500 Jahre Geschichte
24.05.2022 BremgartenSzenische Stadtführungen
Rund 700 Personen nahmen an der szenischen Stadtführung in der Unterstadt teil. An vier Orten wurden Geschichten und Ereignisse aus den letzten 500Jahren nachgespielt, und zwar da, wo sie tatsächlich einst stattgefunden hatten. Dabei ...
Szenische Stadtführungen
Rund 700 Personen nahmen an der szenischen Stadtführung in der Unterstadt teil. An vier Orten wurden Geschichten und Ereignisse aus den letzten 500Jahren nachgespielt, und zwar da, wo sie tatsächlich einst stattgefunden hatten. Dabei vermischten sich Legenden mit Tatsachenbeschreibungen. So ist zum Beispiel nicht endgültig geklärt, ob ein Strassenmusikant tatsächlich einen goldenen Schuh der Marienstatue geklaut und, um sich zu retten, vor der Statue Flöte gespielt hat. --red
Flucht, Liebe, Tod und Feuersbrunst
Die szenische Stadtführung in der Bremgarter Unterstadt lockte 700 Leute an
Die 18 Bremgarter Stadtführer boten diesmal vier historisch gesicherte Unterstadt-Begebenheiten von «Flucht, Liebe, Tod und Feuersbrunst» in prächtig nachgespielter Umsetzung. Die Spielorte: Kornhaus, Muttergotteskapelle, Klarakloster und Reussgasse 11. Und das wurde oft sehr laut.
Hans Rechsteiner
Die Bremgarter Unterstadt steckt voller Geschichten. Jede Gasse, jedes Haus und jeder Winkel erzählen Denkwürdiges aus der Vergangenheit. Hier lebten einst die Geistlichen und die reichen Müller, aber auch das «mindere Volk», die Hintersässen und Tagelöhner. Bremgarten ist gesegnet mit bewährten Historikern und freudigen Laien, die sich in die interessantesten historischen Begebenheiten einarbeiten und gekonnt die unglaublichsten Geschichten ins Heute adaptieren können.
Der Todesschuss auf den Flüchtling Milôs Todorovic
Am Donnerstag, 31. Mai 1945, ist der Zweite Weltkrieg seit mehr als drei Wochen vorbei, aber noch immer sind im engen Kornhaus in der Unterstadt 170 Flüchtlinge und Internierte einquartiert: Polen, Griechen, Jugoslawen, Tschechen, Ungarn. Die jungen Männer brennen darauf, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Es ist Fronleichnam – und da wird es sehr laut. Zur Mittagszeit machen sie grossen Lärm, sie werfen Teller, Essgeschirr, Blechkübel, auch Schubladen, Holzböcke und Stühle, sogar ausgehängte Fenster hinaus auf den Platz. Die nicht auf so einen Fall vorbereiteten, völlig überforderten Wachtsoldaten beginnen, in die Luft zu schiessen.
Schaulustige verfolgen das Geschehen. Der zuständige Kommandant Oberleutnant E. ist grad am Mittagessen im Restaurant Adler. Dann schiesst der Soldat R. – angefeuert von Umstehenden – dem am 22. April 1923 in Belgrad geborenen Jugoslawen Milôs Todorovic aus wenigen Metern Distanz in den Kopf. Es folgten ernste diplomatische Schwierigkeiten. Todorovic wird immerhin «in allen Ehren in ritueller Eigenart balkanüblichen Glaubens» beigesetzt, wie die Lokalzeitung am 5. Juni 1945 festhält. Noch heute besteht auf dem Bremgarter Friedhof ein einfacher Grabstein mit seinem Namen, der von Unbekannt regelmässig mit Blumen geschmückt wird.
Das Wunder von Bremgarten
Der Schrecken sitzt tief, als entdeckt wird, dass in der Muttergotteskapelle im heiligen Kirchenbezirk ein goldener Schuh der Marienstatue fehlt. «De Schueh isch weg!» Doch schon bald findet der Landjäger das «Corpus Delicti» bei einem wandernden Strassenmusikanten, der eben die Stadt verlassen will. Die Sache scheint für das Gericht klar zu sein: Diebstahl sakraler Gegenstände wird mit dem Tod bestraft. Doch der mutmassliche Täter streitet alles ab. Er bittet das Gericht inständig, ihm einen letzten Wunsch zu erfüllen: Er will der Maria auf seiner Flöte vorspielen. Dabei findet die Geschichte eine wunderbar dramatische Wende. Der Bremgarter Flötist Patrik Lüscher spielt so virtuos, schnell, melodiös und wirblig, dass ihm die Gottesmutter auch ihren zweiten goldenen Schuh schenkt – das Wunder von Bremgarten. Ob die Geschichte nur gut erfunden ist, dass die Bremgarter den Musikanten sogleich zum Ortsbürger erkoren, wird wohl eine gute Geschichte bleiben. Die Umesinger-Kinder – eine uralte Tradition um die Weihnachtszeit – hatten hier ihren herrlichen Auftritt, unter anderem sangen sie die feine Lobeshymne «Beata Immaculata».
Mitglieder des französischen Königshauses versteckt
Während der Terrorzeit der Französischen Revolution (1793/94) wird Jagd gemacht auf Adlige, allen voran auf Mitglieder des Königshauses der Bourbonen. Die Adligen fliehen ins Ausland. Auch Bremgarten wird Zuf luchtsort hoher französischer Flüchtlinge. Während dreier Jahre wohnt General Marquis de Montesquiou in der Antonigasse (am Haus hängt heute ein Schild). Durch seine Vermittlung kommen Louis-Philippe d’Orléans, der spätere Bürgerkönig, und seine Schwester Adélaide, nach Bremgarten. Sie finden im Klarakloster – dritte Station – Unterschlupf. Weil ihre Erzieherin und Begleiterin Madame la Comtesse de Genlis Tagebuch führte, sind diese Ereignisse bestens dokumentiert. Erneut fliehen müssen sie trotzdem, denn in Bremgarten wird geflüstert und gemutmasst.
Die bescheidene Reussgasse schrieb Weltgeschichte
Die Wanderung geht vor die Adresse Reussgasse 11, ein Haus, das sich schon wegen seiner Fassade mit den genialen Fensteröffnungen für jede Inszenierung hervorragend eignet. Anna Wiederkehr, Tochter des reichen Müllers und Ratsherrn Wiederkehr, verbringt ihre Jugendzeit in der Reussgasse. Als sie sich in den Geistlichen und späteren Stadtpfarrer Heinrich Bullinger verliebt, hängt der Familiensegen schief. Der Erwachsenenchor der genialen Heinrika Rimann-Beltràn singt feinfühlig das Lied: «Im Aargäu sind zwöi Liebi». Vater Wiederkehr aber war damals gar nicht einverstanden mit der Liaison, mit dem «Gschleik» seiner Tochter. Er befahl seinen Söhnen, den Pfarrer zu töten. Heinrich und Anna aber f liehen nach Süddeutschland und in die Ostschweiz.
Sie kehren erst nach Bremgarten zurück, als die beiden Brüder in fremden Kriegsdiensten umgekommen sind. Unterdessen hat das Paar Kinder. Der jüngste Sohn ist Heinrich, der spätere Reformator und Zwingli-Nachfolger in Zürich. Aus Gram verkauft Vater Wiederkehr seine Mühle und zieht ins Limmattal. Was für eine Geschichte. Denn die Müller Wiederkehr pflegten bedeutende Mühlen von Zürich bis Baden und kommen auch nach Rudolfstetten zurück, wo es sie bis zum heute Tag noch gibt.
Und dann wird es – 500 Jahre nach der Episode Anna Wiederkehr – in der Reussgasse aber so etwas von überlaut. Rauch und Feuerwehrsirenen. Kurz nach vier Uhr in der Früh stand am 10. April 1975 die stillgelegte Papierfabrik in der Reussgasse im Vollbrand. Das Feuer drohte auf die benachbarten Gebäude überzugreifen. Die Feuerwehr kämpfte gegen das Flammeninferno. Ist die Ursache Brandstiftung, Fahrlässigkeit oder ein technischer Defekt? Bremgartens Unterstadt entgeht haarscharf einer Katastrophe. Zwei Buben sollen im alten Gemäuer «gezeuselt» haben, heisst es.
Die Szene wird ausgezeichnet umgesetzt, das fetzt und fägt. Heinrika Rimann hat ihrem Erwachsenenchor einen rockigen Hit auf die Seele geschrieben: «d Brämgarter Papieri brönnt». Das wird ein Jahrhunderthit werden.



