier wohnen. Dennoch kommt man mindestens einmal monatlich im Städtli zusammen, um die neusten Entwicklungen und nächsten Arbeitsschritte zu besprechen. Doch nicht nur. Der Rahmen entspricht nämlich keinesfalls demjenigen einer klassischen Arbeitssitzung. Das OK ist keine Zweckgemeinschaft. «Wir kennen uns alle schon lange und sind gute Freunde», sagt Schulthess. So muten die Zusammenkünfte des OKs jeweils eher an ein gemütliches feierabendliches Treffen als an einen Pflichtanlass. Entspannt, harmonisch, heiter und vergnügt geht es zu und her – genau so, wie der Anlass werden soll, der hier geplant wird.
«Dennoch sind wir durchaus fokussiert und arbeiten sehr hart auf unser Ziel hin», sagt Schulthess augenzwinkernd. Anders wäre es auch nicht möglich, eine Veranstaltung wie das FidM ins Leben zu rufen. «Ein Riesending aus Herzblut», wie es das OK-Mitglied nennt. Die Verantwortlichen sind alle stolz darauf, was aus dem FidM mittlerweile geworden ist. Ein Anlass, in dessen Charme und spezieller Atmosphäre sich nicht nur das Publikum, sondern auch die Künstler besonders wohl fühlen und der dennoch Strahlkraft weit über die Städtligrenzen hinaus besitzt.
Das zeigt sich exemplarisch am Beispiel von Priya Ragu. Der tamilisch-schweizerische R&B-Star tritt diesen Sommer in aller Welt auf. Die Schweiz beehrt sie insgesamt gerade dreimal. Am Open Air St. Gallen, am Berner Gurten-Festival – und am FidM in Bremgarten.



