Leben im Amthof
10.05.2022 BremgartenDas berühmte Bremgarter Gebäude ist Schauplatz eines historischen Romans
Catherine Meyers Buch «Beben über der Reuss» thematisiert die Geschichte des Stadtbild-prägenden Muri-Amthofs im 16. Jahrhundert. Die Autorin hat eine besondere Beziehung ...
Das berühmte Bremgarter Gebäude ist Schauplatz eines historischen Romans
Catherine Meyers Buch «Beben über der Reuss» thematisiert die Geschichte des Stadtbild-prägenden Muri-Amthofs im 16. Jahrhundert. Die Autorin hat eine besondere Beziehung zum schlossgleichen Gebäude. Sie ist im Amthof aufgewachsen.
Marco Huwyler
Heinrich Bullinger ist den meisten Bremgartern ein Begriff. Der berühmte Reformator hat mit seinem Wirken im Städtli zahlreiche Spuren hinterlassen. Dessen Frau Anna hingegen kennen eher wenige.
Dies dürfte Catherine Meyer in den kommenden Wochen bei manchem ändern. Denn die Bremgarterin hat einen faszinierendes Buch geschrieben, in welchem sie Anna Bullinger zur Hauptprotagonistin macht.
Erschütterung auf allen Ebenen
«Ich bin begeistert von ihr», sagt die 56-Jährige über die Identifikationsfigur ihres historischen Romans. «Sie hat mich inspiriert, wie sie zu Lebzeiten schon viele Frauen inspirierte.» Anna Bullinger ist eine von vier Figuren, aus deren Perspektive Meyers Buch geschrieben ist. Zentraler Schauplatz darin ist der Muri-Amthof. Das prächtige Gebäude, das sich in Bremgarten schlossgleich über der Reuss aufrichtet und massgeblich zur imponierenden, oft fotografierten Kulisse Bremgartens beiträgt, war im 16. Jahrhundert Teil des Klosters Muri.
400 Jahre später hat Catherine Meyer ihre Kindheit dort verbracht. Das dabei Erlebte verwebt die Autorin nun in ihrem Roman mit der Lebensgeschichte der Bullingers und der aufwühlenden Zeit der Reformation.
Das fragmentarische Werk «Beben über der Reuss» ist persönlich, beinhaltet autobiografische Elemente, schildert Einzelschicksale und erfüllt dennoch den Anspruch historischer Korrektheit und Belegbarkeit des Geschilderten. «Eigentlich wollte ich das Buch ursprünglich ‹Geheimnisse über der Reuss› nennen», erzählt Meyer. «Doch schliesslich fand ich ‹Beben› noch passender. Es geht um Erschütterungen auf allen Ebenen. Was die Gesellschaft, die Politik und die Religion anbelangt – aber auch, wenn es um die emotionale Ebene geht.» Die Autorin stellt ihr Werk am Freitag anlässlich einer besonderen Lesung in Bremgarten vor.
«Bremgarter Geschichte spüren»
Catherine Meyers historischer Roman «Beben über der Reuss» ist ein besonderes Werk
Die Bremgarterin hat ein Buch geschrieben, in dem sie ihre Kindheit im wohl markantesten Gebäude des Städtli wie auch dessen Geschichte aufarbeitet. Verknüpft hat sie das Ganze mit der Biografie einer beeindruckenden weiblichen Persönlichkeit des 16. Jahrhunderts und den Wirrungen der Reformation.
Marco Huwyler
Sie ist das mit Abstand beliebteste Fotomotiv Bremgartens, das an möglichen schönen Motiven ja nicht eben arm ist. Die Kulisse der Altstadt von ennet der Reuss aus fotografiert – auch «Schoggiseite» bezeichnet. Und ein Gebäude sticht dem Betrachter auf derlei Bildern stets als Erstes ins Auge: der prächtige Muri-Amthof. Mit seinem charakteristischen Turm gemahnt er ein wenig an ein Schloss – und wird im Volksmund zuweilen auch so genannt.
Geheimnisvoll, aber unheimlich
Genau dort, hinter den dicken Mauern, unter den hohen Gewölben, in den beeindruckend grossen Zimmern ist Catherine Meyer aufgewachsen. Ihr Urgrossvater hatte den Muri-Amthof 1870 erworben. Seit damals ist das Gebäude in Familienbesitz.
«Ich hatte ein zwiespältiges Verhältnis zum Haus», erzählt die heute 56-Jährige. «Einerseits war es in vielerlei Hinsicht geheimnisvoll, spannend und faszinierend – andererseits aber oft auch erdrückend, beängstigend und bedrohend.» Bereits als Teenagerin drehte Meyer Bremgarten den Rücken und fand in Basel ihren neuen Lebensmittelpunkt. Losgelassen hat sie ihre Herkunft allerdings nie. «Es war mir immer klar, dass ich mich dereinst der Geschichte des Amthofs widmen möchte. Ich hatte das all die Jahre hindurch stets im Hinterkopf. Wie ein innerer Auftrag an mich selbst.»
Zeit des Umbruchs
Vor etwa fünf Jahren dann gab es in Meyers Berufsleben eine Änderung, die ein zeitraubendes Projekt in diese Richtung tatsächlich möglich machte. Sie, die Gymnasiallehrerin, die einst Anglistik, Germanistik und Geschichte studierte, begann sich vertieft mit der Materie rund um die Entstehungsgeschichte des Muri-Amtshauses in seiner heutigen Form zu beschäftigen. Diese reicht mitten in die Reformation zurück. In eine Zeit des Umbruchs, die das Freiamt und Bremgarten im Speziellen prägten. Eine spannungsgeladene Zeit, zwischen zwei Reformationskriegen, ideologischen Konflikten, aber auch mit vielen Dialogen zwischen und unter Katholiken und Reformatoren, über die es unglaublich viel zu entdecken gibt.
Bilder im Kopf
«Zuerst durchstöberte ich das Archiv des Klosters Muri, zu dem das Amtshaus ursprünglich mal gehörte», erzählt Meyer. «Dann begann ich die unerschöpflichen Quellen des Internets zu durchforsten. Und auch die Bremgarter Neujahrsblätter waren eine wichtige Inspiration.» Nach ersten sechs Wochen intensiver Recherche ging Meyer dazu über, ihre Erkenntnisse parallel zu Papier zu bringen. Eigentlich wollte sie dabei analytisch vorgehen und sich auf die Fakten beschränken. Doch schon bald merkte sie, dass es die Figuren, deren Lebensumstände und deren Alltag waren, welche sie primär faszinierten und ihr beim Schreiben zahlreiche Bilder in den Kopf projizierten. «Je mehr ich über sie erfuhr, desto stärker fühlte ich mich mit ihnen verbunden und konnte mich in sie hineinversetzen. Gerade auch wegen des Schauplatzes.» Deshalb änderte Meyer alsbald ihre Strategie und begann mit dem Schreiben eines historischen Romans, in dem sie sich auf wenige Hauptfiguren konzentriert, deren Perspektiven sich abwechseln.
Faszinierender Charakter
Ausgangspunkt für alles ist für die Autorin Laurenz von Heidegg. Der Abt von Muri liess 1547 den alten Amthof abreissen und das prachtvolle Hauptgebäude von heute bauen. Anschliessend wohnte er darin. Logisch also, dass der Katholik eine zentrale Rolle in Meyers Geschichte über ihr einstiges Zuhause einnimmt. «Bei ihm laufen alle Fäden zusammen», sagt Meyer.
Heinrich Bullinger dagegen ist im Städtli noch heute bekannt als wichtigster Reformator Bremgartens und späterer Nachfolger Zwinglis in Zürich. Als sich Meyer mit ihm beschäftigte, stiess sie schnell einmal auf dessen Frau Anna – und verliebte sich regelrecht in diese. «Je mehr ich über sie erfuhr und je mehr Zusammenhänge ich mir über sie zusammenreimen konnte, desto faszinierter war ich von ihr und ihrem Charakter», erzählt Meyer. Die Autorin beschloss, Anna Bullinger zu ihrer Protagonistin zu machen. «Ich fühle mich ihr sehr verbunden», sagt sie. «Im Roman versuche ich aufzuzeigen, wie sie war, wie sie lebte, wie sie sich entwickelte und was sie zu einer weiblichen Identifikationsfigur ihrer Zeit machte.» Anna sei gebildet, selbstbestimmt, charismatisch und stark gewesen, «und dennoch trieben sie immer auch Alltagssorgen um, in denen sie sich zuweilen verlor.» Das einfühlsame Schildern dieser Kombinationen und Widersprüche eines Frauenlebens und ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen in einer Zeit des tiefgreifenden Umbruchs, eingebettet in eine faktenbasierte und historisch akkurat wiedergegebene Umgebung, war für die Autorin schlussendlich die Herausforderung, der sie sich jahrelang verschrieb.
Keine lineare Geschichte
Herausgekommen ist ein fragmentarisches Werk aus verschiedenen Perspektiven, das auch immer mal wieder Zeitsprünge macht. Hintergründe, Schauplätze, Einschübe und Rückblicke wechseln sich munter ab. Die historischen Gegebenheiten und Handlungen werden gar immer wieder verwoben mit Abschnitten aus biografischen Erinnerungen und Gefühlen der Kindheit Catherine Meyers selbst. Dennoch wirkt ihr Roman nie zusammenhangslos. «Auch dies war eine grosse Herausforderung», lächelt sie. «Aus Tausenden von Puzzlestücken ein Ganzes zu machen, dem man schlussendlich folgen kann.»
Akribische Arbeit
«Beben über der Reuss» ist ein Roman, der das Leben im 16. Jahrhundert so wiedergeben soll, wie es war. «Das war mir wirklich wichtig beim Schreiben», sagt Meyer. «Ich wollte ein korrektes Bild dieser Zeit vermitteln.» Mindestens 90 Prozent des Inhaltes können gemäss der Autorin mit historischen Quellen belegt werden. «Und auch beim Rest bin ich mir sicher, dass er der Wahrheit ziemlich nahe kommt.» Bei ihrem Bestreben nach Korrektheit hat die 56-Jährige kaum Mühen gescheut. «Ich habe beispielsweise auch bei meiner Wortwahl darauf geachtet, ob es diesen Begriff vor 500 Jahren tatsächlich schon gab», lacht sie. Deshalb denkt Meyer, dass sich ihr Roman auch an historisch interessierte Menschen richtet. «Ganz besonders auch an solche mit einem Interesse an der Perspektive der Frau.» Dass mit Anna Bullinger eine weibliche Protagonistin die Hauptrolle in Meyers Roman einnimmt, ist nicht ganz zufällig. «Als Historikerin war es mir immer ein wenig ein Dorn im Auge, wie wenig Raum die Frauen in der Geschichtsschreibung einnehmen», sagt sie. «Es war mir deshalb auch ein Anliegen, mit Anna eine Frau als wichtige Akteurin der Geschichte des Freiamts und Zürichs sichtbar zu machen.»
Ein Fortsetzungsroman?
Auch wenn sich Catherine Meyer beinahe fünf Jahre lang mit dem Muri-Amthof und dessen Geschichte auseinandergesetzt hat, ist ihr Hunger nach Informationen noch nicht ganz gestillt. So schliesst sie derzeit auch eine Fortsetzung der Geschichte rund um das «Bremgarter Schloss» nicht aus. «Das war schliesslich erst das 16. Jahrhundert», sagt sie augenzwinkernd. «Ursprünglich war meine Idee, einen Band für jedes Jahrhundert zu schreiben – mit meiner Generation als Abschluss.» Doch derlei Planspiele sind noch weit entfernt und muten aus heutiger Sicht für Meyer eher utopisch an. «Im Moment bin ich zufrieden und glücklich, dass tatsächlich mein eigenes Buch vor mir liegt. Darauf bin ich schon ein wenig stolz», lächelt sie. Die Vernissage findet am kommenden Mittwoch in Basel statt.
Spezielle Lesung
Zwei Tage später kommen einige Glückliche in den Genuss eines ganz besonderen Erlebnisses. Am Freitag findet auch in Bremgarten eine Lesung statt – und zwar nicht irgendwo, sondern am Ort des Geschehens. Im Kellergewölbe, wo Abt Laurenz einst «den Zehnten» für das Kloster Muri zwischenlagerte und Catherine Meyers Bruder vier Jahrhunderte später Schlagzeug spielte, liest die Autorin, musikalisch umrahmt von Hans-Ruedi Bossart, aus ihrem Werk. Besser könnte Meyer ihr Ziel, «Bremgarter Geschichte spürbar» zu machen, wohl kaum umsetzen. Ein Jammer bloss, dass die Veranstaltung bereits ausverkauft ist.
«Beben über der Reuss», Catherine Meyer, 340 Seiten, Infos und Bezug unter www.efefverlag.ch.