Haus voller Geschichte(n)
22.03.2022 MutschellenEin Generationenprojekt für die Zukunft
Erbaut 1770, zählt Bernhard und Gerhard Oesters Haus zu den ältesten in Berikon. Dieses bauen sie nun nachhaltig um.
Es ist eines der ältesten Häuser im Dorf und prägt den Dorfkern bereits ...
Ein Generationenprojekt für die Zukunft
Erbaut 1770, zählt Bernhard und Gerhard Oesters Haus zu den ältesten in Berikon. Dieses bauen sie nun nachhaltig um.
Es ist eines der ältesten Häuser im Dorf und prägt den Dorfkern bereits seit knapp 250 Jahren: das ehemalige Bauernhaus «Im Feld 1». Dieses wird von Vater Bernhard und Sohn Gerhard Oester umgebaut. Ziel des Generationenprojektes ist es, einerseits die Geschichte des Hauses und seinen Charakter zu bewahren, es durch den Umbau andererseits nachhaltig und umweltfreundlich neu einzukleiden. --cbl
Vom Stroh- zum Solardach
Eines der ältesten Häuser im Dorf wird neu eingekleidet
Bernhard und Gerhard Oester bauen ihr Haus im alten Beriker Dorfkern nachhaltig um. Dabei sollen der Charakter ehemaliger Zeiten und die spannende Geschichte des Hauses, das schätzungsweise 1770 erbaut wurde, miteinfliessen.
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Hält man die alte Fotografie des Hauses «Im Feld 1» von 1936 heute vor das ehemalige Bauernhaus, fällt vor allem eins auf: Vieles hat sich verändert. Die Bäume und die Natur rund um das Haus sind verschwunden, ersetzt durch neue Strassenverläufe, Häuser und Gartenumfriedungen. Auch die Reckstange und der Turnplatz der alten Schule Berikon sind nicht mehr da. Das kleine Turnfeld ist längst einem Parkplatz gewichen. Nur eines ist gleich geblieben: das alte Bauernhaus, bestehend aus einer Scheune und einem Wohnteil.
Aus dem ehemaligen Scheunenteil entsteht zurzeit ein zweiter Wohnteil mit drei Wohnungen. Dieser soll im Juli bezugsbereit sein. Die Eigentümer, Vater Bernhard und Sohn Gerhard Oester, haben sich für diesen Umbau ein altruistisches Ziel gesetzt: Sie wollen das alte Bauernhaus möglichst ressourcenschonend und nachhaltig für die Nachwelt neu einkleiden.
Lange nur Nötigstes getan
Das Haus «Im Feld 1» gehört nebst der Kirche, dem ehemaligen Gasthaus Pinte und dem alten Schulhaus, in dem heute die Ludothek zu finden ist, zum alten Dorfkern der Gemeinde. «Lange Zeit bestand Berikon nur aus einzelnen Bauernhäusern, bevor es einen Bauboom erfuhr», weiss Bernhard Oester. Es zählt mit dem geschätzten Baujahr von 1770 zu einem der ältesten Häuser des Dorfes. Dass das Haus nach so langer Zeit noch steht, fasziniert Vater und Sohn. «Denn lange Zeit wurde nur das Nötigste am Haus getan. Dass auch der Scheunenteil noch stand, ist fast schon ein Wunder.» So kam beispielsweise, als Bernhard Oester mit seiner Familie vor etwas über 30 Jahren nach Berikon zog und das Haus kaufte, bei den Renovationsarbeiten im Wohnzimmer der alte Lehmboden zum Vorschein. «Hier schlief vermutlich das alte ‹Babeli›, eine sehr arme Bewohnerin des Hauses, lediglich auf Stroh gebettet», so Gerhard Oester, der Sekundarlehrer an der Kreisschule Mutschellen ist. Solche und weitere Geschichten ehemaliger Bewohnerinnen und Bewohner hat er unter anderem durch Zeitzeugeninterviews festhalten können.
Die Geschichte des Hauses beschäftigt vor allem Sohn Gerhard Oester seit geraumer Zeit. Im Rahmen seiner Abschlussarbeit der Lehrerausbildung hat er sich intensiv mit der Geschichte des Haues auseinandergesetzt. Anhand von Interviews mit älteren Dorf bewohnern, aber auch durch alte Dokumente wie Grundbucheinträge oder Versicherungsbücher des Aargauer Versicherungsamtes rekonstruierte er die Geschichte des Hauses von Ende des 18. Jahrhunderts bis heute.
Schon vieles überstanden
1898 wurde das alte Haus erstmals vom Versicherungsamt erwähnt und sein Baujahr auf 1770 geschätzt. So stand das Haus bereits zur Zeit der Alten Eidgenossenschaft und bewies Standhaftigkeit, als die Franzosen die Schweiz besetzten. Seit 1803 steht das Haus auf dem Boden des neu gegründeten Kantons Aargau. «Wenn man die Geschichte so betrachtet, ist es einfach nur faszinierend, was das Haus schon alles überstanden hat», so Gerhard Oester. Doch nicht nur politische Umbrüche, auch die Brandkatastrophe von Oberberikon von 1854 überstand das Haus. Diesem Brand fielen viele der alten Häuser zum Opfer. So auch das Armenhaus, das ganz in der Nähe stand. Wie alle damaligen Gebäude hatte auch das Haus «Im Feld 1» ein Strohdach. «Ein Wunder, dass es nicht durch Funkenflug angezündet wurde.» 1898 wurde das Strohdach schliesslich mit Ziegeln überdeckt. Auch technische und infrastrukturelle Veränderungen überdauerte das alte Bauernhaus. 1902 entstand in Berikon erstmals eine Wasserversorgung durch das Verlegen von Leitungen. «Bis dahin stand in der Nähe des Hauses ein Sodbrunnen, wo die Bewohner des Dorfes Wasser holten», erzählt Bernhard Oester, der seit 1983 im Kirchenchor Berikon ist und diesen zwanzig Jahre präsidierte.
Eine weitere Entwicklung erfährt das Haus auch zurzeit, knapp 250 Jahre nach seinem Bau. Mit dem innovativen Solardach, in welchem die Solarpanels integriert sind und nicht auf dem Dach selbst angebracht werden, generiert das Haus künftig über 35 000 Kilowattstunden pro Jahr. Das Haus «Im Feld 1» ist damit eines der ersten mit einem integrierten Solardach in der Gemeinde. «Vom Stroh- zum Solardach», lacht Gerhard Oester. Daneben sichert ein eigener Regenwassertank die Wasserversorgung des Hauses. Geheizt wird mit einer Erdwärmepumpe. Zudem ist der neu gebaute Scheunenteil durch seinen Minergiestandard möglichst effizient in seinem Energieverbrauch.
Vorbildfunktion einnehmen
Mit dem Umbau erhält der ehemalige Scheunenteil nun «ein neues Kleid». Das Haus gehört zur Dorfzone und ist volumengeschützt, dennoch soll es seinen bäuerlichen Charakter und das einstige Erscheinungsbild beibehalten. So bleibt der bisherige Wohnteil so bestehen, wie er ist. Dieser umfasst zwei Wohnungen, in dem Bernhard Oester und seine Frau in der Parterrewohnung, Sohn Gerhard in der Dachwohnung leben. Dieser wurde durch die Familie Oester, aber bereits durch seine Vorbesitzer ausund umgebaut. «Ein Besitzer war ein Zimmermann aus dem Berner Oberland, der in der Scheune seine Zimmerei hatte», so Bernhard Oester. Deshalb ragt auch unter dem Dach des bisherigen Wohnteils ein typischer Berner Balkon hervor. «Da war bis etwa in die 1960er-Jahre nur ein kleiner Balkon mit Plumpsklo.» Auch dem neuen Scheunenteil verpasst Familie Oester einen persönlichen Touch. Nebst dem Umbau selber hat vor allem das Holz, mit dem die künftige Wohnung von Gerhard Oester verkleidet wird, eine ganz besondere Geschichte. «Zu meiner Geburt hat mein Vater eine Zeder bei uns zu Hause in Brig gesetzt», erzählt der 71 Jahre alte Bernhard Oester. Da sie gefällt werden musste, wurde ein Teil des Holzes nun für die Decken genutzt. «Es ist recht philosophisch. Mein Lebensbaum wird zu einem Teil dieses jahrhundertealten Hauses.
Das Generationenprojekt der Familie Oester ist von der Motivation getragen, ihren Teil für die Zukunft der Umwelt und nachkommender Generationen beizutragen. Zwar sei die Investition in das Haus nicht ohne, aber für Vater und Sohn lohnt sich diese längerfristig allemal. Und nicht nur das Haus selbst, auch der Garten rund um das Haus soll künftig die Biodiversität fördern. Vater Bernhard studierte an der ETH Forstwirtschaft und war dann Leiter des Forschungsbereiches Wald an der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf. Als Mitglied der Naturschutzkommission Berikon ist es ihm ein Anliegen, die Bepflanzung rund um das Haus ausschliesslich mit heimischen Pf lanzen vorzunehmen. Auch sollen die Findlinge, die im Zuge der Bauarbeiten zutage gefördert wurden, in die Gartengestaltung miteinfliessen. «Wir sind Überzeugungstäter. Es soll der Erde wieder besser gehen», erklären die beiden. Man hofft, dass man mit diesem Bauvorhaben vielleicht auch eine Vorbildfunktion einnimmt – und damit möglichst viele Menschen inspiriert, eigene künftige Umbauarbeiten im Sinne der Nachhaltigkeit durchzuführen.



