Veränderung ist immer möglich
24.12.2021 Oberwil-LieliTamara Füglistaler ist Vize-Schweizer-Meisterin im Bodybuilding in der Klasse «Figur»
Fitness und Bodybuilding sind Tamara Füglistalers Leidenschaft. Doch dabei geht es ihr nicht nur um den perfekten Körper oder die ideale Ernährungsweise. Vor ...
Tamara Füglistaler ist Vize-Schweizer-Meisterin im Bodybuilding in der Klasse «Figur»
Fitness und Bodybuilding sind Tamara Füglistalers Leidenschaft. Doch dabei geht es ihr nicht nur um den perfekten Körper oder die ideale Ernährungsweise. Vor allem geht es darum, wie man sich in seiner Haut wohlfühlt.
Celeste Blanc
1,65 Meter gross, zierlich und elegant: Nicht nur auf der Wettkampfbühne zieht Tamara Füglistaler die Blicke auf sich. Dass sie sich dabei innerhalb von zwei Jahren in der hiesigen Bodybuilding-Szene eingefunden und heuer Vize-Schweizer-Meisterin und Anfang Dezember den 3. Platz am Diamond Cup in Rom in der Klasse «Figur» erreicht hat, ist beeindruckend. Den Erfolg brachten hartes Training, Disziplin und eiserne Willenskraft. Doch der selbstbewusste Blick war nicht immer da: Dass sie sich heute in ihrer Haut wohlfühlt und den durchtrainierten Körper vor Juroren und Zuschauern präsentieren kann, ist nicht immer so gewesen.
Etwas muss sich ändern
Lange Zeit hatte Tamara mit ihrem Gewicht zu kämpfen. Schon als Kind sei sie dicklicher gewesen und wurde für ihr Körpergewicht von den Kindern im Kindergarten und der Schule gemobbt. Eine Erfahrung, die Spuren hinterliess: «Zwar haben meine Eltern mich gesund ernährt, aber ich habe heimlich aus Frust gegessen.»
Es sei ein Mechanismus gewesen, um ebendiese Anfeindungen zu ertragen, weshalb die Kilos – und die Unzufriedenheit – während der Teenagerjahre stiegen. Im Alter von 18 Jahren kam für die heute 26-Jährige dann der Punkt, an dem es nicht mehr weitergehen konnte. «Ich stand vor dem Spiegel und wusste, es muss sich etwas ändern.» Das war der Beginn von Füglistalers Transformation, wo sie zuerst ihre überschüssigen Pfunde losgeworden ist und seit 2019 ihren Weg zur erfolgreichen Amateur-Bodybuilderin startete. 20 Kilo hat sie durch ihre eiserne Willenskraft verloren. «Wenn ich zurückblicke, hätte ich nie gedacht, dass ich das mal erreiche. Mir stand lange Zeit mein Kopf im Weg.»
Gesundheit hat immer oberste Priorität
Vor allem die «Ästhetik des Körpers» sei es gewesen, die Füglistaler an diesem spezifischen Sport reizte. Viele Sportarten habe sie vorher ausprobiert, im Bodybuilding hat sie schliesslich ihre Leidenschaft gefunden. Das gezielte Definieren des Körpers ist dabei für die zierliche Blondine besonders faszinierend. «Es ist sehr interessant, wie formbar der Körper ist. Und das an seinem eigenen hautnah mitzuverfolgen, ist spannend», lacht sie.
Um einen solchen Prozess innerhalb kurzer Zeit zu überstehen, sei das richtige Coaching äusserst wichtig. Trainiert und unterstützt wird Füglistaler dabei von Adriano Piccinni, Inhaber des Fitnessstudios «AP Athletics» in Rothenburg. Er selber macht seit 29 Jahren Bodybuilding und ist unter anderem Vize-Weltmeister in der Klasse «Classic Physique». Durch ihn habe sie gelernt, richtig und fokussiert zu trainieren und sich entsprechend zu ernähren. «In die gesamte Wettkampfvorbereitung habe ich sehr viel Zeit und Energie investiert», erzählt die junge Frau. Für ihren Coach steht trotz Wettkampfvorbereitung stets das gesundheitliche Wohlergehen an oberster Stelle. «Auch heute noch muss mein Coach mich bremsen, wenn ich zu viel von meinem Körper abverlange», gesteht sie.
Akzeptanz für eigenen Körper
Füglistaler ist extrem ehrgeizig. Dies bewies sie eindrucksvoll im letzten Jahr, als sie zuerst in der Klasse «Bikini» startete. Im Unterschied zur «Figur»-Klasse ist hier eine schmale Taille mit sichtbaren Bauchmuskeln und einem straffen Po sehr wichtig. Sichtbare Muskeldefinitionen sind hier nicht gewünscht. «Durch das Mobbing und mein Gewicht habe ich mich früher wie ein ‹Trampel› gefühlt, weswegen ich unbedingt in der Klasse ‹Bikini› starten wollte. Nebst der Bewertung des Körpers zählt auch das elegante Auftreten.»
Im Oktober 2020 belegte sie in dieser Klasse den 4. Platz in der Schweizer Meisterschaft. Doch sie wollte mehr. Für die Vorbereitung im Jahr 2021 hat sie hart trainiert. Eine Stunde Cardio am Morgen, nach der Arbeit anderthalbstündiges Training und nochmals Cardio. Und das fünfbis sechsmal in der Woche. Trotz hartem Training erreichte sie die Voraussetzungen nicht. «Ich musste akzeptieren, dass mein Körper nicht für diese Klasse gemacht ist und ich aufgrund meines Körperbaus eher in der ‹Figur›-Klasse zu Hause bin», gesteht die junge Frau ein. «Die Akzeptanz für die Grenzen des Körpers ist ein wichtiger Schritt, um sich in seiner Haut gut zu fühlen.»
Umstellung ist anspruchsvoll
Kurz vor der Schweizer Meisterschaft entschied sie sich dann mit ihrem Coach um und trat in der Klasse «Figur» an. Definierte Muskelpartien und weniger Körperfettanteil werden hier bewertet. Mit starkem Willen hielt sie sich an die Trainings und den Ernährungsplan – und wurde Vize-Schweizer-Meisterin. International wurde sie im Dezember dann Drittplatzierte am Diamond Cup in Rom.
Nach dieser strengen Zeit heisst es für Tamara nun «ausdiäten», also die langsame Erhöhung der Kalorien und das langsame Verändern der Trainingseinheiten, um in der Wettkampfpause an Schwachstellen arbeiten zu können.
«Es fällt mir manchmal schwer, ‹nur› viermal in der Woche zu trainieren», lacht sie. Vor allem das Umschalten vom «Wettkampfmodus» zum «Pausenmodus» sei anspruchsvoll.
Nicht für sich entschuldigen
Nun freut sich Tamara auf die Weihnachtszeit im Elternhaus in Oberwil-Lieli und auf das zubereitete Filet der Mutter. Auch wenn im Moment keine Wettkämpfe anstehen, schaut sie auch in dieser Zeit weiter auf ihre Ernährung. «Als Dessert nehme ich dann selbst gebackene Kekse mit», lacht sie. Das sei nicht unüblich. Tagsüber und auch an privaten Anlässen nehme sie praktisch immer ihr eigens vorgekochtes Essen mit, insbesondere wenn Wettkämpfe anstehen. Diesen «Kontrollzwang» sieht sie mit gesunder Kritik. «Ich esse praktisch nichts, was nicht abgewogen ist. Das kann schon auch ein Nachteil sein. Vor allem in sozialer Hinsicht, denn viele verstehen meine Essgewohnheiten nicht. Dabei wünsche ich mir nur Akzeptanz.»
Auch für ihren sehr muskulösen Körper muss sich die sensible Frau immer wieder rechtfertigen. Vor allem am Anfang war die Ablehnung ihrer neu gefundenen Leidenschaft schwer. Zwar verstehe sie, dass das nicht das «typische» Schönheitsideal sei, dennoch: «Ich finde es schön, und deshalb musste ich lernen, mich nicht dafür zu entschuldigen.» Allgemein wünscht sie sich, dass die Menschen von dem «eingeprägten Schönheitsideal», das in unserer Gesellschaft herrscht, wegkommen. Vor allem als Frau. «Viele eifern einem gewissen Idealgewicht hinterher, dabei ist das überhaupt nicht aussagekräftig», weiss die Bodybuilderin. Sie legt jeder und jedem ans Herz, der Leidenschaft und den vorgenommenen Zielen nachzugehen. Ihr Rat: «Go for it (dt: Zieh es durch), denn jeder von uns ist zu so viel mehr fähig, als das, was wir uns teilweise selber zugestehen.» Und sie rät vom Wegkommen von Neujahrsvorsätzen, denn: «Eine Veränderung ist immer möglich, nicht nur zu Beginn des neuen Jahres.»


