Abschied und Aufbruch
18.03.2022 BremgartenErstes Kirchenkonzert der Stadtmusik Bremgarten seit drei Jahren
Niki Wüthrich leitet am 27.März sein zehntes Kirchenkonzert für die Stadtmusik. Der erste Auftritt in der Stadtkirche nach der Coronapause ist für den Dirigenten gleichzeitig der letzte an ...
Erstes Kirchenkonzert der Stadtmusik Bremgarten seit drei Jahren
Niki Wüthrich leitet am 27.März sein zehntes Kirchenkonzert für die Stadtmusik. Der erste Auftritt in der Stadtkirche nach der Coronapause ist für den Dirigenten gleichzeitig der letzte an selber Stätte.
Marco Huwyler
Seit 2010 ist Niki Wüthrich als Dirigent für die musikalische Leitung der Bremgarter Stadtmusik zuständig. Nach zwölf Jahren neigt sich die Ära des Zürchers nun dem Ende zu. Der 46-Jährige hat beschlossen, seine Dirigententätigkeit für das Bremgarter Blasorchester nach 12 Jahren abzugeben. «Der Entscheid fiel mir nicht leicht», sagt er im Interview im Vorfeld des Kirchenkonzertes vom 27. März. «Ich hänge an meiner Tätigkeit hier. Umso mehr brenne ich nun darauf, nochmals alles zu geben und zum letzten Mal in dieser wunderschönen Kirche auftreten zu dürfen.»
Lebendig und frühlingshaft
«Frühlingserwachen» heisst das Konzert, welches die Stadtmusik dem Publikum dieses Jahr präsentiert. Es verbindet Jazz, Blues und Sinfonik und soll ein fröhlicher Auftakt in eine musikalisch verheissungsvolle Post-Corona-Ära nach schwierigen Zeiten sein.
Den Höhepunkt dürfte «Rhapsody in Blue» mit der Pianistin Patricia Ulrich darstellen. Die Klaviervirtuosin interpretiert im Mittelteil des Konzertes die wohl bekannteste Komposition von George Gershwin. Ganz frühlingshaft startet das Konzert mit «A Springtime Celebration» – am Schluss geht die Fahrt nach «Hamburg, zum Tor der Welt».
Niki Wüthrich blickt voller Vorfreude auf den 27.März. Das in den letzten Monaten erarbeitete Programm live einem Publikum präsentieren zu dürfen, ist für den 46-Jährigen nach den schwierigen letzten zwei Jahren ein Privileg.
Im Gespräch blickt Wüthrich nochmals zurück auf die Herausforderungen der Vergangenheit, das Entstehen von «Frühlingserwachen», die Zusammenarbeit der Stadtmusik mit der Pianistin Patricia Ulrich und sinniert abschliessend über die Zukunft, den Wert von Konzerten und Emotionen.
«Publikum soll innerlich mitgrooven»
Stadtmusik: Dirigent Niki Wüthrich freut sich auf seine Dernière in der Stadtkirche
«Frühlingserwachen» heisst das neuste Konzert des Bremgarter Blasorchesters. Der erste kirchliche Auftritt der Stadtmusik seit drei Jahren ist für Niki Wüthrich auch ein Abschied. Der Dirigent verlässt das Orchester per Ende Juni.
Marco Huwyler
Niki Wüthrich, nach über 12 Jahren ist für Sie bald Schluss als Dirigent der Bremgarter Stadtmusik. Verspüren Sie im Vorfeld dieses Konzertes schon etwas wie Wehmut?
Niki Wüthrich: Nein, eigentlich nicht. Dafür ist es viel zu früh. Ich bleibe ja noch gut drei Monate und einige Highlights stehen noch an.
Aber in der Stadtkirche treten Sie zum letzten Mal auf.
Das stimmt wohl. Zumindest als Dirigent dieses Orchesters. Es sind schöne Erinnerungen, die bleiben. Das Konzert Ende März hier wurde mir zur lieb gewonnenen Tradition. Die Stadtkirche hat eine tolle Akustik. Etwas, das man nach den Erfahrungen der letzten zwei Jahre noch mehr schätzt. Jetzt bin ich doch ein wenig wehmütig (lacht).
Apropos letzte zwei Jahre. Wie haben die Stadtmusik und Sie persönlich die Zeit der Entbehrungen erlebt und überstanden?
Wir haben immer unser Möglichstes versucht und nach Wegen gesucht, trotz der Gegebenheiten gemeinsam Musik zu machen. So haben wir etwa 2020 den virtuellen Adventskalender mit 24 täglichen Beiträgen von Kleingruppen lanciert. Oder ein Youtube-Konzert veranstaltet. Solche Dinge waren auch spannend. Trotzdem bin ich natürlich äusserst froh, dass wir wieder zur Normalität zurückkehren durften und nun wieder vor Publikum in einer Kirche auftreten dürfen. Ich freue mich wie ein kleines Kind auf dieses Konzert.
Passend zum Wiedererwachen des Kulturlebens nennen Sie Ihr Konzert «Frühlingserwachen». War dies auch die Überlegung dahinter?
Ja, schon ein Stück weit. Das Konzert soll lebendig sein und für einen Aufbruch in heiterere Zeiten stehen. Und natürlich passt der Name auch zur anbrechenden Jahreszeit (schmunzelt).
Es ist ein Konzert in drei Abschnitten. Auf «A Springtime Celebration» folgt «Rhapsody in Blue» und «Hamburg, zum Tor der Welt». Was waren die Überlegungen dahinter?
Das Hamburger Stück, welches die Zuhörer auf eine Zeitreise vom Mittelalter bis zur Moderne mitnimmt, stand am Anfang. Dieses Werk wollen wir bei einem Wettbewerb im Frühling vorführen. Danach haben wir nach passenden Ergänzungen gesucht. «A Springtime Celebration» passt mit seiner spritzig, lebhaften Art ideal. Und «A Rhapsody in Blue» mit seinem bekannten Klaviersolo lädt die Zuhörer zum Schwelgen ein und ermöglicht es uns, mit der Pianistin Patricia Ulrich zusammenzuspielen. Ein besonderes Highlight.
Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Ich kenne Patricia schon seit dem gemeinsamen Studium. Wir haben schon oft zusammen musiziert und sind befreundet. Manchmal gehen wir zusammen joggen (lacht). Auch sehr gerne hier in Bremgarten an der Reuss.
Was zeichnet Ulrich musikalisch aus?
Erst einmal ist sie natürlich eine fantastische Pianistin. Zudem ist sie sehr zuverlässig und hat eine tolle Ausstrahlung. Und natürlich hilft es, dass wir beide auf derselben Wellenlänge sind und eine ähnliche Vorstellung haben, was die Interpretation anbelangt. Wenn sich Solist und Dirigent diesbezüglich nicht einig sind, wird es zuweilen schwierig (schmunzelt).
Gibt es bezüglich Interpretation einen Stil, der den Dirigenten Wüthrich ausmacht?
(überlegt lange) Ich glaube, dass es mir immer wichtig ist, dass ein Stück möglichst lebt. Dass man Emotionen spürt und weckt. Musik – und ein Konzert im Speziellen – soll meiner Meinung nach berühren und auf das Publikum überschwappen. Die Zuhörer sollen innerlich mitgrooven. Das ist mir letztlich wichtiger als das Streben nach Perfektion. Und ich bin dankbar, dass diese Philosophie sowohl bei der Stadtmusik als auch bei der Bevölkerung hier in Bremgarten über all die Jahre hinweg so gut angenommen und umgesetzt wurde.
Dennoch verfolgen Sie diesen Stil künftig woanders weiter. Was sind eigentlich die Gründe für Ihren Rückzug in Bremgarten?
Es ist mir schlicht die Zeit ausgegangen. Mit meinen Engagements als Dirigent bei den Stadtmusiken von St. Gallen, Zürich und Bremgarten neben meiner Arbeit als Musikschulleiter hier kam irgendwann die Work-Life-Balance aus dem Lot. Irgendwo musste ich kürzertreten. Und letztlich war es der logische Entscheid, dass dies bei der Stadtmusik Bremgarten erfolgte.
Weshalb?
Die Stadtmusik St. Gallen, bei der ich 2019 begann, spielt in der musikalischen Höchstklasse. Das Engagement dort ist für mich eine neue Herausforderung. Und in Zürich bin ich zu Hause. Ausserdem war ich in Bremgarten am längsten dabei. Zwölf Jahre sind eine lange Zeit. Es ist für alle gut, dass nun bald frischer Wind weht und neue Ideen in Bremgarten Einzug halten.
Als Musikschulleiter bleiben Sie Bremgarten aber erhalten.
Ja, und das macht es auch einfacher. Ich werde als solcher auch weiterhin eng mit der Stadtmusik verbunden bleiben und deren Nachwuchs fördern. Ich freue mich auf diese Zusammenarbeit mit der Musikkommission und dem neuen Dirigenten.
Zuerst folgt nun aber das Kirchenkonzert als Highlight. Mit welchen Gefühlen wollen Sie die Stadtkirche am Sonntag in einer Woche verlassen?
Wenn ich spüre, dass mein Orchester mit vollem Einsatz und Leidenschaft dabei war und dies beim Publikum ankommt und geschätzt wird, dann bin ich glücklich und werde die Stadtkirche mit einem Lächeln und vielen schönen Erinnerungen verlassen.
Sind Sie bereits nervös?
Nein. Als Dirigent kann ich Konzerte geniessen. Ich spüre eine grosse Vorfreude. Nach all der Zeit der Unwägbarkeiten und der intensiven Probephase ist dies die Zeit des Erntens. Die Arbeit fand vorher statt. Ich habe vollstes Vertrauen in mein Orchester und dass es dem Publikum nach den Zeiten der Entbehrungen zeigen kann, wie schön und bewegend Livekonzerte sein können.



